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Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, S. 7–8.

Alfred Escher und die 1840er Jahre

Prof. Dr. Joseph Jung

1Die Aufhebung aargauischer Klöster, die Berufung der Jesuiten nach Luzern, die Freischarenzüge und schliesslich der Sonderbundskrieg sind Ausdruck tiefgreifender und unversöhnlicher Gegensätze, welche die Eidgenossenschaft der 1840er Jahre prägten. In der historischen Interpretation werden diese Konflikte oft mit konfessioneller Farbe bestrichen. Doch letztlich fokussieren sie auf die entscheidende Frage: «Welche Schweiz wollen wir?» Eine moderne, zukunftsgerichtete Schweiz mit entsprechenden staatlichen Institutionen und zeitgemässen Infrastrukturen – den neuen Bundesstaat? Oder sollte es darum gehen, das morbide Gebilde des alten Staatenbundes zu konservieren? In den Briefen von und an Alfred Escher zeigt sich, dass es ursprünglich keine konfessionellen Programme waren, die das fortschrittliche Lager vom konservativen trennten. Konservativ konnte man als Katholik und als Reformierter sein, liberal ebenso. Wie der reformierte Berner Schriftsteller und Pfarrer Jeremias Gotthelf konservativ war, so war der katholische Pfarrer Joseph Anton Sebastian Federer aus St. Gallen fortschrittlich. Doch die Ereignisse vergifteten das Klima, bis schliesslich alles und jedes zu einer Frage der Konfession wurde.

2Die Briefe von und an Escher, erstmals systematisch erschlossen, ermöglichen einen neuen Zugang zu den Herausforderungen jener schwer belasteten Zeit. Sie verorten das Kernproblem der Krisen der 1840er Jahre unmissverständlich in den politischen Differenzen und in fundamental unterschiedlichen Auffassungen über die Ausgestaltung des Staates. Tatsächlich waren die Perspektiven der Schweiz vernebelt, und die Strukturen des alten Staatenbundes verhinderten die Umsetzung hochfliegender Pläne. Scharfe Gegensätze zwischen dem konservativen und dem fortschrittlichen Lager banden seit Jahren auch die wirtschaftspolitischen Kräfte. Escher und seine Korrespondenzpartner waren aufgrund ihrer politischen Funktionen und Tätigkeiten auf kantonaler oder gesamtschweizerischer Ebene in unterschiedlicher Weise in die einzelnen Problemstellungen involviert. Escher kannte keine konfessionell motivierten Berührungsängste, was sein persönlicher Umgang mit – liberalen – katholischen Geistlichen dokumentiert. Auch stand er im Briefkontakt mit radikal-liberalen Politikern aus den katholischen Sonderbundskantonen. Was in der Forschung bisher nicht in diesem Ausmass bekannt war, ist Eschers Rolle im Kampf um die Ausweisung der Jesuiten aus der Schweiz, auch sein persönliches Engagement für Freischärler, die aufgrund der Verhältnisse nicht mehr in ihre Heimatkantone zurückkehren konnten. Es erscheint mehr als bemerkenswert, dass Escher zusammen mit dem damaligen katholischen Pfarrer von Zürich, dem liberalen Robert Kälin, einen Hilfsfonds für gestrauchelte Luzerner Freischärler und deren Familien äufnete und dafür «Fundraising» betrieb. Und als der zum Tod verurteilte radikal-liberale Politiker Jakob Robert Steiger aus dem Luzerner Gefängnis befreit wurde, führten deutliche Spuren nach Zürich.

3Am 26. Januar 1845 fand in Unterstrass eine Volksversammlung statt. Zusammen mit anderen Liberalen hatte Escher die Proklamation unterzeichnet, um gegen die Zulassung der Jesuiten in der Schweiz zu protestieren. Der Aufmarsch von rund 20 000 Männern aus Zürich und namentlich aus den östlichen Landesgegenden machte die politische Veranstaltung zu einem weit ausstrahlenden Ereignis. Aus der Rückschau betrachtet zeigt sich, dass die Bühne in Unterstrass das Schlüsselereignis für die zunehmend auch kantonsübergreifende Popularität des jungen Escher darstellt. Kurz darauf standen zwei weitere Plattformen bereit, die Escher für die eigene politische Profilierung rigoros nutzte: 1845 und 1846 war Zürich Vorort der Eidgenossenschaft, und die Stadt an der Limmat wurde folglich jeweils für Wochen das Zentrum der eidgenössischen Politik. Wohl bot sich Escher als dritter Gesandter des Standes Zürich Gelegenheit, die Entscheidungsträger aus den einzelnen Kantonen kennenzulernen. Doch erfolgsentscheidender für die weitere politische Karriere auf eidgenössischer Ebene als die Rolle als dritter Gesandter waren die informellen Kontakte, die Escher im Umfeld der Tagsatzung pflegte. Wenn Alfred Escher in der Blüte des Wirtschaftsliberalismus der 1850/60er Jahre als Meister von Netzwerken von seinen Freunden bewundert und von seinen Gegnern kritisiert wird, so zeigt sich diese Fähigkeit bereits Mitte der 1840er Jahre zu Zeiten der Tagsatzungen in Zürich. Der vorliegende Band dokumentiert dies eindrücklich. Privilegiert durch seine begüterte Herkunft und ausgestattet mit einem prächtigen Anwesen am linken Zürichseeufer, lud Escher die radikal-liberalen Gesandten der Tagsatzung jeweils an einem Abend in der Woche zu sich ins «Belvoir», wo man bei kulturellem Rahmenprogramm den geselligen Kontakt pflegte, wo man aber auch Zeit und Gelegenheit hatte, unter Gleichgesinnten wichtige Staatsangelegenheiten und politische Geschäfte zu besprechen.

4Als «Propagandaminister» der Antijesuitenbewegung reiste Escher durch die Schweiz, korrespondierte mit einer zunehmend wachsenden Zahl von Mitstreitern. Seine wirtschaftliche Unabhängigkeit erlaubte es ihm, dieser Aufgabe einen Grossteil seiner Zeit zu widmen. Regelmässig schrieb Escher für die «Neue Zürcher Zeitung» und motivierte Studienfreunde aus nah und fern, dasselbe zu tun, um Zustände und Vorgänge in ihren jeweiligen Kantonen aus liberaler Optik zu beleuchten. Eschers Briefwechsel lässt auch Gegensätze innerhalb des radikal-liberalen Lagers zum Vorschein kommen. Denn man war sich etwa keineswegs einig darüber, welche Mittel im Kampf gegen die konservativen Kräfte eingesetzt werden sollten. Namentlich die Freischarenzüge erwiesen sich als Zerreissprobe zwischen den radikalen Heissspornen, die mit der Waffe in der Hand die Rechtmässigkeit ihres Handelns begründeten, und denjenigen, zu denen Escher gehörte, welche die Konflikte ausschliesslich über den legalen Weg der eidgenössischen Institutionen lösen wollten. Auch bei der Frage, wie das Problem des Sonderbunds beseitigt werden konnte, gingen die Meinungen auseinander. Für Escher und für seine liberalen Freunde, die auf dem Boden staatsrechtlicher Grundsätze argumentierten, wurde das Bestreben, in der Tagsatzung die erforderlichen Stimmen zur gewaltsamen Auflösung des Sonderbunds zu erzielen, zu einer eigentlichen tour de force. Wiederholt tauschte sich Escher mit seinen Briefpartnern über diese grosse und folgenschwere Herausforderung aus. Besonders eindrücklich sind die Erwägungen und Erörterungen, die Escher und sein Glarner Studien- und Lebensfreund Johann Jakob Blumer anstellten. Durch Eschers Briefwechsel werden die Problemlösungsstrategien im radikal-liberalen Lager eindrücklich dokumentiert.

51847 wurden die katholisch-konservativen Kräfte militärisch besiegt. Damit war der Weg für die lang ersehnte Revision des Bundes geebnet. Mit der Niederlage im Sonderbundskrieg und mit der sich durchsetzenden radikal-liberalen Hegemonie im neuen Bundesstaat meldete sich die katholisch-konservative Schweiz 1848 ab. Auf Jahre und Jahrzehnte hinaus blieben die Verlierer von den höchsten Ämtern und Funktionen des Staates ausgeschlossen. Als Grossratspräsident und zudem als Präsident der entsprechenden Kommission war Escher 1848 die treibende Kraft bei der Bundesrevision im Kanton Zürich. Auf eidgenössischer Ebene vertrat mit Jonas Furrer einer von Eschers engsten Vertrauten die liberalen Zürcher Interessen. Regelmässig tauschten sich die beiden Politiker auch auf dem Korrespondenzweg über wichtige Aspekte aus. Auf diese Weise findet sich die Genese der für die Schweiz hochbedeutenden Bundesverfassung nachgezeichnet und wird mit dem Zugang über Eschers Briefwechsel neu erschlossen.