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Jung, Escher Briefe, Band 6, S. 12–21.

«Der Prinzeps und sein Hof» oder wie die liberale Herrschaft in Zürich unterging

Prof. Dr. Joseph Jung

1 «‹Sehen Sie diese zwei Pfirsiche›, sagt ein französischer Schriftsteller‚ ‹beide gleich wundervoll! Der eine kostet fünf Franken, der andere nur fünfzig Centimes.› – ‹Woher dieser Unterschied?› – ‹Bemerken Sie hier unter dem Flaume des einen den kleinen Punkt. Es ist ein Fliegenstich. Heute können Sie die Frucht noch genießen, morgen werden Sie schon einen Theil herausschneiden müssen, denn an diesem Fliegenstich wird sie zu Grunde gehen.› – Bezeichnung eines solchen Fliegenstichs im Staatsleben ist Aufgabe dieser Schrift.» 1

2Anfang der 1830er Jahre verbarg sich Zürich hinter seiner Wehrmauer aus dem 17. Jahrhundert. Mitte des 19. Jahrhunderts war die Stadt wohl ein bedeutendes Zentrum, doch rangierte sie damals nach Bevölkerungsgrösse und wirtschaftlichem Gewicht nicht an der Spitze der Schweizer Städte. Ende des 19. Jahrhunderts hingegen war Zürich unangefochten die bevölkerungsmässig grösste, wirtschaftlich sowie wissenschafts- und kulturpolitisch bedeutendste Metropole des Landes. Die Weichen dieser Entwicklung zu Macht und Grösse wurden in der Ära Escher gestellt, in jenem knapp zwanzig Jahre umfassenden goldenen Zeitalter des Liberalismus, das – mit dem Ausgangspunkt 1848 und der Geburt der neuen Schweiz – sich in den 1850er Jahren glanzvoll entfaltete, bis es – überstrapaziert – Ende der 1860er Jahre zu Ende ging.2

Alfred Eschers liberale Herrschaft: Glanz und Gloria

3Mit dem liberalen Politiker, Pionier und Wirtschaftsführer Alfred Escher steht Zürichs Aufstieg denn auch in direktem Zusammenhang. Durch sein Engagement in der Eisenbahnpolitik, bei der Gründung und Entwicklung des Polytechnikums (heute ETH Zürich), der Kreditanstalt (heute Credit Suisse), der Rentenanstalt (heute Swiss Life), der Rückversicherungsgesellschaft (heute Swiss Re) und anderer Wirtschaftsunternehmen förderte Escher den Standort Zürich gezielt und baute an der Limmat ein machtpolitisches Zentrum auf, das grossräumig über die zürcherischen Kantonsgrenzen hinaus konzipiert war.3 Dank seinen Initiativen und Projekten prosperierten in der Limmatstadt Industrie, Handel, Verkehr, Wissenschaft und Kultur. Im Herbst 1855 trat Alfred Escher aus der Zürcher Regierung aus. Doch damit gab er die politische Führung von Kanton und Stadt nicht aus der Hand. Weiterhin gehörte er dem Grossen Rat an, den er bis zu seinem Tod 1882 noch viermal präsidierte (1857, 1861, 1864, 1868); er nahm Einsitz in wichtige grossrätliche Kommissionen und war in der Stadt Zürich Mitglied des Grossen Stadtrats, des Baukollegiums und der Eisenbahnkommission. Eschers Mehrfachrollen als exekutiver und legislativer Politiker sowie als Unternehmer waren trotz aller Vorbehalte aus staatsrechtlicher Sicht und trotz aller Missfallenskundgebungen seitens politischer Gegner just im Sturm und Drang des jungen Bundesstaates erfolgsentscheidend. Dank dem Gestaltungsspielraum der repräsentativen Demokratie, die auf sein Format zugeschnitten war, schuf Escher für seine Intentionen und Projekte die erforderlichen politischen Rahmenbedingungen, damit seine Schöpfungen sich entwickeln und schnell zu Grösse und Erfolg heranwachsen konnten.

4Eschers persönliche Netzwerke und seine für heutige Verhältnisse unvorstellbare Macht mit der gleichzeitigen Ausübung wichtiger Ämter, Funktionen und Tätigkeiten sind sprichwörtlich.4 Man betrachte ein Vertragswerk aus dem Jahr 1853, das Bau und Betrieb der Eisenbahn von Zürich an die Kantonsgrenze bei Dietikon regelte und von Escher – in vierfachen Funktionen – viermal unterzeichnet wurde. Und so ging dieses Schriftstück unter der Bezeichnung «der gevierteilte Escher» in die Geschichte ein.5 Kritik blieb nicht aus. Man warf Escher vor, er habe bei der Konzessionserteilung für diese Strecke als Vertreter des Staates wie der Eisenbahngesellschaft mit sich selber verhandelt. Dem ist nichts beizufügen, es war so. Denn Escher hat dies mit seinen vier Unterschriften auf demselben Papier höchstpersönlich dokumentiert. Die Kritik an solcher Machtballung akzentuierte sich, als Escher das für alle privaten Eisenbahngesellschaften bestehende notorische Problem der Kreditbeschaffung für seine Gesellschaft 1856 löste, indem er für die Nordostbahn gleichsam eine eigene Hausbank gründete, die Kreditanstalt – und, die Sache auf die Spitze treibend, sowohl die Bank als auch die Bahngesellschaft persönlich führte.6 Als dann 1857 die Rentenanstalt dazukam, bestanden drei bedeutende wirtschaftspolitische Plattformen, die Eschers Macht illustrierten und seinen Einfluss multiplizierten.7 Ende der 1850er Jahre verfügten diese Gesellschaften über insgesamt 54 Verwaltungsratssitze, deren Besetzung über Eschers präsidialen Tisch liefen.8 Aufgrund der speziellen Kapitalstruktur der Rentenanstalt wurde das Versicherungsinstitut damals bezeichnenderweise als «Bureau der Schweizerischen Kreditanstalt» bezeichnet. Dass der «Herr Präsident» sowohl in «seinem» Bank- als auch in «seinem» Versicherungsinstitut operativ durchgriff, vermag weniger zu überraschen als die Tatsache, dass sich die Abfahrt der Züge «seiner» Nordostbahn im Bahnhof Zürich nicht nach dem Fahrplan, sondern nach den Wünschen des Herrn Präsidenten zu richten hatte.9 Mag dies nach Legendenbildung klingen – das folgende Beispiel basiert auf harten Fakten: 1856/57 war Escher gleichzeitig Verwaltungsratspräsident der Kreditanstalt, Direktionspräsident der Nordostbahn, Präsident des Nationalrates, Präsident des zürcherischen Grossen Rates – um lediglich die Gremien zu nennen, bei denen er das Präsidium innehatte. Dazu kämen, wollte man alle Gremien nennen, die wirtschaftlichen und politischen Ausschüsse und Kommissionen in Legionenstärke.10 Diese Kumulation von Ämtern und Funktionen bedeutete indes nicht, dass Escher seine politische Macht für private Zwecke missbraucht hätte. Gemäss seinem Verständnis als Grossbürger setzte er lediglich seinen Einfluss zielgerichtet ein, um «seine» Unternehmen und «seine» Projekte, die privatwirtschaftlichen wie die öffentlichen, bestmöglich zu fördern – zum Wohle der Sache, zum Nutzen des Kantons Zürich und zum Fortschritt der Schweiz.

5Eschers fast unbeschränkte Macht im Stande Zürich, arrondiert durch seinen Einfluss in anderen liberal regierten Kantonen, fand ihre Abbildung auf eidgenössischer Ebene. Jahrelang galt Escher auch in Bern als der einflussreichste Politiker, nicht nur weil er von 1848 bis 1882 während insgesamt 34 Jahren im Nationalrat sass. Eschers Wirkmächtigkeit wird durch parlamentarische Taten und staatsmännische Auftritte dokumentiert. Dass Escher viermal zum Nationalratspräsidenten gewählt wurde (1849/50, 1855, 1856/57, 1862/63), unterstreicht dies.11 Es fehlt nicht an Äusserungen, welche die Macht Eschers auf der nationalen Ebene illustrieren. Der Radikale und spätere Bundesrat Louis Ruchonnet schrieb 1866, die Bundesversammlung befinde sich in der Hand von einigen «grossen Tieren», angeführt vom Zürcher Alfred Escher. «Diese Leute treten nicht in den Bundesrat ein, beherrschen ihn aber – ohne Verantwortung.»12 Philipp Anton von Segesser, katholisch-konservativer Gegenspieler Eschers, beschrieb die Machtverhältnisse nach 1848 in einem ähnlich bissigen Ton. «Sehr bald bildete sich dann ein engerer Kreis von Männern, die alle Initiative in den öffentlichen Angelegenheiten in ihren Händen vereinigten; man nannte sie, da sie meistens gut situiert oder auf dem Wege waren, es zu werden, und sich mit besonderm Selbstbewusstsein bewegten, scherzweise die ‹Bundesbarone›. Um sie kreisten die Sterne zweiter Grösse, die Aspiranten, Schmarozer, von denen es aber nur wenigen gelang, mit der Zeit in jene höhere, sich gegentheils immer verengende Categorie aufzusteigen. Jener repräsentative und industrielle Liberalismus steht der Aristokratie in dem Punkt am nächsten, dass er Stabilität der Parteiführung, Bildung untergeordneter Coterien, gegliederte Association der Interessen begünstigt.»13

6Eschers eigene privilegierte wirtschaftliche Lage, die vollständige Unabhängigkeit gegenüber allen Launen des Schicksals garantierte, und sein prächtiger Wohnsitz an erhöhter Lage an den Gestaden des Zürichsees setzten weitere unmissverständliche Zeichen: Alfred Escher herrschte wie ein Monarch – glanzvoll unbeschränkt. Man titulierte ihn König Alfred I., man verglich ihn mit einem Cäsaren, während er selbst von sich als dem «letzten Bürgermeister von Zürich» sprach.14 Wer nicht zu seinem Lager gehörte, fand spöttische oder gehässige Worte über ihn. Jeremias Gotthelf, dem der liberale Aufbruch des jungen Bundesstaates ein Greuel war, bezeichnete Escher als Diktator.15 Friedrich Engels hatte da weniger Probleme; er nannte ihn einen «schweizerischen Athenienser».16 Escher Apostrophierungen aus der griechischen und römischen Geschichte waren beliebt: Perikles, Alkibiades – oder dann Prinzeps, worauf zurückzukommen sein wird. Treffend fasste Theodor Mommsen das Phänomen Escher in Worte: «[...] er steht ganz wie ein Souverain und um so mehr, weil er den Titel nicht hat.»17

7Eschers politisches Netzwerk war breit angelegt und engmaschig geknüpft; es schien alles und jedes zu erfassen: Ämter und Würden, Kritik und Strafe. Escher kontrollierte den Grossen Rat, und dieser wählte die Regierung. Das Volk hatte dazu nichts zu sagen. Alles lief wie am Schnürchen: Missliebige Vorstösse wurden auch bei mehrmaliger Vorlage abgeschmettert, so etwa die Errichtung einer Kantonalbank oder die Ermässigung des Salzpreises.18 An direktdemokratischer Mitwirkung des Volkes war man nicht interessiert. Diese entsprach nicht Eschers politischer Philosophie: «In Kantonal- und vollends in eidgenössischen Verhältnissen gab ich dem Representativsystem, wenn auch mit weitgehendem Abberufungsrechte der Wähler, den Vorzug vor der sogen. unmittelbaren Demokratie (Volksgesetzgebung).»19 Escher konnte sich auf einen Verwaltungs- und Gerichtsapparat verlassen, dessen auf Lebenszeit gewählte Beamten auf ihn eingeschworen waren. Und überall waren weiterhin seine politischen Freunde, Zudiener und Informanten in Zirkeln, Gesellschaften und Klubs tätig. Wer gegen ihn opponierte, der spürte scharfen Gegenwind. Über Freunde liefen die politischen Fäden in seiner Hand zusammen. Entscheide über Sachfragen und Personelles, Gesetzestexte und Konzessionen wurden zwar auf den entsprechenden formalen und verfassungsmässigen Wegen gefällt. Eingefädelt wurden sie jedoch von Escher und seinen Leuten. So konnte es geschehen, dass im Grossen Rat selbst schwergewichtige Geschäfte in Minutenschnelle abgewickelt wurden, da sie in «Kabinettssitzungen» vorbesprochen worden waren.20

Die Opposition formiert sich in Winterthur

8Wirtschaftlicher Aufschwung, Gründung von Unternehmen, Schaffung von Arbeitsplätzen, steigende Börsenkurse, fette Dividenden und Lust am Spekulieren, auch beim sogenannten «kleinen Mann»: Die euphorischen 1850er Jahre stehen im scharfen Kontrast zu den drögen 1840ern, als die unseligen Auseinandersetzungen um Klöster und Jesuiten sowie die Kämpfe zwischen Konservativen und Fortschrittlichen die Entwicklung der Schweiz immobilisierten. Nun aber waren die Kräfte entfesselt.21

9In Zürich zeigten sich erste Risse in den Mauern des Systems bereits in den frühen 1860er Jahren. Sie taten der Illumination vorerst keinen Abbruch. Doch der Druck von aussen auf die liberale Herrschaft wuchs mit der Unzufriedenheit der Bevölkerung. Diese litt unter Arbeitslosigkeit (1863/64) und Teuerung (1867).22 Dann brach in der Stadt Zürich eine Choleraepidemie aus und grassierte fürchterlich. Von Juli bis Oktober 1867 starben im Bezirk Zürich 481 Personen.23 Bald herrschte eine Hysterie; man misstraute jeder Massnahme, denn wissenschaftlich fundierte Erklärungen über die Ursachen der Cholera und deren Übertragung fehlten. Die soziale Frage rückte in den Fokus, damit die Wohn- und Hygieneverhältnisse der Arbeiter. Letztlich war die Krankheit nicht wirksam zu bekämpfen. So war denn auch die Zürcher Regierung hilflos. Wenigstens verfügte sie, dass die Kranken von den Gesunden isoliert werden sollten und dass eine amtliche Meldepflicht für Leidgeplagte einzuführen sei.24 Auf der Zürcher Landschaft wiederum spürten die Bauern die Turbulenzen auf den Finanzmärkten und litten unter steigenden Zinsen für Darlehen und Hypotheken.25 Die Rufe nach Schaffung einer Kantonalbank wurden lauter, doch die liberalen Kreditanstaltmänner hatten kein Gehör.26 Auch die Exportwirtschaft konnte sich den internationalen Kräften nicht entziehen und litt unter Absatzschwierigkeiten, was etwa in der Seiden- und Baumwollindustrie des Zürcher Oberlands zu Krisen führte.27 Und so geschah das Unvermeidliche, was in den 1850er Jahren unvorstellbar schien: Die Dämme, die in Zürich das System geschützt hatten, brachen ein, und die Fluten schwemmten bis Ende der 1860er Jahre die liberale Herrschaft weg.28

10Die politische Opposition hatte sich in Winterthur formiert. Dort wirkten die geistigen Führer einer direktdemokratischen Bewegung, die seit den frühen 1860er Jahren zusehends stärker wurde: Stadtpräsident Johann Jakob Sulzer, Gottlieb Ziegler, Theodor Ziegler, Salomon Bleuler und Friedrich Albert Lange.29 Von Winterthur aus und mit dem «Landboten» als Propagandaorgan wurde die Zürcher Bevölkerung mobilisiert, und es kam zu oppositionellen Aufmärschen, die für damalige Verhältnisse eindrücklich waren.30 So am Sonntag, dem 15. Dezember 1867, in Zürich, Uster, Winterthur und Bülach. Da mochten die Liberalen verharmlosen oder sich gar hämisch der göttlichen Hilfe brüsten: «Der Himmel hängt voll Sympathie, es schneit und regnet wie noch nie!», so die realitätsverkennende Interpretation dieser Versammlungen in Berichterstattungen an Alfred Escher.31 Denn ganz im Gegenteil: Es war der Umsturz, der in der Luft hing. Doch Escher, der sich in die Eisenbahnsache gestürzt hatte und dabei mit dem Nord-Süd-Projekt in einer entscheidenden Phase stand, hatte nicht die Zeit, um sich in der erforderlichen Weise mit der politischen Opposition zu beschäftigen. Anderen liberalen Repräsentanten fehlte vielfach das Sensorium für den Ernst der Lage. Und so vermochten die Demokraten die Bevölkerung zusehends hinter ihre Ideen zu scharen, während das System die Vorstellung für die anstehenden fundamentalen Veränderungen nicht aufbringen konnte. Auch Oswald Heer nicht, wie aus seinem symbolkräftigen Schreiben an Escher am Tag der grossen Volksdemonstrationen vom 15. Dezember 1867 geschlossen werden muss. Denn während das System am Untergehen ist, wird am Hof des Prinzeps getanzt.32

11«Mein lieber Freund! [...] Noch vor wenigen Monaten hätte ich es nicht für möglich gehalten, daß so was im Cant. Zurich vor sich gehen würde u. ich gestehe aufrichtig, daß ich an der Wirkung der so hoch gesteigerten Bildungsmittel unsers Kantons irre geworden bin. Doch muß man bei alledem den Muth nicht verlieren, bleibt nur das Bewustsein mit redlichem Willen das Wahre u. Gute angestrebt zu haben, kann man ruhig den Stürmen entgegen sehen u. das System hat so viel Schönes u. Großes geschaffen, dass auch diese es nicht mehr zu zerstören vermögen werden. Ich war heute Nachmittag in Belvoir. Frau Escher ist immer noch leidend; Frau Stockar wohl auf; die Fräulein Tochter sehr munter u. hat mit Egbert auf der Laube einen Schottisch getanzt. Unter den herzlichsten Grüßen ganz Dein Oswald Heer. Zurich Sonntag Abend.»33

12Dann folgten die Ereignisse Schlag auf Schlag: In kurzer Zeit konnten 27 000 Unterschriften für eine Totalrevision der Verfassung gesammelt werden, notwendig waren lediglich 10 000.34 Am 26. Januar 1868 sprach sich das Zürchervolk mit rund 50 786 gegen 7374 Stimmen für eine Verfassungsänderung aus. Am 8. März 1868 wurde ein Verfassungsrat gewählt, in dem die Demokraten die Mehrheit stellten. Dieser trat am 4. Mai 1868 zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Obwohl auch Escher in den Rat gewählt wurde, lehnte er die Wahl ab. Die Verfassung, die am 18. April 1869 zur Abstimmung kam, wurde mit 35 458 Ja gegen 22 366 Nein-Stimmen angenommen.35 Sie blieb während 136 Jahren bis 2005 gültig. Die demokratische Verfassung von 1869 brachte einen tiefgreifenden Machtwechsel und eine neue politische Kultur. Aus dem Regierungsrat, der zuvor vollständig in liberaler Hand war, wurden im selben Jahr alle Liberalen abgewählt und durch Demokraten ersetzt. Im Kantonsrat, dem früheren Grossrat – die politische Umwälzung wurde auch sprachlich zum Ausdruck gebracht –, besetzten 1869 die Demokraten mit neu 85 Sitzen rund drei Fünftel, den Liberalen blieben 56 Sitze übrig.36

13Angesichts des drohenden politischen Umsturzes in Zürich, den er Anfang 1868 als unabwendbar betrachtete, befürchtete Escher, dass auch er vom Volk nicht mehr in den Grossen Rat und ins eidgenössische Parlament gewählt werden würde.37 Vor diesem Hintergrund erklärte er am 27. Februar 1868 seinen Rücktritt aus dem Nationalrat. Kaum wurde dieser Entscheid publik, gab es Stimmen, die es «geradezu als Unmöglichkeit» bezeichneten, «dass der Kanton Zürich [...] eine Persönlichkeit von solcher Einsicht, von solcher Erfahrung, von so ganz ausserordentlicher Arbeitskraft, welcher über dies kein sittlicher Makel anhaftet, aus einer Wirksamkeit, in welcher er dem Kanton zweifelsohne reichen Segen gestiftet hat, entlasse». Die «Neue Zürcher Zeitung» meinte, «dass ihrer Hundert, die heute über den Rücktritt Eschers jubiliren, morgen den Wanderstab ergreifen oder gar zu ihren Vätern heimkehren könnten, ohne daß ein Hahn darnach krähen würde».38 Doch es kam ganz anders: Verloren viele Liberale ihre bis dahin eingenommenen politischen Ämter, so wurde Alfred Escher am 29. März 1868 mit 10 263 Stimmen glanzvoll wiedergewählt. Auf Friedrich Locher, seinen Gegenkandidaten, entfielen magere 4238 Stimmen.39

14Das System, mit dem Escher während rund zwanzig Jahren den Kanton Zürich beherrscht hatte, war 1868/69 erledigt. Es wäre jedoch falsch zu folgern, dass damit auch Escher von seinen Machtpositionen gedrängt worden wäre. Wohl sassen im Kanton Zürich fortan nicht mehr die Liberalen in den politischen Ämtern, und es schien, als sei die politische Schaltzentrale von der Limmat an die Eulach verlegt worden. Eschers Wirkungskreis als einer der einflussreichsten eidgenössischen Parlamentarier blieb ihm auch nach 1869 unbenommen. Die Niederlage seines politischen Systems in Zürich eröffnete ihm neue Möglichkeiten, und er verstärkte seine wirtschaftspolitische Tätigkeit. Und schliesslich kompensierte Alfred Escher diese Niederlage mit einem Jahrhundertprojekt, das seinem ohnehin schon imposanten Lebenswerk unvergleichlichen Glanz verlieh: dem Bau der Gotthardbahn.

15Bald nahmen auch seine liberalen Parteifreunde auf vorübergehend verlorenen Regierungssesseln und Parlamentsbänken wieder ihre Plätze ein. Bereits bei den kantonalzürcherischen Wahlen von 1872 wurde wieder ein liberaler Regierungsrat gewählt. Auch im Kantonsrat holte die liberale Partei mächtig auf und war bereits wieder etwa gleich stark vertreten wie das demokratische Lager. Dieses Kräfteverhältnis blieb über 1875 hinaus bestehen. Nach den Wahlen von 1878 verfügten die Liberalen im Kantonsrat wieder über eine satte Mehrheit (111 von 185 Stimmen). Im Regierungsrat überflügelten die Liberalen ihre demokratischen Gegner im Jahr 1879.40 Trotz dieser liberalen Renaissance in den 1870er Jahren markiert die Niederlage des Systems Escher 1869 in Zürich schweizweit eine politische Zäsur: Demokratische Umwälzungen fanden auch in anderen Kantonen statt, in denen Kernelemente der demokratischen Forderungen übernommen wurden: die direkte Volkswahl der Regierung, die Einführung von Initiative und Referendum.41 Diese Entwicklung auf kantonaler Ebene stärkte jene Kräfte, die auch die Bundesverfassung von 1848 den veränderten Verhältnissen anpassen wollten. Über Zwischenschritte und Umwege kam es schliesslich 1874 zur Revision der Verfassung. Neu eingeführt wurde das fakultative Referendum für Bundesgesetze. Das Volksrecht der Verfassungsinitiative folgte mit der Revision von 1891.

16Mit dem Sturz der liberalen Herrschaft in Zürich 1868/69, den politischen Veränderungen in verschiedenen anderen Kantonen und mit der Bundesverfassung von 1874 hatte sich die politische Kultur in der Schweiz grundlegend gewandelt. Die Zeit des jungen Bundesstaates war zu Ende. Gereift durch verschiedene innen- und aussenpolitische Stürme trat die junge Schweiz mit ihren gut zwanzig Jahren in eine neue Lebensphase ein. Jetzt erwarteten sie Herausforderungen veränderten Zuschnitts.

Kommentareinträge

1 Locher, Freiherren, S. 1.

2Zum wirtschaftsliberalen Zeitfenster vgl. Jung, Erfolgsgeschichten, S. 10–13. Zum «Spirit of 48» vgl. Jung, Projekt Schweiz.

3Zu Eschers Wirkmächtigkeit (Eisenbahnpolitik, Gotthardprojekt, Kreditanstalt, Eidgenössisches Polytechnikum, Aussenpolitik) vgl. die entsprechenden Ausführungen in Jung, Aufbruch. – Zur Kreditanstalt vgl. Jung, Kreditanstalt.

4 Vgl. die entsprechenden Ausführungen in Koch, Netzwerke.

5Escher unterzeichnete in seinen Eigenschaften als Abgeordneter der Direktion der Zürich-Bodensee-Bahn (17. Juni 1853), als Direktionspräsident der Zürich-Bodensee-Bahn (21. Juni 1853), als Verwaltungsratspräsident der Zürich-Bodensee-Bahn (22. Juni 1853) und als Zweiter Präsident des Regierungsrats des Kantons Zürich (21. Juni 1853). Vgl. Vertrag zwischen dem H. Stande Zürich und der Schweizerischen Nordostbahngesellschaft betreffend den Bau und Betrieb der Eisenbahn von Zürich an die Kantonsgrenze bei Dietikon (vom 17. Juni 1853), Teilabdruck in: Jung, Aufbruch, S. 456–457.

6Zur Gründungsgeschichte der Kreditanstalt vgl. Jung, Aufbruch, S. 733–851. Dazu: Jung, Kreditanstalt.

7Zur Gründungsgeschichte der Rentenanstalt und zur Abhängigkeit der Rentenanstalt von der Kreditanstalt vgl. Jung, Aufbruch, S. 825–833.

8Fallbeispiel 1859: Nordostbahn: 25; Rentenanstalt: 13; Kreditanstalt: 16. Vgl. Jöhr, SKA, S. 556–557.

9 Vgl. Jung, Aufbruch, S. 272.

10 Vgl. beispielhaft Jung, Aufbruch, S. 145–149.

11Zum Politiker Escher vgl. Jung, Aufbruch, S. 134–237.

12Brief Ruchonnets vom 7. Dezember 1866, in: Bonjour Félix, Louis Ruchonnet. Sa vie – son oeuvre, Lausanne 1936, S. 204, zit. Wehrli, Bundesbarone, S. 27 (Original auf französisch).

13Segesser Philipp Anton von, Sammlung kleiner Schriften, Bd. 3, Bern 1879, S. VIII, zit. Wehrli, Bundesbarone, S. 47.

14Escher in seinen autobiographischen Aufzeichnungen: «Ich bin der letzte Bürgermeister von Zürich, da im Jahre 1850 der Bürgermeistertitel durch denjenigen eines Regierungspräsidenten ersetzt wurde.» Autobiographische Aufzeichnungen Alfred Escher, zit. Jung, Aufbruch, S. 1017.

15 Gotthelf, Zeitgeist, S. 391, 396.

16Neue Rheinische Zeitung, 10. Dezember 1848, zit. Marx/Engels, Werke, S. 90–91. – Zu Friedrich Engels Ausführungen über Escher vgl. Jung, Aufbruch, S. 226.

17 Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich, S. 464.

18 Vgl. Schaffner, Demokratische Bewegung, S. 149.

19Autobiographische Aufzeichnungen Alfred Escher, zit. Jung, Aufbruch, S. 1017.

20Solche «Kabinettssitzungen» oder «Ministerialsitzungen» fanden im «Café littéraire» im Roten Turm statt (heute: Neubau des Hotels Storchen am Weinplatz). Vgl. Jung, Aufbruch, S. 231. – Zu Eschers informellen Treffen vgl. Koch, Netzwerke, S. 98, 118–125.

21Zu den 1840er Jahren vgl. Jung, Aufbruch, S. 173–190.

22Zur Krise der Zürcher Wirtschaft in den 1860er Jahren vgl. Schaffner, Demokratische Bewegung, S. 85– 133.

23Zum öffentlichen Gesundheitswesen in Zürich und damit zur Choleraepidemie von 1867 im Kontext der demokratischen Bewegung vgl. Condrau, Demokratische Bewegung. – Nach Condrau war die Choleraepidemie von 1867 «die stärkste je in der Schweiz aufgetretene». Condrau, Demokratische Bewegung, S. 9.

24 Vgl. Bekanntmachungen von Administrativ-Behörden [...] An die Bezirks- und Gemeindebehörden und die Aerzte des Kantons Zürich, in: Amtsblatt ZH, 6. September 1867, S. 1799–1803.

25 Vgl. die entsprechenden Ausführungen in Schaffner, Demokratische Bewegung. – Zum Zeitgeschehen in «Martin Salander» – Gottfried Kellers Roman spielt zur Zeit des Liberalismus – vgl. die entsprechenden Ausführungen in: Keller, HKKA XXIV.

26 Vgl. Schaffner, Demokratische Bewegung, S. 91–102. – Zu Vorwürfen und Kritik an die Adresse der Kreditanstalt vgl. Jung, Aufbruch, S. 774–783. – Zur Gründungsgeschichte der Zürcher Kantonalbank vgl. Wetter, Zürcher Kantonalbank, S. 1–38.

27 Vgl. Schaffner, Demokratische Bewegung, S. 109–121.

28Zur demokratischen Bewegung im Kanton Zürich vgl. die entsprechenden Ausführungen in Schaffner, Demokratische Bewegung. Vgl. dazu die ältere Arbeit von Peter Gilg mit deutschschweizerischer Perspektive: Gilg, Entstehung. – Zu grundlegenden politisch-theoretischen Aspekten und zur direkten Demokratie vgl. die Arbeiten von Andreas Gross «Der Prinzeps und sein Hof» oder wie die liberale Herrschaft in Zürich unterging, Fussnote 29.

29 Johann Jakob Sulzer (1821–1897), langjähriger Regierungsrat, Grossrat, Kantonsrat, Stadtpräsident von Winterthur, Nationalrat und Ständerat, mit Escher in den 1840er Jahren zunächst politisch und persönlich verbunden, bis es aufgrund sachpolitischer und mentalitätsmässiger Differenzen zum offenen Bruch kommt, ist einer der Hauptverantwortlichen für das Debakel der Nationalbahn. – Gottlieb Ziegler (1828– 1898), Lehrer und Pfarrer, wird 1869 mit dem Sturz der Liberalen in den Regierungsrat gewählt, später auch in den Nationalrat, ist Mitgründer der Neuzofingia (Helvetia) in Winterthur und Zürich. – Gottlieb Ziegler ist Schwager von Salomon Bleuler (1829–1886), Pfarrer, später Redaktor für kurze Zeit u. a. bei der «Neuen Zürcher Zeitung», dann während Jahren beim «Landboten», dessen Eigentümer (Verlag und Druckerei) er wird. Daneben wirkt er in den 1870er Jahren als Stadtschreiber und Stadtpräsident von Winterthur. Nach dem Sturz der Liberalen 1869 wird er Nationalrat. – Theodor Ziegler (1832–1917), Stadtschreiber und als Nachfolger von Sulzer Stadtpräsident von Winterthur, propagiert mit Sulzer, als dessen rechte Hand er galt, die fatalen Expansionspläne der Nationalbahn-Gesellschaft. – Friedrich Albert Lange (1828–1875), deutscher Philosoph, neben Bleuler zweiter Redaktor des «Landboten», schrieb grundlegende Artikel zur Verfassungsfrage und entwickelte «eine eigentliche Theorie der Direkten Demokratie, deren Bedeutung wie auch jene Langes für die Entwicklung der Volksrechte in der Schweiz bis heute den wenigsten bewußt ist»; Gross, Zeitung und Volksrechte. Gemäss Gross ist Lange wohl der wichtigste Theoretiker der direkten Demokratie. – Zu Bleuler und Lange, die «in den 1860er Jahren aus dem ‹Landboten› den Leuchtturm der Direkten Demokratie» und «ein eigentliches intellektuelles Labor» machten, vgl. in prägnanter Kurzform Gross, Zeitung und Volksrechte. – Ausführlich, auch zum grösseren Kontext, vgl. Gross, Direkte Demokratie. Andreas Gross plant für 2016 die Herausgabe eines grossen Werks zur direkten Demokratie. Zu seinen Aufsätzen und Beiträgen vgl. Direkte Demokratie online .

30 Vgl. beispielhaft Schaffner, Demokratische Bewegung, S. 42.

31 Largiadèr, Zürich II, S. 206. – Das von Largiadèr genannte Telegramm an Escher konnte nicht identifiziert werden. – Ursprünglich ist unbestrittenermassen auch die folgende Aussage, die Oswald Heer gegenüber Escher macht: «Von den heutigen sogenannten Volksversammlungen wirst Du ohne Zweifel von ander Seite Bericht erhalten. Ich habe zur Stunde noch gar nichts davon erfahren. Der Himmel hat jedenfalls dafür gesorgt, dass diesen Leuten etwelche Abkühlung zu Theil geworden ist.» Oswald Heer an Alfred Escher, [15. Dezember 1867].

32«Der Prinzeps und sein Hof» ist der Titel des sechsten Pamphlets der «Freiherren von Regensberg» von Friedrich Locher. Zu Locher und den einzelnen Pamphleten Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers.

33 Oswald Heer an Alfred Escher, [15. Dezember 1867]

34 Vgl. Largiadèr, Zürich II, S. 205–206.

35 Vgl. Kölz, Verfassungsgeschichte II, S. 54, 83.

36 Vgl. Statistisches Amt Kt. ZH, Handbuch, S. 250–251.

37Diese Furcht war nicht unbegründet, verloren doch 1868 verschiedene Stützen des Systems ihre bis dahin eingenommenen politischen Ämter. Zu den Beispielen Johann Jakob Ryffel, Johann Jakob Bucher und Jakob Bader vgl. Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers, Absatz 10; Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers, Fussnote 38.

38 NZZ, 29. Februar 1868, 5. März 1868, 7. März 1868.

39Von 1848 bis 1882 wurde Alfred Escher im Kanton Zürich im Wahlkreis 1 jeweils auf einem Spitzenplatz in den Nationalrat gewählt: auf dem ersten oder zweiten Platz (1848 bis 1875), auf dem dritten Platz (1878 und 1881). Zur Statistik vgl. Jung, Aufbruch, S. 136.

40 Vgl. NZZ, 12. Juni 1872, 4. Mai 1875, 24. Mai 1878.

41 Vgl. Jung, Aufbruch, S. 228, 233.