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Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, S. 30–44.

Umwälzung der alten Ordnung

Björn Koch, unter der Leitung von Prof. Dr. Joseph Jung

Zürichputsch (1839)

1Alfred Escher war kaum zurück von seinem Kuraufenthalt im appenzellischen Weissbad, als ein bewaffneter Zug von Zürcher Landleuten Richtung Stadt losmarschierte.1 Man schrieb den 6. September 1839, den Tag, der als Zürichputsch in die Geschichte eingehen sollte. An jenem Freitag wurde die radikal-liberale Zürcher Regierung gewaltsam zur Abdankung gezwungen und durch eine konservative ersetzt. Der 20jährige Student Escher war bei den Gefechten auf dem Münsterhof und dem Paradeplatz nicht vor Ort, dennoch war er emotional in das Ereignis involviert. Seine Sympathien für die Radikal-Liberalen liessen den Putsch auch für ihn zur Hiobsbotschaft werden. Das Beben, das durch den Regierungsumsturz ausgelöst wurde, sollte die ganze Eidgenossenschaft erschüttern. Denn am 6. September 1839 wurde ein Spiel von Aktion und Reaktion, von Schlag und Gegenschlag in Gang gesetzt, das mit der Auflösung des Sonderbunds im November 1847 in einem kriegerischen Fanal gipfelte.2

2Der Zürichputsch war kein Blitz aus heiterem Himmel. Gegen die Radikal-Liberalen und ihre Reformen regte sich im Kanton schon seit längerer Zeit Widerstand von konservativer Seite. Die Gewerbefreiheit und die zunehmende Industrialisierung verunsicherten viele Handwerker und Heimarbeiter. Die Einführung neuer Lehrmittel und Unterrichtsmethoden wurde als Bedrohung der christlichen Werte und als Beschränkung des kirchlichen Einflusses auf die Schule wahrgenommen. Und auch der immer lauter werdende Ruf der Radikal-Liberalen nach einer Reform des Bundesvertrages von 1815 wurde von den Konservativen als eine Gefährdung der bestehenden Ordnung empfunden. Dieses Missbehagen gegenüber dem radikal-liberalen Fortschrittsdenken zeigte sich besonders deutlich, als im Januar 1839 der Zürcher Erziehungsrat entschied, den deutschen Theologen David Friedrich Strauss an die Universität Zürich zu berufen. Der von seinen Gegnern als «Christusleugner» denunzierte Strauss wurde zum Symbol für die Religionsfeindlichkeit der Radikal-Liberalen. Die Berufung konnte letztlich von den Konservativen verhindert werden, doch gaben sie sich damit nicht zufrieden. Mittels Petitionen und Volksversammlungen wurden weitere Forderungen zum Schutz der Religion und für den Ausbau des kirchlichen Einflusses auf Bildung und Erziehung gestellt. Die radikal-liberale Zürcher Regierung war jedoch nicht bereit, dazu Hand zu bieten. In der Nacht auf den 6. September 1839 versammelten sich Konservative in vielen Zürcher Landgemeinden und marschierten gegen den Kantonshauptort, wo sie – teilweise bewaffnet – frühmorgens eintrafen. In der Stadt eskalierte der Zusammenstoss der Putschisten mit Militär und Polizei und kostete 15 Menschenleben.

3Das Ereignis bildete eine Zäsur in der Auseinandersetzung zwischen radikal-liberalen und konservativen Kräften: Bislang hatte man nicht zur Waffe gegriffen, um die schwelenden Konflikte auszutragen. Die Ereignisse in Zürich vom September 1839 rückten die Erkenntnis ins öffentliche Bewusstsein, dass eine Regierung gewaltsam zum Abdanken gezwungen werden konnte. Der konservative St. Galler Staatsmann Gallus Jakob Baumgartner erkannte die Implikationen dieses Phänomens. Durch den erfolgreichen Putsch in Zürich wurde ein im Grunde rechtswidriger Akt zum Vorbild erhoben: «Die Versuchung lag daher nahe, in andern Kantonen durch gleiche Mittel nach dem gleichen Ziele zu streben; man hielt nun überall vieles für möglich, was vorher kaum gedacht werden durfte, und, was schlimmer war, alles für erlaubt.»3

4 Der Zürichputsch hinterliess seine Spuren in der übrigen Eidgenossenschaft, denn das Grundmuster der Konflikte der 1840er Jahre wurde hier vorgezeichnet: Die Spannungen zwischen konservativen und fortschrittlichen Kräften beruhten auf unvereinbaren politischen Differenzen über die Gestaltung der Eidgenossenschaft. Durch religiöse Aspekte erfuhr der Konflikt eine zusätzliche Dimension und eine zunehmende Emotionalisierung. Wie stark die Bevölkerung sich von den religiösen Implikationen mitreissen liess, zeigte sich im Zürichputsch ebenso wie bei der Aargauer Klosteraufhebung oder in den Freischarenzügen. Die Zürcher Ereignisse von 1839 sollten sich in den kommenden Jahren in vielen Teilen der Eidgenossenschaft wiederholen. Protagonisten und Umstände variierten, doch im Grunde drehten sich die Auseinandersetzungen um denselben Kern: Es ging um die Frage, ob und wie die Schweiz modernisiert werden konnte.4

Aufhebung der Aargauer Klöster (1841)

5Ein gutes Jahr nach den Ereignissen in Zürich vom September 1839 kam es im Kanton Aargau zu ähnlichen Ausschreitungen. Nachdem sich die Aargauer Stimmberechtigten am 5. Januar 1841 für eine in radikal-liberalem Sinne revidierte Kantonsverfassung ausgesprochen hatten, bereiteten konservative Kreise einen vom Zürcher Vorbild inspirierten Putsch vor, der jedoch scheiterte. Damit nicht genug: Die Aargauer Konservativen sollten kurz darauf eine weitere Niederlage erleiden. Der radikal-liberale Politiker Augustin Keller – ein antiklerikaler Katholik – stellte am 13. Januar 1841 im Grossen Rat den Antrag, die acht Klöster im Kanton Aargau aufzuheben. Er machte diese dafür verantwortlich, die Bevölkerung aufgewiegelt und so den Putschversuch im Kanton provoziert zu haben. Diese Forderung stiess auf breite Zustimmung, und Kellers Antrag wurde von 115 Grossräten angenommen, während sich lediglich 195 dagegen aussprachen. Der Grosse Rat begründete den Aufhebungsbeschluss mit der «Verderblichkeit des Einflusses und Wirkens der Klöster im Kanton auf wahre Religiosität, Sittlichkeit und moralische und ökonomische Selbständigkeit der Bürger» und «ihrer unablässigen Bearbeitung, Aufreizung und Verführung der Gemüther des Volkes seit einer Reihe von Jahren».6 Aufgrund dieses Entscheides wurden die vier Männerklöster in Muri, Wettingen, Baden und Bremgarten sowie die vier Frauenklöster in Baden, Fahr, Niederwil und Hermetschwil aufgehoben.7

6Nicht nur die Aargauer Konservativen fühlten sich vor den Kopf gestossen. In den Augen weiter konservativer Kreise beider Konfessionen hatte man mit der Klosteraufhebung den Weg der Legalität verlassen. Artikel 12 des Bundesvertrages von 1815 besagte, dass der «Fortbestand der Klöster und Capitel, und die Sicherheit ihres Eigenthums [...] gewährleistet» sei.8 Aufgrund dieser Bundesrechtsverletzung schaltete sich die Tagsatzung – die Regierung der Eidgenossenschaft – in die Angelegenheit ein; die Klosteraufhebung wurde zu einem eidgenössischen Problem.

7Die Tagsatzung war eine träge Behörde. Sie versammelte sich grundsätzlich einmal pro Jahr; in besonderen Fällen konnte sie auch mehrmals zusammentreten. Jeder Kanton liess sich durch mindestens einen Gesandten an der Tagsatzung vertreten, an welcher über eidgenössische Fragen verhandelt und abgestimmt wurde. Die Gesandten mussten sich dabei strikt an die von den kantonalen Obrigkeiten erlassenen Instruktionen halten. Kam in den Abstimmungen für einen Antrag keine Mehrheit zustande oder wurden neue Anliegen vorgebracht, mussten zu Hause neue Instruktionen eingeholt werden, und das Geschäft wurde auf die nächste Tagsatzung verschoben.9 Im Falle der Klosterfrage traten die Probleme dieser Behörde offen zutage, was den Radikal-Liberalen erneut demonstrierte, wie reformbedürftig die Institutionen des Bundes waren. Denn der Entscheid, ob die Aufhebung der Aargauer Klöster mit dem Bundesvertrag vereinbar sei, musste wegen unversöhnlicher Differenzen mehrfach vertagt werden. Erst im Sommer 1843 fand sich eine Mehrheit für eine Kompromisslösung. Am 31. August stimmten 12 Stände dafür, dass die Frauenklöster wiederhergestellt werden sollten, während die Aufhebung der Männerklöster unangetastet blieb. Die bundesrechtswidrige Auflösung der Männerklöster wurde durch die Tagsatzung gebilligt, womit die Debatte über die Rechtmässigkeit der Klosteraufhebung zugunsten der radikal-liberalen Kräfte ausgegangen war.10

8Es zeigte sich an diesem Tagsatzungsbeschluss, dass nicht ein konfessioneller oder geographischer Graben die Schweiz entzweite. Vielmehr prallten konservative und radikal-liberale Überzeugungen aufeinander, hatten doch katholische Kantone wie Solothurn und Tessin, protestantische wie Bern und Glarus die Auflösung ebenso bestätigt wie die paritätischen Kantone Thurgau und Graubünden.11 Auch in Zürich hatte der Grosse Rat diesem Vorgehen zugestimmt; ein Zeichen dafür, dass die radikal-liberalen Kräfte bereits 1843 ihre Vormachtstellung im kantonalen Parlament zurückerobert hatten.12

9Für die Konservativen war der Entscheid der Tagsatzung Affront und Provokation zugleich. Der offensichtliche Bruch des Bundesrechts durch die Aargauer Radikal-Liberalen wurde von der höchsten eidgenössischen Behörde gestützt.13 Es war ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass die Radikal-Liberalen vor nichts zurückschreckten, nicht einmal vor der Missachtung des Bundesvertrags. Der damalige katholisch-konservative Luzerner Staatsschreiber Philipp Anton von Segesser, späterer Kopf der Konservativen im eidgenössischen Parlament, schrieb im September 1843 an seinen reformiert-konservativen Berner Freund Eduard von Wattenwyl, dass die Klosterfrage «nicht mehr isolirt» stehe. «Man hat sie beiderseits zur Lebensfrage, zur Principienfrage gemacht, man muß sie als solche nun durchfechten.»14 Die Verbitterung über die Entwicklung in der Klosterangelegenheit führte bei den Konservativen zu einer Trotzreaktion; die Klosterfrage wurde nun vor allem von katholisch-konservativer Seite zur Grundsatzfrage erhoben, und die Fronten verhärteten sich in der Folge noch mehr. Bezeichnend ist auch, dass die katholisch-konservativen Stände in der Tagsatzung die Klosteraufhebung alljährlich wieder aufgriffen und die unverzügliche Wiederherstellung der Klöster forderten; ihre Bemühungen blieben jedoch erfolglos.

10Von den jungen Juristen Escher und Johann Jakob Blumer wurde die Klosteraufhebung ebenfalls thematisiert. Einerseits unterstützten sie die radikal-liberalen Absichten, die hinter dem Akt standen. Trotzdem gab es aus staatsrechtlicher Warte keinen Zweifel über die Unvereinbarkeit des Auflösungsbeschlusses mit dem Bundesvertrag, wie Blumer in einem Brief an seinen Freund feststellte: «Natürlich sind auch bei uns die Meinungen über diesen unerwarteten Schritt des aargauischen Großraths verschieden: die ältern, conservativ gesinnten Männer sind damit unzufrieden, die jüngern, radikal gesinnten billigen ihn, ich aber, obgleich sonst in Allem der letztern Parthei angehörend, glaube doch hier als Jurist vorzüglich den rechtlichen Standpunkt hervorheben zu müssen, von dem aus sich derselbe nun einmal nicht vertheidigen läßt.»15

Berufung der Jesuiten nach Luzern (1844)

11Auch am Kanton Luzern gingen die Berufung von David Friedrich Strauss und der Zürichputsch von 1839 nicht spurlos vorbei. Den konservativen Kräften in Luzern war von den Zürchern ein Lehrstück geboten worden, wie breite Bevölkerungsschichten mobilisiert werden konnten, indem man an ihre religiösen Gefühle appellierte. Durch diese Erkenntnis angespornt, stellte der katholisch-konservative Grossbauer Joseph Leu von Ebersol im November 1839 im Luzerner Grossen Rat den Antrag, die Jesuiten als Lehrer an die dortige Höhere Lehranstalt zu holen. Er begründete die Berufung der Jesuiten damit, dass diese «dem Volke die gehörige Garantie für die Katholizität der Erziehung» geben könnten.16 Das Gesuch fand aber damals im von radikal-liberalen Kräften dominierten Luzerner Grossen Rat keine Mehrheit.17

12 Leu gab sich nicht geschlagen. Wenn er den Grossen Rat nicht auf seiner Seite hatte, so wollte er das Volk für sein Anliegen gewinnen. Durch Volksversammlungen und Petitionen gelang es ihm, sich als Führer der konservativen Bewegung zu etablieren und, mit Unterstützung seines Gefolgsmannes Konstantin Siegwart-Müller, Teile der Bevölkerung für sich einzunehmen. Die von Leu angestossene Bewegung konnte schon bald Erfolge feiern: Am 1. Mai 1841 trat eine neue Kantonsverfassung in Kraft, mit der die Kompetenzen der Kirche erweitert und das katholische Glaubensbekenntnis als Bedingung der politischen Stimmfähigkeit verankert wurden. In den darauffolgenden Neuwahlen der Kantonalbehörden wurden zudem die radikal-liberalen Exponenten mehrheitlich durch konservative ersetzt. Damit war der konservative Umschwung in Luzern vollzogen.18

13Der Weg zur Jesuitenberufung wäre nun geebnet gewesen, doch auch in konservativen Kreisen regte sich Widerstand gegen Leus Anliegen. Der gemässigt konservative Luzerner Politiker Bernhard Meyer schrieb im Januar 1843 an den Kopf der Zürcher Konservativen, Johann Caspar Bluntschli: «Die Jesuiten werden unserm Kanton leider nur zu gewiß beschert werden. [...] Ob ihre Berufung ein politischer Mißgriff sei oder nicht, darum bekümmern sich ihre Freunde so wenig als ein Verliebter über das Urteil der Welt über seine Angebetete.»19 Meyer und andere Konservative erkannten richtig, dass die Jesuitenberufung die Gefahr in sich barg, einen Keil zwischen das Lager der reformierten und katholischen Konservativen zu treiben. Die Jesuiten symbolisierten den ultramontanen Katholizismus, waren sie doch ursprünglich als gegenreformatorische Kampftruppe des Papstes ins Leben gerufen worden. Den protestantischen Konservativen war es somit nicht möglich, sich hinter die Luzerner Berufungspläne zu stellen.

14Auf radikal-liberaler Seite wurde das in weiten Kreisen verbreitete Missbehagen gegenüber den papistischen Jesuiten für propagandistische Zwecke instrumentalisiert. Im August 1844 – die Jesuiten hatten zu diesem Zeitpunkt noch keinen Fuss in den Kanton Luzern gesetzt – forderte die Gesandtschaft des Kantons Aargau in der Tagsatzung die Ausweisung der Gesellschaft Jesu aus der gesamten Eidgenossenschaft. Nicht nur die Berufung nach Luzern sollte damit verhindert werden, sondern die Aargauer wollten gleichzeitig die Ausweisung der in den Kantonen Wallis, Freiburg und Schwyz seit längerer Zeit als Lehrer in Kirche und Schule tätigen Jesuiten bewirken. Ein Brief Friedrich Wassalis verdeutlicht die symbolhafte Rolle, die den Jesuiten beigemessen wurde. Wassali schrieb, es gelte «das knechtische Denken, das Prinzip geistiger Knechtschaft überhaupt [zu] bekämpfen» und «geistiger Freiheit in jeder Hinsicht die Bahn [zu] brechen wo sie noch darnieder liegt, und da geht Jesuitismus, Pietismus und Aristokratismus Hand in Hand». Es ging nicht um die Jesuiten an sich, deren Einfluss in der Schweiz sehr begrenzt war, sondern um das, was sie verkörperten; nämlich all jenes, was die Radikal-Liberalen bekämpften. So wurden «Jesuit» und «Jesuitismus» bald Synonyme für alles dem Fortschrittsgedanken Widerstrebende. Dies zeigt auch ein Brief Johann Jakob Huggenbergs an Escher, in dem er ein festes und entschiedenes Vorgehen «gegen die Jesuiten jeder Art» forderte.

15Die katholisch-konservative Luzerner Mehrheit liess sich von der antijesuitischen Stimmung jedoch nicht einschüchtern, und der Grosse Rat des Kantons beschloss am 24. Oktober 1844 die Berufung von Vertretern der Gesellschaft Jesu an die Höhere Lehranstalt. Es sollte nochmals über ein halbes Jahr dauern, bis Ende Juni 1845 die ersten Jesuiten in Luzern eintrafen. Und gerade in dieser Zeitspanne zwischen dem Entscheid des Luzerner Grossen Rats und dem Eintreffen der Jesuiten überschlugen sich die Ereignisse.

16Als im August 1844 der Kanton Aargau in der Tagsatzung die Ausweisung der Jesuiten aus der Schweiz gefordert hatte, beschloss eine klare Mehrheit von 17 Ständen, nicht auf den Antrag einzutreten.20 Die Entscheidungsunfähigkeit der Tagsatzung brachte die vehementen Jesuitengegner auf den Plan, die sich nun zur Selbsthilfe veranlasst sahen. Im Dezember 1844 schlossen sich etwa tausend Radikal-Liberale – vorwiegend aus den Kantonen Luzern, Aargau, Solothurn und Basel-Landschaft – zu bewaffneten Freischaren zusammen. Ihr Ziel war es, die katholisch-konservative Luzerner Regierung zu stürzen, um so die Berufung der Jesuiten doch noch zu verhindern. Am 8. Dezember 1844 trafen die kampfbereiten Haufen auf die Luzerner Regierungstruppen. Die mangelhafte Organisation und Koordination der Freischaren – die Zürcher schafften es nicht einmal über die eigene Kantonsgrenze hinaus21 – liessen das Vorhaben jedoch zu einem Fiasko werden. Es kam zu Verhaftungen, und viele Luzerner Freischärler flüchteten aus dem eigenen Kanton, um Repressionen der konservativen Regierung zu entgehen.22 Escher setzte sich zusammen mit dem katholischen Zürcher Pfarrer Robert Kälin für die Flüchtlinge ein, indem die beiden eine Geldsammlung organisierten . Die Vertriebenen konnten so auf die finanzielle Unterstützung aus radikal-liberalen Kreisen zurückgreifen.

Volksversammlung in Unterstrass (1845)

17Aufgrund des Freischarenzuges musste die Jesuitenfrage erneut auf eidgenössischer Ebene behandelt werden. Eine ausserordentliche Tagsatzung wurde auf den 24. Februar 1845 angesetzt. In weiten Teilen der Eidgenossenschaft formierten sich Antijesuitenvereine mit dem Bestreben, das Volk zu mobilisieren, um mittels Petitionen Einfluss auf die Tagsatzungsinstruktionen zu nehmen.23 Im Kanton Zürich manifestierte sich dieses Anliegen in der Volksversammlung von Unterstrass – heute Teil des Zürcher Stadtgebietes – vom 26. Januar 1845. Die Absicht der Veranstalter zeigte sich in der von Escher mitunterzeichneten Einladung: «Mitbürger! Der entscheidende Augenblick ist nun gekommen. Jetzt kann die Schweiz noch den an ihr nagenden Krebs des Jesuitismus ausschneiden. [...] Nun, so laden wir denn diejenigen, welche wünschen, daß die Jesuiten durch die Tagsatzung aus der Schweiz ausgewiesen werden, ein, [...] in Unterstraß zusammenzutreten um in einer Petition an unsere oberste Landesbehörde diesen Wunsch auszusprechen.»24 Den Jesuiten wurde zudem das Schüren von religiösem Hass und die Gefährdung des inneren Friedens vorgeworfen und die Ausweisung der Gesellschaft Jesu zur Schicksalsfrage des Landes hochstilisiert: «Gerade, wenn die Tagsatzung nicht durch einen solchen Beschluß, dem durch die Jesuitenübergriffe empörten schweizerischen Nationalgefühle Gerechtigkeit widerfahren ließe, wäre mit Gewißheit vorauszusehen, daß das Volk sich selbst helfen und so ein Bürgerkrieg in der traurigsten Form entstehen würde.»25

18Es war winterlich kalt an diesem 26. Januar 1845, und trotzdem pilgerte eine beispiellose Zahl von Menschen zu Fuss und auf Wagen zur grossen Wiese in Unterstrass, um der Volksversammlung beizuwohnen. Gemäss dem «Schweizerischen Republikaner» war «eine Masse zusammengeströmt, wie in der Schweiz noch keine wegen politischer Motive auf einem Platze vereinigt gesehen wurde».26 Mit Fahnen und zum Teil von Musik begleitet, fanden sich immer neue Menschentrauben aus allen Teilen Zürichs und sogar aus anderen Kantonen ein. Gegen Mittag, als die Veranstaltung begann, dürften etwa 20 000 Menschen den Weg nach Unterstrass gefunden haben, um die antijesuitische Bewegung zu unterstützen.27 Das Publikum wurde von einem Spruchband in Empfang genommen, auf dem zu lesen war: «Jesuiten zum Land hinaus, sonst kehrt kein Frieden in unser Haus!»28 Auf der Tribüne präsentierten sich die führenden Zürcher Radikal-Liberalen wie Jonas Furrer und Oberst Heinrich Weiss; daneben war auch der Luzerner Politiker und Publizist Jakob Robert Steiger anwesend, einer der Anführer des Freischarenzuges vom Dezember 1844. Und neben diesen altgedienten Politikern sass Alfred Escher, noch nicht einmal 26jährig und kurz zuvor in den Grossen Rat gewählt. Furrer und seine Freunde präsentierten mit Escher einen neuen Stern am Zürcher Polithimmel. Dies machte ihn bei Freund und Feind schlagartig bekannt. Die Versammlung von Unterstrass war der Auftakt zu Eschers gnadenlosem propagandistischem Feldzug gegen die Jesuiten; er wurde zusehends zum «Propagandaminister» der Antijesuitenbewegung in der Ostschweiz.29

19 Unterstrass war ein durchschlagender Erfolg, wie Johann Friedrich Peyer im Hof aus Schaffhausen begeistert an Escher schrieb: «Sie haben einen schönen Tag gefeiert! [...] wer den Jubel hörte, als immerneue, immer größere Züge sich nahten, wer dann einzelne Stimmen, die hie und da aus gepreßter Brust sich Luft machten, beachten wollte, und endlich die wirklich imposante Zahl übersah, wie sie in lautloser Stille die Tribüne umgab, nur hie und da in lauten Beifall ausbrechend, sonst aber – ich möchte sagen andächtig, jedes Wort der Redner auffassend, kurz, wer nur sehen und hören wollte, dem wird es Niemand aus dem Herzen wegdemonstriren können, daß der 26te Januar ein Ehrentag für den Kanton Zürich, ein Freudentag für die liberale Schweiz gewesen ist!»30

20Beim Zürcher Grossen Rat wurde in der Folge eine mit 34 000 Unterschriften versehene Petition eingereicht, in der die Ausweisung der Jesuiten aus der gesamten Eidgenossenschaft gefordert wurde.31 Die kurz nach der Volksversammlung von Unterstrass abgehaltene Grossratssitzung war für Escher von besonderer Bedeutung. An diesem 5. Februar 1845 ergriff er zum ersten Mal das Wort. In seiner Jungfernrede führte Escher schweres Geschütz gegen die Jesuiten auf. Er geisselte mit bissigen Voten die Gefährlichkeit des Ordens und stellte die Intoleranz der Gesellschaft anhand ihrer Geschichte dar. Er kam zum Schluss, dass der Kampf mit Bitten und geistigen Waffen nicht gewonnen werden könne.32 Damit befürwortete Escher die Anwendung von Gewalt als Ultima Ratio, nicht aber bewaffnete Haufen von Freischärlern. Eine allfällige gewaltsame Intervention zur Ausweisung der Jesuiten, so Eschers Ansicht, bedurfte einer Legitimation durch die Tagsatzung. Diese müsste zuerst die Ausweisung beschliessen; darauf würde «noch eine gute Spanne Zeit» folgen, «in welcher viele Mittel zu friedlicher Lösung sich vielleicht darbieten werden. Wird kein Beschluß gefaßt, so ist das aufgeregte Nationalgefühl kaum zurückzuhalten.»33 Im Grunde plädierte Escher also dafür, dass die Tagsatzung die Jesuitenausweisung vorantreiben müsse, damit sich «das aufgeregte Nationalgefühl» nicht wieder in Freischarenzügen entlade; eine Befürchtung, die sich bewahrheiten sollte.

21Im radikal-liberalen Lager waren jedoch auch Stimmen zu vernehmen, die nicht den trägen Gang durch die Institutionen abwarten wollten, um die Ausweisung der Jesuiten herbeizuführen. So polemisierte etwa der radikale Staatstheoretiker Ludwig Snell, dass den «Buchstabenmenschen» wie Jonas Furrer «die Jesuiten das Haus über dem Kopf anstecken können, ohne daß sie sich wehren».34 Sogar ein mit Escher befreundeter reformierter Pfarrer wollte nicht davor zurückschrecken, zur Waffe zu greifen: «Ein Ende muß doch gesetzt werden dem Luzernerregim[en]t & die Jesuiten müssen doch fort! Das ist meine feste Ueberzeugung & wohl würde ich mich nicht scheuen wenn es sein sollte als ein ächter Zofinger mit Dir gegen sie ins Feld zu ziehen.»35 Dieser martialische Ton bildete aber im Umfeld Eschers eine Ausnahme. Vielmehr verhielt es sich so, dass Johann Jakob Blumer und Eschers Pariser Weggefährte Johannes Honegger sich dezidiert gegen jede Waffengewalt aussprachen, die nicht von der Tagsatzung legitimiert war.36

22Die Frage der Legitimation gewaltsamer Mittel widerspiegelt sich in der Korrespondenz von und an Escher. Honegger hinterfragte zuweilen die Position Eschers, wie etwa in einem Brief vom Juli 1845: «Der gesunde Menschenverstand gebiete die Generalaustreibung der Jesuiten aus der Schw[ei]z. Mag sein! Damit ist noch nicht gesagt, daß der Bundesvertrag es erlaube.» Es offenbaren sich in den Diskursen die Bedenken gegen gewaltsame Umstürze, Gedanken zu gesetzlichen und ungesetzlichen Mitteln, aber auch partielles Liebäugeln mit einer schnellen – sprich gewaltsamen – Lösung des Jesuitenproblems; alles Fragen, die im radikal-liberalen Lager immer wieder für Unstimmigkeiten sorgten.

23Die in Zürich versammelte ausserordentliche Tagsatzung gelangte während ihrer ersten Session (24. Februar bis 20. März 1845) zu keiner Entscheidung in der Jesuitenfrage. Die Tagsatzung war unfähig, die drängenden Probleme der Eidgenossenschaft zu lösen. Wie bereits beim ersten Freischarenzug sahen sich einige Radikal-Liberale erneut dazu veranlasst, die Sache selber in die Hand zu nehmen. Der zweite Freischarenzug vom 31. März und 1. April 1845 war besser organisiert, da durch den Berner Grossrat Oberst Ulrich Ochsenbein eine Angriffsstrategie ausgearbeitet worden war. Man wollte ein Desaster wie beim ersten Freischarenzug vermeiden und nun koordiniert zu Werke gehen. Trotzdem war den etwa 3500 Freischärlern im Frühjahr 1845 dasselbe Schicksal beschieden wie den 1000 Umstürzlern im Dezember 1844. Wieder wurden die Freischaren zurückgeschlagen, über 100 von ihnen kamen dabei ums Leben, und ungefähr 2000 Teilnehmer wurden festgenommen. Groteskerweise wurde ein Grossteil der Gefangenen in der Luzerner Jesuitenkirche inhaftiert.37

24Das Eintreffen der ersten zwei Jesuiten in Luzern im Juni 1845 ging ohne grosses Aufsehen vor sich. Das Beharren Luzerns auf der Jesuitenberufung kann als taktisch und politisch unklug bezeichnet werden; aus rechtlicher Warte liess sich nichts dagegen einwenden. Die Katholisch-Konservativen waren nicht mehr länger bereit, die willkürliche Rechtsauslegung der Radikal-Liberalen hinzunehmen: Die Aargauer Klosteraufhebung – ein mit dem Bundesvertrag unvereinbarer Akt – sollte ungesühnt bleiben, während einem souveränen Kanton das Recht auf Selbstbestimmung verwehrt wurde. Leu meinte zu seinem Festhalten an der Jesuitenberufung: «Concessionen helfen nichts gegen die Radikalen. Sie werden durch jede Concession nur unverschämter.»38 Für die konservativen Kräfte wirkte sich nachteilig aus, dass sich in den eigenen Reihen eine Kluft aufgetan hatte. Die Jesuitenberufung nach Luzern war ein denkbar ungeeignetes Mittel, um den überkonfessionellen Zusammenhalt im konservativen Lager zu erhalten. Die reformiert-konservativen Kräfte mussten sich distanzieren, was zu einer zunehmenden Isolation der Katholisch-Konservativen führte. Deren Zusammenschluss zu einem Sonderbund sollte die Isolation noch verschärfen.

Sonderbund (1845–1847)

25Das Verteidigungsbündnis der sechs Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Zug, Freiburg, Wallis und der beiden Halbkantone Ob- und Nidwalden, das sich im Dezember 1845 formierte, wird gemeinhin als Sonderbund bezeichnet. Geprägt wurde dieser Begriff von den radikal-liberalen Gegnern des Zusammenschlusses, war doch ihr propagandistisches Ziel, den Aspekt der Absonderung hervorzuheben und somit den offensiven Charakter zu betonen. Im zeitgenössischen Umfeld gab es keine einheitliche Bezeichnung für das Bündnis; namentlich die katholisch-konservativen Meinungsmacher sprachen von einer «Schutzvereinigung», um die defensive Haltung gegenüber der radikal-liberalen Bedrohung zu unterstreichen. Die Bezeichnung «Sonderbund» bürgerte sich jedoch zunehmend parteiübergreifend ein.39

26Die Entstehung und die Absichten des Sonderbunds sind nur in Verbindung mit der Aargauer Klosterauflösung zu verstehen. Nach dem Entscheid der Tagsatzung vom Sommer 1843, den Aufhebungsbeschluss der Aargauer Männerklöster zu stützen, ging die Luzerner Regierung daran, die konservativen Stände – unabhängig von ihrer Konfession – gegen diesen Bundesvertragsbruch zu sammeln. Sie lud alle Kantone, die nicht für die Bestätigung der Klosteraufhebung gestimmt hatten, zu einer Konferenz ein. Dabei handelte es sich um die katholischen Kantone Freiburg, Luzern, Unterwalden, Schwyz, Uri, Wallis, Zug und den Halbkanton Appenzell Innerrhoden sowie die reformierten Stände Basel-Landschaft/Basel-Stadt und Neuenburg.40 Zum Treffen vom 13. und 14. September 1843 in Luzern erschienen dann aber nur Abgeordnete der katholischen Stände Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug und Freiburg. Ziel der Konferenz war es, das Verhältnis zu den bundesbrüchigen Kantonen zu überdenken und eine Strategie für den Umgang mit der Aargauer Klosteraufhebung auszuhandeln.

27Der Luzerner Politiker Konstantin Siegwart-Müller ging auf Konfrontationskurs. Er schlug den Konferenzteilnehmern vor, dass sich die katholisch-konservativen Stände von der übrigen Eidgenossenschaft trennen sollten. Für Siegwart-Müller war der Bund hinfällig geworden. Zudem sollten Truppen zur allfälligen Verteidigung aufgeboten und die benachbarten Monarchien um militärische Unterstützung angegangen werden. Die Abspaltungspläne Siegwart-Müllers gingen der Mehrheit der Konferenzteilnehmer zu weit. Man war sich zwar einig, dass die Missachtung des Bundesvertrags nicht hingenommen werden durfte; doch ahnten die Vertreter der katholisch-konservativen Kantone, dass Siegwart-Müllers Weg in einem gewaltsamen Konflikt gipfeln würde.

28Man einigte sich lediglich auf ein Manifest, das am 21. Februar 1844 an sämtliche eidgenössischen Stände versandt wurde. Dieses enthielt weder Hinweise auf eine Separation von den übrigen Ständen, noch waren militärische Aktionen ein Thema. Vielmehr stellte es einen Versuch dar, den Bundesvertrag und damit die alte Ordnung zu retten: «Denn sollte es wirklich wahr sein, daß zwölf Stände befugt wären, Bundesartikel aufzuheben, so hätte der Bundesvertrag aufgehört, ein Vertrag zwischen zwei und zwanzig souveränen Ständen zu sein [...]. Die Kantonalsouveränität wäre damit vernichtet. Während der Bund von 1815 einzig durch die Uebereinstimmung von zwei und zwanzig Kantonen zu Stande gekommen wäre, würde er abgeändert oder aufgehoben durch eine bloße Mehrheit von Ständen. Vor solchen Folgen, getreue liebe Eidgenossen, warnen wir.»41

29Das Manifest vom Februar 1844 verhallte wirkungslos. Die Kluft zwischen konservativen und radikal-liberalen Kräften wurde durch die Jesuitenberufung und die Freischarenzüge nur noch grösser. Ein geradezu traumatisches Erlebnis für die Katholisch-Konservativen und gleichzeitig ein ausschlaggebendes Ereignis für die Bildung des Sonderbunds war die Ermordung des Luzerner Regierungsrats Joseph Leu von Ebersol . Leu wurde in der Nacht vom 19. auf den 20. Juli 1845 in seinem Bett erschossen. Der Täter, Jakob Müller von Stechenrain (Gemeinde Littau LU), war ein ehemaliger Freischärler; der Mord war mit radikal-liberalen Exponenten abgesprochen worden. Die Symbolfigur der konservativen Luzerner war kaltblütig ermordet worden, und die Stimmen, die hinter dieser Tat eine radikal-liberale Verschwörung erkannten, verstummten nicht.42 In ihren Augen war das Mass endgültig voll.

30In geheimen Verhandlungen fanden die katholisch-konservativen Gesandten am Rande der Tagsatzung vom Sommer 1845 zusammen. Erste Pläne für ein Schutzbündnis wurden entworfen, um sich im Falle neuer Freischareneinfälle oder gar eines Bürgerkriegs der gegenseitigen Unterstützung zu versichern. Vom 9. bis 11. Dezember 1845 versammelten sich Vertreter der Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Freiburg und Wallis in Luzern, um sich in einer festen Struktur zu organisieren. Mit der Unterzeichnung eines Abkommens war der Sonderbund geboren. Dieses umfasste fünf Punkte. Artikel 1 lautete: «Die Kantone Lucern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Freiburg, Wallis verpflichten sich, so wie einer oder mehrere aus ihnen angegriffen würden, zur Wahrung ihrer Souveränitäts- und Territorialrechte den Angriff gemäß dem Bundesvertrag vom 7. August 1815, sowie gemäß den alten Bünden, gemeinschaftlich mit allen zu Gebote stehenden Mitteln abzuwehren.»43 Die weiteren Punkte regelten das Truppenaufgebot und die Organisation in einem Angriffs- oder Kriegsfall.

31Von radikal-liberaler Seite blieb eine Reaktion auf die in Luzern getroffenen Vereinbarungen vorerst aus. Sei es, weil die Verhandlungen im geheimen Rahmen stattfanden, sei es, weil die Radikal-Liberalen der Sache zu wenig Bedeutung beimassen. Erst durch die Thematisierung des Bündnisses im Freiburger Grossen Rat im Juni 1846 – ein halbes Jahr nach der Konstituierung des Sonderbunds – drangen die Bestimmungen nach aussen. Sofort brach in radikal-liberalen Kreisen ein Sturm der Entrüstung los, und es entbrannte eine Debatte über die Vereinbarkeit des Sonderbunds mit dem Bundesvertrag. Die Radikal-Liberalen stellten sich auf den Standpunkt, dass diese Vereinigung Bundesrecht widerspreche, besagte doch Artikel 6 des Bundesvertrages: «Es sollen unter den einzelnen Kantonen keine dem allgemeinen Bund oder den Rechten anderer Kantone nachtheilige Verbindungen geschlossen werden.»44 Die Mitglieder des Sonderbunds betrachteten ihre Vereinigung jedoch als defensives Schutzbündnis und akzeptierten nicht, dass dieses im Widerspruch zu Artikel 6 des Bundesvertrages stehen sollte. Der damalige Vorort Zürich war bestrebt, die Causa Sonderbund an der Tagsatzung vom Sommer 1846 zu traktandieren, und verlangte, dass die Stände sich mit entsprechenden Instruktionen darauf vorbereiten sollten. So kam es, dass an der Tagsatzung von mehreren radikal-liberalen Gesandten der Antrag eingebracht wurde, dass der Sonderbund als bundesrechtswidrig aufgelöst werden sollte. Nach kontroversen Verhandlungen konnten jedoch nur zehn und zwei halbe Stände für diesen Auflösungsversuch gewonnen werden; die erforderlichen zwölf Stimmen fanden sich nicht.45

32Escher brachte die Sonderbundsproblematik in seinem Votum im Zürcher Grossrat vom 24. Juni 1846 auf den Punkt. Erstens war er der Ansicht, dass das Separatbündnis Bundesrecht verletze. Zweitens – und das schien ihm das Wesentliche – bedrohe der Sonderbund die Einheit der Eidgenossenschaft: «Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß die zu dem Sonderbund vereinigten Kantone die Schweiz in zwei Theile aus einander reißen und sich bei dem Auslande als die wahre Eidgenossenschaft darstellen möchten. [...] Ich halte nun dafür, der sich ansetzende Krebs müsse so bald als möglich ausgerottet werden, man müsse dem Risse, der sich in der Eidgenossenschaft zu öffnen droht, von Anfang an steuern, damit er nicht zu einem Abgrunde werde, in dem die Eidgenossenschaft zuletzt untergehen dürfte.»46

33Für die Radikal-Liberalen war zudem die internationale Dimension des Konflikts besorgniserregend. Es war kein Geheimnis, dass die europäischen Monarchien die radikal-liberalen Umwälzungen und Vorkommnisse wie die Klosteraufhebung missbilligten. Gerüchte über die Verbündung der Katholisch-Konservativen mit ausländischen Mächten machten die Runde. So schrieb Blumer bereits im August 1845 – also noch vor der Konstituierung des Sonderbunds – an Escher: «Der Erzähler, der gegenwärtig auch der Diplomatie angehört, erzählt viel von ernstlichen Bestrebungen einer gewissen Parthei, fremde Intervention herbeizuführen; was ist wohl nach deiner Ansicht Wahres daran?» Und auch der Zürcher Regierungsrat und Tagsatzungsgesandte Johann Jakob Rüttimann machte seiner Besorgnis über eine mögliche ausländische Intervention im Vorfeld des Sonderbundskrieges Luft: «Die Meinung, daß Frankreich der Schweiz gegenüber unter Umständen eine sehr drohende Haltung annehmen dürfte, scheint immer mehr Boden zu gewinnen. Das gegenwärtige Schweigen der Diplomatie gleicht so ziemlich der Stille vor dem Sturm.» 47

34Die Sorge um den Fortbestand der Eidgenossenschaft war in Eschers Umfeld allgegenwärtig. Im Sommer 1846 war es den Radikal-Liberalen nicht gelungen, eine Tagsatzungsmehrheit für die Auflösung des Sonderbunds zu mobilisieren. Um so mehr strebten sie danach, dieses Ansinnen an der Tagsatzung von 1847 zu verwirklichen. Zwei politische Ereignisse nährten ihre Hoffnungen. Zum einen gelang es den Radikalen um James Fazy in Genf im Oktober 1846, die dortige konservative Regierung zu stürzen.48 Zum anderen konnten die Radikal-Liberalen in St. Gallen am 2. Mai 1847 die Grossratswahlen knapp für sich entscheiden.49 Mit der Änderung der Verhältnisse in diesen beiden Kantonen schien die radikal-liberale Mehrheit in der Tagsatzung gesichert. Und tatsächlich stimmten in den Tagsatzungsverhandlungen vom 20. Juli 1847 zwölf ganze und zwei Halbkantone für die Auflösung des Sonderbunds.50 Damit eskalierte der Konflikt vollends, denn die katholisch-konservativen Stände weigerten sich, dem Tagsatzungsbeschluss Folge zu leisten. Die Tagsatzung musste sich erneut des Sonderbunds annehmen, und dieses Mal ging es um nichts weniger als um die Entscheidung über Krieg oder Frieden. Denn die Stände hatten nun darüber zu entscheiden, ob der Widerstand mit Waffengewalt gebrochen werden sollte.

35Man stand an der Schwelle zum Bürgerkrieg, und im radikal-liberalen Lager wurden die Konsequenzen eines solchen Schrittes abgewogen. So schrieb Weiss an Escher: «Es kann nicht anders sein, auch bei Ihnen steigt gewiß mitunter der Gedanke auf, daß früher oder später, vielleicht gar bald unser großer Rath für Exekution wird instruiren müßen. Nur da muß man sich allerdings fragen, wie wird das Volk diesen Beschluß aufnehmen, welchen Effekt wird der Ruf zu den Waffen bei demselben machen?» Aufschluss über die Stimmungslage im Zürchervolk gibt ein Brief des Zürcher Arztes Johann Jacob Bühler, der zeigt, dass die radikal-liberale Bevölkerung fest entschlossen hinter einem Waffengang stand. Auch Blumer schrieb in seinen Lebenserinnerungen, dass viele nur zu gern bereit waren, mit «allen Kräften» gegen den Sonderbund vorzugehen: «Unter dem Eindrucke der auf diese Weise erlangten Gewissheit, dass die langjährigen Wirren in der Schweiz eine sichere, gesetzliche Lösung, wenn auch vielleicht nur unter Anwendung von Waffengewalt, finden werden, wurde unser Schützenfest im Juli [1847] in gehobener, ruhig entschlossener Stimmung gefeiert [...]; aber die Nachricht, dass die Tagsatzung den Sonderbund für unvereinbar mit dem Bundesvertrage erklärt u. daher grundsätzlich dessen Auflösung beschlossen habe, wurde allgemein mit Jubel begrüsst u. Jedermann erklärte sich bereit, für Vollziehung des Beschlusses mit allen Kräften einzustehen.»51

36Am Nachmittag des 21. Septembers 1847 hielt Escher vor dem Zürcher Grossen Rat eine lange Rede über die Problematik der Sonderbundsauflösung. Sein Hauptargument für einen Waffengang war, dass es «in Folge der Ohnmacht der Tagsatzung, ihre Beschlüsse zu vollziehen», zu einem «Zusammenstoß zwischen Volksmassen oder einzelnen Kantonen der liberalen Schweiz auf der einen und den Sonderbundskantonen auf der andern Seite» kommen könnte. In diesem Falle würde sich der Krieg – wie bei den beiden Freischarenzügen – verselbständigen. Er plädierte deshalb für eine geordnete Intervention der Tagsatzungstruppen, denn der Friede müsse «mit bewaffneter Hand aufrecht erhalten werden».52 Blumers Lebenserinnerungen verdeutlichen zudem, dass der offene Kampf gegen den Sonderbund von den Radikal-Liberalen als eine Art Entscheidungsschlacht wahrgenommen wurde, die nach langen, zermürbenden Scharmützeln nun endlich die «Partheikämpfe» beenden und den Weg für eine Bundesreform ebnen sollte: «Bezüglich des Sonderbundes hatte ich keinen Augenblick geschwankt: ich hielt ihn für unvereinbar mit dem Bundesvertrage, daher die Eidgenossenschaft zu dessen Auflösung berechtigt u. erschrak vor dem äussersten Mittel, um dieselbe in's Werk zu setzen, um so weniger als mir schon seit langem klar geworden, dass nur auf diesem Wege die langjährigen Wirren u. Partheikämpfe in der Schweiz ein Ende finden könne u. namentlich auch die von mir sehnlichst gewünschte Bundesrevision erst nach einem Waffenentscheide sich durchführen lasse.»53

37Als der St. Galler Grosse Rat am 14. Oktober 1847 als letzter der liberal-radikalen Kantone in die Auflösung des Sonderbunds durch die Tagsatzungstruppen einwilligte und eine Woche darauf Guillaume-Henri Dufour zum General ernannt wurde, war der Waffengang nicht mehr abzuwenden. Zu den ersten Gefechten kam es am 3. November 1847. Die Übermacht der Tagsatzungstruppen zeigte sich schnell, so dass der Widerstand der Katholisch-Konservativen bald gebrochen werden konnte und der Sonderbund schliesslich die Waffen strecken musste: Am 14. November 1847 kapitulierte Freiburg, am 24. November 1847 konnte Luzern besetzt werden. Als letzter Sonderbundskanton sprach Wallis am 29. November 1847 die Kapitulation aus, womit der Krieg sein Ende gefunden hatte. Knapp einen Monat hatten die Tagsatzungstruppen für die Auflösung des Sonderbunds benötigt. Etwa 100 Menschenleben hatte der Krieg gefordert, annähernd 450 Menschen wurden bei den Auseinandersetzungen verletzt.54

38Eine schwierige Aufgabe stand den Siegern noch bevor: Man musste, wie Jonas Furrer es ausdrückte, in den ehemaligen Sonderbundskantonen «die politische Gestaltung [...] besorgen».55 Zu diesem Zweck stellte die Tagsatzung die Sonderbundskantone unter Truppenbesatzung und entsandte Kommissäre. In Luzern übernahm diese Aufgabe unter anderem der Zürcher Regierungsrat Rudolf Bollier , der Escher über die Situation vor Ort auf dem laufenden hielt. Aufgabe der Kommissäre war es, für Ruhe und Ordnung zu sorgen; so die von der Obrigkeit erlassene Instruktion. Insgeheim gab die Tagsatzung jedoch den eigentlichen Schlachtplan mit auf den Weg: Es sollte dahingehend gewirkt werden, dass die konservativen Kräfte in den Kantonen geschwächt würden, so dass sich neue Regierungen und Parlamente mit radikal-liberaler Gesinnung bilden konnten.56

39Die Präsenz von Besatzungstruppen und Tagsatzungskommissären zeitigte Wirkung: Die Luzerner Grossratswahlen vom 11. Dezember 1847 fielen ganz zur Zufriedenheit der Radikal-Liberalen aus.57 Es sollte sich jedoch als schwierig erweisen, die unter dem Einfluss der Besatzungstruppen geschaffene künstliche Vormachtstellung der Radikal-Liberalen zu behaupten. Bollier machte seinen Zweifeln über das Gelingen dieses Unterfangens in einem Brief an Escher Luft: «Eine solche Zersplitterung der liberale[n] Kräfte, schon von Anfange an, macht den Ultramontanen leichtes Spiel – u sollte es so fortgehe[n], so würde es mich nicht wundern, wenn diese im K. Luzern bald wieder zur Herrrschaft gelang[en] würden.»

40Zur Stärkung der Radikal-Liberalen in den ehemaligen Sonderbundskantonen versuchten die eidgenössischen Kommissäre die Konservativen möglichst zu diskreditieren. Selbst Privathäuser der Sonderbundsführer wurden nach belastendem Material durchsucht. Bollier meldete Escher, dass er ein «schönes Aktenst[üc]k» von Siegwart-Müller gefunden habe, und meinte: «Die Protokolle liefern ziem[lich] viel.»58 Die Konservativen wurden nicht nur mit zwielichtigen Manövern aus den Machtpositionen gedrängt. Eine zusätzliche Schmach bedeuteten die Verhandlungen über die Verteilung der auf 5,5 Millionen Franken geschätzten Kriegskosten und die Landesverratsprozesse gegen die Sonderbundsführer.59 Während alles mögliche unternommen wurde, den Sonderbund zu verunglimpfen und die Kriegsschuld auf die Verlierer abzuwälzen, blieb eine objektive Auseinandersetzung mit der Schuldfrage weitgehend aus. Nur so ist es zu erklären, dass zahlreiche Ausschreitungen, Plünderungen und Verwüstungen seitens der Tagsatzungstruppen ungesühnt blieben. Die Konservativen hatten die monetäre und moralische Schuld ganz allein zu schultern.60

41 Bollier wusste aus Luzern zu berichten, dass in den Häusern einiger Sonderbundsführer durch die Soldaten «alles zertrümmert u geraubt» worden sei. Beispielhaft lässt sich das Leid, das der Bevölkerung zugefügt worden war, anhand der Luzerner Grenzgemeinde Ufhusen veranschaulichen. Dort wurde ein Verzeichnis des durch «Raub, Brandstiftung und Verheerung» erlittenen Schadens erstellt: Häuser wurden niedergebrannt, Kleider, Nahrungsmittel und Mobiliar gestohlen.61 Vor diesem Hintergrund versteht man den Aufruf des Zürcher Divisionskommandanten Paul Karl Eduard Ziegler, der im Divisionsbefehl vom 19. November 1847 seine Offiziere und Soldaten zur Mässigung mahnte: «Von Seite der eidgenössischen Truppen wird ein gemäßigtes, lobenswerthes Benehmen erwartet und gefordert. Menschliches Verfahren gegen die Einwohnerschaft wird sie auch weniger erbittern, wohl aber für uns gewinnen. Insbesondere sind die Geiseln, welche nöthigenfalls genommen werden, gut zu behandeln. Kirchen und religiöse Anstalten, z. B. Klöster, sollen in keiner Weise verletzt werden. Der Kampf ist kein religiöser, und gerade deshalb soll man Alles vermeiden, was den Anschein des Gegentheils gewinnen könnte [...]. Die Herren Offiziere und namentlich die Corps-Chefs stelle ich persönlich für Handhabung guter Zucht und Ordnung verantwortlich, und werde ohne Nachsicht alle Strenge eintreten lassen, da, wo den oben ausgesprochenen Grundsätzen entgegen gehandelt werden sollte.»62 Diesem Befehl wurde augenscheinlich nicht konsequent Folge geleistet.

42Den Radikal-Liberalen war es infolge ihres Sieges über die Katholisch-Konservativen gelungen, in den ehemaligen Sonderbundskantonen fortschrittliche Kräfte in den Parlamenten und Regierungen zu installieren. Die Revision des Bundesvertrags war beschlossene Sache, und auch die Jesuiten waren aus der Eidgenossenschaft verbannt worden.63 Die Radikal-Liberalen konnten mit dieser Entwicklung zufrieden sein. Doch wie stand es mit den Katholisch-Konservativen? Sie waren die grossen Verlierer und durch die Errichtung des neuen Bundesstaates vollends demoralisiert. Nicht nur hatten sie die Schmach der Niederlage zu tragen, sondern der 1848 gegründete Bundesstaat wurde zudem von Männern dominiert, die sich an den Freischarenzügen beteiligt hatten – etwa Bundesrat Ulrich Ochsenbein – oder die mit einem bewaffneten Regierungsumsturz an die Macht gelangt waren – wie der Waadtländer Bundesrat Henri Druey. Zum Nationalratspräsidenten wurde 1848 Jakob Robert Steiger gewählt, der drei Jahre zuvor aufgrund seiner Teilnahme an den Freischarenzügen in Luzern von der dortigen Regierung zum Tode verurteilt worden war. Darüber hinaus konnten sich die Katholisch-Konservativen mit der neuen Bundesverfassung, dem Werk der Sieger, nicht im geringsten identifizieren.64

43Die katholisch-konservativen Kräfte befanden sich im politischen Abseits und hatten keinen Zugang zu den Schalthebeln der Macht. Johann Jakob Rüttimann erkannte schon während der Nationalratswahlen von 1848, dass dies zum Problem werden könnte. Er verlieh seiner Besorgnis, die von weiten Kreisen der Radikal-Liberalen nicht geteilt wurde, in einem Brief an Escher Ausdruck: «Daß die Conservativen ganz ausgeschlossen werden sollen, gefällt mir je länger je weniger. Es scheint mir weder recht, noch billig, noch klug zu sein. Ich will indeß meine Meinung für mich behalten, da ich keinen Anklang finden dürfte.»

Kommentareinträge

1Zu Eschers Kuraufenthalt in Weissbad vgl. Alfred Escher an Jakob Escher, 1. August 1839.

2Zu Straussenhandel und Zürichputsch vgl. Uebel, 6. September 1839; Schulthess, Straussische Bewegung; Dändliker, Zürich III, S. 305–335; Jung, Aufbruch, S. 166–173; Largiadèr, Zürich, S. 144–152; Craig, Geld und Geist, S. 63–72; Flüeler/Flüeler-Grauwiler, Zürich III, S. 137–141; Zurlinden, Bilder Zürich I, S. 172–243; Dierauer, Eidgenossenschaft, S. 616–625; Die Hochschulmotion von Regierungsrat Bürgi: Alfred Eschers erstes öffentliches Hervortreten (1839), Zürichputsch: Der 6. September 1839.

3 Baumgartner, Schweiz II, S. 375.

4Zum Konflikt zwischen radikal-liberalen und konservativen Kräften vgl. die relevanten Ausführungen, in: Altermatt, Katholizismus; Stadler, Kulturkampf; Gruner, Parteien; Tanner, Recht; Jorio, Pakt; Jorio, Rückzug. – Vgl. Umwälzung der alten Ordnung, Fussnote 64.

5 Vgl. Fetscherin, Repertorium I, S. 432.

6Grossratsbeschluss Klosteraufhebung AG (vom 13. Januar 1841), zit. Siegwart-Müller, Kampf, S. 459.

7 Vgl. zum Aargauer Klosterstreit die relevanten Ausführungen, in: Staehelin, Aargau; Meier, Antiklerikalismus; Weber, Klostervermögen.

8 Bundesvertrag 1815, § 12.

9Zur rechtlichen Grundlage der Tagsatzung vgl. Bundesvertrag 1815, §§ 8, 9, 10.

10 Vgl. Fetscherin, Repertorium I, S. 813–877.

11Für die Bestätigung der Klosteraufhebung sprachen sich aus: Aargau, Appenzell Ausserrhoden, Bern, Genf, Glarus, Graubünden, St. Gallen, Schaffhausen, Solothurn, Thurgau, Tessin, Waadt, Zürich. Dagegen stimmten: Appenzell Innerrhoden, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Freiburg, Luzern, Neuenburg, Schwyz, Unterwalden, Uri, Wallis und Zug. Vgl. Fetscherin, Repertorium I, S. 853.

12 Vgl. Largiadèr, Zürich, S. 152–153.

13Zur rechtlichen Debatte über die Klosteraufhebung vgl. Staehelin, Aargau, S. 102; Weber, Klostervermögen, S. 168.

14 Brief Philipp Anton von Segesser an Eduard von Wattenwyl, 10. September 1843, zit. Conzemius, Briefwechsel von Segesser I, S. 160.

15 Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 1. Februar 1841

16Antrag Joseph Leus im Luzerner Grossen Rat (vom 20. November 1839), zit. Strobel, Jesuiten, S. 578.

17 Vgl. zur Jesuitenfrage die relevanten Ausführungen, in: Strobel, Jesuiten; Bossard-Borner, Spannungsfeld; Waldburger, Luzern; Dommann, Luzerner Jesuitenfrage.

18Der Luzerner Druckereibesitzer Aloys Räber-Leu (1796–1879) gewährt in seinen Lebenserinnerungen einen anschaulichen Einblick in die zunehmende Unzufriedenheit der vorwiegend konservativen Landbevölkerung mit der radikal-liberalen Regierung, die 1841 zum politischen Umschwung führte. Vgl. Räber, Pfaffenherrschaft, S. 110–128; Bossard-Borner, Spannungsfeld, S. 231–251.

19 Brief Bernhard Meyer an Johann Caspar Bluntschli, 18. Januar 1843, zit. Strobel, Jesuiten, S. 617.

20 Vgl. Fetscherin, Repertorium I, S. 432.

21Die Zürcher Regierung hatte angeordnet, Polizeisoldaten an der Grenze zum Kanton Aargau zu postieren, wodurch ein Zusammentreffen der Zürcher Freischärler mit den Aargauer Kollegen verhindert wurde. Vgl. Marchi, Freischarenzug, S. 117–118.

22Zu den Freischarenzügen gegen Luzern vgl. die relevanten Ausführungen, in: Leuthy, Freischaarenzug; Leuthy, Darstellung; Räber, Pfaffenherrschaft; Marchi, Freischarenzug; Bühlmann, Freischarenzug; Gass, Vorgeschichte; Holenstein, Ochsenbein.

23Die ersten Volksversammlungen gegen die Jesuitenberufung fanden am 15. Dezember 1844 in Fraubrunnen (BE) und in Zofingen (AG) statt. Vgl. Gass, Vorgeschichte, S. 210–241.

24 NZZ, 24. Januar 1845.

25 NZZ, 24. Januar 1845.

26 Schweizerischer Republikaner, 28. Januar 1845.

27Über die Teilnehmerzahl war man sich uneinig. Während die radikal-liberale Presse von über 30 000 Besuchern schrieb, ging man auf konservativer Seite von maximal 10 000 aus. Vgl. NZZ, 26. Januar 1845; Eidgenössische Zeitung, 27. Januar 1845; Schweizerischer Republikaner, 28. Januar 1845; Wochenzeitung, 28. Januar 1845; Der Landbote, 30. Januar 1845; Zürcherische Freitagszeitung, 31. Januar 1845.

28 Der Landbote, 30. Januar 1845.

29 Strobel, Jesuiten, S. 221.

30 Johann Friedrich Peyer im Hof an Alfred Escher, 1. Februar 1845.

31 Vgl. Vogel, Memorabilia Tigurina, S. 81.

32 Vgl. NZZ, 6. Februar 1845, 7. Februar 1845.

33 NZZ, 6. Februar 1845.

34 Brief Ludwig Snell an Johann Matthias Hungerbühler, 12. Dezember 1844 (KBSG Ms S 49 r).

35 Huldreich Weber an Alfred Escher, 26. Februar 1845.

36 Vgl. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 10. Februar 1845; Johannes Honegger an Alfred Escher, 24. März 1845; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 1. Mai 1845; Jung, Aufbruch, S. 184–186.

37 Vgl. Vogel, Memorabilia Tigurina, S. 86; Holenstein, Ochsenbein, S. 81–166; Marchi, Freischarenzug, S. 77; Bühlmann, Freischarenzug, S. 95, 111.

38 Bluntschli, Denkwürdiges I, S. 372. – Zum symbolischen Charakter der Jesuitenfrage für Luzern vgl. Bühlmann, Freischarenzug, S. 54–59.

39Zum Sonderbund vgl. die relevanten Ausführungen, in: Amiet, Kampf; Bonjour, Schicksal; Bucher, Sonderbund; Bossard-Borner, Spannungsfeld; Maissen, Sonderbund; Remak, Sonderbundskrieg; Heer/Binder, Sonderbund; Moos, Dimensionen.

40 Vgl. Fetscherin, Repertorium I, S. 853.

41Manifest der katholischen Stände (vom 7. Februar 1844), zit. Siegwart-Müller, Kampf, S. 608.

42Zur Ermordung Leus vgl. die relevanten Ausführungen, in: Siegwart-Müller, Leu; Räber, Pfaffenherrschaft; Bossard-Borner, Spannungsfeld; Strobel, Jesuiten.

43 Sonderbundsakte 1845, Art. 1.

44 Bundesvertrag 1815, § 6.

45Für den Antrag sprachen sich aus: Aargau, Bern, Appenzell Ausserrhoden, Basel-Landschaft, Glarus, Graubünden, Schaffhausen, Solothurn, Tessin, Thurgau, Waadt und Zürich. Der Stimme enthielten sich: Appenzell Innerrhoden, Basel-Stadt, Genf, Neuenburg und St. Gallen. Dagegen stimmten: Freiburg, Glarus, Luzern, Schwyz, Unterwalden, Uri und Zug. Vgl. Fetscherin, Repertorium I, S. 460–462.

46 NZZ, 30. Juni 1846.

47Zur internationalen Dimension des Sonderbundskonflikts vgl. Sutz, Frankreichs Politik; Eckinger, Palmerston; Gutknecht, Diplomatie.

48 Vgl. Kölz, Verfassungsgeschichte I, S. 517–542; Ruchon, Histoire I, S. 375–407; Ruchon, Histoire II, S. 9–50.

49 Vgl. NZZ, 4. Mai 1847; Dierauer, Politische Geschichte SG, S. 78-79.

50Für die Auflösung des Sonderbunds stimmten: Aargau, Appenzell Ausserrhoden, Basel-Landschaft, Bern, Genf, Glarus, Graubünden, St. Gallen, Schaffhausen, Solothurn, Thurgau, Tessin, Waadt und Zürich. Dagegen sprachen sich aus: Appenzell Innerrhoden, Basel-Stadt, Freiburg, Luzern, Neuenburg, Schwyz, Unterwalden, Uri, Wallis und Zug. Vgl. Fetscherin, Repertorium I, S. 462.

51 Blumer, Erinnerungen, S. 15(c)–15(d).

52 NZZ, 24. September 1847.

53 Blumer, Erinnerungen, S. 16(a)–16(b).

54Die Zahlen lassen sich nicht exakt eruieren. Bucher beruft sich auf die offiziellen Zahlen gemäss Tagsatzung und gibt 98 Tote und 493 Verletzte an; Biaudet geht von 104 Toten und 374 Verwundeten aus, während Dierauer mit dem Hinweis auf die Unzuverlässigkeit der Überlieferung 128 Tote und 435 Verwundete zählt. Vgl. Abschiede Tagsatzung 1848 II, Beilage lit. B 1; Bucher, Sonderbund, S. 518; Biaudet, Schweiz, S. 967; Dierauer, Eidgenossenschaft, S. 748.

55 Brief Jonas Furrer an Friederike Furrer-Sulzer, 5. November 1847 (WinBib Ms).

56 Vgl. Bucher, Sonderbund, S. 455–456.

57 Vgl. Rudolf Bollier an Alfred Escher, 11. Dezember 1847. – Zum Vorwurf der Wahlmanipulation vgl. Bossard-Borner, Spannungsfeld, S. 391–396; Bucher, Sonderbund, S. 470.

58 Rudolf Bollier an Alfred Escher, 11. Dezember 1847.

59Da es den ehemaligen Sonderbundskantonen nicht möglich war, die hohen Kriegskosten (ca. 5,5 Millionen Franken) zu begleichen, gelangten sie wiederholt mit Nachlassgesuchen an das eidgenössische Parlament. Dieses erliess im August 1852 die Restschulden (ca. 2,2 Millionen Franken). Zu den Kriegskosten vgl. Gutachten Nachlass Sonderbundskriegsschuld; Rudolf Bollier an Alfred Escher, 10. Januar 1848; Fetscherin, Repertorium I, S. 482–493; Bossard-Borner, Spannungsfeld, S. 387–388; Bucher, Sonderbund, S. 470–473. – Der Landesverratsprozess gegen die Mitglieder und Beamten des Sonderbunds-Kriegsrats wurde im Februar 1848 eingeleitet. Die Untersuchungen und Gerichtsverhandlungen zogen sich bis in die 1860er Jahre hin und führten immer wieder zu Spannungen zwischen Liberalen und Konservativen. Erst als Konstantin Siegwart-Müller – der Kopf des Sonderbunds – 1869 verstarb, wurde das Verfahren eingestellt. Zum Landesverratsprozess vgl. Fetscherin, Repertorium I, S. 501–503; Bossard-Borner, Spannungsfeld, S. 448–452.

60Zu den Kriegsverbrechen vgl. Steiner, Militärjustiz; Bossard-Borner, Spannungsfeld, S. 383–387; Moos, Hochland, S. 168–169.

61 Wüest, Ufhusen, S. 51–52.

62Divisionsbefehl Nr. 29 von Paul Karl Eduard Ziegler (vom 19. November 1847) (NL Kleiner).

63 Vgl. Fetscherin, Repertorium I, S. 386, 435–436.

64Zur Geschichte der katholisch-konservativen Bevölkerung in der Schweiz und zur Entwicklung des politischen Katholizismus vgl. die grundlegenden Arbeiten von Urs Altermatt und seiner Freiburger Schule, beispielsweise Altermatt, Ghetto; Altermatt, Katholizismus; Altermatt, Konfession; Altermatt, Conservatism; Altermatt/Metzger, Religion und Nation.

Kontexte