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Jung, Escher Briefe, Band 5, S. 385–386.

Chronologie der Savoyer Frage 1860

Claudia Aufdermauer, unter der Leitung von Prof. Dr. Joseph Jung

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6. Februar 1860 Jean-Henri Tillos, der französische Geschäftsträger in Bern, eröffnet dem Bundespräsidenten Friedrich Frey-Herosé, dass die Frage betreffend Angliederung Savoyens an Frankreich zwar noch nicht auf dem Tapet sei, Napoleon III. die Abtretung von Chablais und Faucigny an die Schweiz indes nicht verweigern würde. Eine ähnliche Aussage macht der französische Aussenminister Edouard Thouvenel am selben Tag gegenüber Johann Konrad Kern, dem Schweizer Gesandten in Paris.
1. März 1860 Napoleon III. macht in seiner Thronrede seine Absichten betreffend Angliederung Savoyens an Frankreich bekannt.
12. März 1860 Eine Delegation von Savoyern protestiert bei Napoleon III. gegen eine Zerstückelung Savoyens.
16. März 1860 Der Bundesrat beschliesst, alle Vorkehrungen betreffend Militärbereitschaft zu treffen. Zudem ersucht er Guillaume-Henri Dufour, sich inoffiziös und privatim nach Paris zu begeben und um eine Audienz bei Napoleon III. nachzusuchen.
19. März 1860 Der Bundesrat beschliesst eine Note an die Grossmächte, um gegen eine Angliederung Nordsavoyens an Frankreich zu protestieren.
23. März 1860 Der Bundesrat erfährt, dass die Mitglieder des Berner Grossen Rats der Savoyer Frage im Sinne der Selbsterhaltung der Schweiz grosse Bedeutung beimessen.
23. März 1860 Der Bundesrat beschliesst, die Bundesversammlung auf den 29. März 1860 zu einer ausserordentlichen Sitzung einzuberufen.
24. März 1860 Frankreich und Sardinien-Piemont unterzeichnen einen Zessionsvertrag. Dieser betrifft die Abtretung Savoyens und Nizzas an Frankreich. Als der Bundesrat drei Tage später von diesem Vertrag erfährt, beauftragt er die Schweizer Gesandten in Paris und Turin, gegen jede militärische oder zivile Besitznahme von Nordsavoyen zu protestieren.
25. März 1860 Eine vom Centralausschuss der radikalen Studentenverbindung Helvetia aufgebotene Versammlung in Bern fordert vom Bundesrat militärische Massnahmen.
25. März 1860 Der Bundesrat beschliesst in einer ausserordentlichen Nachtsitzung, Truppen zu Wiederholungskursen einzuberufen.
29. März 18604. April 1860 Alfred Escher nimmt an der ausserordentlichen Session des Nationalrats in Bern teil.
29. März 1860 Der Nationalrat wählt Escher zum Präsidenten der Kommission in der Savoyer Frage.
29./30. März 1860 Eine Gruppe um den Genfer Uhrmacher John Perrier kapert in Genf ein Schiff und geht in Nordsavoyen an Land, um dort einen proschweizerischen Aufstand zu unterstützen.
31. März 1860 Der Bundesrat beschliesst, die Ständeräte Arnold Otto Aepli (SG) und Emil Welti (AG) als Kommissäre nach Genf abzuordnen, um die Ereignisse rund um den «Savoyerzug» zu untersuchen.
1./2. April 1860 Als Berichterstatter der nationalrätlichen Kommission in der Savoyer Frage verhandelt Escher mit dem Bundesrat.
3. April 1860 Als Berichterstatter der nationalrätlichen Kommission in der Savoyer Frage empfiehlt Escher, dem Bundesrat die beantragte Vollmacht zu erteilen.
3./4. April 1860 Die Bundesversammlung erteilt dem Bundesrat die beantragte Vollmacht.
5. April 1860 Der Bundesrat beschliesst eine Note an die Grossmächte, um gegen jede militärische oder zivile Besitznahme Frankreichs von Savoyen zu protestieren. Der Status quo müsse bis zum Entscheid einer internationalen Konferenz beibehalten werden.
5. April 1860 Der Bundesrat ernennt Auguste De la Rive (GE), der seit März 1860 in offiziöser Weise in London wirkt, zum ausserordentlichen Schweizer Gesandten. Fünf Tage später beschliesst der Bundesrat, Nationalrat Edouard Dapples (WaadtVD) als ausserordentlichen Schweizer Gesandten nach Berlin abzuordnen. Insgesamt sind nun fünf Schweizer Gesandte im Ausland im Einsatz. Neben Dapples und De la Rive sind dies der im Februar 1860 ausserordentlich nach Turin gesandte Abraham Louis Tourte (GE), Johann Konrad Kern, der ordentliche Schweizer Gesandte in Paris, und Ludwig Eduard Steiger, der ständige Schweizer Geschäftsträger in Wien.
10. April 1860 Der Bundesrat beschliesst eine Note an die Grossmächte, um gegen die geplante Abstimmung in Nordsavoyen zu protestieren.
16.22. April 1860 Fünf vom Zürcher Ständerat Jakob Dubs verfasste Artikel erscheinen unter dem Titel «Die tiefern Differenzen in der Savoyerfrage» in der «Neuen Zürcher Zeitung». Sie führen zur Intensivierung des Schlagabtauschs in der Presse.
22./23. April 1860 Ein Plebiszit in Nordsavoyen schafft klare Verhältnisse: Mit einem Ja-Stimmen-Anteil von über 90% wird die Angliederung an Frankreich angenommen. Eine Angliederung an die Schweiz steht nicht zur Diskussion.
29. Mai 186010. Juni 1860 Das Parlament in Turin ratifiziert den Zessionsvertrag vom 24. März 1860.
12. Juni 1860 Der französische Senat ratifiziert den Zessionsvertrag vom 24. März 1860.
14. Juni 1860 Frankreich nimmt von Savoyen zivil und militärisch Besitz.
2.21. Juli 1860 Escher nimmt an der ordentlichen Session des Nationalrats in Bern teil.
10./12. Juli 1860 Escher spricht als Kommissionsberichterstatter im Nationalrat zur Savoyer Frage.
12./19. Juli 1860 Die Bundesversammlung erneuert die Vollmacht des Bundesrats.
20. Juli 1860 Der Bundesrat beschliesst, die Savoyer Frage vorerst ruhen zu lassen.