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Jung, Escher Briefe, Band 5, S. 383–384.

Chronologie des Neuenburger Konflikts 1856/57

Claudia Aufdermauer, unter der Leitung von Prof. Dr. Joseph Jung

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2.3. September 1856 Neuenburger Royalisten unter der Führung von Frédéric de Pourtalès-Steiger und Henri-Frédéric de Meuron-Terrisse bemächtigen sich des Schlosses Neuenburg und verhaften die Mehrheit der Regierungsmitglieder. Da Neuenburg seit 1815 zugleich Kanton der Eidgenossenschaft und Fürstentum des preussischen Königs ist, wird der Vorfall in beiden Ländern registriert.
3. September 1856 Der Bundesrat beschliesst in einer ausserordentlichen Sitzung, seine Mitglieder Constant Fornerod und Friedrich Frey-Herosé als Kommissäre nach Neuenburg abzuordnen. Zudem lädt er die Regierungen von Bern und Waadt dazu ein, ihre Bataillone unverzüglich einzuberufen, und beauftragt Oberst Emmanuel Bourgeois-Doxat mit dem Oberkommando dieser eidgenössischen Truppen.
4. September 1856 Noch bevor die eidgenössischen Truppen vor Ort sind, erobern Neuenburger Republikaner unter der Führung von Oberst Louis Denzler den Regierungssitz zurück. Der Aufstand fordert 8 Tote, 667 Personen werden verhaftet.
4. September 1856 Der Bundesrat beschliesst, gegen die royalistischen Anführer des Aufstands gerichtlich zu ermitteln, und betraut den eidgenössischen Untersuchungsrichter Charles Duplan-Veillon mit dieser Aufgabe.
30. September 1856 Im Namen Preussens spricht Jean Raymond Sigismond Alfred de Salignac-Fénelon, der französische Gesandte in Bern, gegenüber dem Bundespräsidenten Jakob Stämpfli den Wunsch auf baldige Freilassung der royalistischen Gefangenen aus. Ansonsten müsse die Schweiz damit rechnen, dass Preussen binnen kurzem 100 000 Mann mobilisiert haben werde. Stämpfli antwortet Salignac-Fénelon, dass die Schweiz dem Wunsch des französischen Kaisers nicht entsprechen könne. Erst am folgenden Tag informiert Stämpfli den Gesamtbundesrat über den französischen Vermittlungsvorschlag.
3. Oktober 1856 Der Bundesrat lässt der französischen und der englischen Gesandtschaft mitteilen, dass die royalistischen Gefangenen nur gegen vorgängigen Verzicht Preussens auf Neuenburg Amnestie erhalten würden.
24. Oktober 1856 Napoleon III. schreibt Guillaume-Henri Dufour einen Brief, in welchem er der Schweiz seine Vermittlung anbietet: Er sei bereit, Preussens Truppensendung Einhalt zu gebieten, wenn der Bundesrat das Schicksal Neuenburgs in seine Hände lege. Dufour informiert den Bundesrat über den Brief.
25. Oktober 1856 George John Robert Gordon, der englische Gesandte in Bern, erkundigt sich beim Bundesrat, ob dieser in die sofortige Freilassung der royalistischen Gefangenen einwillige, falls der preussische König unter der Bedingung, dass er den Titel eines Fürsten von Neuenburg und seinen Neuenburger Privatbesitz behalten dürfe, auf Neuenburg verzichten würde.
29. Oktober 1856 Der Bundesrat erklärt sich mit dem englischen Vermittlungsvorschlag grundsätzlich einverstanden. Gleichzeitig beauftragt er das Militärdepartement, die eidgenössische Armee in Bereitschaft zu stellen.
1. November 1856 Der Bundesrat beschliesst, Dufour nach Paris zu senden, um Napoleon III. zu verdeutlichen, wieso die Schweiz in eine sofortige Freilassung der royalistischen Gefangenen nicht einwilligen könne.
11./15. November 1856 Zwei Audienzen, die Napoleon III. Dufour gewährt, führen zu keiner Annäherung der französischen und der schweizerischen Position.
19. November 1856 Der französische Aussenminister Alexandre Walewski teilt Dufour und Joseph-Hyacinthe Barman, dem Schweizer Gesandten in Paris, mit, dass die Schweiz auf sich allein gestellt sei, da sie die Freilassung der Gefangenen verweigere. Frankreich werde sich einem militärischen Einschreiten Preussens nicht mehr widersetzen.
19. November 1856 Rudolf von Sydow, der preussische Gesandte in Bern, eröffnet dem Bundespräsidenten Stämpfli, dass der preussische König unter der Bedingung, dass der Bundesrat in eine vorgängige und bedingungslose Freilassung der royalistischen Gefangenen einwillige, geneigt sei, mit der Schweiz in Verhandlungen zu treten.
21. November 1856 Der Bundesrat beschliesst, auf das vom preussischen König zwei Tage zuvor gestellte Begehren nicht einzugehen.
10. Dezember 1856 Der Bundesrat erteilt Barman den Auftrag, Maximilian Friedrich Karl Franz von Hatzfeldt, den preussischen Gesandten in Paris, anzufragen, ob direkte Verhandlungen zwischen der Schweiz und Preussen eine friedliche Lösung des Neuenburger Konflikts herbeiführen könnten.
14. Dezember 1856 Barman teilt dem Bundesrat mit, dass Hatzfeld ihm auf seine Anfrage betreffend direkte preussisch-schweizerische Verhandlungen entgegnet habe, dass er keine diesbezüglichen Eröffnungen entgegenzunehmen befugt sei. Barman schliesst daraus, dass die diplomatischen Beziehungen Preussens mit der Schweiz entweder schon abgebrochen seien oder nächstens abgebrochen werden.
18. Dezember 1856 Sydow teilt dem Bundesrat mit, dass er angewiesen worden sei, die amtlichen Beziehungen zu den eidgenössischen Behörden abzubrechen und die preussische Gesandtschaft in Bern einzustellen. Der Bundesrat beschliesst, die Bundesversammlung auf den 27. Dezember 1856 zu einer ausserordentlichen Sitzung einzuberufen.
20. Dezember 1856 Der Bundesrat beschliesst, die 3. und die 5. Armeedivision in den aktiven Dienst einzuberufen.
27.30. Dezember 1856 Alfred Escher leitet als Nationalratspräsident die ausserordentliche Session des Nationalrats in Bern.
27. Dezember 1856 Der Nationalrat wählt Escher zum Nationalratspräsidenten und zum Präsidenten der Kommission betreffend Neuenburger Konflikt.
27. Dezember 1856 Der Bundesrat beschliesst, Bundesrat Jonas Furrer nach Süddeutschland zu Verhandlungen abzuordnen.
30. Dezember 1856 Als Berichterstatter der nationalrätlichen Kommission betreffend Neuenburger Konflikt empfiehlt Escher dem Nationalrat, dem Bundesrat den beantragten unbeschränkten finanziellen Kredit zu erteilen.
30. Dezember 1856 Die Bundesversammlung nimmt die bundesrätlichen Anträge einstimmig an. Dufour wird zum Oberbefehlshaber der schweizerischen Armee und Bundesrat Frey-Herosé zum Generalstabschef gewählt.
31. Dezember 1856 Der Bundesrat beschliesst, den Thurgauer Ständerat Johann Konrad Kern als ausserordentlichen Gesandten nach Paris abzuordnen. Sechs Tage später teilt Kern dem Bundesrat mit, dass die französische Regierung die wesentlichen Punkte seiner Instruktion angenommen habe. Infolgedessen beschliesst der Bundesrat, die nationalrätliche und die ständerätliche Kommission betreffend Neuenburger Konflikt auf den 13. Januar 1857 und die Bundesversammlung auf den 14. Januar 1857 zu einer ausserordentlichen Sitzung einzuberufen.
3. Januar 1857 Der Bundesrat erfährt, dass die Mobilisierung der preussischen Armee vom 2. Januar auf den 15. Januar 1857 verschoben wurde.
6. Januar 1857 Bundesrat Furrer erstattet dem Bundesrat mündlichen Bericht über seine diplomatische Mission in Frankfurt, Karlsruhe, Stuttgart und München.
12. Januar 1857 Kern erstattet dem Bundesrat mündlichen Bericht über Napoleons III. vertrauliche Mitteilungen.
14.16. Januar 1857 Escher leitet als Nationalratspräsident die ausserordentliche Session des Nationalrats in Bern.
14. Januar 1857 Kern informiert im Restaurant «Storchen» in Bern rund siebzig Parlamentarier über Napoleons III. vertrauliche Mitteilungen.
15. Januar 1857 Als Berichterstatter der nationalrätlichen Kommission betreffend Neuenburger Konflikt empfiehlt Escher, den bundesrätlichen Anträgen zuzustimmen. Diese sehen vor, den Prozess gegen die aufständischen Neuenburger Royalisten aufzuheben.
15./16. Januar 1857 Die Bundesversammlung nimmt die bundesrätlichen Anträge an. Infolgedessen werden die royalistischen Gefangenen in der Nacht vom 17. auf den 18. Januar 1857 bei Les Verrières über die Grenze gebracht. Vor Erledigung des Neuenburger Konflikts ist ihnen eine Rückkehr in die Schweiz nicht gestattet.
17. Januar 1857 Der Bundesrat teilt General Dufour den Bundesbeschluss mit und ordnet die Entlassung der bereits in aktivem Dienste stehenden Truppen und die Einstellung der Befestigungsarbeiten an. Fünf Tage später entlässt der General die Armee.
19. Januar 1857 Der Bundesrat ernennt Kern zum ausserordentlichen Gesandten und beauftragt ihn mit der Vertretung der Schweizer Interessen bei den Verhandlungen betreffend Neuenburger Konflikt.
5. März 185726. Mai 1857 Eine internationale Konferenz in Paris befasst sich mit dem Neuenburger Konflikt.
9.12. Juni 1857 Escher leitet als Nationalratspräsident die ausserordentliche Session des Nationalrats in Bern.
11. Juni 1857 Escher spricht im Nationalrat als Kommissionsberichterstatter zum Neuenburger Konflikt.
11./12. Juni 1857 Die Bundesversammlung ratifiziert den Pariser Vertrag vom 26. Mai 1857 betreffend Neuenburger Konflikt. Darin verzichtet der preussische König für sich und seine Nachfolger auf die Neuenburger Souveränitätsrechte. Die Schweiz muss die angefallenen Kosten übernehmen und zusätzlich allen an den September-Ereignissen von 1856 beteiligten Personen Amnestie erteilen.