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Jung, Escher Briefe, Band 6, S. 103–109.

Das Gotthardprojekt in der Korrespondenz zwischen Alfred Escher und Georg Stoll: 1863–1871

Lisa Bollinger, unter der Leitung von Prof. Dr. Joseph Jung

1Der Schaffhauser Georg Stoll gehörte im Rahmen des Gotthardprojekts zu den wichtigsten Mitarbeitern Alfred Eschers. Dementsprechend bedeutungsvoll ist die Korrespondenz, die im Kontext der langjährigen Zusammenarbeit zwischen Escher und Stoll entstanden ist. Obwohl Stoll auch nach der Gründung der Gotthardbahn-Gesellschaft im Jahre 1871 bis zur Vollendung des Baus im Jahre 1882 eine zentrale Rolle spielte und mit Escher korrespondierte, wird an dieser Stelle der Schriftverkehr während der Planungs- und Projektierungsphase (1863–1871) berücksichtigt. Die Korrespondenz zwischen Escher und Stoll befasst sich in diesem Zeitfenster mit verschiedenen inhaltlichen Aspekten wie den von Stoll geführten Unterredungen in den deutschen Staaten oder dem jeweiligen Stand der Subventions- und Konzessionsverhandlungen. Die Kommunikation erfolgte stets als Informationsaustausch und zeugt durch ihren nüchternen und sachlichen Ton von Scharfsinn und einer pointierten Sprache, mit welchen Escher und Stoll komplexe Sachverhalte treffend zu formulieren wussten. Die Art und Weise, wie die beiden miteinander kommunizierten, deutet darauf hin, dass Stoll bezüglich der konkreten Umsetzung seiner Aufgabe grossen Spielraum besass und von einem hohen Mass an Autonomie profitierte – was damit zusammenhängt, dass Escher in ihm einen loyalen und kompetenten Mitarbeiter und Vertrauten gefunden hatte. Nicht zuletzt dokumentiert die Korrespondenz nämlich, wie sich das anfänglich formelle Verhältnis zwischen Escher und Stoll im Verlaufe der Jahre zu einer persönlichen Freundschaft entwickelte. Kennengelernt hatten sich die beiden in den 1850er Jahren, als Stoll nach der Ausübung verschiedener Ämter im öffentlichen Dienst das Sekretariat der geplanten Zürich-Bodensee-Bahn übernahm, an deren Spitze Escher stand. Als Direktionspräsident der Schweizerischen Nordostbahn gelang es Escher im Jahre 1858, Stoll als Direktor des kommerziellen Dienstes zu gewinnen. 1 Als enger Vertrauter Eschers war Stoll es denn auch, den Escher kurz vor seinem Tod herbeirufen liess und welchem er letzte geschäftspolitische Instruktionen erteilte.2

2In bezug auf das Gotthardprojekt fungierte Stoll als Finanzexperte und beriet Escher in kaufmännischen und ökonomischen Fragen. Zusammen mit dem Zürcher Ingenieur Gottlieb Koller und dem Basler Unternehmer Wilhelm Schmidlin verfasste er mehrere Gutachten.3 Die Gotthardvereinigung beauftragte Stoll ausserdem damit, die deutschen Staaten vom Gotthardprojekt zu überzeugen und deren finanzielle Unterstützung zu erwirken. Sie ernannte ihn deshalb zum Delegierten für die deutschen Staaten.4 Gleichzeitig war Stoll für die Gewinnung deutscher Investoren für das internationale Finanzkonsortium verantwortlich, das durch die Investition von Privatkapital einen wichtigen Beitrag zur Finanzierung des Gotthardprojekts leisten sollte.5

3Die Anzahl Briefe und Telegramme zwischen den beiden Korrespondenten beläuft sich in den Jahren zwischen 1863 und 1871 auf rund 91 Schriftstücke, von denen sich 74 auf das Gotthardprojekt und 19 ausschliesslich auf die Geschäfte der Schweizerischen Nordostbahn und andere Eisenbahnprojekte beziehen. Die Korrespondenz in bezug auf das Gotthardprojekt besteht aus verhältnismässig wenigen Briefen (15) im Unterschied zur Anzahl Telegramme (59). Wurden die meisten Briefe (12) in den Jahren 1864, 1865 und 1869 geschrieben, fällt bei den Telegrammen die hohe Dichte im Frühjahr 1866 und im Frühling bis Herbst 1869 auf. Dass die Telegramme (21) des Jahres 1866 ausschliesslich in den Monaten Januar bis März versandt wurden, weist darauf hin, dass die Gotthardvereinigung in den deutschen Staaten hauptsächlich vor dem Beginn des Preussisch-Österreichischen Krieges im Juni 1866 aktiv war. Das Ende des Krieges im Oktober 1866 bildete für die Gotthardvereinigung zwar erneut eine günstige Ausgangslage. Andererseits aber wurden durch den Krieg auch die bereits laufenden Verhandlungen mit der Gotthardvereinigung unterbrochen und erst im Sommer 1867 wieder aufgenommen. Die grosse Anzahl Telegramme (30) im Jahr 1869 erklärt sich schliesslich daraus, dass Stoll damals darauf hinarbeitete, für die Gotthardvereinigung ein internationales Finanzkonsortium aufzustellen, und deswegen in engem Kontakt mit deutschen Investoren stand. Ausserdem machten es die Verhandlungen der im Herbst 1869 stattfindenden internationalen Gotthardkonferenz zur Festlegung der Subventionsleistungen erforderlich, dass Escher und Stoll laufend miteinander kommunizierten, um sich über die Ergebnisse der Sitzungen austauschen zu können.

Verhandlungen und Missionen

4Die ersten das Gotthardprojekt betreffenden Briefe der Korrespondenz zwischen Escher und Stoll handeln von den nach der Gründung der Gotthardvereinigung von derselben in Auftrag gegebenen technischen Expertisen.6 Die beiden Ingenieure August von Beckh und Robert Gerwig erstellten die Hauptstudie, welche sich mit der technischen Realisierung und verschiedenen Varianten der Streckenführung der zukünftigen Gotthardbahn befasste.7 Das Gutachten von Beckhs und Gerwigs sollte ausserdem auf die 1861/62 erstelle Studie von Kaspar Wetli verweisen, die in bezug auf den Verlauf der Strecke eine zusätzliche Möglichkeit beinhaltete. Das Problem bestand nun darin, dass der Versand des Gutachtens verzögert zu werden drohte, weil Wetli kurz vor dessen Fertigstellung eine überarbeitete und neu angepasste Version seiner Studie ins Gutachten integrieren wollte. Escher versuchte deshalb, Wetli davon zu überzeugen, entweder dem Gotthardausschuss eine übersichtliche Beschreibung seines Projekts zu liefern – um diese ins technische Gutachten aufnehmen zu können – oder andererseits dem Vorschlag zuzustimmen, dass von Beckh in seiner Hauptstudie die Variante Wetlis erwähne und einzeichne. Weil sich Wetli daraufhin in der «bekannten Weise [...] zurück[gezogen habe] & verstummt[e] [sei]», wies Escher Stoll an, mit Wetli den Kontakt zu suchen und «den Faden der Ariadne aus diesem Labyrinthe zu finden».8 So berichtete denn auch Stoll bereits einen Tag später, dass er zusammen mit Josef Zingg den Auftrag soweit erfüllt und sich Wetli dahingehend geäussert habe, sein Projekt schnellstmöglich beenden und den Druck des Gutachtens nicht verzögern zu wollen. Stoll, der hinsichtlich der Zuverlässigkeit Wetlis aber grosse Zweifel hegte, sehe deshalb keine andere Möglichkeit, als dass man die Studie Wetlis je nach Umstand dann als Anhang des Gutachtens oder in eigenständiger Auflage publiziere – womit das Thema erledigt war.9

5Ein zentraler Gegenstand des schriftlichen Austausches zwischen Escher und Stoll stellte das Lobbying der Gotthardvereinigung in den deutschen Staaten dar. Im Herbst 1865 reiste Escher zusammen mit dem Basler Nationalrat Johann Jakob Stehlin und Stoll nach Baden-Baden , wo sie beim badischen Aussenminister Franz von Roggenbach sowie beim preussischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck vorsprechen konnten. Letzterer riet den Vertretern der Gotthardvereinigung dazu, sich im Rheinland um die Unterstützung einflussreicher Persönlichkeiten der Handels- und Industriekreise zu bemühen. Nachdem mit Bismarck ausgemacht worden war, dass Stoll diese Aufgabe übernehme, reiste letzterer in die deutschen Staaten und warb bei verschiedenen Akteuren für das Gotthardprojekt.10 Im Februar 1866 wurden Stoll und Schmidlin – der im Frühjahr 1866 als Mitglied des Ausschusses zusammen mit Stoll die Gotthardvereinigung in Berlin vertrat – erneut von Bismarck empfangen. Der preussische Ministerpräsident empfahl den beiden, mit den leitenden Staatsmännern des Herzogtums Nassau, der Freien Stadt Frankfurt und des Grossherzogtums Hessen Kontakt aufzunehmen. Stoll und Schmidlin sprachen anschliessend gemeinsam beim Fürsten August Ludwig von Sayn-Wittgenstein-Berleburg in Wiesbaden vor. Den Bürgermeister Karl Konstanz Viktor Fellner in Frankfurt und den Freiherrn Reinhard zu Lichtenfels von Dalwigk in Darmstadt suchte Stoll nach der Abreise Schmidlins danach alleine auf.11 Stoll erstattete Escher im Verlaufe seiner Unterredungen systematisch und regelmässig Bericht und informierte diesen über das weitere Vorgehen. Die Korrespondenz zwischen Escher und Stoll aus den Jahren 1865 und 1866 befasst sich deswegen hauptsächlich mit dem jeweiligen Stand der von Stoll geführten Verhandlungen in den deutschen Staaten. Dies war insofern wichtig, als sowohl Stoll für die von ihm unternommenen Aktivitäten in den deutschen Staaten als auch Escher für die Koordination zwischen den Delegierten auf den gegenseitigen Informationsaustausch angewiesen waren. So schrieb beispielsweise Escher an Stoll: «Herr v. Roggenbach hat mir noch nicht geschrieben. Es wäre mir sehr erwünscht, wenn Sie die Güte haben wollten, auf dem Wege nach Darmstadt bei Hrn. v. R. vorzusprechen & ihn zu ersuchen, in Berlin das ihm nach Lage der Umstände & Verhältnisse nothwendige vorzukehren, sowie, wie ich es in meinem letzten Briefe an ihn angeregt, auf ein vereintes Handeln des Nordens der Alpen [...] hinzuwirken.»12 Es zeigt sich also, dass Stoll von Escher nicht nur über die aktuelle Lage in Kenntnis gesetzt wurde, sondern in bestimmten Fällen konkrete Instruktionen erhielt. Andere Briefe dokumentieren wiederum, dass Escher Stoll freie Hand liess und bemüht war, diesem seine Aufgabe zu erleichtern, indem er möglichst günstige Umstände zu schaffen und Stolls persönliche Anliegen zu berücksichtigen versuchte. Auf die Frage, ob Stoll den Berner Politiker Karl Wilhelm von Graffenried an seiner Seite in Berlin wünsche, antwortete ersterer sodann, dass er und Schmidlin die Mitwirkung Graffenrieds für wünschbar hielten, aber noch nicht einschätzen könnten, inwiefern diese eine Notwendigkeit sei.13 Stoll überliess es in diesem Falle Escher, die letzte Entscheidung zu treffen.

6Ein Grossteil der Telegramme aus dem Jahr 1866 wurde von den beiden Korrespondenten in chiffrierter Form versandt. Stoll teilte Escher Anfang Februar desselben Jahres mit, dass verschlüsselte Telegramme in Preussen «weder angenommen noch ausgeliefert» würden.14 Die beiden Korrespondenten, die bis anhin gewisse Namen unkenntlich gemacht hatten, indem sie diese zu einem einzelnen Buchstaben verkürzten, mussten folglich ihre Strategie ändern und codierten von nun an nur noch ganze Wörter. Weil diese – zusammengehängt – einen grammatikalisch und inhaltlich sinnvollen Text ergaben, blieb die Verschlüsselung unerkannt. Schliesslich sollten interne Informationen vor dem Abschluss der jeweiligen Verhandlungen nicht an die Öffentlichkeit gelangen. So informierte Stoll Escher beispielsweise15: «Bauer zieht Waare vor, nimmt aber in zweiter Linie auf Silber oder Wechsel.»16 Auch 1869 ist ein Grossteil der versandten Telegramme immer noch verschlüsselt17: «Grattoni meldet, daß es nicht allzuschwer halten werde, in Pommern etwa 10 Quoten zum Preise von 6 zu finden, daß namentlich im Hauptseehafen [...] Dispositionen nichts zu wünschen übrig lassen, daß unser Abgeordneter vorab dort & in der Residenz anzubinden haben werde [...].»18 Die Briefe und Telegramme dokumentieren, dass Stoll während seiner Reisen in die deutschen Staaten von Escher regelmässig über die Ergebnisse und den Stand der Konzessions- und Subventionsverhandlungen im Tessin und in Italien informiert wurde. Dabei stand Escher mit den vor Ort anwesenden Delegierten selbst in schriftlichem Kontakt: «Die Conzessionsunterhandlungen im Tessin sind außerordentlich mühsam. Meine daherige telegraphische & briefliche Correspondenz mit Peyer füllt bereits einen ganzen Dossier.»19 Ebenso unterrichtete Escher Stoll über seine eigenen Bemühungen angesichts aktueller Ereignisse und Entwicklungen. Ein gutes Beispiel dafür liefert das Telegramm vom 6. Februar 1866, das ebenso chiffriert ist20: «Habe wiederholt aufgetragen, auf baldigen günstigen Entscheid der Experten zu dringen. [...] Es wird von Freunden Silbers Coup zur Verwerfung Gesellschaftsactien vorbereitet. Große Rath Tessins Rücktritt von unserer Vereinigung beschlossen. Von H. versuchte Combination an Widerstand Camorra gescheitert. [...] Dürfen uns nicht entmuthigen lassen.»21

7Es zeigt sich immer wieder, dass die Korrespondenz zwischen Escher und Stoll in gewisser Weise auch ihre Beziehung widerspiegelt, die nach und nach freundschaftlichere Züge annahm und über den geschäftlichen Aspekt hinausging. Escher wandte sich dabei zunehmend auch in politischen Fragen an Stoll. Kurz vor der Abstimmung über die Bundesrevision im Januar 1866 erkundigte sich Escher bei Stoll beispielsweise, ob er sich aufgrund seiner Positionierung «vor der Wuth des Volkes schützen» könne, wenn er nach der beendeten Session der Bundesversammlung nach Zürich zurückkehre.22 Besonders 1867, nachdem Friedrich Locher einen weiteren Teil seiner Pamphlete veröffentlicht hatte, manifestierte sich bei Escher eine grosse Unsicherheit hinsichtlich der Frage, wie er auf die ihm gemachten Vorwürfe und Anschuldigungen reagieren sollte. Mehrere an Stoll gerichtete Briefe dokumentieren, wie sehr Escher auf dessen Meinung Wert legte.23 Nachdem er den Entwurf für einen gegen die Vorwürfe Lochers beziehungsweise des Winterthurer «Landboten» gerichteten Zeitungsartikel24 verfasst hatte, schrieb Escher an Stoll: «Sollten Sie übrigens [...] den Ton meines Artikels zu herb finden, so ersuche ich Sie, ihn nach Belieben zu modifiziren. Ich erkläre mich von vornherein mit allem einverstanden, was Sie in dieser Beziehung thun werden.»25

Die Finanzierung des Gotthardprojekts

8Eine wichtige Aufgabe der Gotthardvereinigung bestand darin, die Finanzierung des Gotthardprojekts durch die Bildung eines internationalen Finanzkonsortiums sicherzustellen. Ihre Agenten und Delegierten standen deshalb mit verschiedenen ausländischen Bankiers in Kontakt. Die Verhandlungen Stolls, der diesbezüglich in den deutschen Staaten wirkte, fanden dadurch auch Niederschlag in der Korrespondenz mit Escher. Im Februar 1866 riet Escher Stoll, bei Adolph von Hansemann, dem Geschäftsführer der Disconto-Gesellschaft, in Berlin vorstellig zu werden. Dazu veranlasst hatten Escher die ungewiss verlaufenden Verhandlungen zwischen dem Gesandten der Gotthardvereinigung im Tessin, Johann Friedrich Peyer im Hof, und dem englischen Konzessionsbewerber und ehemaligen ausserordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister Grossbritanniens in Turin, James Hudson.26 Stoll entgegnete Escher jedoch, dass er eine solche Aktion für verfrüht erachte. Er werde – falls ihm diesbezüglich kein expliziter Auftrag erteilt werde – diesen Schritt unterlassen, woraufhin ihn Escher nicht mehr weiter dazu drängte.27 Erst im Frühling 1869, nachdem Italien, der Norddeutsche Bund und das Grossherzogtum Baden dem Bundesrat ihre Unterstützung in bezug auf das Gotthardprojekt zugesichert und ihn mittels diplomatischer Noten dazu aufgefordert hatten, die Initiative für die diesbezügliche internationale Zusammenarbeit zu ergreifen28, berichtete Stoll erneut und regelmässig aus der Hauptstadt Preussens 29 : «Verhandlungen mit Müller heute wenig avanciert. Dieselben werden auf Donnerstag verschoben da Morgen großer Feiertag.»30 Wenn es die Umstände erforderlich machten, erläuterte Stoll den aktuellen Stand seiner Unterhandlungen auf detaillierte und umfassende Art und Weise. So benachrichtigte er Escher Ende April 1869 über seine Besprechungen mit verschiedenen deutschen Bankhäusern. Zwar sei allgemein ein grosses Interesse an der Mitwirkung beim Gotthardprojekt vorhanden, es scheine jedoch schwierig, zum jetzigen Zeitpunkt konkrete Zusagen zu erhalten. Stoll habe deshalb den Präsidenten des Handels- und Gewerbevereins für Rheinland und Westfalen, Alexander von Sybel, dazu veranlasst, in Erfahrung zu bringen, ob Bismarck und der preussische Präsident des Bundeskanzleramtes des Norddeutschen Bundes, Rudolph von Delbrück, nicht geneigt wären, einen gewissen Druck auf die Finanzwelt auszuüben. Er habe damit jedoch keinen Erfolg erzielen können.

9Dass Escher und Stoll in diesem Falle ausschliesslich mittels Telegrammen kommunizierten, macht deutlich, dass eine rasche Informationsweitergabe und unverzügliche Reaktionsmöglichkeit in dieser Angelegenheit unentbehrlich waren. Stoll konnte dadurch auf schnellstmöglichem Wege wichtige Informationen an Escher weiterleiten, welche bezüglich der parallel verlaufenden Subventionsverhandlungen in den verschiedenen Kantonen sowie in Italien von grossem Wert waren, weil die Vertreter der Gotthardvereinigung dementsprechend darauf reagieren und ihre Strategien anpassen konnten.31 Dies erklärt auch, warum sich die beiden Korrespondenten während Stolls längeren Auslandaufenthalten nur selten Briefe schrieben und als Hauptkommunikationsmittel das Telegramm wählten. Escher war sich bewusst, dass die vielen Geschäftsreisen Stolls unvermeidlich waren. Wohl hätte er sich aber gewünscht, seinen wichtigsten Berater und engen Vertrauten öfters in seiner Nähe zu haben: «Im übrigen bin & bleibe ich in Ihrer Abwesenheit ein hülfloses Waislein! Sie wissen aber, daß nach dem Sprichworte ein besonderer Gott über den – Kindern & den – Betrunkenen waltet!»32

10Bereits im September 1869 ergab es sich aber, dass Stoll sich wieder häufiger in der Schweiz aufhielt. In seinem Brief vom 25. April berichtete er Escher über seine Unterhaltung mit verschiedenen deutschen Bankiers: «Von unsern speziellern Freunden, namentlich Engel & Sybel, sind wir darauf aufmerksam gemacht worden, daß es dringend wünschbar sei, daß die internationale Konferenz möglichst bald einberufen werde, indem während der Sommermonate es absolut unmöglich wäre, die Sache zum Abschluß zu bringen [...].» Es dauerte anschliessend nicht mehr lange, bis der Bundesrat die interessierten Staaten am 10. Mai 1869 zur Gotthardkonferenz einlud.33 Während der Besprechungen, die vom 15. September bis am 13. Oktober in Bern stattfanden, informierte Escher Stoll fortlaufend über die dabei festgehaltenen Beschlüsse. Ebenfalls bat er diesen mehrmals, den verschiedenen Sitzungen als Finanzexperte beiwohnen zu wollen.34

Kommentareinträge

1 Vgl. HLS online, Stoll Georg; HBLS VI, S. 563.

2 Vgl. Jung, Lydia Welti-Escher 2009 (Quellen, Materialien), S. 106.

3Dabei handelte es sich u. a. um «Die Gotthardbahn in kommerzieller Beziehung» und «Die Gotthardbahn und ihre Konkurrenten. Erwiderung auf die Schrift ‹Simplon, St. Gothard et Lukmanier›». Vgl. Koller/Schmidlin/Stoll, Gotthardbahn; Stoll Georg, Mein Anteil an der Verwirklichung des Gotthardbahnprojektes, zit. Stoll, Stoll, S. 22; Koller/Schmidlin/Stoll, Gotthardbahn und Konkurrenten; Die Gotthardvereinigung, Absatz 4.

4 Vgl. Stoll Georg, Mein Anteil an der Verwirklichung des Gotthardbahnprojektes, zit. Stoll, Stoll, S.26; Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 28. Oktober 1864.

5Während der Rekonstruktionsphase von 1876 bis 1878 wurde Stoll vom Bundesrat ausserdem damit beauftragt, ein Expertengutachten über die Auswirkungen eines minimierten Bauprogramms auf den Verkehr und den Gewinn der Gotthardbahn zu erstellen. Vgl. Stoll Georg, Mein Anteil an der Verwirklichung des Gotthardbahnprojektes, zit. Stoll, Stoll, S. 38.

6Der erste Brief der Korrespondenz zwischen Escher und Stoll (1863–1871) datiert vom 19. Januar 1863 und handelt von der Replik Stolls auf die Broschüre Jakob Stämpflis über den Eisenbahnrückkauf sowie von der Motion Eytel. Vgl. Alfred Escher an Georg Stoll, 19. Januar 1863.

7 Vgl. Wanner, Gotthardunternehmen, S. 95–96; Beckh/Gerwig, Rentabilität.

8 Alfred Escher an Georg Stoll, 9. Dezember 1864.

9 Vgl. Georg Stoll an Alfred Escher, 10. Dezember 1864.

10 Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 7. September 1865; Stoll Georg, Mein Anteil an der Verwirklichung des Gotthardbahnprojektes, zit. Stoll, Stoll, S. 24–25.

11 Vgl. Die Gotthardvereinigung, Absatz 8; Stoll Georg, Mein Anteil an der Verwirklichung des Gotthardbahnprojektes, zit. Stoll, Stoll, S. 24–27, 32–33.

12 Alfred Escher an Georg Stoll, 9. November 1865.

13 Vgl. Telegramm Escher an Georg Stoll, 1. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007); Telegramm Georg Stoll an Escher, 2. März 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007).

14 Telegramm Georg Stoll an Escher, 4. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007).

15Entschlüsselung: Bauer = Heinrich von Itzenplitz; Waare = Gotthard; Silber = Lukmanier; Wechsel = Splügen.

16 Telegramm Georg Stoll an Escher, 8. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007).

17Entschlüsselung: Pommern = Italien; Quoten = Millionen; Preise = Zinsfuss; 6 = 6%, Hauptseehafen = Genua; Residenz = Florenz.

18 Telegramm Escher an Georg Stoll, 23. April 1869 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_014).

19 Alfred Escher an Georg Stoll, 9. November 1865.

20Entschlüsselung: Experten = Mitglieder der italienischen kommerziellen Kommission; Silber = Lukmanier; Gesellschaftsactien = italienische Subventionen; H. = James Hudson.

21 Telegramm Escher an Georg Stoll, 6. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007).

22 Alfred Escher an Georg Stoll, 7. November 1865. Vgl. Kern, Repertorium I, S. 186–187. – Kontext: Escher wies die im Zuge des mit Frankreich abgeschlossenen Handelsvertrages 1864 vermehrt aufgekommenen Forderungen nach einer Verfassungsrevision zurück.

23 Vgl. Alfred Escher an Georg Stoll, 11. Dezember 1867; Alfred Escher an Georg Stoll, 13. Dezember 1867; Alfred Escher an Georg Stoll, 14. Dezember 1867.

24Dabei handelt es sich um den dritten Artikel «Das System in den Eidgenößischen Räthen» der während des 13. und 25. Dezembers 1867 in der NZZ veröffentlichten Artikelserie «System & Opposition» (in Anlehnung an die Artikelserie des Winterthurer «Landboten»). Vgl. NZZ, 19./20. Dezember 1867.

25 Alfred Escher an Georg Stoll, 9. Dezember 1867.

26 Vgl. Telegramm Escher an Georg Stoll, 12. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007); Alfred Escher an Karl Schenk, 6. Februar 1866, Fussnote 4; Alfred Escher an Karl Schenk, 6. Februar 1866, Fussnote 5; Widmer, Alpenbahn, S. 16–22.

27 Vgl. Telegramm Georg Stoll an Escher, 12. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007).

28 Die Gotthardvereinigung, Absatz 23.

29Entschlüsselung: Müller = Adolph von Hansemann.

30 Telegramm Georg Stoll an Escher, 20. April 1869 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_014).

31 Vgl. Telegramm Escher an Georg Stoll, 6. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007); Telegramm Georg Stoll an Escher, 6. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007); Telegramm Escher an Georg Stoll, 7. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007); Telegramm Georg Stoll an Escher, 8. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007).

32 Alfred Escher an Georg Stoll, 31. August 1869.

33 Vgl. Die Gotthardvereinigung, Absatz 25.

34 Vgl. Telegramm Escher an Georg Stoll, 20. September 1869 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_001); Telegramm Escher an Georg Stoll, 23. September 1869 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_001); Telegramm Escher an Georg Stoll, 26. September 1869 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_001); Telegramm Escher an Georg Stoll, 30. September 1869 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_001); Telegramm Escher an Georg Stoll, 2. Oktober 1869 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_001). – Stoll amtierte als kommerzieller Experte für die schweizerischen Delegierten. Vgl. Stoll Georg, Mein Anteil an der Verwirklichung des Gotthardbahnprojektes, zit. Stoll, Stoll, S. 35.

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