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Jung, Escher Briefe, Band 6, S. 110–116.

Das Gotthardunternehmen in der Korrespondenz zwischen Alfred Escher und Johann Jakob Stehlin: 1863–1874

Vincent Pick, unter der Leitung von Prof. Dr. Joseph Jung

1Der Basler Bürgermeister und Nationalrat Johann Jakob Stehlin gehörte zwischen 1863 und 1872 zu denjenigen Mitgliedern des Ausschusses der Gotthardvereinigung, mit denen Alfred Escher eng zusammenarbeitete.1 Stehlin erwies sich dabei besonders bei der Planung von Missionen und Agenturen im Ausland, der Übernahme von eigenen Auslandsmissionen und den Verhandlungen, die er im Auftrag Eschers führte, als wertvoller Mitarbeiter.2 Escher und Stehlin waren jedoch bereits vor ihrem Engagement für das Gotthardprojekt langjährige politische Weggefährten. Nachdem sie sich 1848 kennen und schätzen gelernt hatten, arbeiteten sie in der Folge im eidgenössischen Parlament zusammen und engagierten sich gemeinsam bei der Lancierung einer Eisenbahnlinie zwischen Zürich und Basel (Bözberglinie).3 Stehlin erwies sich dabei als loyaler Unterstützer von Eschers Politik. Aus diesem Grund versuchte Escher, Stehlin bei den Bundesratswahlen 1855 als Nachfolger des verstorbenen Josef Munzinger zu etablieren. Dank der Unterstützung Eschers wurde Stehlin in den Bundesrat gewählt; er lehnte die Annahme des Amts aus familiären Gründen jedoch ab.4 Escher schätzte Stehlin zudem nicht nur wegen seiner politischen Einschätzungen und Fähigkeiten. Seit ihrer ersten Begegnung verband die beiden eine tiefe Freundschaft, und Escher legte grossen Wert auf Stehlins Urteil und Offenheit in privaten Angelegenheiten.5

2Die Korrespondenz Escher/Stehlin, die sich thematisch auf das Gotthardunternehmen bezieht und über den Zeitraum von 1863 bis 1874 erstreckt, umfasst 45 Briefe und 23 Telegramme. Die Mehrzahl der Briefe und der Gesamtbestand an Telegrammen finden sich in den Jahren 1863–1866 (26 Briefe, 13 Telegramme) und 1868–1869 (17 Briefe, 10 Telegramme). Der Grund der Häufung liegt darin, dass in diesen Zeiträumen von Escher und Stehlin ein hohes Mass an Aktivität und damit ein intensiverer Austausch an Informationen gefordert war, um dem Gotthardprojekt auf politischer Ebene und in finanzieller Hinsicht zum Durchbruch zu verhelfen. Während sich bei den Briefen zeigt, dass Escher und Stehlin gleichmässig als Verfasser auftraten, stammen die überlieferten Telegramme ausschliesslich von Stehlin und beinhalten grösstenteils Zusagen beziehungsweise Absagen zu Ausschußsitzungen oder persönlichen Treffen mit Escher. Aus den 1870er Jahren sind bis auf zwei Briefe von Escher an Stehlin keine Dokumente vorhanden. Grund dafür ist, dass die Zusammenarbeit von Escher und Stehlin mit der Gründung der Gotthardbahn-Gesellschaft an Bedeutung verlor und Stehlin ab Ende 1871 als Vizepräsident des Verwaltungsrates keine operativen Funktionen mehr innehatte.6

Die Zusammenarbeit von Escher und Stehlin im Gotthardausschuss

Die Bestimmung der Delegationen und Agenturen

3In den Jahren 1864–1866 bemühte sich die Gotthardvereinigung intensiv darum, neben den schweizerischen Kantonen das Interesse derjenigen Staaten zu gewinnen, die für eine Subventionierung einer zentralen Alpentransversale in Frage kamen. Laut ihrer Korrespondenz gelangten Escher und Stehlin 1864 zur Einsicht, dass sich das Gotthardkomitee gegenüber den Bemühungen des Lukmanierkomitees in Italien im Rückstand befand. So bemerkte Stehlin im November 1864 gegenüber Escher, «wie wenig in Italien das Interresse bekannt ist, welches die Schweiz für den Gotthardtspaß in die die Waagschale zu legen veranlaßt ist und wie sehr die Lucmanierfreunde das italjenische Gebiet zu bearbeiten bemüht gewesen sind & noch sind». Er vertrat die Ansicht, dass «Italien [...] ohne Verzögerung auch von uns occupiert werden [muss]».7 Escher und Stehlin begannen Missionen für die betreffenden Staaten ins Auge zu fassen. Zusammen mit Josef Zingg , mit dem sie die Kommission für die Bestimmung der Abordnungen ins Ausland bildeten, suchten sie nach Delegierten für Italien, England, Deutschland, Frankreich, Belgien und Holland und richteten ständige Agenturen in Italien ein. 8

4 Stehlin betätigte sich dabei vorwiegend in Basel und versuchte aus Basel stammende Politiker oder Wirtschaftsfachleute für Missionen oder Agenturen im Ausland zu gewinnen. So informierte Stehlin Escher im Oktober 1864, dass er vom Kaufmann Wilhelm Burckhardt-Sarasin «eine schriftliche Zusage bezüglich der englischen Mission erhalten» habe. Von den beiden aus Basel stammenden Adolph Gönner, Vorsitzender der protestantischen Gemeinde in Mailand, sowie Rodolfo Landerer, ehemaliger Direktor der Tessiner Kantonalbank in Bellinzona, habe er jedoch keine «weitere Mittheilungen betreffend eine Persönlichkeit als Commissair nach Italien vernommen».9 Eine weitere Möglichkeit, geeignete Kandidaten für Agenturen im Ausland zu finden, sah Stehlin darin, dies direkt im Ausland zu tun. Im Falle der Agentur in Mailand schlug er Escher in einem Brief vor, dass die Bestimmung von Repräsentanten entweder auf brieflichem Weg «oder erst bei Anlaß unserer Reise nach Italien» erfolgen könne.10 Bezüglich der Basler Delegierten war es Stehlin möglich, diesen vor dem Antritt ihrer Mission kurzfristig Instruktionen zu erteilen. Als das Lukmanierkomitee 1866 versuchte, die gotthardfreundliche Stimmung in Deutschland durch Artikel in der «Allgemeinen Augsburger Zeitung» zu trüben, wies Stehlin den Grossrat Wilhelm Schmidlin vor dessen Reise an, «der Argumentation unserer Gegner [...] am geeigneten Orte kräftigst entgegentretten».11

5Neben der Planung von Auslandsmissionen und der Bestimmung von Delegierten gibt die Korrespondenz auch Aufschluss darüber, dass Escher und Stehlin gemeinsame Missionen im Ausland übernahmen, wo sie sich mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft trafen. Eine erste Mission absolvierten Escher und Stehlin, als im Oktober 1864 der badische Aussenminister Franz von Roggenbach wünschte, sich mit Escher in Karlsruhe zu treffen, um die Alpenbahnfrage zu diskutieren und Escher «wichtige sachbezügliche Eröffnungen zu machen». 12 Obwohl Stehlin aus privaten Gründen erst ablehnte, begleitete er Escher schliesslich zu dem Treffen, das nun in Freiburg im Breisgau abgehalten wurde.13 Besonders im Sommer 1865 waren beide gemeinsam aktiv und reisten «zum Zweck der Orientierung u. Einleitung von Unterhandlungen» nach Italien. 14 Im Anschluss an diese Mission beschloss der Gotthardausschuss, Escher und Stehlin zusammen mit Georg Stoll erneut ins Grossherzogtum Baden zu entsenden , um dort «in Fortsetzung der früher von ihnen mit Hrn. v. Roggenbach gepflogenen Unterhandlungen [...] mit Hrn. v. Roggenbach in Baden-Baden zu conferiren [...]».15 Die dort im September 1865 mit von Roggenbach, dem preussischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck und dem württembergischen Aussenminister Karl von Varnbüler geführten Gespräche ermutigten den Ausschuss der Gotthardvereinigung, Subventionsgesuche an die jeweiligen deutschen Staaten zu stellen. 16

Verhandlungen im Auftrag Eschers

6Wie die Korrespondenz zwischen Escher und Stehlin illustriert, setzte Escher Stehlins Verhandlungsgeschick nicht nur für gemeinsame Missionen ein. Ihre Korrespondenz beinhaltete auch, dass Stehlin im Auftrag Eschers zugunsten der Gotthardvereinigung auf wichtige Entscheidungsträger einwirkte, wie dies besonders während der Handelsvertragsverhandlungen der Schweiz mit dem Deutschen Zollverein in den Jahren 1865 und 1868 sowie im Vorfeld der internationalen Gotthardkonferenz in Bern im Herbst 1869 der Fall war.17

7Als die Gotthardvereinigung 1865 versuchte, in den Handelsvertrag zwischen der Schweiz und dem Deutschen Zollverein einen Artikel mit Bestimmungen zur Alpenbahnfrage einfliessen zu lassen, zeigte sich, dass Stehlin und Escher mit der unentschlossenen und zögerlichen Haltung des Bundesrats unzufrieden waren. Zum Missfallen von Escher nützte der Bundesrat die günstige Stimmung betreffend die Alpenbahnfrage in den deutschen Staaten nicht, sondern entschied sich Anfang März 1865 gegen die Aufnahme eines Alpenbahnartikels in den Handelsvertrag.18 Um die Verhandlungen in die von der Gotthardvereinigung gewünschte Richtung zu lenken, versuchten Escher und Stehlin über den eidgenössischen Gesandten in Berlin, den Basler Grossrat und Verwaltungsrat der Schweizerischen Centralbahn August Stähelin-Brunner, Einfluss auf den Verlauf der Verhandlungen zu nehmen. So bat Escher Stehlin im März 1865, Stähelin-Brunner dazu anzuhalten, die «farblos[e] Instruction» des Bundesrats möglichst gewinnbringend umzusetzen und den Bundesrat durch eine positive Berichterstattung dazu zu bringen, das Anliegen der Gotthardvereinigung im Ausland zu unterstützen: «Wirken Sie doch bei Hrn. Stähelin ein, daß er sich bei dieser Berichterstattung auf die Höhe der Aufgabe stelle.»19 Stehlin erwiderte Escher, dass er sich bereits vor dem Erhalt von dessen Schreiben wiederholt mit Stähelin-Brunner besprochen habe und hoffe, dieser «werde seiner Instruction Farbe zu geben verstehen und seine Berichterstattung geeignet sein, auch den BundesRath zu veranlassen Farbe zu bekennen».20

8Bei den Handelsvertragsverhandlungen 1868 zeigten sich Escher und Stehlin unzufrieden mit dem Engagement des ausserordentlichen Gesandten der Schweiz in Berlin, des Glarner Landammanns und Nationalrats Joachim Heer, der durch häufige Abwesenheit glänzte.21 So bemerkte Stehlin im April 1868 in einem Brief an Escher: «Die bundesräthliche Langmuth gegenüber H. Heer ist nicht Jedermann verständlich, zuerst Verschiebung, dann Unterbrechung der Verhandlungen, Entgegennahme von Abbitten & dann Wieder Ernennung jezt noch Beurlaubung, denn troz der Ueberreichung des Abberufungs Schreiben an König wird nach der Glarner Landsgemeinde H. Heer sicher wieder nach Berlin reisen.»22 Escher und Stehlin versuchten daher die Abwesenheit Heers zu nutzen, um mittels Stähelin-Brunner die Verhandlungen in Berlin zugunsten der Gotthardvereinigung voranzutreiben. Wie 1865 war es wiederum Stehlins Aufgabe, diesen zu ersuchen, sich für die Förderung der für die Schweiz wichtigen Frage einzusetzen. Stehlins Erwartungen an Stähelin-Brunner, in dem er «einen wärmeren Vertretter unserer resp dieser allgemein schweizerisch[en] Frage zu finden» glaubte und daher hoffte, dass dieser die Gotthardinteressen im Gegensatz zu Heer prominent vertrete, erfüllten sich aufgrund dessen «instructionsgemäße[r] Pflichterfüllung» jedoch nicht.23

9Im Frühjahr 1869 wandten sich die Regierungen Italiens und der deutschen Staaten mittels diplomatischer Noten an den Bundesrat und bescheinigten diesem, von allen möglichen Nord-Süd-Verbindungen ausschliesslich die Gotthardlinie unterstützen zu wollen. Gleichzeitig sollte der Bundesrat ein Projekt für den Gotthard erarbeiten und dadurch die Grundlage für Verhandlungen zwischen den interessierten Staaten schaffen.24 Damit der Bundesrat dem Wunsch des Auslands nachkommen konnte, stellte der Gotthardausschuss diesem im April 1869 neben Bauplänen Lageberichte zu den verschiedenen Konzessionverhandlungen und einen Finanzplan bereit. 25 Um die Beschaffung des privaten Investitionskapitals zu gewährleisten, das den Hauptanteil des im Finanzplan vorgesehenen Baukapitals darstellte, begann Escher die Bildung eines schweizerischen Finanzkonsortiums voranzutreiben, welches aus der Schweizerischen Centralbahn und der Schweizerischen Nordostbahn sowie verschiedenen Schweizer Bankhäusern bestehen sollte.26

10Wie aus der Korrespondenz zwischen Escher und Stehlin hervorgeht, beauftragte Escher Stehlin während der Verhandlungen mit potentiellen Mitgliedern im April 1869, sich mit dem Verwaltungsratspräsidenten der Eidgenössischen Bank in Bern zu treffen, dem Basler Bankier Emanuel Walter Oswald-Falkner. Anlass dieses Treffens war Eschers Befürchtung, dass die Bank ihre Beteiligung am Konsortium an der Bedingung festmachen könnte, die Erstellung der Linie BernLuzern (Entlebucher Bahn) ins Finanzprogramm des Gotthardprojekts aufzunehmen.27 Die Aufnahme der Entlebucher Linie und anderer Zufahrtslinien zum Gotthard hätte die Baukosten der Gotthardbahn enorm erhöht. Gleichzeitig wäre mit einer Erfüllung der Bedingung der Eidgenössischen Bank die Grundlage für weitere Akteure geschaffen worden, Modifikationen und Erweiterungen des Programms der Gotthardvereinigung zu fordern. Dies galt es für Stehlin unbedingt zu verhindern.28 Daher sollte Stehlin Oswald-Falkner dazu bringen, dass die Eidgenössische Bank sich zwar am Konsortium beteiligte, jedoch von ihrer Forderung absah.

11Nach der Rücksprache berichtete Stehlin Escher, dass er Oswald-Falkner dargelegt habe, dass die Absicht, «von vornherein alle möglichen Zufahrts Linien in ein Finanzprogram auf[zu]nehmen», den eigentlichen Hauptzweck, «die AlpenÜberschienung unerreichbar machen würde». Ferner wies er Oswald-Falkner darauf hin, «daß es in der Stellung der Eidgß. Bank liegen müsse den Hauptzwek fördern zu helfen», und dass es vom nationalen Standpunkt aus gesehen «bis auf einen gewissen Grad Pflicht der schweizer. Finanz Institute sei», eine solche Unternehmung zu unterstützen. Trotz dieser Ausführungen und des Appells Stehlins, dass «wenn die Eidgß Bank dies anerkenne, so dürfe sie ihre Mitwirkung nicht an Bedingungen knüpfen die der Erreichung des HauptZwekes hindernt entgegentretten», hielt die Eidgenössische Bank an ihren Ansichten fest und entschied sich gegen eine Beteiligung am Gotthardprojekt.29

12Nachdem der Bundesrat aufgrund der ausländischen Noten eine ausreichende Grundlage erhalten hatte, in der Alpenbahnfrage aktiv zu werden, versuchte er, in der Schweiz eine einheitliche Haltung bezüglich einer Alpentransversale zu erreichen. Daher leitete er die ausländischen Noten an die Kantonsregierungen weiter und forderte diese auf, Stellung zur Gotthardfrage zu beziehen.30 Um diejenigen Kantone zu einer gotthardfreundlichen Stellungnahme zu veranlassen, welche bis anhin einer zentralen Alpentransversale skeptisch oder ablehnend gegenüberstanden, regte Escher beim Gotthardausschuss an, Delegierte in die Ost- und Westschweiz zu entsenden. Stehlin traf sich in Folge mit Regierungsvertretern der Kantone Freiburg, Neuenburg und Genf, um die in der Westschweiz vorherrschende Haltung gegenüber dem Gotthard in Erfahrung zu bringen und sachbezüglich auf die jeweiligen Regierungen einzuwirken.31 Nach dem Abschluss der Gespräche teilte er Escher mit, dass sich die drei Kantonsregierungen gegenüber dem Bundesrat für die Gotthardlinie aussprechen würden und die «auswärtigen Noten einem dem Gotthardt günstigen Eindruk [sic!] selbst bei den Gegnern hervorgebracht» hätten. Wichtig für Stehlin waren auch in diesem Fall die Zusagen der Westschweizer Kantone, von der Forderung nach dem Bau von allfälligen Zufahrtslinien absehen zu wollen, da vor allem «das Hauptziel die Überschienung des Gotthards erreicht sein» müsse.32

«Im trauten Vereine mit dem ‹Frind›»: Die Freundschaft zwischen Escher und Stehlin

13Neben der Beziehung, die Escher und Stehlin durch den gemeinsamen Einsitz im Nationalrat, durch ihr eisenbahnpolitisches Engagement und vor allem durch ihre Anstrengungen bei der Verwirklichung der Gotthardbahn verband, bestand zwischen beiden eine Bindung, die über ein reines Arbeitsverhältnis hinausging und von Escher als «rückhaltlos[e], herzlich[e] Freundschaft» beschrieben wurde.33 Wie die Korrespondenz von Escher und Stehlin beweist, schätzte Escher Stehlin, mit dem er gerne «Stunden des Ernstes wie des Scherzes in Liebe & Treue vereint» zubrachte, in zweierlei Hinsicht.34 Einerseits respektierte er dessen Kompetenz bezüglich Sachfragen in der Alpenbahnfrage und wünschte sich daher oft «einläßlich & also mündlich» mit ihm zu besprechen.35 Andererseits legte Escher grossen Wert auf Stehlins Urteil in privaten Angelegenheiten, auf die Offenheit, mit welcher sie sich gegenseitig auszutauschen pflegten, und nicht zuletzt auch auf dessen Hang zum Disput, da Stehlin, wie Escher einmal scherzhaft bemerkte, «immer entgegengesetzter Ansicht» sei.36

14Wie offen der Austausch zwischen Escher und Stehlin war, zeigte sich, als Stehlin Escher dafür kritisierte, nach der Abstimmung zur Verfassungsrevision im Kanton Zürich Anfang 1868 die Wahl in den Zürcher Verfassungsrat ablehnen und als Nationalrat zurücktreten zu wollen. In seiner Reaktion auf diese Ankündigung bekundete Stehlin gegenüber Escher offen, dass er es nicht fassen könne, «daß Sie Gesinnungsgenossen in Zürich, sowie ihre politischen Freunde in der übrigen Schweiz verlassen und so auch die mit Erfolg festgehaltene Politik des besonnenen Fortschrittes auf demokratischem Boden preisgeben wollen».37 Escher versuchte im Brief an Stehlin seine Motivation zu den besagten Schritten darzulegen, und hielt fest, dass es ihn freuen sollte, «wenn es mir gelungen wäre, meine Handlungsweise in einem bessern Lichte bei Ihnen erscheinen zu lassen». Dabei unterliess er es jedoch nicht, darauf hinzuweisen, dass ihm Stehlins Kritik unverständlich war: «Ich hätte sie ganz gut begriffen, wenn wir nicht im letzten Dezember während unserer mir in lieber Erinnerung stehender Nachmittagsspaziergängen vielfach die Eventualität meiner Ablehnung einer Kandidatur [...] & meines Austrittes [...] mit einander besprochen & wenn nicht auch Sie sich mit diesen Schritten unter Umständen einverstanden erklärt, ja dieselben je nach Lage der Dinge für geradezu geboten erachtet hätten. Da Sie sich aber wiederholt in diesem Sinne gegen mich ausgesprochen haben, so können Sie durch meine Schritte doch unmöglich überrascht worden sein.»38

15Der freundschaftliche Kontakt zwischen Escher und Stehlin brach auch nicht ab, nachdem sich die Gotthardbahn-Gesellschaft im Dezember 1871 konstituiert hatte und die direkte Zusammenarbeit zwischen Escher und Stehlin im Gotthardausschuss damit endete. Wie nahe Stehlin Escher weiterhin stand, zeigt sich einerseits an Eschers Anteilnahme, als Stehlin ab 1875 zunehmend kränker wurde und Escher Stehlins Sohn Karl 1876 bat, ihn über den Zustand seines Vaters zu unterrichten: «Seit ich die Freude hatte, Ihren lieben Vater von Angesicht zu Angesicht zu sehen, [...] bin ich ohne alle & jede weitere Nachricht über sein Befinden. Wenn es nicht gar zu unbescheiden ist, so möchte ich Sie bitten, mich & wenn es auch nur mit zwei Zeilen ist, über den gegenwärtigen Zustand unseres Patienten zu orientieren.»39 Andererseits verdeutlicht der von Escher in seinen Briefen oft geäusserte Wunsch, Zeit «im trauten Vereine mit dem ‹Frind›»40 verbringen zu können, wie viel ihm am Umgang mit Stehlin lag. Auch wenn die spärliche Quellenlage ab 1871 keine eindeutigen Aussagen zur Häufigkeit ihrer Treffen erlaubt – der Inhalt der Briefe lässt an der Bedeutung, die Escher der Freundschaft zu Stehlin beimass, keine Zweifel: «Ich komme daher, [...] Sie zu bitten, wenn es Ihnen möglich ist, in die Restauration des Bahnhofes zu kommen, wo wir an einem Ecktischchen ganz für uns & ungestört die Paar Stunden verplaudern könnten, die ich in Basel zu verbringen habe. Da ich hoffe, es werde mir die Freude zu Theil werden, sie wieder einmal nach zu langer Trennung zu sehen, so verschiebe ich alles weitere auf unser Zusammensein [...].»41

Kommentareinträge

1Zur Biographie Johann Jakob Stehlins vgl. Zur Erinnerung an Altbürgermeister Johann Jakob Stehlin-Hagenbach; HLS online, Stehlin Johann Jakob; Gruner, Bundesversammlung I, S. 464; HBLS VI, S. 519. – Zu Stehlins Tätigkeit im Gotthardausschuss und für die Gotthardbahngesellschaft vgl. Prot. ständige Kommission Gotthardvereinigung, 28. September 1863; Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 8. Februar 1872.

2So bezeichnete Escher Stehlin im Entwurf eines Briefes an den badischen Aussenminister Franz von Roggenbach vom Oktober 1864 als «d[ie] H[au]ptstütze meiner der in d[er] Schw[ei]z. [au]f d[ie] Herstell[un]g e[iner] Gotthardeisenbahn gerichtet[en]. Bestrebung[en]». Alfred Escher an Franz von Roggenbach, [20. Oktober 1864].

3 Vgl. Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 31. Juli 1854; Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 29. August 1854; Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 9. März 1855; Zur Eisenbahngeschichte, Die Eisenbahn Zürich–Basel: Das Bözbergprojekt von 1854/55; Gagliardi, Escher, S. 116; Mehrheitsbericht der nationalrätlichen Kommission über den Westbahnkonflikt (vom 22. Juli 1857), in: BBl II 1857, S. 61. – Laut Koch arbeiteten Escher und Stehlin während des von ihm untersuchten Zeitraumes zwischen 1848–1857 in sieben eidgenössischen Kommissionen zusammen. Vgl. Koch, Netzwerke, Abb. 15.

4 Vgl. Wahlkämpfe, Bundesratswahlen 1855: Krankheit und Pannen; Altermatt, Bundesräte, S. 154–155.

5 Vgl. Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 31. Juli 1854. – Die Wertschätzung Eschers für Stehlin bestätigt sich in einem Brief, den die 11jährige Lydia Escher im November 1869 an Johann Jakob Stehlin schrieb. Darin bedankt sie sich für einen Brief, den ihr Stehlin zukommen liess: «Ich lege den Brief zu meinen theuren Andenken; die Freunde die Papa hoch hält, liessen mir schon manchen Gruss zukommen, und da entsteht eine Briefsammlung, die sehr wertvoll ist.» Brief Lydia Escher an Johann Jakob Stehlin, 21. November 1869 (StABS PA 513a I B 3,1). Vgl. Jung, Lydia Welti-Escher 2009 (Quellen, Materialien), S. 74–75.

6 Vgl. Geschäftsbericht GB 1872, S. 23.

7 Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 3. November 1864.

8 Vgl. Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 11. Oktober 1864; Brief Josef Zingg an Johann Jakob Stehlin, 7. September 1864 (StABS PA 513a I B 5,1); Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 28. Oktober 1864.

9 Vgl. Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 19. Oktober 1864. – Zur Annahme der Missionen durch die einzelnen Delegierten vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 17. November 1864.

10 Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 31. Oktober 1864. Vgl. Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 1. November 1864.

11 Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 2. Februar 1866.

12 Vgl. Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 17. Oktober 1864.

13 Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 28. Oktober 1864; Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 19. Oktober 1864; Notizen von Johann Jakob Stehlin zu Treffen mit Franz von Roggenbach in Freiburg, 24. Oktober 1864 (StABS PA 513a I B 5,1); Die Gotthardvereinigung, Absatz 5.

14 Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 20. Juni 1865.

15 Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 20. August 1865.

16 Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 7. September 1865; Jung, Aufbruch, S. 572; Notizen von Johann Jakob Stehlin zu Treffen mit Franz von Roggenbach, Otto von Bismarck und Karl von Varnbüler in Baden-Baden, 3./4. September 1865 (StABS PA 513a I B 5,1); Die Gotthardvereinigung, Absatz 8.

17Zu den Handelsvertragsverhandlungen 1865 und 1868 vgl. Die Gotthardvereinigung, Handelsvertragsunterhandlungen. – Zur internationalen Gotthardkonferenz vgl. Die Gotthardvereinigung, Die internationale Gotthardkonferenz von 1869.

18 Vgl. Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 4. März 1865; Die Gotthardvereinigung, Absatz 5.

19 Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 4. März 1865.

20 Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 6. März 1865.

21Die im Frühling 1868 von Heer und Stähelin-Brunner mit dem Deutschen Zollverein in Berlin geführten Verhandlungen brachten kein Ergebnis. Auf deutscher Seite vertrat man den Standpunkt, dass der Zollverein als solcher die Errichtung einer Alpenbahn nicht unterstützen könne und die Schweiz die Klärung dieser Frage mit jedem der Mitgliedstaat einzeln auszuhandeln habe. Kritisiert wurde zudem, dass kein konkretes Projekt für eine Alpenbahn vorlag. Vgl. Die Gotthardvereinigung, Absatz 18.

22 Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 21. April 1868.

23 Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 25. April 1868.

24 Vgl. Die Gotthardvereinigung, Absatz 23.

25 Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 21. April 1869; Die Gotthardvereinigung, Absatz 25.

26 Vgl. Programm betreffend die finanzielle Begründung der Gotthardbahn-Unternehmung, März 1869 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_014); Statuten Consortium; Die Gotthardvereinigung, Absatz 24; Die Gotthardvereinigung, Absatz 43.

27 Vgl. Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 9. April 1869. – Zur Entlebucher Bahn vgl. Geiser, Bernische Eisenbahnpolitik, S. 35–36; Alfred Escher an Emil Welti, 4. Januar 1870, Fussnote 2.

28 Vgl. Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 10. [April?] 1869.

29 Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 10. [April?] 1869; Statuten Consortium, Art. 2.

30 Vgl. Die Gotthardvereinigung, Absatz 23; Volmar, Alpenbahnpolitik, S. 114.

31 Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 10. April 1869.

32 Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 15. April 1869. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 19. April 1869.

33 Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 31. Juli 1854.

34 Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 31. Juli 1854.

35 Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 18. Mai 1868.

36 Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 23. April 1868. Vgl. Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 6. März 1868.

37 Vgl. Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 3. März 1868.

38 Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 6. März 1868.

39 Alfred Escher an Karl Stehlin, 9. Februar 1876; Zur Erinnerung an Altbürgermeister Johann Jakob Stehlin-Hagenbach, S. 10.

40 Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 13. April 1874.

41 Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 13. April 1874.

Kontexte