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Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, S. 15–18.

Eschers Korrespondentennetz

Björn Koch, unter der Leitung von Prof. Dr. Joseph Jung

1Der Churer Politiker Friedrich Wassali (1820–1882) hatte einen Plan. Er wusste, wie den konservativen Kräften im Land beizukommen war, und schrieb im Juli 1845 an Alfred Escher, dass «eine enge Verbrüderung der liberalen gebildeten jungen Männer in allen Theilen unseres Vaterlandes; nicht laut, sondern stille wirkend; vertheilt in den einzelnen Kantonen» unerlässlich sei, um eine bessere Organisation der Radikal-Liberalen zu erreichen. Damit rannte er bei Escher offene Türen ein. Denn auch er empfand die dürftige Vernetzung seiner Parteigänger als grosse Schwäche, wie er in einem Brief vom Juni 1844 feststellte: «Der größte Feind der liberalen Schweiz liegt in ihrer Schweizerischen & kantonalen Desorganisation!» Vernetzung und Organisation der Radikal-Liberalen waren fundamentale Anliegen Eschers, und gleichzeitig verfügte er in diesen Bereichen über ein ausgeprägtes Talent; er war ein begnadeter Netzwerker. Der Auf- und Ausbau eines Netzwerks von fortschrittlichen Kräften zieht sich wie ein roter Faden durch die Korrespondenz von und an Escher der Jahre 1843 bis 1848.

2Doch nicht nur die politische Lage war Gegenstand des brieflichen Austausches. Daneben kam immer wieder Wissenschaftliches, Familiäres, Juristisches, Alltägliches und Nebensächliches zur Sprache. Abschweifungen und fliessende Übergänge zwischen verschiedenen Themen sind für die Briefschreiber nichts Ungewöhnliches. Obwohl die Briefkultur des 19. Jahrhunderts gewissen Konventionen unterlag, gewährt gerade die Korrespondenz aufgrund ihrer Zwanglosigkeit und Vertraulichkeit den unmittelbarsten und reichhaltigsten Einblick in Gedanken, Absichten und Lebenswelt Eschers und seiner Korrespondenzpartner.1 Nicht nur thematisch zeichnen sich die Briefe von und an Escher durch ihre Vielfalt aus, sondern auch das Korrespondentennetz war ausnehmend weit verzweigt. Neue Erfahrungen, Ämter und Bekanntschaften brachten neue Briefpartner mit sich. So weitete sich Eschers Briefverkehr mit den Jahren aus, vor allem aufgrund seiner zunehmenden Verflechtung in der kantonalen und eidgenössischen Politik.

3Man muss sich jedoch immer vor Augen halten, dass sich der Kreis von Eschers Korrespondenzpartnern nicht zwangsläufig mit demjenigen seiner Freunde und Bekannten decken musste. Die Korrespondenz ersetzte nicht das persönliche Treffen. Zweck der Briefe war die Überwindung einer räumlichen Distanz. Kontakte sollten trotz geographischer Trennung aufrechterhalten, Informationen über die Stadt- und Kantonsgrenzen hinaus ausgetauscht werden. Dies konnte es mit sich bringen, dass sich das direkte Zürcher Umfeld nur selten durch Briefe bemerkbar machte; man sah sich ja regelmässig zum Informations- und Gedankenaustausch. Trotzdem gewährt gerade die Korrespondenz einen eindrucksvollen Einblick in das Ausmass von Eschers Vernetzung.

4Ende 1843, nachdem Escher von seinem halbjährigen Paris-Aufenthalt nach Zürich zurückgekehrt war, fand der briefliche Austausch noch in einem überschaubaren Kreis statt. Eschers Leben hatte sich bislang zwischen Belvoir, Schule und Universität abgespielt; dementsprechend waren es auch fast ausschliesslich ehemalige Studien- beziehungsweise Zofingerfreunde2, mit denen Escher in brieflichem Kontakt stand.3 Dazu gehörte der Glarner Johann Jakob Blumer (1819–1875), mit dem Escher eine lebenslange Freundschaft verband. Kennengelernt hatten sie sich 1836 an einem Turnertreffen auf dem Irchel (Zürich). Während des gemeinsamen Rechtsstudiums an der Universität Zürich zeigte sich schnell, dass sie auf menschlicher und politischer Ebene harmonierten. Blumer war nach Studienabschluss wieder nach Glarus zurückgekehrt, und so unterhielten die beiden Freunde einen regen Briefwechsel, der ein buntes Mosaik von rechtlichen Auseinandersetzungen, politischen Disputen und freundschaftlich-familiärer Plauderei offenlegt. Blumer vertrat seinen Kanton 1848 an der Tagsatzung, und im gleichen Jahr wurde er in den Ständerat und ans Bundesgericht gewählt. Er sollte bis ans Lebensende in politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Fragen ein Vertrauter Eschers bleiben. Eine ähnliche Rolle nahm der St. Galler Arnold Otto Aepli (1816–1897) ein, auch er ein Farbenbruder aus der Zofingia. Aepli fand ebenfalls im jungen Bundesstaat seinen Platz, im Ständerat und am Bundesgericht. Neben Blumer und Aepli, mit denen Escher das Interesse für die Rechtswissenschaften und die politische Leidenschaft verband, hielt er auch den Briefkontakt zu anderen ehemaligen Gymnasialfreunden und Mitstudenten aufrecht; so etwa zum Glarner Naturforscher Johann Jakob Tschudi (1818–1889) oder zum St. Galler Mediziner Carl Rudolf Sinz (1818–1896).

5In Paris hatte Escher Freundschaft mit Johannes Honegger (1811–1855) geschlossen. Der junge Lehrer unterrichtete dort an einer Privatschule, dem Institut Keller. Als sich die beiden Ende 1842 in der französischen Metropole begegneten, verstanden sie sich auf Anhieb; das verbindende Element bildete vor allem die Politik.4 Dies zeigt sich auch im Briefwechsel, den die beiden nach ihrer Rückkehr in die Schweiz unterhielten. Honegger, der an Gymnasien in Chur und Aarau unterrichtete, war aufgrund seiner Erfahrung im Bildungsbereich für Escher ein willkommener Ratgeber in Erziehungs- und Schulfragen. Escher setzte sich ab 1845 dafür ein, Honegger als Lehrer nach Zürich zu holen, und unterstützte 1852 dessen Berufung zum Rektor des Zürcher Gymnasiums; ein Amt, das Honegger bis zu seinem Tod bekleidete.

6Durch die Wahl in den Grossen Rat im Sommer 1844 öffnete sich Escher ein neuer Wirkungskreis. Die politischen Ziele erforderten die vermehrte Zusammenarbeit mit den anderen radikal-liberalen Kräften des Kantons, deren fester Bestandteil er nun wurde. Über seinen Mentor Friedrich Ludwig Keller (1799–1860) wurde Escher mit der «alten Politikergarde» bekannt, die bis zum Zürichputsch von 1839 den Kanton dominiert hatte. Allen voran Jonas Furrer (1805–1861), einer der führenden Köpfe der radikal-liberalen Bewegung Zürichs und 1848 erster Bundespräsident. Da Furrer und Escher in Zürich lebten und dort den persönlichen Kontakt pflegten, korrespondierten die beiden nur während der Phasen, in denen sich Furrer oder Escher auswärts aufhielten. Beispielsweise während der Tagsatzungen von 1847 und 1848 in Bern, von denen Furrer Escher regelmässig über den Gang der Debatten berichtete und ihn in staatsrechtlichen Angelegenheiten konsultierte . Hier zeichnete sich bereits eine Praxis ab, die sich bewähren sollte; denn auch in Furrers Zeit als Bundesrat spielte er Escher wiederholt Informationen und Interna aus der Bundesexekutive zu. Dies verdeutlicht, welche Bedeutung Furrer dem Urteil des Zürcher Freundes beimass, und offenbart gleichzeitig Eschers Fähigkeit, sich mit den für ihn relevanten Informanten zu vernetzen.

7Auch mit anderen gestandenen Radikal-Liberalen kam Escher zunehmend in Kontakt. So etwa mit Melchior Lips (1809–1900) aus Kloten. Dieser machte sich in den 1830er Jahren für die radikal-liberalen Reformen stark, bis die Unruhen im Umfeld der Berufung von David Friedrich Strauss und dem Zürichputsch seiner Karriere ein vorläufiges Ende bereiteten. Lips musste 1839 gar Kloten vorübergehend verlassen, da er in einer «besonders hitzigen Gemeindeversammlung [...] geschmäht» wurde, wobei es «beinahe zu Thätlichkeiten» kam.5 Einige alte Kämpfer wie Lips oder auch der Bonstetter Arzt und Politiker Johann Jacob Bühler (1806–1866) konnten im Verlauf der 1840er Jahre wieder in der Zürcher Politik Fuss fassen und tauschten sich auf dem Korrespondenzweg mit dem politischen Aufsteiger Escher aus.

8Ebenfalls schon seit längerer Zeit in der Kantonalpolitik verwurzelt waren die drei Winterthurer Johann Jakob Huggenberg (1805–1882), Heinrich Weiss (1789–1848) und Johann Rudolf Sulzer (1789–1850). Sie alle sassen zusammen mit Escher im Grossen Rat und unterhielten mit dem jungen Mitstreiter einen regen Briefverkehr, um politische Aktionen zu koordinieren und sich über Aktualitäten auszutauschen. Huggenberg hatte zudem 1844 tatkräftig Eschers Wahl in den Grossen Rat gefördert, was eine besondere Verbundenheit zwischen den beiden zur Folge hatte.

9Der konservative Umsturz von 1839 hatte einen Grossteil der radikal-liberalen Machthaber der 1830er Jahre aus ihren Ämtern gefegt. Paradoxerweise war es gerade der Zürichputsch, der den Weg für die «jungen Wilden» um Alfred Escher ebnete. Denn auch wenn Leute wie Furrer, Lips oder Huggenberg den Weg zurück in staatliche Ämter fanden, waren viele Radikal-Liberale dieser Zeit in Ungnade gefallen oder hatten sich aufgrund des einschneidenden Erlebnisses aus der Politik verabschiedet. Die «alte Garde» war auf junge Gefolgsleute angewiesen. Unter ihnen etwa Johann Jakob Rüttimann (1813–1876), der 1844 zusammen mit Escher seine Tätigkeit als Privatdozent an der Universität Zürich aufnahm und im selben Jahr – ebenfalls mit Escher – in den Grossen Rat gewählt wurde. Rüttimann war sein ganzes Leben lang ein Weggefährte Eschers. Er stand bei den politischen Kämpfen der 1840er Jahre genauso an Eschers Seite wie bei den späteren Grossprojekten: bei der Gründung der Nordostbahn-Gesellschaft, der Schweizerischen Kreditanstalt oder der Polytechnischen Schule in Zürich. Dem Kreis der jungen Radikal-Liberalen gehörte auch Rudolf Bollier (1815–1855) an. Der Jurist amtete von 1846 bis 1854 als Zürcher Regierungsrat und bewegte sich bis zu seinem frühen Tod 1855 in Eschers näherem Umfeld. Ebenso Eschers Studienfreund Franz Hagenbuch (1819–1888), der mit seiner Erfahrung im Bezirksgericht und der Tätigkeit als Staatsschreiber den radikal-liberalen Kräften den Rücken stärkte.

10Neben dem kantonalzürcherischen Netzwerk konnte Escher dank seiner zunehmenden Involvierung in die eidgenössischen Angelegenheiten auch sein überkantonales Kontaktnetz ausbauen. Vor allem die Volksversammlung in Unterstrass im Januar 1845 und die Tagsatzungen von 1845 und 1846, an denen Escher als dritter Gesandter zugegen war, ermöglichten ihm, sich mit den politischen Grössen der gesamten Eidgenossenschaft auszutauschen. Er korrespondierte in der Folge mit Politikern wie dem Berner Jakob Imobersteg (1813–1875), dem Luzerner Kasimir Pfyffer (1794–1875) und dem St. Galler Dominik Gmür (1800–1867), mit denen er 1848 in den Nationalrat einzog. Auch mit Jakob Robert Steiger (1801–1862) – 1848 erster Nationalratspräsident – pflegte Escher den Briefkontakt. Aufgrund seiner oppositionellen Tätigkeit im Kanton Luzern und seiner Beteiligung an den Freischarenzügen wurde Steiger 1845 verhaftet und zum Tode verurteilt. Er konnte jedoch mit Hilfe von Zürcher Freunden – unter ihnen Alfred Escher6 – aus dem Gefängnis entkommen, worauf er vorübergehend beim Winterthurer Grossrat Heinrich Weiss Zuflucht fand. In Schaffhausen verfügte Escher ebenfalls über Kontakte, etwa zum Politiker und Unternehmer Johann Friedrich Peyer im Hof (1817–1900). Die beiden zogen bei den Bestrebungen um die Jesuitenausweisung am selben Strang und informierten sich gegenseitig über die politische Lage in ihren Heimatkantonen. Peyer im Hof verblieb auch später in Eschers Umfeld, indem er von 1857 bis zur finanziellen Krise von 1877 in der Direktion der Nordostbahn-Gesellschaft sass. Es folgten darauf eine Phase der Entzweiung und schliesslich der Bruch zwischen den beiden.7

11Die Jahre von 1843 bis 1848 waren von zentraler Bedeutung für Alfred Escher. Der kometenhafte politische Aufstieg, die Etablierung wertvoller Kontakte zu radikal-liberalen Politikern, die Festigung seiner Stellung in der kantonalzürcherischen Partei – dies alles kann anhand der Korrespondenz von und an Escher hautnah mitverfolgt werden. Zudem beeindruckt die bunte und illustre Gesellschaft, mit der Escher zu korrespondieren pflegte: Politiker, Juristen, Theologen, Mediziner und Lehrer gehörten ebenso dazu wie Regierungsräte, Tagsatzungsgesandte, Erziehungsräte, Offiziere, Kaufleute, Musiker und Richter. Viele der Protagonisten, die man in diesem Editionsband antrifft, werden im jungen Bundesstaat und in der aufblühenden Wirtschaft Schlüsselpositionen einnehmen, allen voran Escher selbst.

Kommentareinträge

1Zur Briefkultur des 19. Jahrhunderts und ihren Konventionen vgl. Pierer's Universal-Lexikon III, S. 304–306; Baasner, Briefkultur.

2Zur Bedeutung der Studentenverbindung Zofingia für Escher vgl. Jung, Aufbruch, S. 101–128; Der Zofingerverein: Alfred Escher als Präsident der Sektion Zürich und als Centralpräsident (1837–1842).

3Zu Eschers Jugend- und Studienfreunden vgl. Alfred Eschers Jugendzeit: Freunde und Bekannte (1831–1843).

4Zu Honeggers und Eschers gemeinsamer Zeit in Paris vgl. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, [12. November 1842]; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 6. Februar 1843.

5 Zürcher Wochen-Chronik, 24. November 1900.

6Die Involvierung Alfred Eschers in die Befreiung Jakob Robert Steigers wird zurzeit im Rahmen eines Dissertationsprojekts des Autors untersucht.

7 Jung, Aufbruch, S. 523–524, 757–758.