Navigation

Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, S. 37–43.

Die Hochschulmotion von Regierungsrat Bürgi: Alfred Eschers erstes öffentliches Hervortreten (1839)

Bruno Fischer, unter der Leitung von Prof. Dr. Joseph Jung

Die «Motion Bürgi»

1Im April 1839 kehrte Alfred Escher, noch gezeichnet von der in Berlin überstandenen schweren Augenentzündung, nach zwei Auslandsemestern in Deutschland nach Zürich zurück, um hier sein Rechtsstudium fortzusetzen.1 Die Schweizer Studenten in Berlin waren über das Geschehen in ihrer Heimat stets informiert gewesen, und so hatte Escher eine gute Vorstellung von der Situation, die er bei seiner Rückkehr antreffen würde: Die Existenz der Zürcher Universität war bedroht. In der Sitzung des Zürcher Grossen Rates vom 18. März 1839 hatte Regierungsrat David Bürgi eine Motion eingebracht, in der er die Aufhebung der sechs Jahre zuvor gegründeten Universität forderte. Als Gründe nannte die Motion, «1) daß die Hochschule nicht diejenigen erfreulichen Resultate geleistet hat, die man sich bei ihrer Gründung von ihr versprach; 2) daß überdem die Lehrfreiheit die Grundlage einer Hochschule ist, dieselbe auch durch §. 144 des Gesetzes über das Unterrichtswesen ausdrücklich garantirt wird, und durch die Ereignisse der jüngsten Zeit diese Grundlage zerstört ist, mithin es sich nicht denken läßt, daß die Hochschule unter diesen Umständen die gehörige Wirksamkeit haben könne; 3) daß zur Beseitigung der Wahl von Herrn Dr. Strauß zum Professor der Theologie die Aufhebung der Hochschule das einzige verfassungs- und gesetzmäßige Mittel ist».2 In seiner mündlichen Ausführung bemängelte Bürgi ausdrücklich, dass die Universität eine wesentliche in sie gesetzte Hoffnung, die Hebung und Verbreitung des «Nationalitätssinnes», nicht erfüllt habe. Vor allem aber versuchte er darzulegen, dass die wissenschaftlichen Leistungen der Universität in keinem Verhältnis zu den finanziellen Aufwendungen des Staates stünden.3

2Anlass für Bürgis Schritt war die Kontroverse um die Berufung des liberalen, rationalistischen Württemberger Theologen David Friedrich Strauss auf den Lehrstuhl für Dogmatik an der Universität Zürich.4 Strauss hatte 1835 durch die Publikation der Schrift «Das Leben Jesu kritisch bearbeitet» Bekanntheit erlangt. Darin «kritisiert er die Evangelien bzw. die Dogmen, die er von allem Mystischen, Supranaturalen und allem Wunderglauben reinigen will, um Christus rein menschlich und das Christentum als Idee der Gottmenschheit aufzufassen».5

3Bereits 1836, nachdem Heinrich Christian Michael Rettig, Professor für Neues Testament, Kirchengeschichte und Dogmatik an der Universität Zürich, gestorben war, wurde Strauss als Dozent ins Gespräch gebracht. Als 1838 Rettigs Nachfolger Eduard Elwert nach Deutschland zurückkehrte, wurde der Gedanke wieder aufgegriffen und stiess diesmal im Erziehungsrat auf mehr Unterstützung. Obwohl sich die theologische Fakultät in einem Gutachten nahezu einhellig gegen Strauss aussprach, berief ihn der Erziehungsrat am 26. Januar 1839 durch Stichentscheid seines Präsidenten, Bürgermeister Conrad Melchior Hirzel, auf den Lehrstuhl für Dogmatik an die Universität Zürich. Ende Januar brachte Antistes Johann Jakob Füssli eine Motion vor den Grossen Rat, die einen Einfluss des Kirchenrates auf die Besetzung der Lehrstühle der theologischen Fakultät forderte und damit auf die Berufung von Strauss zielte. Unverhohlen erklärten die Radikal-Liberalen in der Diskussion, dass man mit der Berufung von Strauss auf eine Reform der Kirche abziele, die diese selbst nicht zu leisten imstande sei, während Theologieprofessor Alexander Schweizer für die Gegenseite darauf hinwies, dass eine solche Reform einzig von der Kirche, nicht aber von einer Staatsbehörde ausgehen könne. Die Motion wurde mit 98 gegen 49 Stimmen für unerheblich erklärt und somit die Berufung von Strauss indirekt gebilligt.6 Am 2. Februar bestätigte der Regierungsrat mit deutlicher Mehrheit die Berufung.

4Bei den Schweizer Studenten im Ausland hatte diese Berufungsfrage hohe Wellen geworfen. Escher war ein überzeugter Anhänger seines Vetters Friedrich Ludwig Keller, führender Kopf der radikal-liberalen Partei, und ein energischer Verfechter von dessen Politik. Zur Zeit der Debatte um Strauss, im Wintersemester 1838/39, hatte sich Escher gemeinsam einerseits mit ebenfalls liberal gesinnten Studenten wie Johann Jakob Blumer, andererseits mit konservativ eingestellten Studienkollegen wie Jakob Escher oder Friedrich von Wyss in Berlin aufgehalten. Die heftigen Diskussionen über die Zürcher Vorgänge rissen einen tiefen Graben zwischen die beiden Lager.7

5Im Kanton Zürich zeigte sich rasch, dass die Berufung von Strauss bei grossen Teilen der Kantonsbevölkerung, die den alten, traditionellen Glauben in Gefahr sahen, auf Unverständnis und Ablehnung stiess. Aus Vereinen, die in vielen Gemeinden und Bezirken gebildet wurden, ging ein 22köpfiges Zentralkomitee hervor (von den Gegnern meist Glaubenskomitee genannt), an dessen Spitze Johann Jakob Hürlimann-Landis als Präsident und Hans Konrad Rahn-Escher als Vizepräsident standen. Die Hauptforderung des Komitees war: «Strauss darf und soll nicht kommen!»8 Der Regierungsrat, aufgeschreckt durch die heftige Gegenbewegung, ersuchte den Erziehungsrat, eine Pensionierung von Strauss noch vor seinem Amtsantritt zu prüfen. Das Glaubenskomitee seinerseits initiierte eine Petition, die in den Kirchgemeindeversammlungen von 39000 Kantonsbürgern angenommen und lediglich von 1000 verworfen wurde. Darin wurde nicht nur die Entfernung von Strauss und seine Ersetzung durch einen «Mann von entschiedenem, evangelisch-christlichem Glauben» gefordert, sondern auch die Bildung einer Kirchensynode, Prüfung der Wahlen von Theologieprofessoren durch den Kirchenrat, Einsitz von Mitgliedern der Kirchensynode im Erziehungsrat, stärkere Betonung der religiösen Richtung im gesamten Schulwesen und Totalrevision des Gesetzes über das Lehrerseminar mit dem Zweck, «daß auch hier die Religion die Grundlage des Unterrichtes bilde».9 Auf Ersuchen des Regierungsrates sowie mehrerer Grossräte berief Präsident Jonas Furrer auf den 18. März eine ausserordentliche Sitzung des Grossen Rates ein. Nach langwieriger Diskussion beschloss dieser am 19. März mit 149 gegen 38 Stimmen, den Antrag auf Pensionierung von Strauss anzunehmen.10

6In dieser Situation also hatte Bürgi seine Motion eingereicht. Diese wurde in der Sitzung des Grossen Rates vom 19. März nach hitziger Debatte mit 122 gegen 52 Stimmen erheblich erklärt und eine neunköpfige Kommission unter dem Präsidium Furrers eingesetzt. Diese sollte untersuchen, ob die Leistungen der Universität den Bedürfnissen und dem ökonomischen Aufwand entsprächen, ob aufgrund dieser Untersuchung die Universität aufzuheben oder weiterzuführen sei und ob allenfalls Veränderungen bei der Kantonsschule vorzunehmen wären. Mitglieder neben Furrer waren die Regierungsräte Bürgi, Heinrich Weiss und Eduard Sulzer sowie die Grossräte Heinrich Gujer, Johann Rudolf Sulzer, Karl Billeter, Ferdinand Meyer und Johann Jakob Wieland.11

7 Bürgis Motion stiess vielerorts auf Unverständnis. Auch die Zürcher Studenten waren sich, anders als in der Debatte um Strauss, einig. So meinte etwa Jakob Escher Anfang Mai aus Berlin: «Mag auch das Centralcomité treiben was es will, so kann ich nicht einsehen, wie man daraus einen Grund gegen die Hochschule finden kann.»12 Alfred Escher lieferte die Erklärung: es handelte sich um einen «politischen Kunstgriff der Radikalen», die aus Sorge um das erneuerte Volksschulwesen die Existenz der Universität mit diesem verknüpfen wollten. Das Interesse der Studenten galt vorrangig dem Erhalt der Universität als Bildungseinrichtung. Sie machten sich aber auch Gedanken über die Auswirkungen auf ihre jeweiligen Studienpläne. Denn sollte auch die Universität gerettet werden, so stellte sich die Frage, ob unter dem Eindruck oder als Folge der Ereignisse die Besetzung der Lehrstühle ändern würde – so befürchteten die Medizinstudenten den Abgang des angesehensten Medizinprofessors der Universität, Lukas Schönlein. Bei den Juristen stellte sich die Frage, wie sich die zwei renommiertesten Professoren und zugleich führenden Köpfe der Zürcher Politik verhalten würden: Keller, das Haupt der radikal-liberalen Partei, und der nach dem Umsturz vom September 1839 neu in die Regierung tretende (liberal-)konservative Johann Caspar Bluntschli 13.

8Angesichts der Bedrohung ihrer Lehranstalt wurden die Studenten aktiv. Bereits auf die Grossratssitzung vom 18. März hin hatte die Studentenschaft der Universität Zürich eine von 111 Studierenden unterzeichnete Adresse an den Grossen Rat gerichtet. Sie ersuchte darin um Erhaltung der Universität unter Garantierung der Lehrfreiheit und unterstützte deshalb den Antrag des Erziehungsrates auf Schaffung einer zweiten Professur für Dogmatik neben Strauss. Zugleich sprach sie sich dafür aus, im Falle der Aufhebung der Universität einen Teil der Mittel zur Stiftung einer gesamteidgenössischen Hochschule zu verwenden.14 Nachdem die Motion trotz allem erheblich erklärt worden war, ergriff Escher die Initiative und betätigte sich damit erstmals über den begrenzten Kreis des Zofingervereins hinaus politisch aktiv. Gemeinsam mit Benjamin Brändli verfasste Escher im Namen der an der Universität studierenden Zürcher Kantonsbürger zur Verteidigung der Anstalt eine Broschüre, in der die beiden die Leistungen der Universität ins Licht rückten und für die ungeschmälerte Erhaltung der Universität plädierten. Eine Abschrift ihrer Arbeit stellten sie der Kommission zu, und Escher meinte denn auch, Elemente der Broschüre im Votum Furrers an der Kommissionssitzung wiederzuerkennen. Unter dem Titel «Die Zürcherische Hochschule nach den Ansichten der an ihr studirenden Zürcherischen Kantonsbürger» erschien die 28 Seiten starke Broschüre im Laufe des Jahres im Druck.15 Mit einem Rückblick auf ältere wissenschaftliche Anstalten legten Escher und Brändli die «Irrigkeit der Ansicht» dar, dass die Universität «ein willkürliches Produkt der Lieblingsidee Einzelner oder eine durchaus neue Schöpfung jüngster Zeit sei, an deren Stelle früher gar nichts gestanden hätte».16 Gegen den Vorwurf, die Universität fördere den Sinn für «Nationalität» nicht, erwähnten sie für die Seite der Studenten deren Vereinigungen mit ihren vaterländischen Idealen und für die Seite der Lehrer die vorbildliche Behandlung von Themen mit zürcherischem und schweizerischem Bezug. Daher sei «jener Vorwurf, als würde die Nationalität an unserer Hochschule nicht begünstigt, so weit dieser nämlich einen Sinn hat, zurückzuweisen».17 Gerade die Aufhebung der Universität wäre es, wodurch Gefahren für die schweizerische Nationalität entstünden, da Schweizer zum Studium an ausländischen Universitäten gezwungen würden. In Hinblick auf den finanziellen Aspekt äusserten sie die Erwartung, dass man der Universität, «wenn es nöthig wäre, auch große Opfer zu bringen bereit sei, besonders wenn man für rein materielle Interessen wie Bauten und Straßen, Militärwesen und Anderes so ungeheure Summen verwenden sieht».18 Sie wiesen ferner nach, dass in manchen Rechnungen der Universität Kosten angelastet wurden, die eigentlich nicht oder nur teilweise auf sie entfielen. Zudem würde der grösste Teil der Ausgaben nicht vom Kanton bestritten; vielmehr seien «die Kosten der Hochschule, die dem Staate unmittelbar zur Last fallen, so unbedeutend, daß es in der That sehr befremdet, wenn man sie nur noch als Grund gegen eine solche Anstalt, welche die höchsten Interessen des Lebens wahrt, anführen hört, besonders wenn man noch den ökonomischen Nutzen, welchen die Hochschule dem Kantone bringt, bedenkt».19

9Die vom Grossen Rat bestellte Hochschulkommission trat am 27. Mai 1839 erstmals zusammen. Die Äusserungen der Mehrzahl der Kommissionsmitglieder liessen schon erahnen, dass die Existenz der Universität nicht ernstlich gefährdet war. Einige Mitglieder sprachen sich von vornherein für unverändertes Beibehalten der Universität aus. Andere bemängelten zwar die verhältnismässig hoch erscheinenden Kosten, sahen aber ein, dass Einsparungsversuche nicht zweckmässig wären.20 Der Grosse Rat behandelte Bürgis Motion am 27. Juni. Auf Antrag der Kommission wurde die Motion nach kurzer Diskussion einmütig zurückgewiesen.21

Zürichputsch: Der 6. September 1839

10Damit war die Universität gerettet. Die Lage im Kanton Zürich hingegen blieb angespannt, zumal der Grosse Rat in den Sitzungen von März, April und Juni 1839 nicht bereit war, den über die Entfernung von Strauss hinausgehenden Forderungen des Glaubenskomitees bzw. der zahlreichen Petitionen aus den Gemeinden und Bezirken Folge zu leisten. Escher schrieb im April 1839 nach seiner Rückkehr nach Zürich: «Ich begreife nicht, was diese Menschen, denen es gelungen ist, Strauß zu verjagen u. die Commission zur Untersuchung des Verhältnisses von Kirche u. Schule zu veranlaßen [...] jetzt noch wollen.» Anfang Mai äusserte Jakob Escher, der sich in Bonn aufhielt, Besorgnis über die weiteren Pläne des Glaubenskomitees: «Was das Centralcomité jetzt noch zu thun beabsichtigt, weiß ich nicht; ich fürchte, was ich auch im Anfang fürchtete, es werde zu weit gehen und mehr unternehmen, als ohne Störung der Ruhe geschehen kann.»22

11Es zeigte sich, dass die Gegner der herrschenden radikal-liberalen Partei mehr wollten als nur die Entfernung von Strauss. Die Radikal-Liberalen hatten in den 1830er Jahren, der Zeit der Regeneration,23 eine unter wissenschaftlichem Gesichtspunkt ausgezeichnete, umfangreiche Gesetzgebungs- und Verwaltungstätigkeit entfaltet, sich dabei aber immer mehr von den Ansichten und Gefühlen des Volks entfernt. So stand 1839 der Landbevölkerung, deren traditionelles Lebensgefühl auf dem Fundament der protestantischen Volksgläubigkeit ruhte, eine radikal-elitäre Führungsschicht gegenüber, die dem aufklärerischen Liberalismus anhing. Diese landschaftliche Opposition hatte ihre Macht erkannt und kämpfte nun um genügende Garantien für den christlichen Glauben in Kirche und Schule. Der «Straussenhandel» und die daraus resultierende Aufregung boten nun den Konservativen in der Stadt eine willkommene Gelegenheit, gegen die Radikal-Liberalen vorzugehen und einen politischen Umschwung zu ihren Gunsten herbeizuführen.24

12Regierung und Grosser Rat kamen den Forderungen der Bewegung nicht nach, sondern schickten sich vielmehr an – nach Ansicht der Opposition unter Missachtung der selbst eingeführten Versammlungs- und Pressefreiheit –, gegen das Glaubenskomitee juristisch vorzugehen. Darauf versammelten sich am 2. September 1839, gewissermassen in einer Analogie zum liberalen Ustertag von 1830, mehrere tausend25 Männer in Kloten, um den erneuerten Forderungen Nachdruck zu verleihen. In den folgenden Tagen machte das Gerücht die Runde, Kantone des liberalen Siebnerkonkordats entsendeten Truppen zur Unterstützung der Zürcher Regierung. Dadurch sah sich Rahn-Escher, der Vizepräsident des Komitees, veranlasst, am 5. September 1839 ein warnendes Sendschreiben an die Bezirke zu richten mit dem Aufruf, sich für diesen Fall vorzubereiten. Am Abend desselben Tages läutete Pfarrer Bernhard Hirzel 26 in seiner Kirche in Pfäffikon Sturm. Die Kirchen der umliegenden Gemeinden trugen das Geläut weiter, reitende Boten wurden ausgeschickt, und unter Hirzels Anführung bewegte sich ein teilweise bewaffneter Zug der Landbevölkerung Richtung Zürich. Frühmorgens am 6. September zog der Landsturm in die Stadt. Eine bewaffnete Kolonne mit Bernhard Hirzel an der Spitze traf beim Fraumünster auf eine Einheit Dragoner unter dem Befehl von Major Bruno Uebel 27, einem gebürtigen Preussen, dessen Tochter Augusta Uebel 1857 Alfred Escher heiratete. Obwohl beide Anführer Blutvergiessen vermeiden wollten, lösten sich Schüsse. Nach einem kurzen Scharmützel zogen sich die Dragoner zurück. Der Landsturm rückte gegen das Zeughaus vor, wo es zu einem Schusswechsel mit Infanterietruppen kam, die das Gebäude bewachten. 14 Putschisten kamen ums Leben, mehrere wurden verwundet. Opfer der Schüsse wurde auch Regierungsrat Johannes Hegetschweiler 28, der tödlich verwundet wurde, als er den Truppen den Befehl des Regierungsrates überbrachte, das Feuer einzustellen und sich zurückzuziehen. Als sich die Stadt unter Stadtpräsident Paul Karl Eduard Ziegler zur Beruhigung der Lage auf die Seite der Aufständischen stellte, war die Entscheidung zuungunsten der Regierung gefallen. Der Regierungsrat löste sich auf.29

13Ein provisorischer Staatsrat wurde eingesetzt, dem neben einigen gemässigten bisherigen Regierungsräten auch Hürlimann-Landis angehörte. Am 9. September trat der Grosse Rat zusammen – ohne die führenden Köpfe der liberalen Partei, die sich, teilweise verkleidet, nach Baden und in andere Städte geflüchtet hatten.30 Der Grosse Rat beschloss seine eigene Auflösung.31 In den fälligen Wahlen erzielten die Konservativen eine erhebliche Mehrheit.

14Der gewaltsam herbeigeführte Machtwechsel blieb nicht ohne Folgen. Die Existenz der Universität selbst wurde zwar nicht mehr in Frage gestellt; Versuche zu grösseren und kleineren Beschränkungen blieben aber nicht aus.32 Wohin der Weg des Kantons Zürich unter den neuen Machtverhältnissen führen würde, war schwer abzusehen. Im September 1840, ein Jahr nach dem Putsch, befand Carl Rudolf Sinz, dass der Blick in die Zukunft trauriger sei als der Rückblick auf die vergangenen Geschehnisse. Zudem wirkten die Ereignisse über die Kantonsgrenzen hinaus und hatten Signalwirkung für die konservative Opposition in anderen Kantonen. Der Umsturz in der Hochburg des schweizerischen Liberalismus hatte gezeigt, dass konservative Ideen im Volk eine Mehrheit finden konnten und dass eine liberale Regierung, sei es auch mit revolutionären Mitteln, abgelöst werden konnte.33 So musste Blumer zu Beginn des Jahres 1841 feststellen: «Wenn ich Euern 6. September, hinter dem ich zuerst noch etwas Gutes u. Wahres zu erblicken glaubte, schon bei näherer Betrachtung seiner Folgen im eignen Cantone von Grund aus verabscheuen lernte, so ist dies jetzt noch weit mehr der Fall, wo das Unkraut, das er emporgetrieben, überall so reichlich zu wuchern scheint. Durch ihn haben die jetzigen Wühler in den kathol. Cantonen gelernt, daß man durch ‹Religionsgefahr› das Volk zum Aeußersten treiben u. seinen einsichtsvollsten u. biedersten Führern entfremden könne; aus ihm sind die unsittigen Anmaßungen derer hervorgegangen, welche dem Volke eine unbeschränkte Gewalt, deren es nicht fähig ist, geben möchten, um es dadurch unter das schmählichste Joch einer Priesterherrschaft zu bringen.» 34

15Doch wenn auch der Sturz des radikal-liberalen Regimes für Escher und seine liberalen Studienfreunde ein Schock war, so waren es doch auf längere Sicht gerade die Zürcher Liberalen und Escher selbst, die von den Folgen des 6. September zu profitieren vermochten. Das konservative Septemberregiment blieb noch bis 1845 an der Macht, verspielte mit seiner Amtsführung aber zunehmend die Sympathien des Volkes. Bereits 1842 verloren die Konservativen ihre ursprünglich überwältigende Mehrheit im Grossen Rat. Die Radikal-Liberalen nutzten ihre Rolle als Oppositionspartei, um ihre in den 1830er Jahren bestimmende und 1839 abgesetzte Führungselite abzulösen und neue, frische Kräfte aufzubauen – Kräfte wie Escher, der 1844, im Alter von 25 Jahren, in den Grossen Rat gewählt wurde. Dieser Erfolg und die führende Rolle, die Escher schon bald unter den Zürcher Radikal-Liberalen spielte, wären ohne die parteiinterne Flurbereinigung nach dem Septemberputsch so rasch nicht möglich gewesen.35

Kommentareinträge

1Eine wichtige Quelle für die folgenden Schilderungen bilden die gedruckten Verhandlungen des Zürcher Grossen Rates [Verhandlungen Grosser Rat ZH]. – Einen allgemeinen Überblick bieten die bezüglichen Abschnitte in Werken zur schweizerischen und zürcherischen Geschichte, beispielsweise die Zürcher Geschichten von Dändliker und Wettstein [Dändliker, Zürich III], von Largiadèr [Largiadèr, Zürich] oder Craig [Craig, Geld und Geist] sowie die Schweizer Geschichte von Dierauer [Dierauer, Eidgenossenschaft]. – Den Fokus auf die Zürcher Hochschule bzw. die Studenten richten die Universitätsgeschichte von Gagliardi/Nabholz/Strohl [Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich] und Erbs Geschichte der Studentenschaft [Erb, Studentenschaft]. – Das Augenmerk auf die Haltung Eschers und seiner Freunde richtet die Escher-Biographie von Jung [Jung, Aufbruch].

2 Verhandlungen Grosser Rat ZH, 19. März 1839 (S. 6).

3 Vgl. Verhandlungen Grosser Rat ZH, 19. März 1839 (S. 13–14).

4Zum sogenannten Straussenhandel vgl. die Ausführungen bei Jung, Aufbruch, S. 158–160; Hildebrandt, Straussenhandel; Zurlinden, Bilder Zürich I, S. 147–171.

5 Eisler, Philosophen-Lexikon, S. 727.

6 Vgl. Verhandlungen Grosser Rat ZH, 31. Januar 1839.

7 Vgl. Wyss, Erinnerungen, S. 92; Jung, Escher, S. 118–119.

8 Vgl. Dändliker, Zürich III, S. 312.

9 Verhandlungen Grosser Rat ZH, 18. März 1839 (S. 3–4).

10 Vgl. Verhandlungen Grosser Rat ZH, 18. März 1839, 19. März 1839 (S. 1–12).

11 Vgl. Verhandlungen Grosser Rat ZH, 19. März 1839 (S. 18).

12 Jakob Escher an Alfred Escher, 5. Mai 1839.

13 Vgl. Jakob Escher an Alfred Escher, 5. Mai 1839; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 26. Mai 1839; Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 2. Juni 1839; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 17. Juni 1839; Jakob Escher an Alfred Escher, 2. Juli 1839.

14 Vgl. Verhandlungen Grosser Rat ZH, 18. März 1839 (S. 5); Erb, Studentenschaft, S. 41–43.

15 Vgl. Die Zürcherische Hochschule.

16 Die Zürcherische Hochschule, S. 5.

17 Die Zürcherische Hochschule, S. 20–21.

18 Die Zürcherische Hochschule, S. 21.

19 Die Zürcherische Hochschule, S. 22.

20 Vgl. NZZ, 9. Mai 1839; Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich, S. 401–403.

21 Vgl. Verhandlungen Grosser Rat ZH, 27. Juni 1839 (S. 94–96).

22 Jakob Escher an Alfred Escher, 5. Mai 1839.

23Zur Regenerationszeit im Kanton Zürich vgl. Wettstein, Regeneration; Schmid, Zürcher Kantonsregierung, S. 81–116; Zurlinden, Bilder Zürich I, S. 79–144.

24 Vgl. Jung, Aufbruch, S. 156–157; Schmid, Zürcher Kantonsregierung, S. 117–118.

25Schätzungen zur Teilnehmerzahl schwanken zwischen 8000 und 20000. Vgl. Dändliker, Zürich III, S. 318.

26Zu Bernhard Hirzel vgl. Aerne Peter, Pfarrer Bernhard Hirzel, Anführer des Putschzuges – Beiträge zu seiner Biographie, in: Antiquarische Gesellschaft / Paul-Kläui-Bibliothek, Züriputsch, S. 63–121.

27Zu Bruno Uebel vgl. Jung, Escher, S. 97–100; Jung, Lydia Welti-Escher 2009 (Quellen, Materialien), S. 55–57.

28Zu Johannes Hegetschweiler vgl. Mörgeli, Hegetschweiler.

29Zu detaillierteren Darstellungen von Ereignissen und Folgen des 6. September vgl. beispielhaft Uebel, 6. September 1839; Schulthess, Straussische Bewegung; Zurlinden, Bilder Zürich I, S. 172–243.

30 Vgl.Holstein August Guido, Der erste Bundespräsident in Frauenkleidern? Baden und der «Züriputsch» vor 150 Jahren, in: Antiquarische Gesellschaft / Paul-Kläui-Bibliothek, Züriputsch, S. 136–142.

31 Vgl. Verhandlungen Grosser Rat ZH, 9. September 1839 (S. 97–102).

32 Vgl. Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich, S. 410–430.

33 Vgl. Dierauer, Eidgenossenschaft, S. 624–648.

34 Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 10. Januar 1841.

35 Vgl. Jung, Escher, S. 121.