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Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, S. 19–29.

Eschers Aufstieg in der Politik (1842–1848)

Björn Koch, unter der Leitung von Prof. Dr. Joseph Jung

Paris: Zukunftspläne

1Escher weiss nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Dies schreibt er zumindest dem Appenzeller Landammann und Tagsatzungsgesandten Jakob Zellweger im November 1846. Gerade einmal 27 Jahre alt ist Escher zu diesem Zeitpunkt und politisiert bereits im Zürcher Grossen Rat, ist Mitglied des Erziehungsrats und vertritt die Interessen Zürichs an den Tagsatzungen von 1845 und 1846 als dritter Gesandter. Doch damit nicht genug; er hält Vorlesungen als Privatdozent an der Universität Zürich und pflegt ausgiebigen Kontakt mit den politisch Gleichgesinnten in der ganzen Eidgenossenschaft. Arbeit ist Eschers Leben. Ab den 1840er Jahren dreht sich alles um seine Ämter und die Politik. Später opfert Escher sich für seine Gründungen auf – allen voran für die Nordostbahn-Gesellschaft und die Schweizerische Kreditanstalt.

2Doch blenden wir zurück zum September 1842. Escher hatte sein Studium an der Universität Zürich mit dem Doktor beider Rechte abgeschlossen; er war der erste, dem diese Würde an der 1833 gegründeten Hochschule zuteil wurde.1 Viele Wege standen dem jungen Juristen offen. Grundsätzlich hätte man sich Escher in einer Anwaltskanzlei vorstellen können – etwa als Partner Jonas Furrers. Sein juristisches Talent hätte ihn zweifellos auch an ein Gericht oder in ein staatliches Amt führen können. Bei Eschers publizistischer Begabung wäre die Mitarbeit in einer Zeitungsredaktion – etwa bei der «Neuen Zürcher Zeitung» – ebenso denkbar gewesen. Und warum sollte sich Escher nicht nochmals neu orientieren und seinen Jugendtraum von einem naturwissenschaftlichen Studium verwirklichen, um sich danach zusammen mit dem früheren Hauslehrer Oswald Heer der väterlichen entomologischen Sammlung anzunehmen?2 Im September 1842 musste sich Escher vorerst Klarheit über seinen weiteren Weg verschaffen und spielte mit dem Gedanken, sich zu diesem Zweck für einige Zeit ins Ausland zu begeben.

3Dieser Wunsch kam nicht von ungefähr. Einerseits lag der Familie Escher das Reisen im Blut. Alfred Eschers Grossvater Hans Caspar Escher-Keller hatte ausgiebige Expeditionen nach Russland unternommen, die beiden Onkel Friedrich Ludwig und Ferdinand Escher brachten einen Grossteil ihres Lebens in Russland und auf Kuba zu, und auch den Vater Heinrich Escher führten seine Geschäfte schon in jungen Jahren nach Frankreich und Nordamerika.3 Andererseits darf die Bedeutung von Alfred Eschers Vetter Friedrich Ludwig Keller, Rechtsprofessor an der Universität Zürich, nicht unterschätzt werden. Auf sein Anraten hin schrieb sich Escher im April 1837 für das Studium der Rechte ein und trat damit in die Einflußsphäre Kellers. Nach Abschluss seiner juristischen Studien entschied sich Escher, auch sein Dissertationsvorhaben unter Kellers Leitung in Angriff zu nehmen. Der Entscheid zur Promotion verweist bereits auf die damalige Absicht, sich die wissenschaftliche Laufbahn offenzuhalten – eine Ansicht, die auch Eschers Freund Johann Jakob Blumer vertrat: «Für dich war freilich, da du Dozent zu werden beabsichtigst, die Erreichung der Doktorwürde beinahe unerläßlich [...].»4

4Escher hatte während seines Studiums Auslandsemester in Bonn und Berlin verbracht. 1838 schrieb Keller seinem Schüler, dass er es «für einen durchaus veralteten Bildungsplan [halte], wenn wir Schweizer die s.g. solide Bildung ausschließlich in Teutschland holen wollen». Deshalb empfahl er Escher einen längeren Aufenthalt in England, damit er sich dort eigenen Studien und der «Beobachtung des öffentlichen Lebens im weitesten Sinne» widmen könne.5 Diesen Rat befolgte Escher Ende 1842 nur teilweise, denn er entschied sich, das Vorhaben in Frankreich und nicht in England umzusetzen.

5Da sich einige Studienfreunde Eschers bereits in Paris aufhielten, konnte er diese Kontakte nutzen, um sich vor seiner Abreise nach einer angemessenen Unterkunft für seinen halbjährigen Aufenthalt zu erkundigen. Der junge Mediziner Carl Rudolf Sinz nahm sich der Unterbringung seines Freundes an, was sich aber nicht so einfach gestalten sollte. Escher stellte gewisse Ansprüche an sein Auslandsdomizil, und Sinz meldete nach Zürich über die Wohnsituation in Paris: «Die Weite des Weges würde weniger machen (sie ist jedenfalls nicht beträchtlicher als die Streke die du von Belvoir nach der Stadt zu machen hast,) wenn du in unser Quartier zögest. Nur ist es schwer Zimmer zu finden, die groß genug sind, um zb. mit Ehren Leute aus der höhern Gesellschaft bei sich zu empfangen.»6 Escher quartierte sich schliesslich im Hôtel Manchester an der Rue de Gramont ein.7

6In der Weltstadt angelangt, befand sich Escher in der komfortablen Lage, dass er keinen Verpflichtungen nachzukommen brauchte und somit Zeit für sich hatte. Er befand sich in einem Zustand der Zwanglosigkeit – es sollte das letzte Mal in seinem Leben sein, dass er seine Tage nach Lust und Laune gestalten konnte. Kellers Empfehlung zur «Beobachtung des öffentlichen Lebens» gewährte einen grossen Spielraum. Escher traf sich häufig mit schweizerischen und deutschen Freunden im «Café de la Rotonde» im Quartier Latin. «Rotundia» nannte sich das Grüppchen der «Exilanten», die dort regelmässig über Gott und die Welt debattierten und sich Briefe von gemeinsamen Freunden vorlasen.8 Mit dem «Rotundianer» Johannes Honegger besuchte Escher Versailles und die «Pariser-Merkwürdigkeiten»; die beiden waren zudem begeisterte Operngänger.9 Zu ihren Lieblingsopern zählte «La part du diable» von Daniel Auber, die Escher dreimal besuchte. Vor allem die spanische Sängerin Juana Rossi-Caccia hatte es ihm angetan.10 Als Eschers Doktorvater Keller über Ostern in Paris weilte, wollte dieser in «die Bibliotheken [...] keinen Fuß»11 setzen; er hielt sich zusammen mit Escher bevorzugt in Antiquariaten und im Theater auf. Bei diesen Unternehmungen zeigt sich an Escher eine Unbeschwertheit, die man später vergeblich suchen wird.

7Dennoch waren Eschers Pläne für den Paris-Aufenthalt keineswegs auf Opern- und Museumsbesuche ausgerichtet. Seine Absicht war vielmehr, sich über seine Zukunftspläne klar zu werden. Darüber hinaus beschäftigte sich Escher mit der Philosophie Hegels, besuchte Gerichtsverhandlungen und setzte sich mit der französischen Rechtsprechung auseinander.12 An seinen Vetter Jakob Escher schrieb er über das «Provisorium», in dem er sich befinde, und legte in langen Ausführungen seine Gedanken zu juristischen Sachverhalten dar.13 Alfred Escher suchte eine neue Herausforderung und empfand dabei die Zerstreuungen in Paris zunehmend als hinderlich. Aufgewühlt schrieb er im April 1843: «Ich bin in diesen Wochen immer mit meiner Zukunft beschäftigt. So wenig die unendlich vielgestaltigen & zerstreuenden äußern Verhältnisse, in denen ich hier lebe, dazu geeignet sind, mir diejenige Ruhe zu gewähren, die zur allseitigen Untersuchung & Entscheidung eines so wichtigen Gegenstandes wünschbar, ja fast unentbehrlich ist, so drängt mich doch das unabweisliche Bedürfniß, mir ein bestimmtes Ziel für mein Sinnen & Streben zu setzen, damit ich von jetzt an keinen Augenblick für die Erjagung desselben verliere, zu einem festen Entschlusse in Beziehung auf die Laufbahn hin, in der ich das Bischen Kraft, das Gott mir anvertraut, aufreiben soll.»14 Bereits in diesen Worten zeigt sich das später immer ausgeprägter hervortretende Arbeitsethos Eschers. Das gesellschaftliche Leben in den Pariser Salons, die Kunstschätze und die kulturelle Vielfalt der Stadt genoss Escher wohl zu Beginn seines Aufenthalts. Doch auf lange Sicht war dies nicht das Leben, das er sich wünschte, da es seinen Schaffensdrang nicht befriedigte.

8Alfred Escher haderte mit dem Umstand, dass er seine bisherige wissenschaftliche Beschäftigung als einengend und unzeitgemäss empfand. In seiner Dissertation hatte er sich mit römischem Recht befasst, einer Thematik, die ihm nun weltfremd erschien.15 Jakob Escher teilte er seine Besorgnis mit, dass er bei einer weiteren Beschäftigung mit dieser Thematik Gefahr laufe, «in den Rechten der andern und so namentlich auch der modernen Völker ein Idiote» zu bleiben.16 Gerade das Hier und Jetzt interessierte Escher brennend. Denn wenn auch das römische Recht die Grundlage der modernen Jurisprudenz bildete, so wollte er nicht mehr nur die althergebrachte Gesetzgebung nachvollziehen, sondern die Befähigung für eine praxisorientierte Tätigkeit erlangen: «Ich will hier lieber von der auffallenden Erscheinung reden, daß man auf den deutschen Universitäten & also auch auf der unsrigen [...] es zu vergessen scheint, daß eine wesentliche Aufgabe ihrer Rechtsfacultäten auch darin besteht, die ihrer Pflege anvertrauten zu gesetzgeberischer Thätigkeit zu befähigen. [...] Die Franzosen [...] haben jene Aufgabe der Universitätsbildung erkannt.»17 In Frankreich hatte er eine lebendige Wissenschaft entdeckt, die nicht in lähmender Ehrfurcht vor dem Alten verharrte und darüber die Rechtssetzung der Gegenwart vergass.

9 Paris eröffnete Escher neue Perspektiven. Und hier bot sich ihm auch die Gelegenheit, Pläne zur Gestaltung der Eidgenossenschaft zu schmieden. In Gesprächen mit den Pariser Freunden – allen voran mit Johannes Honegger – gewann die Vision einer fortschrittlichen Schweiz zunehmend an Konturen. Honegger rief sich diese Zeit auch später noch gerne ins Gedächtnis, in der er mit Escher über die «zukünftige Gestaltung» der politischen Tätigkeit sinnierte. Diese Gespräche beeinflussten auch Eschers wissenschaftliche Ausrichtung. Er wollte sich nun intensiv mit vergleichenden Rechtswissenschaften beschäftigen und sich mit der modernen Rechtsprechung auseinandersetzen. Voller Enthusiasmus offenbarte er Honegger seine Ideen, wie dieser sich später erinnerte: «Heute vor einem Jahr hast du mir in der Rotonde deinen Brief an J. Escher vorgelesen, in dem du mit freudiger Begeisterung deine neuen, durch Dr. Kellers Anwesenheit in Paris, völlig zur Reife gediehenen wissenschaftlichen Pläne auseinandersetztest.»18 Escher entwarf einen Grundriss für ein ambitioniertes Projekt, bei dem er die Rechtsgeschichte der gesamten Eidgenossenschaft aufarbeiten wollte.19 Mit «feurigem Eifer» sah Escher der Verwirklichung seiner Pläne entgegen. An Jakob Escher schrieb er: «Es ist jetzt der Augenblick gekommen, da ich einen für meine ganze Zukunft entscheidenden Entschluß, wohl den wichtigsten meines Lebens, zu faßen habe. In wenigen Wochen werde ich in der Heimath sein und die Ruhe der mich umgebenden äußern Verhältniße werden dann die angestrengten Arbeiten begünstigen [...]. Ich habe vielleicht schon zu viel Zeit auf eine Richtung verwendet, von der ich mir als ich sie zu verfolgen anfing, nicht genugsame Rechenschaft gegeben und die nun wohl kaum die meinige bleiben wird.»20

Zürich: Voller Tatendrang

10Escher kehrte im Juli 1843 beseelt von frischen Eindrücken und Plänen zurück nach Zürich. Er traf sich mit Johann Jakob Blumer in Rapperswil, um ihn für sein Projekt zur Erarbeitung einer Schweizer Rechtsgeschichte zu gewinnen. Obwohl Blumer skeptisch war, was den Umfang und die Ausführbarkeit betraf, freute er sich über die Neuorientierung seines Freundes: «Mich haben auch deine Mittheilungen über deine veränderten wissenschaftlichen Pläne u. Ansichten im Allgemeinen höchlich intressirt u. gefreut.» Vor allem betonte er auch den praktischen Nutzen des Vorhabens: «So aufgefaßt ist dein Standpunkt, wie du richtig bemerktest, jedenfalls ächt praktisch im schönsten u. würdigsten Sinne des Wortes; du kannst als Dozent u. nachher vielleicht als Politiker dadurch sehr viel Gutes u. Zweckmäßiges stiften.» Blumer war sich also schon im August 1843 sicher, dass Escher «nachher als Politiker» von dem nun eingeschlagenen wissenschaftlichen Weg profitieren könne. Das projektierte Vorhaben wurde jedoch ziemlich bald nicht mehr weiter verfolgt. Blumer schrieb dazu lediglich, dass er schon zu Beginn «Bedenken über die Ausführbarkeit» geäussert habe, «deren Begründetheit sich bald erwies, indem das ganze Projekt in die Brüche ging [...]».21

11Die Schweizer Rechtsgeschichte rückte zunehmend in den Hintergrund, da Escher von anderen Plänen und Geschäften in Beschlag genommen wurde. Beispielsweise von der Akademischen Mittwochgesellschaft. Die Mittwochgesellschaft wurde 1842 von einem Kreis von Zofingern um Escher ins Leben gerufen und erwuchs aus dem Bedürfnis, die Geselligkeit und den Gedankenaustausch unter Farbenbrüdern über die Aktivzeit der Zofingia hinaus zu erhalten. Schon als Centralpräsident des Zofingervereins hatte Escher 1841 in einer Rede den Gedanken eines «Männerzofingervereins» aufgegriffen.22 Innerhalb der Zofingia scheiterten Bemühungen, eine Altherrenvereinigung zu gründen, so dass sich Escher und seine Freunde schliesslich selbst der Sache annahmen.23

12An der Mittwochgesellschaft beteiligten sich etwa zwanzig ehemalige oder kurz vor dem Abschluss stehende Studenten der Universität Zürich. Der Verein setzte sich aus einem bunten Haufen von Juristen, Theologen, Philologen und Naturwissenschaftlern zusammen. Man traf sich im Sommer im «Drahtschmidli», einem direkt an der Limmat gelegenen Wirtshaus, das für sein gutes Bier bekannt war.24 Im Winter wurde das «Café Littéraire» bevorzugt, ein Kaffeehaus in unmittelbarer Nähe des Zürcher Rathauses und beliebter Treffpunkt in radikal-liberalen Kreisen.25 Escher hatte sich durch seinen Paris-Aufenthalt verändert und stellte auch an die Mittwochgesellschaft neue Ansprüche. Der rein akademische Disput und das gesellige Beisammensein genügten ihm nicht mehr. Zusammen mit Johannes Honegger hatte Escher in Paris über die Zukunft der Schweiz disputiert, und sie waren zum Schluss gelangt, dass die fortschrittlichen Kräfte gebündelt werden müssen; die Mittwochgesellschaft entwickelte sich bald zu einer zentralen Plattform zur besseren Organisation und Verflechtung des radikal-liberalen Lagers . Im Oktober 1843 begann Escher mit Blumer eine briefliche Diskussion über die politische Ausrichtung der Mittwochgesellschaft. Escher hatte Blumer um seine Ansicht darüber gebeten, ob sich der Verein «in politische u. religiöse Diskussionen einlassen solle [...]». Blumer vertrat die Meinung, «daß ein Verein von Leuten unsers Alters nicht mehr die Aufgabe haben könne, welche wir früher dem Zofingervereine setzten [...]. Demnach könnte jene Beschäftigung in Euerm Vereine keinen andern Zweck haben, als die Vorbereitung zu sofortigem gemeinschaftlichem Einwirken in die Verhältnisse des Staats u. der Kirche; die Bildung einer Angriffskolonne, einer ‹Phalanx› nach deinem Ausdrucke; euer Verein würde also dadurch zum politischen, während er jetzt bloß eine freundschaftliche u. gesellige Tendenz hat.»

13Die Mittwochgesellschaft bildete eines der Fundamente für Eschers rege Netzwerktätigkeit, wie auch die während den Tagsatzungen von 1845 und 1846 in Zürich ins Leben gerufenen Donnerstagsgesellschaften, bei denen Escher radikal-liberale Gesandte zu sich ins Belvoir einlud. Um die Machenschaften und den Einfluss der Mittwochgesellschaft entstand ein veritabler Mythos, und so bot sie in den 1860er Jahren eine willkommene Angriffsfläche für den Pamphletisten Friedrich Locher und die demokratische Bewegung.26

14Nicht nur die Mittwochgesellschaft wollte Escher nach seiner Rückkehr aus Paris vermehrt auf politische Sachfragen ausrichten, auch er selbst strebte eine aktivere politische Rolle an. Blumer stand in diesem Punkt hinter seinem Freund: «Die Frage, ob sich Leute von unserer Alters- u. Bildungsstufe auf eine eben dieser Stufe entsprechende Weise in die Tagesfragen einmischen, ob sie thätig wirkend in's politische, überhaupt in's öffentliche Leben hinaustreten sollen, ist für mich bald entschieden, denn ich habe sie schon seit längerer Zeit [...] bejahend beantwortet.»

15Eine Gelegenheit, «in's öffentliche Leben» hinauszutreten, sollte sich Escher 1844 bieten. Im Februar und März 1844 erschien eine anonyme Artikelserie Eschers in der «Neuen Zürcher Zeitung», in der er die Lage der Zürcher Universität thematisierte und den Kampf mit den konservativen Kräften aufnahm.27 In den Artikeln zeigte sich Escher kampfeslustig. Die Einleitung zu seinem publizistischen Einstand verdeutlicht, dass Escher sich mit diesem Schritt stärker exponieren und sich zu einem aktiven Beteiligten im Kampf um die Stärkung der radikal-liberalen Errungenschaften erheben wollte: «Wenn aus dem Sumpfe unserer politischen Journalistik Leidenschaften hervortauchen, die, gewännen sie die Oberhand, das geistige Leben unserer Hochschule verkümmern und so ihre Existenz erschüttern müßten, wenn dadurch die wissenschaftliche und kulturliche Errungenschaft, die Zürich im Laufe der Zeiten und namentlich auch durch die Regeneration der 30ger Jahre erworben, in Frage gestellt wird, dann ist es wohl an der Zeit, daß auch diejenigen, die bisanhin als müßige Zuschauer dem Zeitungskampfe ferne gestanden, in die Schranken treten, um die gefährdeten Güter zu wahren.»28

16Die Parteistreitigkeiten machten vor den Toren der Universität nicht halt. Die konservativen Kräfte hatten seit dem Regierungsumsturz vom September 1839 auch im Erziehungsrat die Mehrheit gewonnen und übten ihren Einfluss auf Berufungen und die Schwerpunkte von Forschung und Lehre aus. Die Spannungen an der Universität, die sich seit 1839 immer mehr verschärften, kulminierten Ende 1843 im Weggang von zwei angesehenen Professoren der medizinischen Fakultät: Jacob Henle und Karl von Pfeufer. Sie nannten als Grund für ihren Abgang unter anderem das Misstrauen gegenüber den Medizinprofessoren, deren Einfluss die konservative Regierung auf ein Minimum zu beschränken suchte.29 Dem Ärger über den Verlust der beiden Professoren machte Escher in einem Brief an den Studienfreund Arnold Otto Aepli Luft: «Beschränktheit & Ignoranz, die von oben herab begünstigt werden, haben so der Hochschule zwei ihrer tüchtigsten Lehrer geraubt!»

17Doch nicht nur diese Abgänge liessen die radikal-liberalen Kräfte um die Universität bangen. Ende Januar 1844 bereitete ihnen auch die Wahl von Johann Caspar Bluntschli, dem Führer der Zürcher Konservativen, zum Rektor der Hochschule Kopfzerbrechen. Escher schrieb in der «Neuen Zürcher Zeitung» zur Wahl Bluntschlis, dass er dessen wissenschaftlichen Verdienste durchaus anerkenne, diese jedoch für das hohe Amt eines Rektors sekundär seien: «Bei der Rektorwahl ist aber nicht bloß dieser [der wissenschaftliche] Maßstab anzulegen, es ist im Gegentheile namentlich darauf zu sehen, daß der zu Wählende durch seine ganze Vergangenheit genügende Garantieen gegeben, daß ihm die Hochschule als eine freie Pflanzschule der Wissenschaft am Herzen liege [...].»30 Genau diese Freiheit – die liberale Geisteshaltung – schien ihm bei dieser Wahl aber nicht gewährleistet zu sein.

18 Im Januar 1844 machte zudem die Nachricht die Runde, dass Friedrich Ludwig Keller ebenfalls beabsichtige, die Universität zu verlassen, um einem Ruf nach Halle zu folgen. Mit «eigentlicher Bestürzung» berichtete die «Neue Zürcher Zeitung» über diese Neuigkeit. Nachdem die Hochschule den Anfeindungen bislang standgehalten habe, werde sie nun des Mannes beraubt, der «als Dozent ihr zur Stütze und Zierde wurde». Es sei unverkennbar, wie sehr der drohende Verlust Kellers «den Charakter eines historischen Ereignisses an sich tragen würde».31 Die Befürchtungen sollten sich bestätigen: Ende März 1844 verliess Keller Zürich Richtung Deutschland.32

19 Keller hatte aber für Ersatz gesorgt. Die Universität sei in Bedrängnis geraten, gestand er in seiner Abschiedsrede ein, doch sei es gelungen, «treffliche jüngere Kräfte» zu mobilisieren.33 Damit meinte er unter anderem Alfred Escher, der mit Schreiben vom 31. Januar 1844 dem Erziehungsrat seinen Wunsch ankündigte, sich «in der staatswissenschaftlichen Facultät der hiesigen Hochschule als Privatdozent zu habilitiren».34 Ermutigt wurde er zu diesem Schritt von seinem Mentor Keller. Escher schrieb an Aepli nach St. Gallen, dass Keller und andere aus dem radikal-liberalen Lager wünschten, dass er sich «mit Extrapost als Privatdozent habilitire». Über Eschers Entscheid meldete die «Neue Zürcher Zeitung» begeistert: «Wir hatten mit innigem Bedauern die schnell aufeinanderfolgenden Demissionen der HH. Prof. Pfeufer, Henle und Keller, ebenso viele Schläge für die Existenz der zürcherischen Universität, einregistrirt. Mit ebenso viel Freude melden wir heute, daß [...] die Lücken theilweise durch Kräfte ergänzt werden, die lediglich aus freiem Antrieb und aus Liebe zu dem gefährdeten Institute sich darbieten. Herr Alfred Escher, Dr. J. U., [...] hat gestern in der akademischen Aula, behufs seiner Zulassung als Privatdozent an der staatswissenschaftlichen Fakultät eine Probevorlesung gehalten.»35 Und auch Honegger zeigte sich erfreut darüber, dass die Zürcher Hochschule Escher für sich gewinnen konnte: «Es hat meinem Herzen wohl gethan, als ich dich [...] mit entschloßenem Sinne für eine thatkräftige Hebung unsrer so jämmerlich mißhandelten Hochschule in die Schranken treten sah.»36 Escher war durch sein unermüdliches Eintreten für die radikal-liberalen Kräfte in der Hochschulangelegenheit zu einem festen Bestandteil des fortschrittlichen Lagers geworden. Der erste Schritt auf der akademischen Laufbahn war gleichzeitig ein politischer Akt, was Eschers Studienfreund Johann Jakob Tschudi nicht ohne Bedenken feststellte: «Du bist in den Kampfplatz getretten und mußt gegen zahlreiche, mächtige Gegner ankämpfen [...].»37

20In seiner Tätigkeit als Privatdozent widerspiegelte sich Eschers Vorliebe für die moderne Rechtsprechung. Die erste Vorlesung, die er 1844 ankündigte, sollte sich beispielsweise mit dem deutschen und dem französischen Zivilprozess befassen. Im darauffolgenden Semester plante er eine Veranstaltung zum Bundesstaatsrecht der Schweiz, Deutschlands und der nordamerikanischen Freistaaten.38 Thematisch liegen Welten zwischen seiner Dissertation über die Zeugen im römischen Prozess und diesen zeitgenössischen komparativen Studien. Jedoch teilten die Studenten die Begeisterung für das neue Forschungsfeld nicht: Die ersten drei Veranstaltungen konnte Escher mangels Interesse seitens der Studentenschaft nicht abhalten. Seine erste Vorlesung hielt er erst im Wintersemester 1845/46.39 So verwundert es nicht, dass Eschers Enttäuschung über den misslungenen Einstieg in die Privatdozentur gross war. Blumer hatte Eschers Unzufriedenheit bereits im Sommer 1844 geahnt: «Daß dich deine Stellung als Privatdozent nicht ausschließlich befriedigen werde, habe ich immer vorausgesehen [...].»40 Die Privatdozentur hatte für Escher massiv an Attraktivität eingebüsst. Er sehnte sich nach einer neuen Herausforderung, die mehr Gestaltungsmöglichkeiten bot. Diese liess nicht lange auf sich warten.

Die Politik

21Während Escher an der Universität nicht die erhoffte Beachtung fand, wurde ihm von anderer Seite um so mehr Aufmerksamkeit zuteil: vom Kopf der Zürcher Radikal-Liberalen Jonas Furrer und dessen Freund Johann Jakob Huggenberg. Als ein Grossrat aus dem Wahlkreis Elgg (Bezirk Winterthur, Grenzgemeinde zum Kanton Thurgau) sein Mandat niederlegte, wurden Furrer und Huggenberg aktiv und überzeugten Escher zu kandidieren.41 Am 21. Juli 1844 gelang ihnen das Kunststück: Alfred Escher aus der Enge bei Zürich wurde von der Bevölkerung des entfernten ElggHuggenbergs Bürgergemeinde – in den Grossen Rat gewählt. Der «Landbote» bemerkte angesichts dieser ungewöhnlichen Wahl: «Dieselben [die Elgger Wähler] haben es über sich vermocht, ihre eigenen persönlichen Wünsche einem höhern Bedürfnisse, allfällige Lokalinteressen höhern Interessen, einen zunächst am Haus, an der Gemeinde hangenden Sinne dem kantonalen, dem vaterländischen Sinne unterzuordnen. Darum Ehre ihnen!»42

22Doch Escher war sich nicht sicher, ob er die Wahl annehmen sollte oder nicht. An mehrere Freunde schrieb er Briefe, mit der Bitte, ihn bei seiner Entscheidung zu unterstützen. Die Antworten fielen durchwegs dahingehend aus, dass Escher die Wahl keinesfalls ablehnen solle.43 Auch Keller hatte Escher anscheinend zu diesem Schritt gedrängt, wie wir von Blumer erfahren: «Es giebt aber Eigenschaften des Partheihauptes u. überhaupt des Staatsmannes, welche man nicht im Studirzimmer, sondern eben vorzugsweise nur durch die Theilnahme an öffentlichen Verhandlungen sich aneignet [...]. Solche Gründe mögen auch Keller bewogen haben, dir die eventuelle Annahme einer Großrathswahl anzurathen; ein Rath, den du jedenfalls sehr zu berücksichtigen hast.»44 Zwei Wochen liess Escher verstreichen, bis der «Schweizerische Republikaner» am 6. August 1844 die frohe Botschaft seiner Wahlannahme verkünden konnte.45

23Wieso hatte Escher die Wahl nicht umgehend angenommen? Eine Rolle spielte die Erfahrung mit dem konservativen Regierungsumsturz – dem Zürichputsch – vom September 1839. Während Friedrich Ludwig Keller in den 1830er Jahren zu den Führern der radikal-liberalen Kräfte im Kanton zählte, wurde er aufgrund der Regierungsübernahme durch die Zürcher Konservativen ganz aus der Politik gedrängt.46 Keller erfuhr am eigenen Leib, wie schnell der Wind drehen konnte; eben noch an der Spitze des politischen Apparats, war er nach dem Regierungsumsturz froh, sich wieder der Wissenschaft zuwenden zu können. Vielen anderen erging es ebenso, und Escher kannte diese Schicksale.47 Er ahnte, dass die Grossratsstelle der erste Schritt auf einer politischen Laufbahn sein würde, für die es sich nun zu entscheiden galt. Und diese Entscheidung fiel in eine Zeit, in der eine politische Stellung jederzeit einem neuerlichen konservativen Vormarsch zum Opfer fallen konnte. Und was würde dann passieren? Dieser Gedanke umtrieb Escher schon in Paris: «Aber der Jurist, der bevor er in seiner Wißenschaft recht heimisch geworden, in der Fremde der Politik sein Glück versuchen will, ist, wenn einmal eine Zeit kommen sollte, da er mit Ehren nicht mehr in ihr verbleiben kann, heimathlos.»48 Nun war Escher aber weder in der Wissenschaft heimisch geworden, noch hatte er vor, nach dem misslungenen Start seiner akademischen Tätigkeit, diese allzu lange weiterzuverfolgen. Er musste seine Zukunftspläne nochmals überdenken.

24 Ein anderer Aspekt scheint ihn stärker beschäftigt zu haben: die Angst vor der Öffentlichkeit. Denn Escher wusste, dass er durch eine Wahlannahme sofort ins Blickfeld der konservativen Kritik rücken würde. Nicht dass solche Anfeindungen allein Escher von seinem Vorhaben, den Weg der Politik zu beschreiten, abhalten konnten. Doch bei ihm war die Sachlage etwas komplizierter. Denn damit wurde auch Eschers Familie in Mitleidenschaft gezogen, der das alte Zürcher Patriziat mit offener Feindschaft gegenüberstand.

25Der Ursprung dieser Feindschaft lag im Konkurs von Alfred Eschers Grossvater Hans Caspar Escher-Keller begründet, der 1788 im alten Zürich einen ungeheuren finanziellen Schaden angerichtet hatte. Sein Sohn Heinrich – Alfred Eschers Vater – gelangte durch seine Tätigkeit im internationalen Handel zu ansehnlichem Wohlstand. Die vom Konkurs Hans Caspar Escher-Kellers betroffenen Familien erwarteten, dass Heinrich Escher nach damaligem Usus die Schulden des Vaters nun begleichen würde; doch weit gefehlt. Heinrich Escher zahlte nicht und zog sich damit den Groll vieler Stadtzürcher Familien zu. Gerüchte begannen die Runde zu machen, dass der neugewonnene Reichtum durch Sklavenhände in Kuba erwirtschaftet worden sei. Heinrich Escher wollte in der Folge mit den alteingesessenen Zürchern nichts mehr zu tun haben und unterstrich diesen Bruch 1831 noch mit dem Umzug in das Herrenhaus Belvoir ausserhalb der Stadt.49 Die abweisende Haltung der alten Zürcher Familien bekam Alfred Escher immer wieder zu spüren; so hiess beispielsweise das Belvoir im Volksmund schlicht «Schuldenblick».50 Als er am 21. Juli 1844 in den Grossen Rat gewählt wurde, war für Escher klar, dass er sich damit öffentlich exponieren musste und den konservativen Gegnern die Möglichkeit bot, die Familiengeschichte wieder aufzurollen und als Vorwand für Diffamierungen zu missbrauchen. Diese Sorge erschwerte Escher den Schritt in den Grossen Rat. Er kam jedoch zum Schluss, dass er sich wegen der drohenden Offensiven nicht von der Annahme der Wahl abhalten lassen wollte.

26Nachdem Eschers Entscheidung zugunsten des Grossen Rats ausgefallen war, begann für ihn eine intensive Phase, in der er zahlreiche politische Ämter und Aufgaben übernahm. So gehörte er ab 1845 unter anderem der Petitionskommission und dem Erziehungsrat an und amtete zudem als Tagsatzungsgesandter. 1846 kam die Tätigkeit im Gesetzgebungsrat hinzu. Im Juni 1847 entschied sich Escher zudem, die ihm vom Regierungsrat angetragene Stelle des ersten Staatsschreibers anzunehmen.51 Diese Schlüsselposition ermöglichte es ihm, Einblick in alle Regierungsgeschäfte zu nehmen; eine unschätzbare Erfahrung für den jungen Juristen. Der Zürcher Staatsarchivar Gerold Meyer von Knonau wies ihn auf die Bedeutung dieser Stelle für eine achtbare Karriere hin: «Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass früher unsere besten Staatsmänner, Räte wie Bürgermeister, stets solche waren, die kürzere oder längere Zeit den Weg durch die Staatscanzelleien machten.» Das Staatsschreiberamt war äusserst arbeitsintensiv, so dass dieser Schritt bei vielen Freunden und Bekannten auf ein gewisses Unverständnis stiess. Johann Jakob Huggenberg schrieb Escher in seinem Gratulationsbrief, dass er sich «durch Annahme der Berufung eine große Last aufgeladen [habe] u. es wird nicht Wenige wundern, daß Sie dieß thaten [...]». Und auch sein Grossratskollege Heinrich Weiss, der sich sehr darüber freute, dass Escher in Zukunft als Staatsschreiber Einfluss auf die Regierungsgeschäfte nehmen konnte, drückte seine Überraschung über die Aufbürdung dieses Amtes aus: «Ich verberge Ihnen nicht, daß ich es ganz fühlte, welches Opfer Sie bringen.»52 Blumer ging noch weiter, indem er seinem Freund zur Annahme des neuen Postens kondolierte. Nicht etwa, weil er ihm die Stelle nicht gegönnt hätte, sondern weil er Escher gut genug kannte, um zu wissen, wie akribisch er sich dem Amt widmen und dabei von Arbeit buchstäblich überhäuft werden würde.

27Die Arbeitsbelastung intensivierte sich zunehmend, so dass Escher im August 1847 die Einladung zur Eröffnung der Nordbahn mit den Worten ablehnte, dass seine Geschäfte, die «in außerordentlichem Umfange auf mir lasten», es ihm nicht erlauben würden, sich «einen halben Tag lang denselben zu entziehen».53 Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der spätere Eisenbahnkönig für die Eröffnung der «Spanischbrötlibahn» – der ersten Schweizer Eisenbahnlinie54 – keine Zeit hatte. Weiss machte sich aufgrund des gewaltigen Einsatzes Eschers sogar Sorgen um das gesundheitliche Wohl des frischgebackenen Staatsschreibers: «Schonen Sie doch Ihr Leben, Ihre Zeit & Gesundheit etwas mehr!»55

28Der Schriftsteller Adolf Muschg bemerkte, dass auf dem «Zürcher Reichtum» bis heute «ein Schatten von Freudlosigkeit [liege], in dem man Eschers verdunkeltes Gesicht zu erkennen glaubt».56 Kein Wunder, dass Gottfried Keller über den gleichaltrigen Escher mit einer Mischung aus Anerkennung und Unverständnis am 20. September 1847 in sein Tagebuch notierte: «Ein erbaulicher Charakter anderer Art ist Alfred Escher; der Sohn eines Millionärs, unterzieht er sich den strengsten Arbeiten vom Morgen bis zum Abend, übernimmt schwere weitläufige Ämter, in einem Alter, wo andere junge Männer von fünf bis achtundzwanzig Jahren [...] das Leben genießen. [...] Ich meinerseits würde schwerlich, auch wenn ich seine Erziehung genossen hätte, den ganzen Tag auf der Schreibstube sitzen, wenn ich dabei sein Geld besäße.»57

29Die Bewältigung eines enormen Arbeitspensums zieht sich wie ein roter Faden durch Eschers Leben. 1846 schrieb er an Jakob Zellweger: «Ich will mich nun nicht darüber beklagen, daß ich vom frühen Morgen bis in die späte Nacht arbeiten muß [...]», doch empfand es Escher als mühselig, wenn er nach all seinen politischen Aufgaben «dann auf einmal wieder in den Tempel der Wissenschaft eintreten & auf dem Katheder so frisch erscheinen» müsse, «wie der, dessen einzige Beschäftigung das academische Lehramt ist». Seine Tätigkeit als Privatdozent kam seinen politischen Ämtern zunehmend in die Quere. So verwundert es nicht, dass mit der Übernahme der Staatsschreiberstelle 1847 seine universitären Aktivitäten ganz ins Hintertreffen gerieten und er keine Vorlesungen mehr hielt.

301848 wurde Escher in den Regierungsrat gewählt, im selben Jahr in den Nationalrat, und er war sogar bei der Zusammenstellung der ersten Landesregierung als Bundesrat vorgesehen. Furrer schrieb im Oktober 1848 an Escher anlässlich der Besetzung des Bundesrats: «Jemand v. Zürich sollte aber jedenfalls gewählt werden. [...] Wie steht es mit dir? Hast du dieser Sache schon deine Aufmerksamkeit geschenkt? Es ist auch das natürlich sehr wichtig, zumal ich wenig Leute weiß, die ich mit Vertrauen im Bundesrath sähe.»58 Furrer stellte sich schliesslich selbst für das Amt zur Verfügung und machte den Platz an der Spitze der fortschrittlichen Kräfte im Kanton Zürich endgültig für Escher frei. 1849 wurde Escher zum Nationalratspräsidenten erkoren und bekleidete damit mit 30 Jahren bereits das Amt des höchsten Schweizers.59 Innerhalb von nur fünf Jahren war Escher vom zweifelnden Grossrat an die Spitze des jungen Bundesstaates aufgestiegen. Dieses Muster der rasanten Entwicklungen sollte sich auch in der zukünftigen Gestaltung von Eschers Leben wiederholen. Die Bedeutung, die er auf politischer Ebene erlangt hatte, lässt sich an einer Tagebuchnotiz Johann Caspar Bluntschlis erahnen. Darin vergleicht er die Zürcher Regierung mit einer Pyramide, die nicht auf ihrem Fundament, sondern auf der Spitze steht: «Würde diese (Alfred Escher) zerbrochen, so würde der Rest zusammenstürzen.»60

Kommentareinträge

1 Vgl. Schmid, Escher, S. 138–144.

2Zu Eschers Interesse an den Naturwissenschaften vgl. Jung, Aufbruch, S. 94.

3Zur Familiengeschichte vgl. Jung, Aufbruch, S. 28–41.

4 Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 17. Juli 1842. Vgl. Schmid, Escher, S. 140.

5 Friedrich Ludwig Keller an Alfred Escher, 25. Dezember 1838. Vgl. Schmid, Escher, S. 141–142.

6 Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, [12. November 1842].

7 Vgl. Schmid, Escher, S. 159.

8 Vgl. Alfred Escher an Jakob Escher, 21. April 1843; Alfred Escher an Jakob Escher, 21. Mai 1843.

9 Vgl. Alfred Escher an Jakob Escher, 21. April 1843; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 21. / 22. Mai 1842.

10 Vgl. Alfred Escher an Jakob Escher, 21. April 1843.

11 Alfred Escher an Jakob Escher, 21. April 1843.

12 Blumer stellte Escher ein Hegel-Buch zu, damit sich dieser mit dessen Philosophie auseinandersetzen konnte. Laut Blumer konnte sich Escher mit dieser Materie jedoch nicht anfreunden. Vgl. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 27. November 1842; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 7. Mai 1843.

13 Vgl. Alfred Escher an Jakob Escher, 21. April 1843.

14 Alfred Escher an Jakob Escher, 21. April 1843.

15 Vgl. Escher, De testium ratione.

16 Alfred Escher an Jakob Escher, 21. April 1843.

17 Alfred Escher an Jakob Escher, 21. April 1843.

18 Johannes Honegger an Alfred Escher, 21. April 1844.

19 Vgl. Alfred Escher an Jakob Escher, 21. Mai 1843; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 7. Mai 1843.

20 Alfred Escher an Jakob Escher, 21. Mai 1843.

21 Blumer, Erinnerungen, S. 12(d).

22 Vgl. Jung, Aufbruch, S. 112–128.

23Quellen zum Gründungsakt der Mittwochgesellschaft fehlen. Im November 1842 nennt Blumer eine «Dienstagsgesellschaft». Im August 1843 ist von der «Donnerstagsgesellschaft» die Rede. Erst später wurden die Treffen auf den Mittwoch gelegt. Vgl. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 13. November 1842; Alfred Escher an Arnold Otto Aepli, 16. August 1843; Jung, Aufbruch, S. 195–199; Schmid, Escher, S. 153–158, 186–190; Rüegg, System Escher. – Eine offizielle Altherrenvereinigung des Schweizerischen Zofingervereins etablierte sich erst 1861. Vgl. Ehinger, Philisterium.

24 Vgl. Escher, Ober- und Unterstrass, S. 194–195.

25 Vgl. Müller, Zürcher Kaffeehauskultur, S. 184–199.

26Zu den Angriffen Lochers und der demokratischen Bewegung vgl. Jung, Aufbruch, S. 226–237.

27 Vgl. NZZ, 28. Februar 1844, 7. März 1844, 8. März 1844.

28 NZZ, 28. Februar 1844.

29 Vgl. Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich, S. 430–431.

30 NZZ, 28. Februar 1844.

31 NZZ, 5. Januar 1844. Vgl. Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich, S. 433–435.

32 Vgl. NZZ, 22. März 1844.

33 NZZ, 16. März 1844.

34 Alfred Escher an Erziehungsrat Zürich, 31. Januar 1844.

35 NZZ, 11. Februar 1844.

36 Johannes Honegger an Alfred Escher, 21. April 1844.

37 Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, 1. Juni 1844.

38Eine Aufstellung aller von Escher angekündigten Vorlesungen findet sich in der Chronologie Alfred Eschers.

39Gemäss der Zusammenstellung der an der Universität Zürich gehaltenen Vorlesungen kamen Eschers angekündigte Veranstaltungen der ersten drei Semester nicht zustande. Erst im Wintersemester 1845/46 ist Eschers Vorlesung über Bundesstaatsrecht aufgeführt. Zu Eschers Tätigkeit als Privatdozent vgl. Kasse der Hochschule Zürich, Tableaux betr. Frequenz d. Vorlesungen, SS 1833 – SS 1902 (StAZH U 98b-2); Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 8. März 1844; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 4. Dezember 1844; Schmid, Escher, S. 178–180.

40 Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 9. Juni 1844.

41Zum Einfluss von Jonas Furrer und Johann Jakob Huggenberg auf Eschers Wahl in den Grossen Rat vgl. Der Beobachter, 23. Juli 1844; Jung, Aufbruch, S. 175–177; Dejung/Stähli/Ganz, Furrer, S. 54.

42 Der Landbote, 25. Juli 1844.

43 Vgl. Benjamin Brändli an Alfred Escher, [1844]; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 21. / 22. Juli 1844.

44 Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 21. / 22. Juli 1844.

45 Vgl. Schweizerischer Republikaner, 6. August 1844.

46 Vgl. ADB XV, S. 570–579.

47 Ulrich Zehnder, bis zum Zürichputsch Regierungsrat, schreibt in seinen Lebenserinnerungen: «Vertrieben aus meinen bedeutenderen amtlichen Stellungen, war nach dem Septembersturm meine Zeit fast ausschließlich wieder meinen Berufsgeschäften gewidmet. Ich hatte nun alle Ursache, mich darüber zu freuen, daß ich den Beruf der öffentlichen Stellung nicht geopfert hatte.» Zehnder, Vierziger Jahre, S. 56.

48 Alfred Escher an Jakob Escher, 21. Mai 1843.

49 Vgl. Jung, Aufbruch, S. 30–49.

50 Vgl. Wochenzeitung, 21. Oktober 1845.

51Eine vollständige Liste mit Eschers Ämtern findet sich in Jungs Escher-Biographie. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 146–149.

52 Heinrich Weiss an Alfred Escher, 1. Juli 1847.

53 Alfred Escher an Unbekannt, 3. August 1847.

54Die erste Bahnlinie, die mit Schweizer Boden in Berührung kam, war die 1844 eröffnete Eisenbahnlinie Saint-LouisBasel St. Jakob, die von der französischen Gesellschaft Chemins de fer d‘Alsace betrieben wurde. Die erste von einer schweizerischen Gesellschaft begründete Eisenbahnlinie war die 1847 in Betrieb genommene Strecke von Zürich nach Baden der Schweizerischen Nordbahn. Vgl. Thiessing, Schweizer Bahnen I, S. 25–40. – Zur Entwicklung der Eisenbahnen in der Schweiz vgl. Jung, Aufbruch; Bahndaten online .

55 Heinrich Weiss an Alfred Escher, 13. August 1847.

56 Muschg, Heimatland, S. 87.

57 Ermatinger, Gottfried Keller II, S. 159.

58 Jonas Furrer an Alfred Escher, 24. Oktober [1848?].

59Zur politischen Karriere Eschers vgl. Jung, Aufbruch, S. 134–237.

60 Bluntschli, Denkwürdiges II, S. 128.

Kontexte