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AES B8429 | StATI Risorgimento italiano (Scatola 4)

Alfred Escher und Josef Munzinger an Staatsrat Tessin, Lugano, Freitag, 13. Oktober 1848

Schlagwörter: Eidgenössische Kommissäre TI, Flüchtlinge (Italien), Flüchtlingskonflikte (Tessin), Landesverteidigung und Militär, Neutralität, Regierungsrat TI

Briefe

Die Eidgenössischen Repräsentanten im Canton Tessin
an
den Tit. Staatsrath dieses h. Standes

Herr Präsident,
Hochgeachtete Herren!

Es ist uns von einer Seite, die wir für eine durchaus zuverlässige halten, mitgetheilt worden, daß die in dem hiesigen Canton sich aufhaltenden Italienischen Flüchtlinge wieder einen Einfall in die Lombardei & zwar schon morgen oder übermorgen zu machen beabsichtigen, & ebenso hören wir, es werde Sardinien in kurzem den Krieg gegen Österreich wieder beginnen. Die aus Wien eingetroffenen Nachrichten dürften dazu geeignet sein, den Plan jenes Einfalles zu unverweilter Ausführung & den Entschluß Sardiniens, den Krieg gegen Österreich wieder aufzunehmen, zu schneller Reife gedeihen zu lassen.

Wenn Sie schon unter weniger schwierigen Verhältnissen den Aufenthalt der unterstützten oder sogenannten Militärflüchtlinge in Lugano nicht mit gleichgültigen Augen ansehen zu können glaub| ten & darum, wie Sie uns in Ihrem verehrlichen Schreiben vom 1sten mittheilten, unterm 4ten Ihre Bezirkscommissarien beauftragten, auf die Entfernung dieser Flüchtlinge unter Hinweisung darauf, daß ihnen der Eintritt ins Piemont & nach Frankreich offen stehe, hinzuwirken, so muß uns nun vollends unter den gegenwärtigen Umständen das Verbleiben der Militärflüchtlinge in Lugano als gefährlich für die Neutralität der Schweiz erscheinen & für um so gefährlicher, da diese Flüchtlinge, die in Frankreich oder Piemont in die Lombardische Legion oder in die Lombardischen Regimenter eintreten könnten, es auf eine befremdliche Weise vorziehen, sich hier ohne alle & jede Beschäftigung herumzutreiben, & da man ferner die Quelle, aus der ihnen Unterstützung oder Sold zufließt, allzuwenig zu kennen scheint.

Bei so bewandten Verhältnissen müssen wir im Hinblick auf die uns gegen über unsern hohen Committenten obliegenden Pflichten sehr wünschen, daß die im Canton Tessin sich aufhaltenden aus Unterstützungen lebenden sogenannten Militärflüchtlingen sich aus dem Canton Tessin auf den ihnen offen stehenden Wegen nach Frankreich oder Sardinien entfernen, jedenfalls aber das bestimmte Begehren an Sie stellen, daß Sie diese dießseits des Monte Cenere befind| lichen Flüchtlinge sofort dazu anhalten, sich auf die andere Seite dieses Berges zu begeben

Wir sind überzeugt, daß Sie in dieser Maaßregel, zu der Sie durch Ihre oben erwähnte Verfügung vom 4ten September bereits den ersten Schritt gethan, nur das Bestreben, die Schweizerische Neutralität nach dem von der obersten Bundesbehörde mehrfach ausgesprochenen festen Willen zu handhaben, erblicken werden & zweifeln darum um so weniger daran, daß Sie unserm Wunsche, noch heute von den Verfügungen Kenntniß zu erhalten, welche Sie in Folge dieser unserer Eröffnung getroffen, bereitwillig entsprechen werden.

Genehmigen Sie die Versicherung unserer vollkommenen Hochachtung.

Die Eidgenössischen Repräsentanten
im Canton Tessin:
J. Munzinger
Dr A Escher

Lugano.
13ten October 1848.