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Korrespondenz: Alfred Escher – Giovanni Battista Pioda

AES B8402 | StATI G.B. Pioda JR (fondo di famiglia), Epistolario, sc. 36/2/27

Alfred Escher an Giovanni Battista Pioda, Belvoir (Enge, Zürich), Sonntag, 2. Oktober 1864

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Familiäres und Persönliches, Gotthardbahnprojekt, Lukmanierbahnprojekt

Belvoir bei Zürich
2 October 1864.

7.

Hochverehrter Herr & Freund!

Vor allem habe ich Ihnen für die Theilnahme, welche Sie mir bei dem harten Schicksalsschlage, der mich betroffen hat, an den Tag gelegt, meinen herzlichen Dank zu bezeugen. Sie haben die Verewigte gekannt: ich brauchte Ihnen also nicht zu sagen, wie unermeßlich viel mit ihr für mich in's Grab gesunken ist! Habe ich auch in dem Strudel der Geschäfte, in den ich mich neuerdings kopfüber gestürzt, etwelche Zerstreuung gefunden & wird auch die Zeit ihren lindernden Balsam an mir bewähren, die Wunde, die meinem Herzen durch den Tod meiner geliebten Gattinn geschlagen worden ist, wird nicht aufhören zu bluten, so lange ich lebe!

Unter denjenigen Angelegenheiten, mit denen ich mich zur Zeit sehr einge| hend beschäftige, nimmt die Frage der Alpen eisenbahn nicht die letzte Stelle ein. Als Sie mir diesen Frühling auf Ihrer Durchreise nach Turin Mittheilungen über den jeweiligen Stand der Alpenbahnfrage in Italien in Aussicht zu stellen die Güte hatten & als mir gleichwol nie solche Nachrichten von Ihnen zukamen, glaubte ich, Sie möchten es etwa mit Ihrer Stellung unvereinbar erachten, in Sachen mit mir zu correspondiren. Ich schrieb deshalb auch nie an Sie, so gerne ich es oft gethan hätte. Es wurde mir nun aber letzthin mitgetheilt, Sie wundern sich darüber, daß Sie vom Gotthardtausschusse aus so wenig über die Thätigkeit unserer Vereinigung erfahren. Dieß ermuthigt mich, im Namen einer von dem Ausschusse niedergesetzten & aus den H. Regierungsrath Zingg, Bürgermeister Stehlin & meiner Wenigkeit bestehenden Commission an Sie zu gelangen & Sie um Ihren Rath anzugehen. Diese Commission hat unter anderm | den Auftrag, zu prüfen, zu welchem Zeitpuncte die Absendung hervorragender Persönlichkeiten nach Italien & vor allem an das Italienische Ministerium zum Zwecke der Vertretung der Interessen des Gotthardt's & der Anbahnung daheriger Vereinbarungen am geeignetesten bewerkstelligt würde. Wir würden es für passend erachten, das Erscheinen der Denkschrift über die technische Seite des Gotthardtprojectes noch abzuwarten & erst nachher die Mission Statt finden zu lassen. Wir verhehlen uns auch nicht, daß zur Zeit die politischen Fragen in Italien in den Vordergrund treten & die Alpenbahnangelegenheit zurückdrängen dürften. Und endlich ist vielleicht gegenwärtig in Folge der Verlegung der Residenz von Turin nach Florenz das Bestreben vorherrschend, Turin Rechnung zu tragen, was, da Turin sich immer mehr dem Lucmanier zuneigte einer Besprechung der Alpenbahnfrage in | dem gegenwärtigen Augenblicke eine unsern Absichten nicht entsprechende Färbung geben dürfte. Hinwieder dürfte es in Italien & gerade auch in den offiziellen Regionen auffallen, wenn nie Vertreter der Gotthardtinteressen sich blicken ließen & stetsfort den bekannten Betreibern des Lucmaniers aus Graubündten & St. Gallen das Feld geräumt würde. Es könnte dieß um so mehr auffallen, da gegenwärtig ein Mann an der Spitze des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten steht, welcher sich dem Gotthardtprojecte stets günstig gezeigt hat. Sie kennen nun die Situation in Italien am besten & wir erlauben uns deshalb, Sie anzufragen, ob Sie dafür halten, daß mit der Absendung der Abordnung zugewartet werden solle, bis das technische Gutachten erschienen sein wird (es dürfte dieß noch etwa 2 Monate anstehen) oder ob Sie ein beförderlicheres Eintreffen einer Abordnung für angezeigt erachten. Dabei theile ich Ihnen | noch mit, daß der Gotthardtausschuß jedenfalls in der nächsten Zeit jemanden als ständigen Commissär mit dem Auftrage zu beobachten & zu berichten, sowie auch in geeigneter Weise anzuregen, nach Italien senden wird. Dieser ständige Commissär könnte aber der Natur der Sache nach nicht eine der hervorragenden Persönlichkeiten sein, an welche wir bei der Bestellung der Abordnung denken, die wir nach Italien zu senden beabsichtigen.

Ich möchte Sie nun sehr bitten, uns über die Ihnen gestellte Frage Ihren auf genaue Kenntniß der gegenwärtigen Sachlage in Italien basirten Rath ertheilen zu wollen. Da unsere Commission auf den 10 dieses Monates an den Ausschuß in Sachen berichten soll, so wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir vor diesem Tage Ihre gef. Antwort zukommen lassen könnten.

Darf ich Sie bitten, mich dem Andenken Ihrer verehrten Frau Gemalinn empfehlen zu wollen & genehmigen Sie die Versi| cherung freundschaftlicher Hochachtung von

Ihrem ergebenen

Dr A Escher