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Korrespondenz: Alfred Escher – Giovanni Battista Pioda

AES B8399 | StATI G.B. Pioda JR (fondo di famiglia), Epistolario, sc. 36/2/27

Alfred Escher an Giovanni Battista Pioda, Interlaken, Donnerstag, 12. September 1867

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Brennerbahn, Bundesrat, Gesandtschaft in Turin/Florenz/Rom, Gotthardbahnprojekt, Kuraufenthalte, Mont-Cenis-Bahn, Schweizerische Bundesverfassung, Vereinigte Bundesversammlung, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Interlaken, Hôtel Ober, 12 September 1867

Hochverehrter Herr & Freund!

Mit der Alpenbahnfrage ist auch un-sere Correspondenz eine Zeit lang schlafen gegangen. Nunmehr die erstere wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden zu sollen scheint, ist es wohl angezeigt, daß auch die letztere neuerdings in Wirksamkeit trete. Wenn es mich persönlich drängt, die Alpenbahnfrage, welche für die Schweiz von so außerordentlicher Wichtigkeit ist & zu de-ren glücklicher Lösung Sie in der Stellung, in welcher Sie sich gegenwärtig befinden, so ungemein viel beitragen können, wie-der mit Ihnen zu besprechen, so habe ich überdieß die förmliche Verpflichtung übernommen, dieses zu thun. Herr Bun-desrath Welti, der die Initiative zu der neuen Haltung, welche der Bundes- | rath gemäß seiner Schlußnahme vom 7 dß. in der Alpenbahnfrage einnimmt, ergriffen hat, ersuchte mich nämlich in sehr angele-gentlicher Weise, Ihnen nähere Aufschlüsse über den gegenwärtigen Stand der Al-penbahnfrage zu geben. Ich sagte es ihm zu & erfülle nun anmit mein Versprechen Die Schlußnahme des Bundesrathes vom 7. dß. inaugurirt allerdings eine neue Politik des Bundesrathes hinsichtlich der Alpenbahnfrage. Während die Bundesre-gierung bisanhin lediglich den Briefbo-ten zwischen Cantonen, bez.weise Eisen-bahngesellschaften der Schweiz, welche sich mit der Alpenbahnangelegenheit beschäftig-ten, & dem Auslande gemacht hat, zieht sie nunmehr die Alpenbahnfrage in den Bereich ihrer selbstständigen Thätigkeit. Wenn Sie mich fragen, wie sich diese ver-änderte Politik des Bundesrathes er-klären lasse, so will ich nicht von der Eröffnung des Brenner & der provisori- | schen Mont Cenis Bahn, sprechen: es war dieß ja vorauszusehen & der Bundesrath wird hoffentlich eine Gefahr nicht erst dann ein-sehen, wenn er sie mit Händen greifen kann. Die Lösung des Räthsels ist vielmehr einzig in dem Eintritte des H. Welti in den Bundesrath zu finden. Hr. Welti geht von der gewiß ganz richtigen An-schauungsweise aus, daß eine Alpenbahn auf Schweizerischem Boden nur durch eine Subventionirung derselben durch die ver-schiedenen an ihrem Zustandekommen we-sentlich interessirten Staaten (Italien, Schweiz & Deutschland) ermöglicht werde & daß unter diesen Umständen der Bun-desrath sich in der Stellung befinde, ja geradezu verpflichtet sei, die Alpenbahn-frage in den Bereich seiner Thätigkeit zu ziehen. Diese Überzeugung hat Hrn. W. dazu veranlaßt, im Bundesrathe ent-sprechende Anträge zu stellen, & wenn die HH. Schenk & Knüsel gemäß ihrer bisherigen | sachbezüglichen Haltung von vornherein für die Auffassungsweise des Hrn. Welti waren, so konnte & durfte Hr. Dubs die letz-tere nicht durch seine Stimme zur Min-derheit werden lassen. So kam dann eine Mehrheit des Bundesrathes für eine neue Politik desselben in der Alpenbahn-frage zu Stande. Ich habe, um Sie voll-ständig zu orientiren, hier nur noch hinzuzufügen, daß, während die Initia-tive zu dieser neuen Situation in der Wirklichkeit von Hrn. Welti ausging, Hr. Schenk, in dessen Geschäftskreis die Alpenbahnangelegenheit einschlägt, mit Rücksicht darauf den sachbezüglichen An-trag im Bundesrathe stellte & daß fer-ner die Repräsentanten der welschen Schweiz in dieser Behörde, namentlich auch Hr. Challet-Venel, keine sehr hitzige Oppo-sition gegen den Standpunct der Mehr-heit machten.

Sie werden mich nun fragen, wie ich | vom Standpuncte der Gotthardvereinigung aus die neue Politik des Bundesrathes in der Alpenbahnfrage ansehe. Ich kann darauf nur antworten, daß sie mir sehr im Interesse des Gotthard zu liegen scheint. Für's erste ist die Thätigkeit der Gotthardvereinigung unläugbar zu einem gewissen Abschlusse gekommen & es stellt sich die Nothwendig-keit heraus, daß in dem Stadium, bis zu welchem die Alpenbahnfrage nunmehr ge-diehen ist, der Bundesrath handelnd auf-trete. Die Gotthardvereinigung hat die Vorzüge der Gotthardbahn in technischer, com-merzieller & militärischer Beziehung in einer Reihe von Denkschriften in's Licht ge-stellt & dadurch dem Gottharde in der öf-fentlichen Meinung einen sehr günsti-gen Boden geschaffen. Die Gotthardver-einigung hat ferner für die Gotthardbahn Subventionen im Betrage von fr. 15,050,000– erhältlich gemacht, welche an keine Beding-ungen mehr geknüpft sind. Endlich hat die Gotthardvereinigung auf dem Wege der Verhandlung mit Italien & den Deut- | schen Staaten eine dem Gottharde günstige Haltung dieser Länder zu erzielen gewußt. Wenn ich damit die Thätigkeit der Gotthard -vereinigung auch durchaus nicht als geschlossen betrachten will, so steht doch so viel bei mir fest, daß es zur Zeit nur den Bundes-behörden möglich ist, die Alpenbahnange-legenheit in wirksamer Weise weiter zu fördern. Die öffentliche Meinung bedarf Angesichts der sehr umfangreichen Litteratur, welche die Schweiz. Alpenbahnfrage in's Leben gerufen hat, keiner weitern Aufklärung. Mehr Subventionen bei den Cantonen wird die Gotthardvereinigung, für den Augenblick wenigstens, auch nicht er-hältlich machen können. Die Cantone Tessin, Bern, Unterwalden & Baselland, welche bisanhin noch keine Subventionen für den Gotthard zugesichert haben, dürften in dem gegenwärtigen Augenblicke kaum geneigt sein, die ihnen angesonnenen Millio-nen zu votiren. Dagegen wird sich die An-sicht immer mehr Bahn brechen, daß, wenn der Art. 21 der Bundesverfassung auf Einen | Fall anwendbar ist, dieß gewiß von der Un-terstützung einer Schweiz. Alpenbahn durch die Bundescasse gesagt werden kann. Wenn Ein Werk die Kräfte der betreffenden Can-tone übersteigt, so gilt dieß gewiß von einer Alpenbahn & wenn Alpenstraßen von Bundeswegen unterstützt werden können, warum sollte dieß bei der vollkommensten Alpenstraße, einer Alpenbahn, unzulässig sein? Es ist also auch in dieser Richtung hiefür mehr von dem Bunde als von der Gotthardvereinigung zu erwarten. Ganz besonders gilt dieß aber auch hinsichtlich der diplomatischen Action. Die Schweiz hat nunmehr ständige Gesandtschaften in Ita-lien & Deutschland. Abordnungen eines Conglomerates von Cantonen & Eisen-bahngesellschaften, welche in den betreffen-den Ländern im Interesse des Gotthardes neben den Gesandten der Schweiz erscheinen, nehmen sich sehr sonderbar aus & es ist außer allem Zweifel, ⌜daß⌝ wenn auf diesem Wege eine Verständigung der Schweiz mit den andern betheiligten Staaten | hinsichtlich der Subventionirung einer Al-penbahn angestrebt werden muß, die in Anwendung zu bringende Form die in der Natur der Sache liegende Schwierigkeit noch wesentlich vermehrt. Wenn eine Al-penbahn auf Schweizerischem Boden unter Mithülfe fremder Staaten ins Leben ge-rufen werden soll, so fällt es doch gewiß einzig & allein in die Attribute des Bun-desrathes & der von ihm accreditirten Ge-sandtschaften, die zu diesem Ende hin erfor-derlichen Unterhandlungen mit dem Auslande zu pflegen. – Sodann bin ich von der Überzeugung durchdrungen, daß der Weg, den der Bundesrath nunmehr in der Alpenbahnfrage einschlägt, nothwendig zum Gotthard führen wird. Wenn die be-theiligten Staaten sich im Principe dafür aus-sprechen, den Bau einer Alpenbahn auf Schwei-zerischem Boden unterstützen zu wollen, so wird dann wohl eine Enquête über die Fra-ge angeordnet werden, auf welchen Alpen -paß sich die größte Summe von Interessen der in Mitwirkung tretenden Staaten vereinige. | Das Ergebniß einer solchen Enquête kann nach meiner Ansicht dem Gottharde nur förderlich sein. Dazu kommt, daß günstige Präjudizien be-stehen. Die eingehenden von Jacini angeord-neten Untersuchungen der Italienischen Re-gierung haben zum Gottharde geführt & ich höre, Ratazzi habe Ihnen erklärt, daß er auch seinerseits das Ergebniß dieser Untersuchungen festhalte. Deutschland an-langend wird die Ansicht von Bismark, von der Heydt, Mathy & Varnbüler beson-ders in's Gewicht fallen. Bismark hat sich mündlich gegen mich, von der Heydt schrift-lich dem Gotthardausschusse gegenüber, Ma-thy mündlich gegen Hrn. Director Stoll & Varnbüler mündlich gegen mich für den Gotthard ausgesprochen. Es ist auch ein-leuchtend, daß die politischen & volks-wirthschaftlichen Interessen namentlich Preußen's den Gotthard gebieterisch erhei-schen. In der Schweiz endlich hat der Gott-hard offenbar auch die meisten Chancen. Ist auch die Coalition derer, welche den einen Gotthard für zu kostspielig erklä- | ren, dafür aber zwei Alpenbahnen bauen wollen, nicht zu unterschätzen, so wendet sich doch der öffentliche Glauben, wenn ich mich so ausdrücken darf, immer mehr dem Gottharde zu. Ich wiederhole also, daß ich dafür halte, es könne eine gemeinschaft-liche Enquête der bei einer Alpenbahn auf Schweizerischem Boden betheiligten Staaten hinsichtlich der Wahl des Passes dem Gott-harde nur förderlich sein, & darum hat auch der Ausschuß der Gotthardvereini-gung nach Kräften darauf hingewirkt, der Bundesrath zu der Veränderung seiner Politik in der Alpenbahnfrage, wie die-selbe in seiner Schlußnahme vom 7 dß. an-gedeutet ist, zu veranlassen.

Die Art des nunmehrigen Vorgehens zum Behufe der Verwirklichung einer Alpen -bahn auf Schweiz. Boden anlangend scheint mir vor allem nothwendig, daß die be-theiligten Staaten sich im Principe für die Unterstützung einer solchen Alpen -bahn aussprechen. Weiß man in Folge dessen, welche Staaten mitzahlen wollen | & in Folge dessen in Sachen mitzureden haben, so wird dann von denselben vereint über die Wahl des Passes, sowie auch, falls meh-rere Projecte für denselben bestehen, über die Wahl des Projectes zu entscheiden sein. Ist die Sache einmal soweit gediehen, wer-den dann ohne Zweifel Anerbietungen von Seiten von Privatgesellschaften für die Ausführung des Werkes erfolgen & es werden im Benehmen dieser Privatge-sellschaften mit den betheiligten Staaten definitive Abschlüsse erzielt werden können. Offenbar hat der Bundesrath eine sol-che Art des Vorgehens im Auge & er hat darin zweifelsohne vollkommen Recht. Ich weiß, daß der gegenwärtige Italieni-sche Minister der öffentlichen Arbeiten, Giovanola gerade das umgekehrte Ver-fahren als sein Programm aufstellt. Zu-erst sollen Privatgesellschaften kommen, ihre Anerbietungen betreffend den Bau einer Alpenbahn machen & ihre Anforde-rungen an die betreffenden Staaten stel- | len. Ich bin aber überzeugt, daß man auf diesem Wege nie zum Ziele kommen wird & daß er der für den Gotthard nachtheilig-ste wäre, der eingeschlagen werden könn-te. Welchem Passe sollen die Gesellschaften, von denen man Anerbietungen erwar-tet, ihre Aufmerksamkeit besonders zuwenden? An welche Staaten sollen sie Anforderungen hinsichtlich der Sub-ventionen richten? Sollen sie höhere oder niederere Projecte zu Grunde le-gen, worauf natürlich bei der Bemessung der zu verlangenden Subvention sehr viel ankömmt? u. s. f. Diese & ähnliche Fra-gen werden solchen Anerbietungen, welche in erster Linie gemacht werden sollen, immer in die Quere kommen. Wird dagegen vorab ausgemittelt, welche Staaten geneigt sind, das Zustandekom-men einer Alpenbahn auf Schweizeri-schem Boden finanziell zu unterstützen, & stellen dann diese Staaten ein vorläu-figes Programm auf, in welchem ange- | geben wird, welcher Paß & welches Pro-ject für diesen Paß vorherrschend in's Auge gefaßt werde, so wird in das ganze Verfahren die erforderliche Bestimmtheit gebracht & läßt sich viel eher erwarten, daß man ohne endlose Umschweife zu einem gedeihlichen Ziele komme. Überdieß habe ich die Hoffnung, daß auf diesem We-ge der Gotthard von vornherein in die erste Linie gestellt werde.

Durch das Vorstehende glaube ich Ihnen so ziemlich alles zur Kenntniß gebracht zu haben, wessen Sie zu Ihrer Orientirung hinsichtlich des gegenwärtigen Standes der Alpenbahnfrage in der Schweiz bedür-fen & ich habe damit, wie ich hoffe, Ihnen einen Dienst erwiesen & zugleich mein Hrn. Bundesrath Welti gegebenes Ver-sprechen erfüllt. Sollten Sie übrigens über den einen oder andern Punct noch nähere Auf-schlüsse zu erhalten wünschen, so wollen Sie unbe-dingt über mich verfügen: ich stehe ganz zu Ihren Diensten. Hinwieder ersuche ich Sie angelegentlich, mich gefälligst rechtzeitig | darauf aufmerksam machen zu wollen, wenn unsere Gotthardvereinigung nach Ihrer An-sicht irgendwelche Schritte in Italien zur Wah-rung der Interessen des Gotthard's thun sollte. Sie kennen das Terrain in Italien besser als irgend jemand. Wir werden daher mit vollem Zutrauen auf Ihre Räthe abstel-len. Sie wollen auch versichert sein, daß wir Ihre Mittheilungen mit der größten Dis-cretion behandeln werden.

Es freut mich von Herzen auch für Sie persönlich, daß der Bundesrath sich endlich hat entschließen können, in der Alpenbahn-frage eine selbstständigere Stellung ein-zunehmen. Die Herstellung einer Eisen-bahnverbindung zwischen der Schweiz & Italien ist doch eine der wichtigsten, viel-leicht die wichtigste Frage auf dem Gebiete der beiderseitigen Beziehungen dieser Län-der. Es müßte für Sie sehr peinlich sein, gerade über diese Frage fortwährend Still-schweigen beobachten zu müssen. Durch den neusten Beschluß des Bundesrathes ist nun-mehr diesem unnatürlichen Verhältnisse | ein Ende gemacht. Eine großartige Aufga-be eröffnet sich Ihnen. Die Nützlichkeit, ja die absolute Nothwendigkeit einer Gesandt-schaft der Schweiz in Italien wird nun je-dermann klar werden. Die HH. Planta & Cons. dürften zu ihrem Schrecken erfahren, daß der Gesandtschaftsposten in Florenz nicht so bedeutungslos ist, wie sie es noch in der letzten Session der Bundesversammlung darzustellen suchten. Nochmals meine herzlichen Glückwünsche für Sie persönlich zu dieser neuen Wendung der Dinge!

Ich habe oft auf indirectem Wege Nach-richten von Ihnen & Ihrer verehrten Familie erhalten. Dieselben waren mei-stens ganz befriedigend. Ich hoffe nun auch directen Berichten über Ihr & der l. Ihrigen Befinden entgegensehen zu dür-fen.

Ich schreibe Ihnen in Interlaken bei wol-kenlosem Himmel Angesichts der im herrlichsten Silberglanze strahlenden Jungfrau. Ich bin in der fünften Woche | hier & gedachte, mit Ende derselben wieder nach Zürich zurückzukehren. Nun ist aber die Cholera in intensiverer Weise bei uns aufgetreten, in Folge wessen mir mein Arzt kathegorisch verboten hat, nach Hau-se zu kommen. Er stellt namentlich darauf ab, daß es etwas anderes sei, in einer cholerainfizirten Athmosphäre, in der man bereits sei, zu bleiben oder anders-woher in dieselbe hineinzureisen. Ich dehne nun vor der Hand meinen Aufenthalt in Interlaken aus & kann mich um so eher da-zu entschließen, da meine Lydie bei mir ist. Darf ich Sie also bitten, allfällige Mittheilungen, die Sie mir zu machen sich veranlaßt sehen könnten, hieher zu adres-siren.

Genehmigen Sie mit der angelegent-lichen Bitte, mich dem Andenken der ver-ehrten Ihrigen bestens empfehlen zu wol-len, die Versicherung meiner ausge-zeichneten Hochachtung & treuen Freund-schaft.

Ganz Ihr

Dr A Escher