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Korrespondenz: Alfred Escher – Giovanni Battista Pioda

AES B8397 | StATI G.B. Pioda JR (fondo di famiglia), Epistolario, sc. 36/2/27

Alfred Escher an Giovanni Battista Pioda, Belvoir (Enge, Zürich), Montag, 26. Dezember 1864

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gesandtschaft in Turin/Florenz/Rom, Gotthardbahnprojekt, Grimselbahnprojekt, Handelsverträge, Lukmanierbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Personelle Angelegenheiten, Staatsverträge, Vereinigte Bundesversammlung, Vereinigte Schweizerbahnen (VSB), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Confidentiell.

Belvoir bei Zürich
26 Dezember 1864. 1

Hochverehrter Herr & Freund!

Vor allem spreche ich Ihnen meinen besten Dank für die interessanten Mittheilungen aus, welche Sie wiederholt in der Alpenbahnfrage an mich gelangen ließen. Der Zweck dieser Zeilen ist, auf einige Anregungen zu antworten, welche in Ihrem letzten verehrl. Schreiben enthalten sind, & Ihnen von dem gegenwärtigen Stande der Alpenbahnfrage in der Schweiz Kenntniß zu geben.

Die sämmtlichen Pläne des Gotthardt projectes sind bereits in Handen des Italienischen Bauministers, beziehungsweise der vor ihm niedergesetzten technischen Commission. Der französische Text des Gutachtens wird successive, sobald jeweilen | wieder eine Abtheilung vollendet ist, an den Minister zu Handen der Commission gesandt. Es dürften jetzt 2/3 des Gutachtens im Besitze der letztern sein: dann kommen freilich noch die Beilagen, welche weitere Ausführungen des Gutachtens, namentlich mit Beziehung auf die Kostenberechnung, enthalten. Da der deutsche Text des Gutachtens & der Beilagen vollendet ist & es sich somit nur noch um die Durchführung der Übersetzung ins Französische handelt, so wird der Italienische Bauminister & die technische Commission bald im Besitze der ganzen Arbeit sein. – Das Resultat des technischen Gutachtens über das Gotthardtproject ist ein für diesen Alpenübergang sehr günstiges. Es zerstört alle die Behauptungen von der Unmöglichkeit einer Gotthardtbahn u. s. f. welche seit Jahren von gegnerischer Seite plan| mäßig in Kurs gesetzt worden sind. Der Gotthardt befindet sich ungefähr unter denselben technischen Bedingungen, wie die andern Alpenbahnprojecte: Dagegen läßt er, wie das commerzielle Gutachten schlagend nachgewiesen hat, eine viel größere Frequenz & darum auch eine viel größere Rente erwarten. – Herr Jacini wünscht, daß der Gotthardtausschuß jemanden z. B. Hrn. Koller, nach Turin sende, um die Pläne zu erklären. Wir machen uns ein Vergnügen daraus diesem Wunsche zu entsprechen. Hr. Koller wird Morgen über den Mont Cenis nach Turin abreisen & nicht lange nach diesem Briefe dort eintreffen. Er kann in Turin bleiben, so lange es nothwendig ist. Da er die Mitglieder der technischen Commission bereits persönlich kennt, so ist er für die in Frage kommende Aufgabe | gewiß gerade der rechte Mann.

Hr. Koller ist auch beauftragt, im künftigen Januar den Versuchen Fell's & Brassey's auf dem Mont Cenis beizuwohnen.

Allerdings sind wir fortwährend gewillt, einen ständigen Vertreter in Italien Behufs Wahrung der Interessen des Gotthardtprojectes aufzustellen. Der Natur der Sache nach ist es aber mit großen Schwierigkeiten verbunden, den Posten angemessen zu besetzen. Wir haben in einer gestrigen Sitzung die Frage neuerdings behandelt & hoffen, doch noch Hrn. Landerer, der Ihnen als ehemaliger Director der Tessinerbank bekannt ist, gewinnen zu können. Wir sind entschlossen, alle Anstrengungen zu machen, um den Posten ohne weitern Verzug zu besetzen.

Die Abordnung des Gotthardtausschusses nach Italien, welche aus den Ihnen bekann| ten Personen besteht, befindet sich auf dem Piquet & ist bereit, nach Turin abzureisen, sobald Hr. Jacini, den wir natürlich zunächst im Auge haben, es wünscht. Wir gewärtigen also die Einladung Jacini's entweder auf directem Wege oder durch Ihre gefällige Vermittlung. Natürlich wäre es uns lieb, den Zeitpunct, mit welchem wir in Turin eintreffen sollen, einige Zeit zum voraus zu kennen, damit wir uns mit unsern übrigen zahlreichen Geschäften darnach einrichten können. Wir haben uns gedacht, die Mission werde etwa in der zweiten Hälfte Januars oder in der ersten Februars vollzogen werden müssen. Wir gewärtigen aber wie gesagt, die Zeitbestimmung des Ministers.

Die Verhältnisse in Deutschland scheinen sich wirklich für das Gotthardtprojecte | sehr günstig gestalten zu wollen. Ich habe eine persönliche Zusammenkunft in dieser Angelegenheit mit Hrn. v. Roggenbach gehabt & denselben auch für unser Project «enthusiasmirt» & überdieß, was noch mehr heißen will, opferwillig gefunden. Ich bin seither in fortgesetzter Correspondenz mit ihm. Herr v. Roggenbach hat offenbar das Berlinercabinet für unser Project günstig gestimmt & es scheint in der That alles zu einer thatkräftigen Handbietung Seitens Deutschlands angethan zu sein. Wenn nur die Schleswig-Holstein'sche Angelegenheit nicht eine Störung in diese erfreuliche Situation bringt! Es will mir scheinen, Deutschland, wenn es zu einer erheblichen finanziellen Unterstützung bereit ist & die Schweiz, falls die verschiedenen Interessenten ebenfalls zu einer Geld| betheiligung Hand zu bieten geneigt sind, dürften einen entscheidenden Einfluß auf die Haltung Italiens in Betreff der Wahl des Alpenbahnprojectes auszuüben vermögend sein. Ohne eine sehr erhebliche Subvention mehr oder wniger à fonds perdus wird eine Alpenbahn nicht zu Stande kommen & da Italien bei seiner gegenwärtigen finanziellen Lage dieselbe nicht in ihrem ganzen Umfange wird leisten wollen & können, ist es darauf angewiesen, den Ansichten anderer, welche ihm die Last tragen zu helfen bereit sind, gehörige Rechnung zu tragen.

Die Situation der Alpenbahnfrage [in?] der Schweiz hat sich in unserer Zeit wenig verändert, obgleich in handgreiflich tendenziöser Absicht von einer Schwenkung großes Aufhebens ge| macht wird, welche der Ctn. Bern gegen die Grimsel hin bewerkstelligen soll. Ich denke, es wird Ihnen erwünscht sein, auch hierüber möglichst zuverlässige Mittheilungen von mir zu erhalten. Ich habe vor 8 Tagen, am Schlusse der Session der Bundesversammlung, eine sachbezügliche Unterredung mit Stämpfli gepflogen. Er erklärte mir, daß allerdings einzelne Theile des Cts Bern, wie selbstverständlich das Oberland, sodann der Jura, welcher in Folge einer Grimselbahn am ehesten einen Schienenweg erhalten zu können hoffe & endlich das Mittelland das Zustandekommen einer Grimselbahn wünschen. Er fügte dann aber hinzu, daß der Ctn. Bern in dieser Angelegenheit nicht einen eigenen Weg gehen könne. Er will also das Grimselproject nur als eine Variante einer centralschweizerischen Alpenbahn angesehen | wissen. Er versichert, daß nur wenn die eingeleitete technische Untersuchung «eclatante» Vorzüge des Grimselprojectes gegenüber der Gotthardtbahn herausstellen würde, das Grimselproject weiter verfolgt würde & daß auch dieß nicht von Bern allein aus außerhalb der Gotthardtvereinigung, sondern innerhalb der letztern geschähe, so daß die Gemeinschaft der Mehrheit der Cantone & der Bevölkerung der Schweiz zur Anstrebung einer centralschweizerischen Alpenbahn dadurch nicht gelockert würde. Wenn dieses Programm in guten Treuen befolgt wird – & ich will nicht annehmen, daß dieß nicht geschehen werde –, so hat die Gotthardtvereinigung nach meiner Ansicht keinen Grund sich gegen dasselbe auszusprechen. – Es scheint mir übrigens jetzt schon außer allem Zweifel, daß das Grimselproject | – von andern Seiten der Frage mit keinem Worte zu sprechen – an Einem Hauptgebrechen leidet. Es geht viel zu hoch hinauf mit der offenen Bahn & bewegt sich auf einer sehr langen Strecke mit der offenen Bahn in der Alpenregion. Die Alpenkette muß eben gemäß dem Grimselprojecte zwei Male statt bloß einmal, wie beim Gotthardt, überschritten werden & gemäß der Beschaffenheit des Berges auf diesen beiden Übergängen ist man, um nicht unzufällig lange Tunnels zu erhalten, genöthigt, mit der offenen Bahn in sehr hohe Regionen hinaufzusteigen. – Im übrigen wendet sich die Aufmerksamkt des gebildetern Theiles unserer Bevölkerung immer mehr der Alpenbahnfrage zu & es läßt sich nicht verkennen, daß das Gotthardproject – dank der ausge| zeichneten Arbeit Stoll's über die commerzielle Bedeutung desselben – Propaganda in der öffentlichen Meinung gemacht hat.

Ich sehe aus den öffentlichen Blättern, daß die Mailänder Ingenieurs Villa & Genazzini die Ausführung des Tessin'schen Eisenbahnnetzes übernommen haben sollen & es wird dieß als eine Art Gewähr für die Ausführung des Lucmanier dargestellt. Wenn ich auch überzeugt bin, daß darin eine große Übertreibung liegt, so bin ich doch in Betreff der Beziehungen der Conzessionen der Tessinerbahnen zu den Lucmanier Männern (Union Suisse, Rothschild u. s. f.) immer etwas mißtrauisch. Wenn Sie uns hierüber zuverlässige nähere Mittheilungen zukommen lassen könnten, wären wir Ihnen sehr verbunden. |

Herr Dubs hat mir letzthin gesagt, er sei mit Ihnen über die Translocation der Unterhandlungen über den Handelsvertrag zwischen der Schweiz & Italien von Bern nach Turin, beziehungsweise Florenz in Correspondenz. Es scheint mir, daß diese Translocation auch in Ihrem persönlichen Interesse liegen würde. Ein von Ihnen zum Abschlusse gebrachter Handelsvertrag würde Sie in der Bundesversammlung sehr gut placiren.

Die Ergebnisse der letzten Session der Bundesversammlung werden Sie befriedigt haben. Die Anschauung des verfahrenen Zustandes, in welchem sich die liberale Partei im Ctn. Bern befindet, hat offenbar Eindruck auf die Räthe gemacht.

Emphehlen Sie mich angelegentlich Ihrer verehrten Familie, erfreuen Sie mich bald durch weitere Nachrichten & seien Sie aufs Freundschaftlichste gegrüßt von

Ihrem ganz ergebenen

A Escher

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1Nachträgliche Notiz von dritter Hand: «16 mai 1865» .