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Korrespondenz: Alfred Escher – Gottfried Keller

AES B8380 | ZBZ Ms GK 8.15

In: Jung, Aufbruch, S. 141 (auszugsweise)

Alfred Escher an Gottfried Keller, Zürich, Samstag, 29. Mai 1852

Schlagwörter: Erziehungsrat ZH, Finanzielle Unterstützungen, Kunst und Kultur, Regierungsrat ZH

Briefe

Zürich, den 29 Mai. 1852.

Hochverehrter Herr!

Gestern habe ich dem Erziehungsrathe Ihre Anfrage, ob Ihnen ein weiteres Reisestipendium verabreicht werden könnte, vorgelegt. Der Erziehungsrath hat, während in der Stipendiencasse noch etwa ffs 620– lagen, beschlossen, Ihnen noch ffs 600 verabfolgen zu lassen, jedoch mit dem ausdrücklichen Zusatze, daß Ihnen eine weitere Unterstützung von Staatswegen nicht mehr verabreicht werden könnte. Gerade weil ich den Antrag, Ihnen dieses Stipendium noch zu geben, gestellt & lebhaft verfochten habe, glaube ich, um so eher in der Stellung zu sein, Ihnen mitzutheilen, daß der Erziehungsrath seinen Beschluß nicht ohne Bedenken gefaßt hat. Noch nie ist nämlich bisanhin einer & derselben Person eine so große Summe an Reisestipendien| gegeben worden. Und ferner hätte es der Erziehungsrath gerne gesehen, wenn er sich bei Aussetzung dieses letzten Stipendiums auf Erfolge hätte stützen können, welche Sie bereits in der Folge Ihrer schon vor geraumer Zeit den Behörden zur Kenntniß gebrachten Bestrebungen, eines Ihrer Stücke auf die deutsche Bühne zu bringen, davon getragen. Ich zweifle gar nicht daran, ja Ihr Brief an mich enthält bereits den Beweis, daß Sie die Bedenken des Erziehungsrathes durchaus zu würdigen wissen. Es will dem Erziehungsrath aber überhaupt scheinen, daß Sie sich eher zu wenig als zu viel zutrauen. Wenn dieß auch Ihrer Bescheidenheit alle Ehre macht, so dürfen Sie auf der andern Seite nicht aus dem Auge verlieren, daß, wenn Ihre Erzeugnisse vor dem strengen Gerichte Ihrer selbst & nicht vollständig bestehen, | sie vielleicht dessen ungeachtet bei andern vielmehr Gunst zu erwerben geeignet sind. Wir glauben im Erziehungsrathe, Sie sollten mit Ihren Dichtungen etwas zuversichtlicher & muthiger ans Tageslicht treten. – Ich weiß, daß Sie meine flüchtigen Andeutungen – ich schreibe in der Sitzung des Regierungsrathes – nicht mißverstehen & glaube um so weniger daran zweifeln zu lassen, da die Ausstellung vielleicht zu geringen Selbstvertrauens in gewisser Beziehung eher als ein Lob betrachtet werden kann.

Ich habe die Kanzlei angewiesen, Ihnen keine förmliche Mittheilung des Beschlusses des Erziehungsrathes zu machen. Es werden Ihnen dadurch Kosten erspart & ich denke, diese Zeilen werden Ihnen genügen. Das Geld wird Ihnen beförderlich von der Kantonsschulverwaltung übersandt werden. – Es wird mich sehr freuen, bald wieder etwas von Ihnen zu vernehmen.

Mit freundschaftlicher Hochachtung
Ihr

A Escher

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