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Korrespondenz: Alfred Escher – Peter Olivier Zschokke

AES B8208 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB02_007

Peter Olivier Zschokke an Alfred Escher, Aarau, Samstag, 27. Juni 1868

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahngesellschaften Offerten, Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn

Briefe

Aarau 27 Juni 1868.

Herren Präsident Dr A. Escher
in Zürich.

Verehrter Herr.

Bezug nehmend auf meine frühern schriftl: & mündlichen Mittheilungen, die Alpenbahn betreffend, erlaube ich mir, Ihnen folgende weitern Eröffnungen zu machen.

Die Überzeugung, daß in dieser Frage keine Zeit mehr verloren werden dürfe, ohne die schweiz: Intereßen im weitesten Sinn zu gefährden und zu schädigen hat mich zum Entschluß geführt in Sachen vorzugehen. Ich habe mich daher mit einigen gleichgesinnten Freunden vereinigt, und beehre mich nun, gemäs früher gegebner Erklärung, Ihnen, in deren Einverständniß, unsere Zwekke & bisherigen Schritte in aller Offenheit darzulegen. Dabei will ich blos die Grundgedanken punktieren, mir vorbehaltend, Ihnen s. z Näheres allseitig zu entwikkeln.

1. Unser Zwekk ist die St Gotthardbahn.

2. Die technische Frage wollen wir (eine endliche Entscheidung vorbehaltend) in folgender Weise lösen. a. Für den Anfang, d. h. bis sich das Bedürfniß einer direkten Bahnverbindung von Flüelen nach Zug unabweislich geltend macht, soll der Verkehr zwischen Bahnhof Luzern & Flüelen mittelst starker Dampffähren (nach Art der in Amerika benutzten) besorgt werden. b. Von Flüelen bis Wasen & von Biasca bis Airolo soll die Bahn mit 2.5% Steigung geführt werden. | c. Von Wasen bis Airolo wollen wir ein Paßhöhe bis auf ca 1800 metr. über Meer mittelst Rampen ersteigen. Hiefür werden, mit Ausschließung des System Fell, dermalen hauptsächlich zwei ÜberschreitungsWeisen technisch geprüft & in Aussicht genommen:

einerseits: doppelte Locomotiven, welche sich mit ca 10 Kilomet: Geschwindigkeit per Stunde auf einer continuierlichen Zahnstange auf & abwärts bewegen.

anderseits: das modificierte Stephenson'sche System der Seilbahnen mit Waßer Waggons.

In beiden Fällen wird grundsätzlich die gleiche Spuurweite wie diejenige der Thalbahnen angenommen. Die Bahn würde auf dieser Strekke vollständig in Gallerien, theilweise auch in einem auf das Minimum der Länge reducierten Tunnel geführt.

Durch diese Annahmen werden wir: 3. Die Bausumme auf ein Minimum, die Bauzeit auf 5 Jahre beschränken.

Die Ausführung unseres Vorhabens glauben wir in folgender Weise fördern zu können: – «Es soll eine mit Kenntnißen, Erfahrungen & Kapital wohl ausgerüstete Baugesellschaft gegründet werden, bestehend vorab aus Schweizern mit Beiziehung ausländischer Kräfte. (Hiebei haben wir vorzugsweise England im Aug.) Diese Gesellschaft hätte der St Gotthard-Vereinigung die verbindliche Offerte zu stellen: die St Gotthard Bahn innert 5 Jahren, vom Vertragsabschluß gerechnet, auf Grundlage eines allseitig gutgeheißenen Bauprojekt, um eine zu vereinbarende Summe zu erstellen, und, wenn wünschbar, der Betrieb, gegen eine bestimmte Entschädigung, auf eine gewiße Zahl höher, zu führen.

Die St. Gotthard-Vereinigung hätte baldigst die Conceßion der Bahn zu erwerben, die Beschaffung der Geldmittel zu besorgen & die Verwendung derselben, | beziehungsweise die Beaufsichtigung des Baues zu übernehmen.» –

Von einem solchen Zusammenwirken aller dem Unternehmen ergebenen Kräfte hoffen wir dermalen noch den Erfolg der Sache, und das Gelingen des Werk.

Nachdem einmal unsere Entschlüße getroffen waren, sind wir zu deren Durchführung übergegangen.

Vorerst wurde sowohl die Traçe, als auch die mechanische Frage in Behandlung genommen, und sind auch zu diesem Zwekk Ingenieurs auf das Lokal gesendet worden.

Sodann wurden Verbindungen mit Freunden in England angeknüpft & dabei namentl: eine solche mit Hh Brassey in Aussicht genommen. Die daherigen Verhandlungen walten gegenwärtig. Herr Brassey scheint indeßen hauptsächlich das System Fell, am Mont Cenis, im Auge zu haben, & deßen Erfolge constatieren zu wollen. Da daßelbe, besonders in seiner jetzigen Gestaltung, uns in keiner Weise dienen könnte, so müßte obige Annahme für uns ein Grund abgeben, die Unterhandlungen mit Hh B. nicht weiter zu führen.

Endlich fand am 24ten dis eine Besprechung statt: vorerst zwischen Hh BundesR.Präsident Dubs & sodann Hh BR Welti und dem Unterzeichneten mit dem Zwekk, zu erfahren: wie unsere Bestrebungen im Schoos des Bundesrath beurtheilt würden, & ob, und in wie weit man allfällig von dort auf wirksame Mithülfe rechnen könne. Herr Dubs unterstützte den von mir allseitig entwikkelten, Ihnen oben kurz mitgetheilten Gedanken vollständig, und gieng in seiner privaten Rükkäußerung wesentlich weiter, als ich nach einer zwischen uns letztlich gepflogenen Correspondenz erwarten könnte.

Herr Welti, welcher, wie Sie wißen, eine kräftige Initiative des Bundes in Sachen befürwortet, sprach sich noch viel bestimmter für Durchführung unseres Gedankens aus, indem er denselben, als den praktischen & zum Ziele führenden bezeichnete, mir hiefür seine | volle Unterstützung, soweit an ihm, zusicherte. Hh Welti verhieß sodann mit Herren Dubs die Sache weiter zu behandeln.

Auf diesem Punkt angelangt, sind wir nun in einer gestrigen Besprechung zum Schluß gekommen, Ihnen, verehrtester Herr, eine Darstellung des bisher Geschehenen zu geben. Wir bezwekken dabei Ihre durchaus entscheidende Unterstützung für unsere Bestrebungen zu erhalten. Wir sind von der festen Überzeugung durchdrungen, daß nur durch Sammlung aller derjenigen Männer, welche der St Gotthard Übergang, als eine Lebensbedingung der künftigen materiellen & daher auch politischen Wohlfahrt der Schweiz betrachten, und dafür ihre Kräfte darbringen wollen, die große Frage jetzt noch glükklich gelöst werden kann. Aber ebenso steht für uns fest, daß nur ein einheitlicher Operationsplan Aussichten auf Erfolg hat, – und daß dieser von Ihnen eingeleitet und durch geführt werden muß.

Indem wir daher ohne Rükkhalt unsere bisherigen Bestrebungen Ihrer Beurtheilung unterstellen bitten wir Sie um die Gefälligkeit uns bald Ihre Ansichten mitzutheilen. Ist Ihnen eine mündliche Besprechung angenehm so stehen wir gerne zu Verfügung.

Ich ergreife den Anlaß, Sie meiner ausgezeichnetsten Hochschätzung zu versichern.

Ergebenst.

Olivier Zschokke.