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Korrespondenz: Alfred Escher – Peter Olivier Zschokke

AES B8207 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB02_007

Peter Olivier Zschokke an Alfred Escher, Aarau, Samstag, 18. April 1868

Schlagwörter: Brennerbahn, Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Eisenbahngesellschaften Offerten, Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Tunnelbau

Briefe

Aarau , den 18 April 1868.

Herrn Präsident Dr A. Escher in

Zürich.

Verehrtester Herr!

Die gleichen Beweggründe, welche den An laß zu meinem unter'm 5ten April. l. J. an Sie gerichte ten Schreiben gaben, führen mich dazu, Ihnen heute in Kurzem diejenigen Aunsichten vorzuführen, welche allmählig im Bewußtsein zahlreicher natürlicher Intereßen über die Ausführungsweise der Bergparthie der St. GotthardBahn Platz greifen. Auch hier werde ich Ihnen nur Wenig oder Nichts Neues sagen können. Indem ich aber dennoch meiner Ueberzeugung, sowie der jenigen vieler & technisch gebildeter Freunde Ausdruck leihe, gebe ich damit zugleich den Meinungen größerer denkender Kreise unserer Bevölkerung Worte.

1. Die in Aussicht genommene zweispurige Eisenbahn von Flüelen über Göschenen direkte nach Airolo & Biasca unter Vermeidung von allen Spitzkehren und Kopf stationen und ohne Anwendung von Schächten beim | Bau der Alpentunnels wird von den Herren Beckh & Gerwig

veranschlagt zu fs 109,189,754. –
oder bis Bodio zu ca fs. 108,000,000.–

Zieht man nun in Betracht, daß der größere Theil dieser Summe, entsprechend der Natur des Unter nehmens, à fonds perdus wird beigebracht werden müßen; daß die Hülfsmittel der an einer St. Gotthardbahn wirk lich und direkte Intereßierten^, in vorigem Sinne, theil weise nicht zureichend und theilweise anderweitig stark engagiert sind, so gelangt man zum Schluß: daß es auch unter günstigen Umständen, kaum denkbar sein wird, in den nächstkommenden Jahren ein so großes Capital für Erstellung der St. GotthardBergbahn be schaffen zu können.

2. Die Bauzeit des 14,8 Kilometer langen St. Gott hardtunnels wird von den H. Beckh & Gerwig zu 16–17. Jahren veranschlagt. Diejenige des 10,5 Kilometer langen Tunnel von Hospenthal aus zu 11–12 Jahren.

Zieht man in Betracht, daß, auch unter günstig sten Constellationen, mit Einschluß der Zeit, welche für Besammlung des Baufond nothwendig sein wird, von heute 17–20, eventuell 14–15 Jahre, bis zur endlichen Durchbrechung des Berges erforderlich sein werden; daß diese Frist im Hinblick auf die Fortentwicklung der Technik des Eisenbahnwesens, auf allfällige | commercielle Umwandlungen & politische Ereigniße zu weit gegriffen erscheinen muß;

Bedenkt man ferner, daß, nach Maßgabe des gegenwärtigen Vorrücken des Montcenis -Tunnel, fast sicher bis 1871 die Eröffnung dieser westlichen Concurrenz bahn in Aussicht steht, daß wohl in gleicher Zeit die Fort setzung der Brennerbahn an das Becken des Bodensee und des Rhein erstellt sein kann; – so gelangt man zum weitern Schluß, daß man sich ohne schwere Gefährdung großen schweizerischer & internationaler Intereßen kaum in ein so lange sich hinziehendes Unternehmen einlaßen darf.

Das Gesagte zusammenfaßend: werden uns demnach voraussichtlich zur Ausführung der St. Gotthard - Bergbahn, nach den bis heute vorliegenden Projekten, so wohl das nöthige Geld als die erforderliche Zeit – also die Hauptbedingungen des Zustandekommens und Erfolgs der großen Unternehmung fehlen.

In dem Schreiben vom 5 April l. J. habe ich die Ansicht ausgesprochen, daß die rasche Inangriffnahme der beidseitigen Thalbahnen das Mittel sein werde, wenig stens theilweise jetzt noch den Schlag abzuschwächen, welcher infolge der Sistierung der Gotthardbahnbe strebungen unseren VerkehrsIntereßen droht.

Im Weitern werden uns die oben aufgestellten | Betrachtungen mit zwingender Consequenz dahin führen, genau zu prüfen, ob und in welcher Weise 1. der Capitalbedarf für die St. Gotthardbahn, sowie 2. das Zeitmaas der Ausführung derselben auf ein Minimum beschränkt werden kann.

In Würdigung dieser Punkte muß ich mich auf eine allgemeine Beurtheilung beschränken & wiederum die bereits allseitig und anderwärts erörterten technischen Fra gen, als bekannt, voraussetzen.

Um Baukosten & Bauzeit auf das geringste Maas zurückzuführen, kann es kein anderes Mittel geben, als den Berg in größerer Höhe, als bisher angenommen worden ist, und mit einem verhältnißmäßig kurzen Tunnel zu überschreiten. Es frägt sich nun: ist dieß möglich ohne den Betrieb im Winter zeitweise einstel len zu müßen?

Für Erbauung eines langen Tunnels sprechen: deßen Anlage in tieferer Alpenregion, daher die gün stigern climatischen Verhältniße, sowie die Möglich keit von Annahme durchgehender mit gemächlichen Berg locomotiven zu befahrenden Steigungen. Dagegen ist bis heute noch nicht die Besorgniß gehoben, ob der lange Tunnel ohne fortwährende Ventilation regel mäßig betrieben werden kann.

Der Uebersteigung des Paß in größerer Höhe | stehen die Bedenken entgegen, daß 1. die climatischen Verhältiße dieser Regionen zeit weise einen freien Betrieb behindern können, & 2. daß besondere Bauvorkehrungen getroffen werden müßen, um überhaupt die Bahn in die gewünschte Höhe führen zu können, wodurch zugleich eine ab normale Betriebsweise bedingt werde.

Das erste Bedenken anbelangend, so darf ange nommen werden, daß Lauwinenzüge, Rüfenen & Wildbäche, weil in der Regel auf ganz bestimmte Stellen beschränkt, für den Betrieb, durch entsprechende Bauan lagen, unschädlich gemacht werden können; daß aber lang dauernde große Kälte, erhöhter starker Schneefall, und namentlich die bekannten Schneeverwehungen den Be trieb belästigen werden. Es bleibt daher nichts übrig, als in diesen hohen Regionen angelangt, die Bahn überall durch entsprechende Gallerien zu schützen. Was sodann die Bahnanlage, sowie die Betriebsart betrifft, so kann diese Frage bekanntlich in sehr verschiedener Weise gelöst werden. Die Erfahrung hat bis jetzt im Prinzip eine einzige Methode, als praktisch, bewähren können. Es ist das von dem berühmten Robert Stephenson , auch für die Schweizerpäße, vorgeschlagene System der schiefen Ebenen mit Seil & Waßerwaggons (v. deßen Be richt von 1850). |

In Anwendung auf den St. Gotthardpaß würde die Bahn eine durchgehende Steigung von 25‰ erhalten, & diese mit Rampen von 5–7% Steigung & Seilbetrieb abwechseln. Dadurch würden alle Spitz- Kreis- und SpiralKehren der bisher aufgestellten Projekte beseitigt und ohne all zu große Entwicklung der Linie die Höhen oberhalb Hospenthal gewonnen werden können.

Obgleich ich dieses System blos Beispielsweise erwähne, und ihm keinesweg den unbedingten Vorzug vor andern den gleichen Zweck verfolgenden Vorschlägen einräume, so zeigt es doch die Möglichkeit: am St Gotthard un schwere und mit Sicherheit eine Höhe zu ersteigen, welche einen kurzen Tunnel ermöglicht, daher die Bauzeit auf ein thunliches Minimum beschränkt & zugleich auch die Baukosten sehr wesentlich ermäßigen wird. Ebenso bestimmt darf angenommen werden, daß durch entsprechende Bau vorkehrungen die, aus climatischen Verhältnißen hervor gehenden Betriebsstöhrungen in höhern Bergparthien mög lichst beseitigt werden können, und, bei angemeßener Organisation des Betrieb, die mit mehreren Rampen versehene Bergbahn den Verkehr (im Verhältniß zur Länge der ganzen Linie) nicht in erheblichem Maas be lasten & erschweren wird. |

Es erscheint mir nun sehr wünschbar, wenn diese Ansicht, welche ich direkte aus den mir zu Gebote stehenden Plänen, Profilen & der Kenntniß der lokalen Verhältniße ableite, näher geprüft werde. Ich erlaube mir daher, im Eingangs angedeuteten Sinne, die ausgesprochenen Gedanken Ihrer gefälligen Würdigung zu unterbreiten.

Schließlich glaube ich Ihnen wiederholen zu sollen, daß ich, Angesichts der Gefahr, welche im Verzug liegt, die bestimmte Ansicht habe: im Sinne meiner Mittheilung vom 5 April eine neue direkte Anregung der Frage zu versuchen. Indeßen will ich diesen Schritt erst thun, und denselben in seine Consequenzen verfolgen, wenn ich mich allseitig überzeugt habe; derselbe werde der Sache in einer mir entsprechend scheinenden Weise dienen. Es würde mir daher sehr erwünscht sein, wenn Sie die Gefälligkeit haben wollten mir hierüber Ihre schätzbare Ansicht mitzutheilen.

Ich ergreife den Anlaß Sie meiner ausgezeich netsten Hochschätzung zu versichern.

Ergebenst!

Olivier Zschokke.