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Korrespondenz: Alfred Escher – Peter Olivier Zschokke

AES B8206 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB02_007

Peter Olivier Zschokke an Alfred Escher, Aarau, Sonntag, 5. April 1868

Schlagwörter: Brennerbahn, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahngesellschaften Offerten, Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Presse (allgemein), Tunnelbau, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Aarau , 5 April 1868.

Herrn Präsident Dr A. Escher in Zürich.

Verehrtester Herr!

Schon vor längerer Zeit hatte ich meh rere male Gelegenheit genommen mit Herrn Oberst Schwarz als dem aargauischen Mitglied des St. Gotthardt-Comité einen Gedanken zu besprechen, welcher bezwecken soll: die Frage der St. Gotthardtbahn in einer Weise anzuregen, welche nach meiner Ansicht, einen weitern Erfolg in Aussicht stellt.

Leider mußte Hr. Schwarz so unerwartet rasch sterben, – ein Unglück für den Kanton & die Eidgenoßenschaft. Weil nun damit ein natürliches Zwischenorgan meiner Mitthei lung an das Comité aufgehört hat, erlaube ich mir: mich direkte an Sie zu wenden. Hiezu finde ich die Aufforderung einzig in dem Gedanken: es sei vorab je des Schweizers Pflicht nach Kräften und an seinem Ort mit zuwirken, der Schweiz einen Alpenübergang zu sichern, und sodann derjenigen Richtung, welcher den größern Intereßen des Landes und des Verkehres entspricht, den gebührenden Erfolg verschaffen zu helfen. |

Ich bemerke beiläufig, daß mir sämmtliche über die Alpenbahnfrage erschienenen Arbeiten, sowie die Allgemeinen und lokalen Verhältniße des St. Gotthard (infolge frühern technischen Studien an Ort und Stelle) bekannt sind. Daher laße ich diese Punkte selbstver ständlich bei Seite & gehe auf den Gedanken über, welchen ich beabsichtige Ihnen, kurz zusammengefaßt, vorzutragen. Es ist möglich, und höchst wahrscheinlich, daß derselbe nicht neu ist. In diesem Falle sollen meine Zeilen blos den Zweck haben, die bereits ausge sprochene Idee zu unterstützen, eventuell weiter zu fördern.

Die Verwirklichung einer St. Gotthard-Bahn ist durch den preußisch-östreichischen Krieg und Italiens schlechte Finanzlage zurückgedrängt worden. Die Er öffnung der Brennerbahn, deren nun nachgewiesene Leistungsfähigkeit im Winter, sowie die hiedurch in eifrige Anregung gebrachte Fortsetzung dieser Bahn an das Becken des Bodensee bedrohen die Schweiz & ihren Verkehr mit einer gefährlichen Umgehung. Auf der andern Seite schreitet die Durchbrechung des Montcenis langsam aber unaufhaltsam fort. Matematisch | sicher läßt sich daher der Zeitpunkt vorausberechnen, wo wir in Folge dieser Bestrebungen allseitig abgefahren sein werden, und zugleich unsere Verkehrsbeziehungen und unsere Industrie den schwersten Schlag erleiden. – Die politischen Folgen, welche sich hieran knüpfen können, sind der Zeit noch nicht zu überblicken. Unsere Lage ist daher geeignet, schwere Besorgniße zu erregen und sehr gefährlich.

Nur das erwachte Bewußtsein der Gefahr unserer Lage, in die Brust des schweizerischen Volkes verpflanzt; nur die äußerste allseitige Anstrengung aller guten Kräfte; nur eine entschiedene That kann hier, wenig stens theilweise, helfen.

Werden diese Voraussetzungen und Annahmen als richtig zugegeben, so liegt hierin ein Fingerzeig für das, was zur Abwendung des Landes-Unglück ge schehen sollte.

I. Die Gotthardbahn von den südlichen bis zu den nördlichen Alpenseen läßt sich in zwei natürliche Thei le trennen:

a. Die Thalbahnen von Como und Locarno bis Bodio und von Zug (beziehungsweise Buonas oder Luzern ) bis Flüelen . Sie sind technisch fest gelegt und können im Fall der Ausführung, wie | projektiert, erbaut werden.

b. Die eigentliche Bergparthie FlüelenBodio deren zweckmäßigste Ueberschreitungsweise Sache weiterer Untersuchung sein kann, deren Ueberschreitungs Möglichkeit jedoch nicht in Frage steht.

Ich bin nun zur festen Ueberzeugung gelangt: man sollte den Versuch machen, die Ausführung der ein spurigen Thalbahnen sub a baldigst zu vollziehen. Da durch wird ein für den St. Gotthard-Paß entscheidendes, nach allen Richtungen wirkendes Präjudicium geschaf fen, deßen Tragweite hier weiter auszuführen nicht nöthig sein wird. Jedenfalls wird

1. ein internationaler Verkehr dem St. Gotthard schon in den nächsten Jahren in erhöhtem Maas zugeführt und dadurch

2. die Ueberschreitung des Berges selbst in der einen oder andern Weise zu einer unausbleiblichen Con sequenz festgestellt. Man wird, ohne Uebertrei bung, annehmen dürfen, daß die thatsächliche Samm lung zahlreichen zusammenwirkender Intereßen auf die Gotthard -Linie, die Geldfrage zurückdrän gen und die eigentliche Ueberschreitung des Pass vorzugsweise zu einer Frage der Zeit umge stalten wird. |

Mit Rücksicht auf die Wahl der Linie und die Aus dehnung der Ausführung müßte man sich vorläufig auf das Nothwendigste beschränken um ein möglichst kleines d. h. dermalen beschaffbares Capital zu erhalten.

Mit Rücksicht hierauf ergiebt sich der Capitalbe darf für eine einspurige Bahn:

Kilometer 39,846 BuonasGoldauFlüelen fs. 13,298229.–
" 5,00 BodioBiasca " 1,200000.–
" 39,90 BiascaLocarno " 9,261310.–
" 50,58 GubiascoLuganoChiasso " 19,316302.–
" 7,0 ChiassoCamerlata " 3,474300.–
Kilometer 142,326. fs. 46,550141.–

Diese Summe wäre (wahrscheinlich zu ⅔ in Actien und ⅓ Obligationen) zu beschaffen durch die an einer St. GotthardBahn betheiligten Cantone, die inte reßierten in- & ausländischen Bahnen & die allfälligen Zeichnungen der Städte Italiens & Deutschlands.

Von Subventionen der Eidgenoßenschaft und all fälliger anderer Staaten sollten, zur Zeit, noch Umgang genommen und dieselben für die eigentliche Bergbahn, wenn nöthig, in Reserve gehalten werden.

Hiedurch wird die Unabhängigkeit des Unterneh mens so lange, als möglich, gewahrt, & dem schweizer ischen Linienkampf die Spitze gebrochen. |

II. Will man sich zu dem hier angeregten Vorgehen ent schließen, so muß die öffentliche Meinung, & das Volk der betheiligten Kantone im Speziellen, für diesen Gedanken gewonnen werden. Durch Preße, Flugschriften & namentlich öffentliche Versammlungen muß daher die Gefahr der gegenwärtigen Lage der Schweiz genau bezeich net werden. Von da aus muß sodann die neue An regung in die Großräthe übergetragen und damit zu gleich der Boden für entsprechend hohe Betheiligungen vorbereitet werden. Die Leitung der Bewegung hat naturgemäs das gegenwärtige St. Gotthard-Comité zu übernehmen & zum Ziel zu führen.

In der Ausführung dieses, Ihnen kurz darge legten, Gedankens sehe ich z. Z. das einzig wirksame Hülfsmittel der großen Gefahr, welcher die Schweiz in Bälde zu erliegen droht, theilweise zu begegnen. Ich halte mich daher pflichtig Ihnen die Erwägung deßelben aufs' angelegentlichste zu empfehlen. Zugleich glau be ich Ihnen anführen zu sollen, daß ich, überwie gende Rücksichten vorbehalten, entschloßen bin, mit meinem Freunden im Aargau & andern Kantonen die unter II angedeutete Initiative zu ergreifen, um | damit zu Verwirklichung des sub I ausgesprochenen Ge dankens zu gelangen.

Um aber einzig dem Zweck & diesem ohne Rückhalt zu dienen, hielt ich es geboten Sie auch von der letztern Absicht in Kenntniß zu setzen & zu gewärti gen welche Beurtheilung den ausgesprochenen Plan und deßen Vollziehung bei Ihnen finden werde.

Indem ich Vorstehendes Ihrer Prüfung und Würdigung unterstelle, ergreife ich den Anlaß zu ver sichern Sie meiner ausgezeichnetsten

Hochschätzung!

Olivier Zschokke.