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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B8126 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_052

Alfred Escher an Josef Zingg, Zürich, Donnerstag, 2. November 1871

Schlagwörter: Absagebriefe (diverse), Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahnprojekt

Briefe

Zürich, den 2. November 1871

Tit.
Herrn Schultheiß Zingg, Präsidenten der Gotthardvereinigung

in Luzern

Hochgeacheter Herr Präsident!

Auf Ihre geschätzte telegraphische Anfrage von gestern Abend betreffend Einberufung des Gotthardausschusses auf künftigen Samstag vor der Sitzung der ständigen Kommission habe ich Ihnen zu antworten die Ehre gehabt, daß ich heute eine sachbezügliche briefliche Aeußerung an Sie gelangen lassen werde.

Ich komme nunmehr meinem Versprechen nach & erlaube mir vorab zu bemerken, daß ich gegen das Vorhaben, den Gotthardausschuß nächsten Samstag vor der ständigen Kommission zu versammeln, durchaus nichts einzuwenden habe.

Indem ich mich in dieser Weise gegen Sie vernehmen lasse, glaube ich hinwieder, Ihnen jetzt schon anzeigen zu sollen, daß ich künftigen Samstag weder der Sitzung der ständigen Kommission noch derjenigen des Ausschusses werde beiwohnen können.

Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen den Grund, der mich zu diesem Entschlusse veranlaßt, ja geradezu nöthigt, mit voller Offenheit darzulegen. |

Es ist zu meiner Kenntniß gekommen, daß die Einwohnerschaft von Luzern beabsichtigt, der Gotthardvereinigung künftigen Samstag Abend einen feierlichen Fackelzug zu bringen. Ich muß nun, namentlich auch im Hinblicke auf einen verdankenswerthen Schritt, der im Laufe dieser Woche von Luzern aus mir gegenüber geschehen ist, wenigstens die Möglichkeit in's Auge fassen, daß bei Anlaß dieses Fackelzuges meine Person in einer Weise in den Vordergrund gezogen werden könnte, welche den Eindruck hervorzurufen geeignet wäre, als würde derselbe auch & vielleicht nicht am wenigsten mir gelten. Ich darf nun aber, wie Sie leicht begreifen werden, um keinen Preis auch nur den Schein – & ich nehme durchaus an, daß es bloß ein Schein wäre – entstehen lassen, als würde ich in Luzern eine Ehrenbezeugung annehmen, die ich in Zürich abgelehnt habe.

Wenn ich es unter diesen Umständen als ein einfaches Gebot der Schicklichkeit – um nicht einen weiter gehenden Ausruck zu gebrauchen – betrachten muß, dießmal der Einladung zu den Sitzungen der ständigen Kommission & des Ausschusses der Gotthardvereinigung nach Luzern nicht Folge zu leisten, während ich ihr unter andern Verhältnissen mit Vergnügen entsprochen haben würde, so glaube ich mich vom geschäftlichen Standpunkte aus um so eher dabei beruhigen zu können, da es sich in der ständigen Kommission nur um Wahlen handeln wird, denen ich ohnehin lieber fremd bleibe, & da, wenn im Ausschusse, was ich zwar nicht annehme, Tractanden vorliegen würden, bei deren Behandlung meine Anwesenheit gewünscht werden sollte, eine Verschiebung derselben um so unbedenklicher | dürfte Platz greifen können, da ohnedieß zur Behandlung meiner zur Zeit noch nicht ganz reifen Vorlagen betreffend die Betheiligung des Schweizerischen & des Italienischen Kapitales bei dem Consortium demnächst wieder eine Sitzung unsers Ausschusses wird Statt finden müssen.

Ich ersuche Sie, um Mißdeutungen zu begegnen, der ständigen Kommission von dem Inhalte dieser Zuschrift in geeigneter Weise Mittheilung machen & meinen Entschluß, künftigen Samstag nicht nach Luzern zu kommen, als einen unabänderlichen betrachten zu wollen.

Genehmigen Sie auch bei diesem Anlasse die Versicherung freundschaftlicher Hochachtung von

Ihrem ergebenen

Dr A Escher 1

Kommentareinträge

1Brieftext von dritter Hand mit Unterschrift von Eschers Hand.

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