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Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Friedrich Siegfried

AES B7960 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_011

Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Mittwoch, 12. Mai 1869

Schlagwörter: Eisenbahnstrecken Konzessionen, Grosser Rat TI, Kommissionen (kantonale), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Bellinzona 12 Mai
69.

Lieber Freund!

Mein heutiges 2tes Telegramm zeigte Dir an, daß wir in das lezte Stadium unserer Aufgabe gelangt sind. Das zweite eben vollendete war langedauernd, wechselvoll & schwierig. Ich enthalte mich einer einläßlichen Erörterung desselben, so weit dieselbe nicht schon durch meine bisherigen Mittheilungen Dir vollständig klar gemacht sein sollte. Das Ende dieses mühevollen zweiten Stadium ist, daß die Mehrheit der Kommission wieder bei den Dir bekannten einmüthigen Vorschlägen derselben angelangt ist & denselben verschiedene Erweiterungen & Abänderungen einverleibt hat. Die Minderheit (4 von 9 Gliedern) will sowohl die Nebenbestimmungen in den Cessionsverträgen unangetastet wissen, als überhaupt die Thalbahnen insbesondere die Linie LocarnoBiasca, | nicht von den Linien der neuen Konzession abhängig machen. Die dießfälligen Abänderungsanträge der Minderheit habe ich nicht gesehen, da Varenna als Berichterstatter derselben zu ihrer Feststellung bis zum völligen Abschluß der Mehrheit gewartet hat & dann genöthiget war, dieselben v. gestern Nachts bis heute Vormittag zur Vorlage an den Gr. Rath zu fertigen. Bis morgen früh werden wir wohl die Mehrheits- & Minderheits-Anträge sammt dem Kommissionalbericht gedrukt erhalten & werde ich Dir solche alsbald zusenden. Die Mehrheit hat sich infolge der vielfachen Besprechungen, die sie durch Abgeordnete mit uns seit der Kommissionssizung v. 7 Abends gehalten | hat, in allen Punkten mehr oder weniger unseren Wünschen & Vorschlägen genähert, im Punkt der theilweisen Cession freilich auch sehr erschwerende Bestimmungen aufgestellt. Das Mißtrauen, die Thalbahnen d. h. besonders Lugano Chiasso & damit auch Lugano Bellinzona gefährdet zu sehen, führte zu diesen kasuistischen, verklausulirten Vorschriften. Wir konnten hier troz wiederholter Anstrengungen nicht nach Wunsch durchdringen & liessen dann gestern, auf Dein entsprechendes Telegramm, die Sache unter dem Vorwande gehen, das Gothardkomite möge dann bei Prüfung der Konzession, wenn sie | so unnöthig erschwerende Vorschriften enthalte, entscheiden, ob die Konz. annehmbar sei oder nicht. Der Gr. Rath gehe seiner Auflösung entgegen & die Konzess. müsse behandelt werden. Die Komm. wolle also wohl erwägen, dießfalls nicht zu hemmende Vorschriften vorzuschlagen, da ja doch jede Cession an die Genehmigung des Gr. Raths geknüpft sind. Im Uebrigen kam die Mehrheit der Komm. unseren Wünschen in Bezug auf Fristerstrekungen & Ausmerzung abweichender, uns belästigenderen Vorschriften in der Konzess. f. die Thalbahnen bereitwillig entgegen & sind insofern & nach jeziger Lage der | Dinge überhaupt die Transceneriner endlich uns. Stüzen geworden, nachdem sie sich hinreichend nach allen gedenkbaren Richtungen zu sichern gesucht haben. Dieselben hoffen bestimmt, im Gr. Rathe die Mehrheit zu haben, indem die Leventiner & vielleicht noch einige Andere zu ihnen halten werden. Während bisher immer noch v. Vertagung gemunkelt wurde, hat es nun doch den Anschein, daß die Angelegenheit einläßlich werde behandelt & erlediget werden. Die Mehrheit der Komm. erklärt fest, dieses zu wollen. Ob freilich am Freitag nicht noch ein Verschiebungsversuch gemacht werden wird, ist zu gewärtigen. Hier insbesondere darf man den Tag nicht vor dem Abend loben.|

Während der lezten paar Tage, wo sich Mittheilungen v. Vorschlägen & v. Redaktionen, Prüfungen derselben & Konferenzen zu daherigen Erörterungen rasch auf einander folgend häuften, kam ich kaum zu umfassender, sicherer Uebersicht & Beurtheilung des theilweise verwikelten Stoffs. Und mehr Zeit, als dafür meinerseits verwendet wurde, konnte ich nicht gewinnen, sollte die Sache noch in dieser Woche im Gr. Rathe behandelt werden. Ich bin deßhalb etwas unruhig, daß mir da oder dort etwas entgangen sein möchte, | hoffe aber auf Deine Nachsicht, wenn derartiges z. Vorschein kommen sollte. Es ist wahrhaft peinlich, so wichtige, verwikelte Dinge prüfen beurtheilen & verfechten zu müssen, wenn die Zeit so sehr drängt. Hätten wir uns seit der Komm.sizung v. 7 Abends nicht grundsäzlich mit den Transcenerinern zus.gefunden, wie es glüklicher Weise hat geschehen dürfen, die Sache wäre mit Varenna & gegen die Opposition der Transceneriner in jezigen Gr. Rathe ohne Zweifel nicht z. Abschluß gekommen. In gewisser Weise hat uns endlich die Eifersucht der beiden Landestheile genüzt & das Wort scheint sich zu bewähren: Duobus litigantibus etc.| doch noch Geduld, da das 3te Stadium noch vor uns steht. Noch füge ich als kleine Errungensch. v. gestern Abend bei, daß f. die Annahme der Konzession v. deren Mittheilung hinweg, 1 Monat eingeräumt wurde. Für den Fall der Erledigung der Konzession willst Du nach Empfang der daherigen telegr. Anzeige die erforderliche Weisung bereit halten & der hies. Regierung zukommen lassen, an wen sie das amtliche Exemplar derselben senden soll? Ich werde dafür sorgen, daß Du so rasch als möglich einen beglaubigten Auszug aus dem Protokoll des Gr. Rathes bekommst, damit Du ohne Zögerung Uebersezung, Vervielfältigung, Prüfung & Entscheidung | darüber veranstalten kannst. Bezüglich der Subsidien wäre die Kommission einig, 3 Millionen zusammen auf Eröffnung des ganzen Tessin' schen Nezes anzutragen, wir drangen wiederholt darauf, die 2 Mill. wie beschlossen auszurichten & dazu allermindestens noch 1 Mill. als Præmie festzusezen, da ja der Zinsverlust auf jenen 2 Mill. den größeren Theil der 3ten Mill. aufzehren werde, wenn alle 3 erst nach Vollendung des Ganzen ausgerichtet werden. Vielleicht findet morgen darüber noch ein lezter Austausch statt. Die Transceneriner sind dießfalls geneigter als die Cisceneriner, wagen aber auch nicht, stark hervorzutreten | wegen der unbestritten schwierigen finanziellen Lage des Kantons. Und auch wir, so haben wir wenigstens das lebhafte Gefühl, dürfen zwar wohl lebhaft die Begründtheit weiterer angemess. Subvention empfehlen, keineswegs aber weder in der Summe noch in der Betonung des Begehrens uns stark auslassen. Ich habe Dir darüber schon geschrieben & wage nicht, ob daherigem stärkerem Drängen den Erlaß einer sofortigen & möglichst günstigen Konzession zu gefährden. –

Hoffentlich habe ich nicht mehr nöthig, Dir v. hier aus brieflich Weiteres mitzutheilen, sondern wäre glüklich nach so langer Zeit per tot discrimina rerum Dir am Samstag die mög| lichst günstige Erledigung der Angelegenheit & meine ersehnte Heimreise anzeigen zu können.

Ich verdanke schließlich Deine interessanten erfreulichen Nachrichten & sage Gott erhalte Dich!

Dein

Siegfried

Noch habe ich hier über die Pariser Nachricht nichts munkeln gehört.

Ich erhalte eben noch Dein Telegramm, wonach ich an Varenna zu Handen des Comité v. Locarno die betreffende schriftliche Erklärung zustellen darf. Dieses Comité will in seinem Mißtrauen nichts v. der Cession fahren | lassen & wird daher diese Erklärung jedenfalls einigermassen zu dessen Beruhigung dienen; überdieß wird dadurch die Lojalität des Goth. Comité gegen alle Theile neuerdings konstatirt. Ich bin Deiner Bejahung sehr froh.