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Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Friedrich Siegfried

AES B7906 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_011

Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, s.l., Freitag, 23. April 1869

Schlagwörter: Eisenbahnanschluss an ausländische Netze, Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Eisenbahnstrecken Konzessionen, Grosser Rat TI, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Lieber Freund!

Die Eifersucht zwischen den versch. Landestheilen des Kantons wird allmählig bezüglich auf die Betriebseröffnung der Linien nach Locarno & nach Chiasso lauter & wir vernahmen gestern Abend, daß die Transceneriner zu erheblichen Opfern v. Seite des Kantons Hand bieten würden, wenn die Linie Bel-linzona Lugano möglichst bald gebaut & dadurch ein zusammenhängender Betrieb über Lugano & Chiasso mit Italien ohne Verschiebung hergestellt werden könnte. Ich telegraphirte Dir deßhalb so eben 9½ Uhr Vormittags Folgendes: «Transceneriner reden v. Subvention für raschen Bau Bellinzona Lugano Wie bald Betriebseröffnung möglich gemäß Artikel 12? Wie hoch Zins-verlust & Subvention dafür rechnen? Chiffrirte Antwort.»

Vielleicht wäre es möglich, die Großräthe des Livinerthals für eine solche Combination | zu gewinnen & mit denselben eine Mehrheit des Gr. Rathes. Deßhalb & weil wir jedenfalls für einläßliche Erörterung dieses Projekts gerüstet sein müssen, willst Du uns die erforderlichen Daten so schnell als möglich verschaffen. Ich habe Fraschina gegenüber schon wie-derholt hervorgehoben, wie hoch der Zins-verlust aus der um ca 4 Jahre früheren Eröffnung v. Bellinzona Lugano sich ergeben würde. Er behauptet aber, daß diese Linie, von mir auf mindestens ca 15 Mill. angeschlagen, mit 10 Mill. jedenfalls gebaut werden könne. Dagegen will es mir vor der Hand scheinen, daß eine ⌜diesseits⌝ zus.hängende Bahnlinie zur einstwei-ligen Belebung des Verkehrs bis zur Vollendung des Tunnels ungleich mehr beitragen dürfte, als der Uebergang v. Personen & Waaren in Locarno auf ein Bahnschiff, indem alsdann eben nur | noch die Unterbrechung zwischen Göschenen & Airolo bestünde, im Uebrigen aber hierseits eine durchgehende Bahn v. lez-terem Orte über Bellinzona Lugano , Chiasso , Camerlata. Wenn freilich ⌜jedoch⌝, ohne hinreichendes Opfer für ein solches Projekt, das Gothard Comité sich blos Tessin zu lieb für mehr oder weniger frühere Vollen-dung v. Bellinzona Lugano herbeilassen würde, so dürfte wohl die Konsequenz sich bald auch für Flüelen–Brunnen–Schwyz–Luzern & Zug fühlbar machen & dadurch das ganze Unternehmen er-heblich mehr belastet & erschwert werden. Solche Betrachtungen machte ich auch schon denjenigen Staatsräthen gegenüber geltend (wie auch gegen Bosio), welche versuchten, bindendere Vorschriften für frühere Eröffnung v. Bellinzona Lugano auszuwirken, als der neue Art. 12 ⌜dießfalls⌝ enthält.

Sollte sich aus dieser Eifersucht die Mög-lichkeit ergeben, eine Mehrheit des | Gr. Rathes in Verbindung mit gleichzei-tiger Eröffnung der Bahn v. Airolo über Bellinzona & Lugano bis Camer-lata für Dekung eines dießfälligen Zinsverlusts & für eine erklekliche Sub-vention zu gewinnen, so wäre das wohl – so erachte ich es für einmal – v. uns. Standpunkte aus nicht zu verachten. Duobus litigantibus tertius gaudet Nun wir werden sehen, ob & wie sich diese Regung weiter entwikelt & be-dürfen wir aber zu sicherem daheri-gem Einwirken Deiner sicheren & maßgebenden Leitung & Weisung. Im Uebrigen bestätige ich meine ge-strigen & vorgestrigen Mittheilun-gen & gewärtige baldige telegr. Antwort über den konvenirten Kon-zessionsentwurf, damit derselbe ohne Verzug an den Gr. Rath übermittelt werden kann.

Von Herzen Dein

Siegfried.

23. 4. 69. |

Ich erhalte noch Deine werthen Zeilen v. 21. dieß mit der Konzession v. Uri & danke dafür. Du darfst versichert sein, daß wir ganz in Deinem Sinne uns bisher jeder früheren Eröffnung der Cenere Linie, als zur Zeit des Betriebs des großen Tunnels, des Entschiedensten widersezt haben & auf Anhalten wegen sogenannten bes-seren Eindruks blos in § 12 die Aenderung aufnahmen, daß 1 Jahr nach Eröffnung der Linie Lugano Chiasso die Arbeiten über den Cenere zu be-ginnen seien. Wir erachteten diese Modifikation als finanziell wenig eingreifend für die Ausführungs-gesellschaft. Die jezige Regung, für die Cenere Linie eine frühere, resp. gleichzeitige Eröffnung anzustreben, wie für Airolo Biasca Locarno, geht gerade aus unserer absoluten Verneinung einer solchen Verpflichtung hervor. | Du darfst also, so scheint es mir, dießfalls ganz beruhigt sein & frägt es sich jezt eben, was dem Gothard Comité hierseits zu bieten wäre, um dasselbe zur gewünschten früheren Eröffnung der Cenere Linie zu vermögen. Deine Zeilen veranlassen mich nun, Dir offen zu sagen, daß ich nach erster Besprechung der Angelegenheit mit den Herren Staatsräthen alsbald mir die Frage vorlegen müßte, ob es nicht diesen Tessinern gegenüber klüger gewesen wäre, die Cenere Linie nicht alsbald zu verlangen, sondern als Zugeständniß für weitere Opfer Seitens des Kantons ⌜bis⌝ zum geeigneten Moment in petto zu behalten. Das lojale Benehmen des Gothard Comité hat allerdings einen überraschenden | & günstigen Eindruk gemacht. Allein wie diese Leute sind, so wird ein gleiches Benehmen nicht als Pflicht & Schiklichkeit erachtet & man schämt sich vielerwärts nicht, mehr zu verlangen ohne dagegen etwas zu bieten. So Bosio ⌜z. Theil⌝, so die Staatsräthe v. jenseits Cenere. Da sie nun sehen, daß das Comité dießfalls nicht weiter gehen kann, so beginnt nun erst die Operation, wie der Kanton für fragliches Projekt hergenommen werden könnte. Im Augenblick wirst Du meine Mittheilungen v. 22 besitzen & hof-fentlich mir heute telegr. Antwort zukommen lassen. Ich fahre fort, nach Zürich zu berichten & wünsche in Bern gute Verrichtungen. Gott erhalte Dich!

Wie immer Dein

Siegfried

23. 4. 69.