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Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Friedrich Siegfried

AES B7902 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_011

Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Donnerstag, 22. April 1869

Schlagwörter: Eisenbahnstrecken Konzessionen, Grosser Rat TI, Regierungsrat TI, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Lieber Freund!

Im Besiz Deiner willkommenen Zeilen v. 20 dieß will ich die heutige mehrere Musse zu weiterer Darlegung der hiesigen Sachlage benuzen. Vorab hoffe ich morgen ein Telegramm zu erhalten, welches mich ermächtigt, den konvenirten Konzessionsentwurf mit Zustimmung des Gotthard Comité dem Gr. Rath durch den Staatsrath vorlegen zu lassen. Leider vernehme ich daß der Entwurf mit Bericht des Staatsraths & gedrukt zu Handen der Mitglieder des Gr. Rathes kaum vor Montag der Behörde werde übergeben werden können. Die italienische Uebersezung ist durch Ducoster gemacht. Zur Beförderung der Sache werde ich mich verwenden, daß der Entwurf wenigstens gesezt & der Bericht verfaßt wird, damit bei Eintreffen Deiner Erklärung Alles rasch vollendet bereden kann. Ich hoffe, daß der Entwurf in Wesentlichem Deinen Instruktionen gemäs gehalten sei. |

Die Subventionsfrage habe ich ganz in Deinem Sinne 3 mal vor den Mitgliedern des Staatsraths, von Ducoster unterstüzt, erörtert & den Herren eindringlich zu empfehlen getrachtet, mit allerlei Zahlen über die materiellen Vortheile für das Land auch zunächst während der Bauzeit belegt. Dazu gehört auch die Gewißheit, daß der Fiscus während dieser Zeit eine bedeutende Mehreinnahme an Consumtions gebühren für Getränke &sw. haben wird. Dieselben betragen bis jezt, wie ich aus den verlangten & erhaltenen Budgets der 3 lezten Jahre gesehen, 150 bis 180 Tausend Franken jährlich & fließen grossentheils aus eingeführtem Wein, da der Kanton nicht hinreichend produzirt. Die vielen tausend Arbeiter, welche in's Land kommen werden & die weit bedeutendere Konsumtion der inneren Arbeiterbevölkerung während des Baues, müssen diese Staatseinnahme | enorm steigern. Vergleiche mit den Subventionen Uri' & Schwyz gegenüber der kilometer-Länge der Bahn, die Subventionen der übrigen Kantone etc. boten starke Gründe, die Billigkeit & Nothwendigkeit weiterer Subvention v. Tessin hervorzuheben. Von etwa 230 Kilometern des ganzen Unternehmens fallen ca 136 auf tessinisches Gebiet, zugleich ein vollständiges Nez durch die Haupttheile des Landes ausmachend. Ca die Hälfte der Kosten des Unternehmens fallen auf die tessinischen Streken & davon wird weit aus der grössere Theile im Lande selbst verausgabt. Die grosse Schwierigkeiten, die 86 Mill. Subvent. aufzubringen & die Nothwendigkeit, Seitens der Schweiz sich dießfalls sehr erheblich zu betheiligen, wenn eine Verständigung mit dem Auslande beförderlich oder auch überhaupt erzielt werden soll, wurden | ebenfalls hervorgehoben. Auch wurde ungescheut betont, daß es Tessin kaum gleichgültig sein könne, wie es infolge seiner bezügl. Haltung anderwärts beurtheilt werde. Kurz nach allen mögl. Richtungen, & zwar infolge vorheriger Ueberlegung & bestmöglicher Sammlung daheriger Elemente & Daten, wurde die Subvent.frage offiziell & in vielen Privatunterredungen mit Staatsräthen, Großräthen & hies. Männern v. Bedeutung behandelt, aber leider ohne Erfolg Im Staatsrath sprach sich die Mehrheit seit der Gr. Rath da ist, gegen eine jezige Vermehrung der Subvent. aus, während wir bis am Dienstag gehofft hatten, daß diese Behörde günstig sein werde. Die Leute meinen, es gehe nun ohne sie, wollen nicht nur nichts mehr thun, sondern würden lieber noch die Unternehmung mit sofortigem Bau der Cenere Linie belasten. Von reinem Pflicht- & Ehrgefühl – selbst bei einflußreichen Leuten scheint nichts vorhanden zu sein, die race ist eine entschieden | tiefere in moralischer Richtung als in den meisten Theilen der übrigen Schweiz. Wie ich Dir gestern schon gesagt, werden wir, wenn Du nicht widersprichst, eine motivirte Eingabe über die Subvent. an den Gr. Rath richten, bis jezt jedoch ohne Aussicht auf Erfolg. Und wenn die Gr.Rathskommission auf Abweisung antragen wird, so werden wir in lezter Instanz zu insinuiren suchen, daß doch der Gr. Rath veranlaßt werde, auszusprechen, in günstigerer späterer Zeit ein daheriges Ansuchen in neue & geeignete Erwägung zu ziehen. Freilich wäre das kaum über das Erbärmliche erhaben! –

Wenn möglich reise ich an einem dieser Tage nach Lugano, um die dortigen Herren Veladini & Battaglini (der nicht Mitglied des jez. Gr. Raths ist) zu sprechen. | Diese Herren & besonders Veladini wirken in der Cenere Linie mehr oder weniger maßgebend auf viele Mitglieder des Gr. Raths. Ducoster stehe mit Veladini (2ter Sindic v. Lugano) sehr gut, so daß es nur passend, vielleicht nüzlich sein kann, diese Herren zu bearbeiten & v. überspannten Forderungen zurükzubringen. Lieb wäre es mir, wenn ich über die wegen Anschluß der Chiasso Linie an Camerlata zu pflegenden Unterhandlungen beförderlich etwas vernähme, da dieser noch im Ungewissen schwebende Punkt besonderes Mißtrauen zu erweken scheint & ich darüber wenig & nichts Genaueres zu sagen weiß. Könntest Du mir darüber telegraphisch einen Anhaltspunkt geben, so wäre ich dafür dankbar. |

Jauch, den ich wiederholt gesehen & dem ich, mit Dir übereinstimmend, so ehrend als möglich begegne, wird in der Subvent.frage kaum zu gewinnen sein, in Geldsachen sei er überhaupt eine zähe Persönlichkeit. Ducoster ist eine in der Alpenbahnfrage viel bewanderte & hier offenbar ziemlich einheimische Persönlichkeit, überdieß, wie es mir vorkommt, zu schriftlichen Arbeiten wohl brauchbar. Er ist für mich eine sehr gute Hülfe & für viele persönliche Anknüpfungen eine willkommene Vermittlung. Gerne vernehme ich, daß die Urnerkonzession kommt, die Cessionsverträge über die 2 hies. Spezialkonzessionen habe ich in Deinen Akten gefunden & einstweilen behalten, so daß die Abschriften nicht nöthig wären, nun aber kaum mehr abbestellt werden können. |

Ich füge noch bei, daß ich wegen einer Aktienbetheiligung stets ähnlich geantwortet habe, wie Du zu denken scheinst, die unerläßliche Nothwendigkeit v. Subvention betonend, um bei hinreichendem Vorhandensein derselben in Aktien & Obligationen sich ohne große Schwierigkeiten das Erforderliche zu beschaffen. An dem Wort Premie willst Du Dich nicht stossen, es würde eben eine Subvention nach vollendetem Bau sein, eine Form welche eher hätte Eingang finden sollen, weil erst den Beitrag leistend nach bereits genossener grossen Wohltaten & bei Beginn der Segnungen des neuen Verkehrsmittels. Allein offenbar wollen die Leute lieber unverschämt, als gerecht, billig & ehrenhaft sein & findet deßhalb auch eine so spät zu leistende Hülfe keinen Eingang.

Sei freundschaftlich gegrüßt v. Deinem

Siegfried

Bellinzona 22 April 1869. –