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Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Friedrich Siegfried

AES B7597 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_011

Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Mittwoch, 21. April 1869

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat TI, Kommissionen (kantonale), Rechtliches, Regierungsrat TI

Briefe

Bellinzona 21 Apr. 69. 1

Lieber Freund!

Gemäs meinem heutigen Telegramm übersende ich Dir diejenigen Aenderungen & Zusäze zum Kon zessionsentwurf, welche ich aus den 2 Konfe renzen mit dem Staatsrathe (d. h. der Staats räthlichen Kommission, welchen aber theilweise auch andere Mitglieder der Behörde beige wohnt haben) ergaben. Dieselben giengen aus Anregungen & Wünschen dieser Herren hervor & wir glaubten, um zunächst wenig stens diese Behörde auf uns. Seite zu haben, denselben um so weniger entgegentreten zu sollen, als mit Ausnahme v. Art 31, die fraglichen Punkte keine oder geringe Folgen für die Unternehmung nach uns. Dafürhalten haben können. Art. 31 wurde so entschieden angefochten & die Tragweite desselben nach allen Richtungen hervorzuheben verlangt, daß wir nur Mißtrauen & Verwiklung | aus der Festhaltung desselben glaubten entstehen zu sehen müssen & deßhalb eventuell denselben Preis zu geben uns entschlossen. Dein heutiges Telegramm ermächtigt uns im äußersten Fall auch dazu. Diese Tessiner sind voll Mißtrauen & schlau zugleich & hätten die Berechtigun gen der Art. 10 & 19, schwerlich fallen lassen, um noch so viel Macht als möglich in den Händen zu behalten. Wahrscheinlich war es auch beim Staats rath auf diese Eventualität abgesehen Seit gestern Nachts fühle ich auch lebhafter, daß unser dießfälliges Ent gegenkommen klug oder nothwendig war; denn wir merken bereits, daß Deputirte v. jenseits des Cenere darauf ausgehen, die Cenere Linie sich schon | in der ersten Bauzeit ausführen zu lassen, wie es für FlüelenGöschenen & f. AiroloLocarno beabsichtigt ist. Während der erste Eindruk des Be gehrens f. die Cenere Linie mit Betrieb zur Zeit der Eröffnung des Tunnels selbst jenseits des Berges ein unbe dingt günstiger, befriedigender war, wächst nun der Appetit in zudringlicher Weise & plädirt man uns in empfind licher Weise die sofortige Ausfüh rung auch dieses Stüks. 2 Staatsräthe aus jenem Theil waren am Samstag & noch gestern wohl zufrieden & heute spielten sie schon die Empflichen, offenbar durch Großräthe angestekt. Indessen hat sich die staatsräthl. Eisenbahnkomm. mit veränderter Fassung des Art. 12, lemma 3 begnügt, dafür | haltend, dieselbe leuchte jenseits besser ein & wir fanden diese Fassung auch nicht bedenklich. Gestern Nachts hatte ich mit Großrath Bossi einen langen Kampf wegen dieses Punkts, & werden wir bei vermuthlich weiterer Zudring lichkeit aus der Mitte der zu ernennen den großräthl. Kommission dießfalls nichts v. uns aus nachgeben, da wir ein solches Begehren unverschämt & in keiner Weise gerechtfertigt finden. Wenn Du also darüber uns nicht anders berichtest, so halten wir darin unbe dingt fest, die beliebige Entscheidung des Gr. Raths gewärtigend. Im schlimmsten Falle ist man durch die Con cession Locarno Biasca Herr des Ter rains & läßt das Gebiet jenseits Cenere | ganz fahren. Mürbe werden die Leute dann ohne Zweifel, dürften aber vorher doch merken, daß sie v. Regen in die Traufe gerathen möchten. Ich berühre im Weiteren die übrigen Aenderungen am Entwurf.

Art. 1. ist etwas anders redigirt & enthält auf bestimmtes Begehren die Theilnehmer an der Gotthardvereinigung. Sie sind vielleicht nicht vollständig & bitten wir um genaue Angabe derselben.

Art. 3 ist in Harmonie mit dem Art. 5 der beiden Spezialkonzessionen gesezt. Art. 6 ist blos etwas umfassender redigirt. Art. 12 ist in der v. Dir autorisirten Weise erweitert & im Uebrigen das Stük LuganoBellinzona so berührt, wie es zu mehrerer Beruhigung gewünscht wurde & wie wir es nicht bedenklich | finden konnten.

Art. 30 enthält noch die begehrte Zu stimmung des Staatsraths zur Abtretung der Konzession & ist die im Entwurf enthaltene Kenntnißgabe an den Staats rath vor der bezüglichen Eingabe an den Bundesrath gestrichen.

Art. 31 neu. Diesen blos moralisch ver pflichtenden Passus haben wir auf Be gehren & als zu wesentlicher Erwekung v. Vertrauen dienend um so mehr aufnehmen zu dürfen geglaubt, als derselbe materiell dem finanziellen Programm des Gotthardkomite & der stufenweisen Entwiklung des Unternehmens entspricht.

So viel in Eile über die in Abschrift mitfolgenden Veränderungen | des Entwurfs. Ich bitte um be förderliche Prüfung & Weisung, ob der so veränderte Entwurf mit uns. Zustimmung dem Gr. Rathe vorge legt werden darf.

Wir haben heute denn auch unser Begehren um Subvention wiederholt & empfohlen, leider aber die Stimmung der Herren Staatsräthe so kühl gefunden, daß dießfalls jezt nichts erwartet werden darf. Dieselben sagten, daß sie aus Rüksprache mit einflußreichen Großräthen schließen müssen, daß jezt nichts erhältlich sei & daß sie deßhalb auch keinen be züglichen Antrag stellen werden, es uns überlassend, beim Großen | Rathe noch direkt einzukommen.

Wenn Du nichts einwendest, werden wir diesen Schritt thun. Auf die Verweisung auf künftige bessere Zeiten gebe ich bei diesen Leuten nichts & habe ich auf das Unzuver lässige einer solchen Vertröstung auch hingewiesen. –

Die mir übersendeten Akten gehen heute sepa rirt an Dich zurük; ich habe einstweilen zu rükbehalten die Abtretungen der Spezial kommissionen, die über dieselben vorhan denen Bundesaktenstüke, den Konzessions entwurf zw. Herrn Peier & der Regierung v. 1865 & die deutschen Konzessionen f. Gothard & Lukmanier v. 1866. Bitte die Urner Konzession nicht zu vergessen.

Ohne Mehr für heute grüsse ich Dich bestens.

Dein

Siegfried

Kommentareinträge

1Nachträgliche Notiz von Eschers Hand mit roter Farbe: «mit 1 Beilage» .