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Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Friedrich Siegfried

AES B7593 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_011

Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Montag, 19. April 1869

Schlagwörter: Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnprojekt, Rechtliches, Regierungsrat TI, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Lieber Freund!

Die Regierung hat uns noch nichts auf unsere Eingabe erwiedert. Dagegen bemerkte uns gestern Nachts Herr Staatsrath Pioda, daß der Art. 31 des Entwurfs zweierlei nöthig machen werde 1.) die Aufnahme des Ausschlusses der Cittiglio Linie & 2.) eine Zusammenstellung der Differenzen in den verschiedenen Bestimmungen einerseits der 2 Spezialkonzessionen & anderseits des neuen Konzess.Entwurfs. Er bemerkte dazu, daß ohne der Erwähnung jenes Ausschlusses Mißtrauen & Schwierigkeiten entstehen werden & daß man genau werde wissen wollen, welche Veränderungen an den beiden bestehenden Spezialkonzessionen dadurch geschehen, daß die Vorschriften des neuen Entwurfs für dieselben gültig werden sollen. Wir erklärten uns bereit diese Veränderungen zusammenzustellen & der Regierung zu übergeben & über Punkt 1. werden wir uns besprechen.

Wir fanden nun gestern Nachts, daß Punkt 1. kaum werde abgelehnt werden können, weil durch die nun zu ertheilende Konzession nicht direkt berührt & weil er v. Seite Tessin's nicht Preis | gegeben werden wolle. Ich sezte noch gestern Nachts ein Telegramm an Dich auf, um Deine Weisung über Punkt 1. zu verlangen, gelangte darob aber auf folgende andere Anschauung, die ich Dir, nachdem ich darüber geschlafen, mit Du Coster mich ausgetauscht & so eben noch mit Herrn Pioda gesprochen, zur Würdigung unverweilt, mittheile mit der Bitte, mir baldmöglichst Deine Weisung telegraphisch zukommen zu lassen. Nach Abrede mit Herrn Pioda bleibt § 31 sammt Allem, was sich daran hängen würde, einstweilen suspendirt.

Ich halte dafür & Du Coster stimmt bei, gleichwie auch Herr Pioda daß es passender sei, Art. 31 fallen zu lassen. Zunächst würde er durch Aufnahme des Ausschlusses der Cittiglio Linie erweitert werden müssen, was doch an & für sich & gegenüber Italien nicht wünschenswerth erscheint. Sodann heftet sich schon ein gewisses Mißtrauen an diesen Artikel, weil er jenes Ausschlusses nicht gedachte & endlich verursacht derselbe dadurch weitere Erörterungen, daß die Tragweite desselben gegenüber den einzelnen Vorschriften der 2 Spezialkonzessionen unterstüzt | & ermittelt werden will. Für das Gotthardkomite resp. für diejenigen, welche mit Italien zu unterhandeln haben werden, erscheint es kaum wünschenswerth, daß die eigentliche GothardKonzession fraglichen Ausschluß auch noch aufnehme. Auch erfordert wohl dessen Aufnahme eine neue daherige Erörterung mit Rechtsvorbehalt bei den Bundesbehörden. Wird dagegen Art. 31 fallen gelassen, so bleibt die Stellung des Gotthard Comite bezügl. auf fragl. Ausschluß formell rein, indem sich dasselbe lediglich darauf stüzen kann, die 2 früher ertheilten, den Ausschluß enthaltenden Spezialkonzessionen so zu übernehmen genöthigt gewesen zu sein, wie sie eben vorhanden waren. Nach allen Richtungen & insbesondere für die hiesigen Verhandlungen, wird durch Streichung v. Art. 31 das Geschäft vereinfacht & erleichtert. Denn in Bezug auf die Sache selbst läßt sich in der Praxis ohne Zweifel unschwer sei es mit oder ohne Einwilligung hiesiger Behörde eine einheitliche Behandlung aller einzelnen Linien ein- & durchführen, sollten auch Verschiedenheiten in den alten Konzessionen sein gegenüber der neu zu erwerbenden vorhanden sein. Immerhin wollen mir allfällige daherige Unkömmlichkeiten | geringer erscheinen, als die Folgen der Aufrechthaltung v. § 31. Diess meine Auffassung, in welcher ich, was die hiesigen Verhältnisse betrifft, durch Herrn Pioda sehr bestärkt worden bin. Ja er deutete an, daß es dem Staatsrathe sehr lieb sein würde, wenn die 2 früher ertheilten Spezial Concessionen in keiner Weise bei diesem Anlasse in Erörterung gezogen werden müßten. Ich ersuche Dich daher auch v. Standpunkt dieser Behörde aus, Art. 31 fallen zu lassen & bitte um telegraphische Weisung.

Gestern besprachen wir uns mit Herrn Jauch, welcher eine durchaus freundliche Haltung zeigte & mit Ausnahme des Punktes der Subvention sich entschieden einverstanden & Handbietend erklärte. Der Gedanke der Verabfolgung einer Premie nach vollendetem Bau erschien ihm weniger schwierig. Immerhin wird die Subventionsfrage in dieser oder jener Form der schwierigste Punkt sein. Der Vizepräs. des Staatsraths, dessen Name ich in meinem Briefe v 17 ausließ, heißt Franchini, der Präsident Bazzi ist noch nicht eingetroffen & scheint dieser Umstand einige Werzögerung beim Staatsrath bewirkt zu haben. Ohne Mehreres für jezt, Vormittags 10 Uhr, grüsse ich Dich freundschaftlich.

Dein

Siegfried

Bellinzona
Montag
19 Apr. 69.