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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Jeremias Seitz

AES B7514 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_061

Friedrich Jeremias Seitz an Alfred Escher, Esslingen am Neckar, Donnerstag, 11. März 1875

Schlagwörter: Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Familiäres und Persönliches, Gotthardbahnprojekt, Krankheiten, Personelle Angelegenheiten

Briefe

Hochgeehrtester Herr Präsident!

Ihr mir sehr schätzbares Schreiben vom 7. dß: kam am 8ten in meine Hände; es hat solches die angenehmen Erinnerungen an mein früheres Verhältniß zu Ihrer hochgeehrten Person aufs Lebhafteste aufgefrischt.

Zuvörderst drücke ich Ihnen mein herzlichstes Bedauern darüber aus, daß Ihnen durch die Differenzen, welche zwischen der Direktion der Gotthardbahn und ihrem Oberingenieur entstanden sind, die ohnehin außerordentlich große und schwere Geschäftslast, und die fast erdrückende Verantwortlichkeit, welche auf Ihren Schultern schon zuvor lastete, noch um ein Bedeutendes vermehrt worden ist, und das umso mehr, als ich aus öffentlichen Blättern zu meinem großen Leid auch das vernommen habe, daß sich bei Ihnen ein Augeübel eingestellt habe, das der größten Schonung der Sehorgane und der ganzen Nerven vorschreibt. Sie dürfen sich deßen versichert halten, daß mich auf die erste Nachricht über die entstandenen Differenzen mit dem OberIngenieur, welche ich aus öffentlichen Blättern vernahm, ein tiefes Weh Ihretwegen befallen hat; denn ich weiß nur zu gut aus eigener Erfahrung, wie auch bei gewissenhafter und treuer Pflichterfüllung Ihrer Mitarbeiter doch die Hauptgeschäftslast auf Ihnen liegt, und wie Sie gar nicht anders können, als mit der größten Gewissenhaftigkeit und Aufopferung aller Ihrer Kräfte den Grund- und Eckstein für die ganze großartige Unternehmung, die Sie sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, nach allen Richtungen zu bilden und die Seele des imensen Körpers mit allen seinen vielseitigen Gliederungen zu repräsentiren. Wenn nun zu alledem noch derartige Mißhelligkeiten kommen, wie sie hier vorliegen, so müßen diese nothwendig sehr niederdrückend in jeder Richtung wirken.

Wenn ich Ihnen daher zu einiger Erleichterung der Lösung dieser fast übermenschlichen Aufgabe, die Sie sich in so außerordentlich anerkennenswerther Weise gestellt haben, Einiges beitragen könnte, so würde dieß mit der größten Bereitwilligkeit und Freude geschehen. Leider aber hat mich eine Umschau unter unsern vaterländischen Eisenbahntechnikern zu der Ueberzeugung gebracht, daß ich nicht wagen darf, Ihnen eine der, wenigstens dem Namen und der Stellung nach – hervorragenden Persönlichkeiten als vorzugsweise tauglich für diesen wichtigen Posten zu empfehlen.

Unsere drei Eisenbahn-BauoberIngenieure im Lande sind die Herren: Abel, Morlok u. Schlierholz. Ersterer ist derjenige, der die Bahn StuttgartCalwNagoldHorb, eine Art kleine Gebirgsbahn in schwierigem, sehr coupirtem Terrain projektirte und ausführte. Die beiden Andern haben gerade besonders schwierige Bauten noch nicht ausgeführt. Von beiden Letztern könnte nach meinem unmaßgeblichen Dafürhalten bei der Wiederbesetzung des Postens am Gotthard nie und nimmer die Rede sein, und zwar aus verschiedenen in ihrer Persönlichkeit und ihrem Charakter liegenden Gründen. |

Abel halte ich für denjenigen unter diesen Dreien , der vielleicht einer größern Aufgabe noch am Ehesten gewachsen ist. Aber ich kann nicht annehmen, daß dieser Herr Ihnen conveniren würde und zwar aus Gründen, die ich hier offen und rückhaltslos darlegen will: Unsere dermaligen Württb. OberIngenieure sind geborene und erzogenen bureaukratische Schreiber von der Zehe bis zum Scheitel, mit allen schlimmen Eigenschaften, die einem solchen Charakter ankleben. In erster Linie sind sie ausserordentlich bequem und nahezu arbeitsscheu; sie bummeln lieber in der Königstraße in Stuttgart, als daß sie auf ihren Bureaux angestrengt arbeiten; dafür sind ja ihre Handlanger da, von denen Jeder wieder möglichst wenig und täglich möglichst kurze Zeit thätig ist, als Schüler ihrer Chefs; giebt ja nicht viel Geschäft, sondern viele Tage großen Lohn! Abel und seine beiden Collegen sind aber schon in einem Alter, wo die Energie nicht mehr anerzogen, viel weniger rege gemacht werden kann, da schon längst eine Verknöcherung im alten Schlendrian eingetreten ist. Sodann ist Abel nach meinem unmaßgeblichen Urtheil kein besonders großes Licht; denn was ich bis dahin von seinen Talenten an der oben näher bezeichneten Bahnstrecke gesehen habe, zeugt von wenig praktischem Blick, ich möchte sogar sagen: von einem außerordentlich beschränkten Horizont. Der erste Eindruck, den ich auf dieser Bahn empfieng, war der, daß von den vorhandenen Terrainschwierigkeiten nicht in dem Maße und mit dem praktischen Verständniß entgegengetreten ist, wie man dieß von einem Obertechniker in Abels Stellung sollte erwarten, ja fordern dürfen. Ebenso schlimm war aber, daß die festgesetzte Bauzeit um ein Namhaftes verlängert u. der Kostenanschlag fast ums Doppelte überschritten worden ist, ohne daß genanntem Herrn dieserhalb ein graues Haar wuchs, u. ebensowenig dem damaligen Minister v. Varnbühler, der trotz aller Ableugnung u. Verwahrung, die Bahn in ihrer Richtung wegen seines großen Landgutes in der Nähe der Linie durchzudrücken verstand! Um die Ueberschreitung nicht auf die doppelte Ueberschlagssumme zu steigern, baute man die Bahn theilweise nur halb aus, ja ließ an einzelnen Stellen lebensgefährliche Einschnitte bestehen, in der guten Meinung, der Betrieb dürfe auch noch Etwas thun!

Die jüngern und die in untergeordneterer Stellung befindlichen Bautechniker, welche im Lande beim Bahnbau thätig sind, sind meist durch die Schule ihrer Chefs gelaufen; strebsamere Kräfte aber haben je und je dem vaterländischen Dienste den Rücken gekehrt, und befinden sich auswärts in geachteter und lohnender Stellung. So wars ja auch seiner Zeit bei Etzel, Beckh, Pressel u. A. Ich bin daher auch nicht im Stande, Ihnen aus der Zahl der Letztern Namen zu nennen, die ich für befähigt halte, an die Spitze der Gotthard-Unternehmung zu treten, obwohl es einzelne nähmliche Ausnahmen unter Letztern giebt; diese aber müßten sich, da man ihnen in Württemberg absolut keine Competenz gelassen hat, erst noch unter tüchtiger praktischer Leitung vervollkommnen, um fähig zu werden, Großes zu leisten und den Durchmesser ihres Horizontes weiter hinaus, als dermalen, zu stecken. Einzelne dieser jüngern Kräfte würden sich zu Abtheilungs| oder Sektions Ingenieuren sehr gut eignen, aber für den in Frage stehenden wichtigsten Posten passen sie nicht.

Es thut mir förmlich wehe, daß ich Ihnen nicht Besseres berichten kann, und ich bitte nur noch höflich, meine Freimüthigkeit, mit der ich mich eben aussprach, gütigst zu entschuldigen. Von Herzen wünsche ich dagegen, daß es Ihnen gleichwohl in kurzer Zeitfrist möglich sein möchte, den rechten Mann, ich möchte sagen, «einen Bismark im Bahnbau», zu finden, der Ihren Schultern einen Theil der Ueberlastung abzunehmen im Stande ist, und der das große Unternehmen mit Ihnen zu dem gehofften und gewünschten, glänzenden Ende durchzuführen vermag, der aber auch mit seiner Kunst einen umgänglichen und anspruchslosen Charakter verbindet, welcher Ihren Wünschen und Ihrer so glücklich angelegten Gemüthslage in jedweder Richtung entspricht.

Sollte ich Ihnen bis zum Eintritt dieses Zeitpunkts in ganz vorübergehender Weise etwa mit meiner beschränkten Kraft bei meiner allerdings geschwächten Gesundheit, einen persönlichen Dienst erweisen können, so würde ich mich aus alter Liebe, Hochachtung u. Anhänglichkeit Ihnen gerne einige Zeit zur Verfügung stellen. Doch ist dieß nur so ein Gedanke, den ich nur Ihnen gegenüber auszusprechen so frei sein darf, weil ich bestimmt weiß, daß er mir von Ihnen nicht mißdeutet wird.

Auf meine eigenen Verhältniße übergehend, erlaube ich mir, Ihrem Wunsche gemäß, zu berichten, daß mein Luftröhrenleiden ein unverbesserliches ist, und daß einzig möglichste Schonung einen erträglichen Zustand unterhalten kann. Spätjahr, Winter und Frühjahr sind eben immer die schlimmste Zeit für ein derartiges Leiden. Meine Nerven sind zufrieden, wenn ich sie möglichst wenig anstrenge. Angestrengtere Geistesthätigkeit, u. insbesondere langes Schreiben, ertragen sie nun und nimmermehr gutwillig, wie früher. Leider habe ich jetzt keinen Sekretär mehr, dem ich diktiren kann.

Meine Beschäftigung besteht aus der Ordnung von Familienangelegenheiten aller Art, von denen mir durch inzwischen eingetretene Todesfälle mein redlich Theil zugefallen ist. Sodann werde ich mitunter von alten Freunden u. Bekannten für Berathung in Bauangelegenheiten in Anspruch genommen, und weiters muß ich häufig hier und auswärts bei Gerichten als Bau-Sachverständiger Dienste leisten. Viel lieber aber möchte ich, d. h. mein Geist, Größeres und Umfänglicheres, wie früher, u. zwar immer noch mit alter Lust u. Liebe leisten, wenn nur leider das Fleisch nicht zu schwach wäre. |

Gegenwärtig richte ich mir ein neu erkauftes eigenes Wohnhäuschen zum Bezuge ein, und freue mich recht darauf, wieder ein Eigenthum zu besitzen und zu bewohnen, aus dem ich unvertreiblich bin.

Genehmigen Sie hochgeehrtester Herr Präsident am Schluße dieser etwas lange gewordenen Epistel den Ausdruck meiner herzlichsten Hochachtung, mit der ich in Ehrerbietung zeichne

Ihr ganz ergebenster

Fr. Seitz, Ingr.

Eßlingen 11. März 1875.