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Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Kunz-Rebsamen

AES B7366 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB02_003

Rudolf Kunz-Rebsamen an Alfred Escher, Zürich, Sonntag, 25. September 1864

Schlagwörter: Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahnprojekt, Lukmanierbahnprojekt

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Im Besitze Ihrer hochverehrl. Zuschrift vom 24. dieß werde ich den mir darin ertheilten Aufträgen nachkommen. – Was den Auftrag ad 2 anlangt & welcher sich auf folgenden Passus im Schreiben des Herrn Beckh bezieht: «Herr Gerwig ist der Ansicht, der nach Italien über den Gotthard gehende Verkehr betrage ¾ & der in umgekehrter Richtung sich bewegende ¼ des Ganzen. Wie viel daran wahr ist, ist mir nicht bekannt, aus dem commerziellen Gutachten ist es auch nicht ersichtlich. Ich bitte daher um gefällige Auskunftsertheilung» – so ist mir wegen der maliger Abwesenheit des Herrn Director Stoll nicht möglich, eine beförderliche Antwort an Herrn Beckh zu besorgen. Herr Director Stoll wird indessen Morgen Montag in Bern zur Conferenz schweiz. Eisenbahnverwaltungen eintreffen & es wird selbstver ständlich Gelegenheit geben, daß Sie mit ihm über diese Materie sprechen können. Ich erlaube mir daher die Bitte an Sie zu richten, Herrn Director Stoll gef. veranlassen zu wollen, mir aufzutragen, was ich Herrn Beckh hierüber zu schreiben habe. Ich denke, in dieser Weise wird die Sache am meisten befördert werden.

Herr Ingenieur Kohler war gestern bei mir auf meinem Bureau & ich zeigte ihm eine Copie des Briefes des Herrn Beckh, welche ich von demselben vor dessen Zusendung an Sie ge nommen hatte. Mit Bezug auf Punct 1, die Einmündung der Gotthardbahn in den Zentralbahnhof anlangend, äußerte er, daß nach seiner Idee eine Zugsrichtung, wornach der Saal | bau des Schweizerhofes etc: rasirt würde, nicht geboten sei, um in den Centralbahnhof zu gelangen, da man vermittelst Benutzung des Schweizerhofquai's & einer von da aus in schiefer Richtung über die Reuß angelegten Brücke den an gestrebten Zweck eher & ohne die kostbaren Expropriationen erreichen könne.

Herr Kohler brachte mir zu Handen des Herrn Director Stoll den zweiten Correcturbogen des technischen Gutachtens, worauf sich Bemerkungen von ihm vorfinden, welche einzelne Puncte desselben betreffen & vielleicht eine Abänderung der bezügl. Stellen nothwendig machen. Sie wollen mir gütigst gestatten, Ihnen diesen Bogen für Herrn Dir. Stoll im Anschlusse zukommen zu lassen, wobei ich voraussetze, daß die Bemerkungen des Herrn Kohler Sie selbst interessiren möchten. – Sodann ist noch eine Distanztabelle von Basel gekommen, die ich ebenfalls beizulegen mir erlaube, da ich nicht weiß, ob etwas damit Pressantes verbunden ist od: nicht.

Herr Kohler theilte mir sodann mit, daß er sowohl aus dem Wethlischen Gotthardprojecte als aus seiner Un terhaltung mit den italienischen Alpenbahnexperten den Eindruck empfangen habe, daß das technische Gutachten über den Gotthard das Wethlische Project mit den Zick zack nicht zu sehr verwerfen & bei Seite schieben sollte. Die Experten haben Herrn Wethli nach Flüelen kommen & sich da selbst von ihm nähere Auskunft über sein Project ge ben lassen; sie haben dann die Ueberzeugung ausgesprochen, daß dasselbe einer nähern Prüfung sehr werth sei, | sowie sie überhaupt auf Wethli & seine Bauten im Tessin sehr gut zu sprechen seien. Auf eine Bemerkung des Herrn Kohler, daß man bei uns geglaubt habe, sie verwerfen bei einer Alpenbahn das Zickzack-System, wie es beim Lucmanier geschehen sei, & wollen dagegen Tunnels haben, haben die Experten ihm erwidert, daß dieses nicht der Fall sei; man habe in Italien nur das Lucmanierpro ject v. Michel & Pestalozzi allerdings für unausführbar & weil unzweckmässig, gehalten; vom Wethlischen System beim Gotthardprojecte lasse sich nicht dasselbe behaupten. Herr Kohler schöpft nun aus diesem & Anderem die Be fürchtung, daß wenn das techn. Gutachten das W'sche Project so ohnehin, vielleicht mehr aus Pedanterie als aus einer aus Erfahrung & örtl. Kenntniß geschöpften Ue berzeugung auf die Seite schieben wolle, dieses leicht einer unliebsamen öffentl. Erwiderung des Herrn W. & Ver theidigung seines Projectes rufen dürfte, was der Sache im Allgemeinen sehr schaden könnte, zumal wenn man schließlich dann doch noch dazu kommen müßte, auf das selbe zurückzukommen. Aus einer Bemerkung des Herrn Kohler zu schließen, setzt er nicht alles Vertrauen in Herrn Gerwig als Experten «es wäre besser, wenn Hr. Beckh ohne denselben das Gutachten zu machen hätte, es könnte am Ende so herauskommen, daß das Facit eher zu Gunsten des Lucmanier's als zu Gunsten des Gotthard's ausfiele». Herr Kohler soll seine Befürchtungen auch Herrn Reg.Rath Zingg in Luzern mitgetheilt haben. |

Die zweite Auflage der Gotthardbrochure, commerzieller Theil, ist in Arbeit. Die immerfort sich mehrende Nachfrage nach Exemplaren ist derart, daß es sich gewiß lohnen würde, die Auflage zu vermeh ren & einen Theil derselben dem Buchhandel zu überlassen. Nur eine unmaßgebliche Ansicht, deren Aeußerung Sie mir nicht verübeln wollen.

Mit Vergnügen benutze ich auch diesen An laß, Sie, hochgeachteter Herr Präsident, meiner vorzüglichen Hochachtung & Ergebenheit zu versichern.

Kunz

Zürich , 25. Sept 1864

HHerrn Präsident Dr A Escher

Bern

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