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Korrespondenz: Alfred Escher – August von Beckh

AES B7360 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB02_003

August von Beckh an Alfred Escher, Stuttgart, Montag, 8. Februar 1864

Schlagwörter: Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahnprojekt, Lukmanierbahnprojekt

Briefe

Stuttgart 8 Febr. 1864.

Hochgeachteter Herr Präsident!

In Betreff der Vollendung unserer Expertise beehre ich mich, Ihnen folgende weitere Mittheilung zu machen:

Herr Oberbaurath Gerwig kam vorgestern Nachmittag hieher, und reiste gestern Abend wieder zurück. Er ist vollkommen mit dem nun ganz im Concepte vorliegenden Gutachten einverstanden und unser Einbegleitungsschreiben an den verehrlichen Gotthard-Ausschuß ist von uns unterzeichnet. Da die Vollendung der Reinschrift sich auf eine uns sehr unangenehme Weise verzögert, so hat Herr Gerwig sich erboten, dieselbe in Carlsruhe machen zu lassen. Da wir jedoch keine Garantie dafür hatten, damit schneller ans Ziel zu gelangen, so verzichteten wir auf eine Änderung. Der zweite von mir angestellte Copist hat jetzt noch 12 Bogen, der erste ungefähr die Hälfte davon, abzuschreiben. Um aufzuräumen werde ich morgen einstweilen die Plane an Herrn Regierungsrath Zingg abgehen laßen.

Herr Gerwig war mit Herrn Direktor Klein am Lukmanier. Auf dem Wetli'schen Curvenplane in St. Gallen hat er sich überzeugt, daß der Alpentunnel am Lukmanier, auf der Höhe unseres Gotthard-Projektes nicht 10 Kilometer, wie wir nach dem mangelhaften La Nicca'schen Plane angenommen hatten| sondern nur 9.2 Kilometer lang wird. Die Besichtigung der Landschaft von Chur bis Dissentis brachte auf Herrn Gerwig den Eindruck hervor, daß die Linie ChurBiasca um mindestens 20 Millionen, mit Rücksicht auf die wenig von Lavinen bedrohte Strecke von Dissentis bis zum Alpentunnel villeicht 30 Millionen wohlfeiler sein müße, als die Linie FluelenBiasca. Herr Gerwig hält immer noch nicht fest genug an der Überzeugung, daß eine Eisenbahn im Hochgebirg nicht allein von den Lavinen, sondern von 1200 Meter über dem Meere aufwärts auch gegen Schnee umfassend durch unterirdische Führung zu schützen ist. In Betracht des kürzeren Alpentunnels am Lukmanier konnte ich nicht umhin, eine KostenVerminderung von fs. 1.300 000 in der Rechnung an geeigneter Stelle anzubringen, wonach nunmehr die Linie ChurBiasca sich im Ganzen auf 145 Millionen berechnet. Hiemit hat sich schließlich auch Herr Gerwig beruhigt erklärt.

Wie Sie wißen bearbeiten die Herren Gerwig und Klein ein ähnliches Projekt über den Lukmanier, wie unser gegenwärtiges über den Gotthard. Herr Gerwig hat die Abtheilung des Baus, Herr Klein diejenige des Betriebs übernommen. Es sollen dabei die am Gotthard angenommenen Grundsätze und Preise vollständig ebenfalls zur Anwendung kommen. Das Projekt wird nach den vorläufig von Herrn Gerwig aufgesetzten Normen von einem Ingenieur in St. Gallen ausgearbeitet. Im Merz oder April beabsichtigen die Herrn Gerwig u. Klein | den Lukmanier ganz zu bereisen, um dann den Kostenvoranschlag zu berechnen, und das Gutachten zu verfassen. Herr Gerwig will beides nicht endgültig feststellen ohne zuvor meine Ansicht darüber vernommen zu haben. Er will ganz in Übereinstimmung bleiben, mit unsern am Gotthard angenommenen Grundsätzen und hat mich deßhalb um Mittheilung aller meiner, zur Bearbeitung unseres Projektes gemachten Skizzen und Notizen so wie um das Concept unseres Gutachtens angegangen, die ich ihm nach Vollendung der Reinschrift zustellen werde. Ich habe es übernommen, den Gotthard-Ausschuß zu ersuchen, ihm zu demselben Zwecke Pausen von den Planen und Längenprofilen unseres Gotthard-Projektes zuzustellen, so wie auch eine Abschrift unseres Gutachtens.

Im Anschluß an die Besichtigung der Linie ChurBiasca beabsichtigen die Herren Gerwig und Klein eine solche der Mont-Cenis Bahn und des Mont-Cenis Tunnels vorzunehmen. Sollten Sie auf meine Theilnahme an dieser Expedition auch nach der nun erfolgenden Übergabe unseres Gutachtens noch einen Werth legen, so bin ich dazu mit Vergnügen bereit.

Mit ausgezeichneter Hochachtung verharre ich

Ihr

ergebenster

A Beckh.

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