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Korrespondenz: Alfred Escher – August von Beckh

AES B7330 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB02_003

August von Beckh an Alfred Escher, Stuttgart, Montag, 1. Februar 1864

Schlagwörter: Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahnprojekt, Lukmanierbahnprojekt, Personelle Angelegenheiten

Briefe

Stuttgart 1. Februar 1864.

Hochgeachteter Herr Präsident!

In Beantwortung Ihrer geschätzten Zuschrift vom 30. v. M. beehre ich mich, Ihnen vorläufig folgende Mittheilung zu machen.

Letzten Samstag habe ich das Concept des Gutachtens zu Ende gebracht. Da der letzte Theil desselben, betreffend Simplon und Lukmanier viele Zahlen enthält, und Herr Gerwig dieselben noch nicht kennt so habe ich ihm in einem gestrigen Schreiben angeboten damit nach Carlsruhe zu kommen, übrigens hervorgehoben, es wäre besser er käme hieher, um das ganze, nun von mir definitiv bearbeitete und im Abschreiben begriffene Gutachten von Anfang bis zu Ende noch einmal gründlich durchzugehen. Auf Ihr diesen Vormittag in meine Hände gelangtes Schreiben habe ich Herrn Gerwig sogleich telegraphisch ersucht, wo möglich heute noch hier einzutreffen. So eben erhalte ich die telegraphische Antwort der Frau Gerwig, daß Herr Gerwig erst am Mittwoch Abend von Reisen zurück kehren werde. Unter diesen Umständen wird es mir voraussichtlich zu meinem großen Bedauern unmöglich sein, Ihnen bis nächsten Mittwoch Abend mitzutheilen, wie hoch sich der KostenVoranschlag für den Lucmanier nach seiner Rechnung stellen wird. Herr Gerwig hat mir die Ausmittlung dieser Zahlen allein überlassen, und die Prüfung dieser Zahlen war ein | Hauptbeweggrund meines gestrigen Schreibens. Seitdem Herr Gerwig zum letzten mal mit mir arbeitete hat er den Lukmanier, in Begleitung des hiesigen Direktors Klein selbst bereist; dieselben sind, wie ich gestern vernommen, bis zur Höhe des Alpentunnels im Medelser Thal vorgedrungen. Wenn ich nun über die Ansichten, die Herr Gerwig etwa auf dieser Reise gewonnen haben mag, noch eine Vermuthung aussprechen darf, so kann es keine andere sein, als die, daß der Zugang zum Lukmanier von Chur aus weit günstiger ist, als derjenige zum Gotthard von Flüelen aus. Diese Ansicht bekommt jeder, der nur oberflächlich diese Thäler des Rheins und der Reuß besichtigt. Unser Gutachten würde daher auch sehr an Glaubwürdigkeit einbüßen, wenn sich jenes größere Verhältniß nicht auch in den Zahlen aussprechen würde. Ich habe in meinen Berechnungen gesucht, jene Verhältniße so unbefangen als möglich zu berücksichtigen, und weiß, daß dieß auch die Tendenz des Herrn Gerwig ist. Im Großen und Ganzen glaubte ich, es würde dem Gutachten gut anstehen, wenn daraus die Überzeugung geschöpft werden könnte, die es auch wirklich verdient, daß darin eher zu Gunsten, als zu Ungunsten des Lukmanier gerechnet ist. Ich rechnete dabei auf die überwiegende Kraft der geographischen Lage und der Einsicht der Männer die sich an die Spitze der Gotthard-Unternehmung gestellt haben. |

Nach meinen Berechnungen würden nach denselben Grundsätzen angelegte und bis auf die Meereshöhe von 1470 Meter sich erhebende Eisenbahnen folgende Kosten verursachen:

Kilom: per Kilom: fs. Summe Millionen fs.
(Biasca)PollegioGotthardChuelen 114,4. 1.333,000 152,6.
BiascaLukmanierChur 126.0. 1.162 000 146,5.
Domo d'OssolaGlissBrieg 85,3. 1.531,300 130,6.

Die Differenz zwischen Gotthard und Lukmanier ist also höchstens 6 Millionen.

Ich muß natürlich dem Herrn Gerwig vorbehalten, an diesen Zahlen zu ändern. Ich bin jedoch überzeugt, daß wir zu keinen für den Gotthard ungünstigeren uns vereinigen werden.

Daß die Ergebniße unseres Gutachtens von uns geheim gehalten werden, versteht sich von selbst. Übrigens werde ich Herrn Gerwig Ihr Schreiben mittheilen.

An der Reinschrift des Gutachtens arbeitet ein Copist seit etwa 8 Tagen, nachdem mir zwei andere, die ich zuvor der Reihe nach engagirt hatte, die Arbeit liegen gelassen hatten. Zur Beschleunigung der Sache, habe ich nun zwei Abtheilungen gemacht und jede einem Copisten übergeben. Leider geht es aber auch jetzt noch langsam, da dieselben nur in ihren außerdienstlichen Stunden daran fortarbeiten können. Einen geeigneten Copisten, der bei mir auf dem Zimmer unaus| gesetzt und unter meiner fortwährenden Anleitung schreiben würde habe ich gar nicht auftreiben können. Ich werde die Sache so viel als möglich zu beschleunigen suchen, denn es thut mir gewieß außerordentlich leid, Ihre Geduld noch länger in Anspruch nehmen zu müssen; aber heute bin ich noch nicht im Stande, Ihrem Wunsche gemäß den Tag zu bezeichnen, an welchem das Gutachten in die Hände des Gotthard-Ausschußes gelegt werden kann. Mit der Bitte, mich gefälligst hiefür zu entschuldigen verbleibe ich in ausgezeichneter Hochachtung

Ihr

ergebenster

A Beckh

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