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Korrespondenz: Alfred Escher – August von Beckh

AES B7327 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB02_003

August von Beckh an Alfred Escher, Stuttgart, Samstag, 12. Dezember 1863

Schlagwörter: Brennerbahn, Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahnprojekt, Lukmanierbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Presse (allgemein), Tunnelbau, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

HOTEL BAUR
ZÜRICH

Stuttgart 12. December 1863.

Hochgeachteter Herr Präsident!

Für Ihr geschätztes Schreiben vom 9. d. M. , das ich gestern erhalten habe, bitte ich Sie, meinen verbindlichen Dank zu genehmigen. Ich vernehme daraus, daß Sie Ihre vielseitige Thätigkeit wieder als Staatsmann in Bern ausüben. Über den weiteren Inhalt Ihres Schreibens beehre ich mich in Folgendem mich auszusprechen.

Herrn Pressel habe ich noch nicht geschrieben, weil ich gerne vorher meine Arbeiten ihrem Ende näher geführt hätte. Ich würde durch die dauernde gleichzeitige Anwesenheit meiner Herren Collegen in denselben bis jetzt nur gestört worden sein, und doch würde Herr Pressel, wenn er einmal die weite Reise von Wien hieher gemacht hat, nicht vor der Vollendung unser es Gutachtens zurück kehren können, seine Anwesenheit hier also ohne Noth sehr verlängert werden. Sind einmal die Plane und der Kosten-Voranschlag fertig, so können Herr Pressel und Herr Gerwig sich darüber hermachen und ihre Kritik ausüben; der Kostenvoranschlag kann darnach modifizirt und in das Gut achten können diejenigen Verbesserungs-Anträge und Grund sätze aufgenommen werden, welche alsdann nach gemeinsamer Berathung von jedem Einzelnen der drei Experten ge wünscht werden. Dieß ist der Weg, den ich mit Herrn Ger wig vereinbart habe, und da zu meinem Bedauern Herr Pressel damals nicht schon seine Stimme geltend machen konnte, so blieb nichts anderes übrig, als sich für eines von den beiden, von Gerwig u. mir vorgeschlagenen Projekten zu entscheiden, nach welchem der Kostenvoranschlag berechnet | werden sollte, es wäre denn, daß der Gotthard-Ausschuß den Wunsch gehabt hätte, die Expertise, oder wenigstens die wei tere Ausarbeitung derselben, bis zum Eintreffen des Herrn Pressel ganz zu verschieben, wo dann aber doch wieder der Fall eingetreten wäre, daß einer von uns dreien die Ausarbeitung des Projektes zu übernehmen gehabt hätte.

Was nun die Fortschritte in der Bearbeitung des Projektes betrifft, so ist der Stand der letzteren heute folgender: 1, Das Längenprofil ist ganz aufgetragen, ein großer Theil davon ausge zogen, und in einem kleineren Theil deßelben sind auch die Kunstbau ten eingezeichnet. 2, Die Berechnung der Grundflächen, der zu bewegenden Erdmaßen, der Stützmauern, Tunnels und Kunstbauten wird am Montag bis Faido vorrücken. Heute noch wird Herr Gyger diese Arbeit auf dem Blatte FaidoBiasca beginnen. 3, Mit der Berechnung des Voranschlages bin ich bis Andermatt vorgerückt. Den Alpentunnel werde ich wohl einstweilen – bis etwa noch nähere Notizen vorhanden sind, nach dem kilo metrischen Preise berechnen, den ich einst bei der Begutachtung der Lukmanier-Projekte angewandt habe. 4. Bis zu Ende der nächsten Woche werden diese Arbeiten been det sein; früher war es uns bei allem angewandten Fleiße nicht möglich. Ich werde also die Herren Gerwig und Preßel auf den Anfang der folgenden Woche zu gemeinschaftlicher Arbeit hieher einladen. Da Herr Pressel nach genommener Einsicht von meinen hiesigen Arbeiten den Gotthard bereisen will, so hoffe ich bis zu seiner Rückkehr Zeit zu haben, um auch etwas an der Abfassung des Gutachtens zu arbeiten. | Ich halte es nemlich für sachdienlich, meinen Herrn Collegen auch hierüber einen Entwurf vorzulegen; mögen sie darauf ein gehen oder nicht, so werde ich wenigstens in Ruhe die Sache über legt haben. Villeicht übernimmt Herr Pressel es, vom Gotthard aus sich zum Mont-Cenis zu begeben, um genaue Notizen über die Kosten der Einrichtung und des Betriebes der dortigen Tunnel Lüftungs- und Bohr-Maschinen zu sammeln, was nach meiner An sicht um so erwünschter wäre, da aus dem, mir von Herrn Reg.Rath Zingg mir zugesandten, Bericht der technischen Commißion hervorgeht, daß die ersten für die Lüftung gemachten Vorrichtungen einerseits unzureichend, andererseits nach einem viel zu kostspieligen Sistem angelegt wurden, das bereits auf der Nordseite durch ein um das neunfache wirksameres und dabei gleichwohl viel wohl feileres Sistem (dasjenige der gewöhnlichen Luftpreße) ersetzt wor den ist; sodann soll, nach Zeitungsnachrichten neuerdings ein Engländer auch ein verbeßertes Bohrsistem am Mont-Cenis er funden haben.

Aus den werthvollen Notizen, die ich neulich von Herrn Pressel erhalten habe, entnehme ich mit Vergnügen, daß man bei der Brenner-Bahn ebenfalls 25‰ als Steigungs-Maximum angenommen hat; nur muß daßelbe dort allerdings nicht in so ausgedehntem Maaße in Anwendung gebracht werden, als es bei den Schweizer-Alpenpäßen nöthig ist. Meine Hoffnung, daß wir uns in Allem einigen werden, ist dadurch gestärkt worden.

Die Plane über das Simplon-Projekt sind mir eben falls zugekommen. Dieselben sind in großem Maaßstabe jedoch nicht auf Horizontal-Curven verfaßt, und gewähren daher keinen genauen Anhalt für die Projektirung einer solchen | Linie, die nach denselben Grundsätzen wie beim Gotthard-Projekte construirt ist, um sie mit letzterem in Vergleichung ziehen zu können. Nicht beigelegt sind diesen Planen die im bordereau des pieces verzeichneten No 99, 99 bis 99 ter enthaltend Rapports. Ich weiß nicht ob es der Mühe werth ist, nach denselben zu fahnden; aber es scheint mir nöthig, zu constatiren, daß sie in Bern zurück behalten worden sind.

Von Herrn Gerwig habe ich noch keine Antwort auf mein Ein ladungsschreiben vom 2t Dez.; ebenso wenig von Herrn Oberst la Nicca auf dasjenige vom 20 Nov .

Gemäß dem jetzigen Stande unserer Arbeiten werde ich wohl zu Ende der nächsten Woche die Herrn Stocks und Gyger, Herrn Harlacher etwas später entlaßen können, da derselbe noch mit der Einzeichnung des Tracés in das Exemplar des Situa tions-Planes zu thun haben wird, deßen baldige Übersendung durch Herrn Reg.Rath Zingg ich noch zu gewärtigen habe.

Mit dem Wunsche, daß dieser Bericht Sie befriedigen möchte, bitte ich Sie, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung zu genehmigen, mit welcher ich verharre

Ihr

ergebenster A Beckh.

Nachmittags: So eben erhalte ich vom Grafen Paolo Belgiojoso in Mailand, durch Vermittlung eines hiesigen Freundes, Antwort über das Ersuchen, sich über die Kosten der Arbeiten am Mont-Cenis zu erkundigen. Der Herr Graf begleitet sein Schreiben mit einem halben Dutzend Druckschriften neueren und neuesten Datums über die Frage | der italienisch-schweizerischen Alpenpäße, so wie mit einer Anzahl verschiedener Nummern der Perseveranza in welchen Artikel über dieselbe Frage aufgenommen sind. Es ergiebt sich da raus, daß eine zuverläßige Notiz über jene Kosten nicht exi stirt, und daß die technische Direction, nach Veröffentlichung ihres bekannten Berichtes vom März 1863 in der Perseveranza auf gefordert worden ist, jenen Bericht durch Darstellung der bisherigen, so wie der nach Einführung der Verbeßerungen des Sistems zu erwartenden Kosten zu ergänzen.

Von Herrn Pressel erhalte ich diesen Mittag auch die Nachricht, daß er durch einen ihm zugekommenen dringenden Auftrag nach Semlin , dem weder er, noch Herr Etzel widerstehen könne, unvermuthet abgehalten worden sei, an unserer Expertise theilzunehmen. Ich bedaure dieß aufrichtig. Da jedoch Herr Pressel beifügt, daß er Weihnachten hier zubringen werde, so meine ich, es könnte die definitive Abfassung unseres Gutachtens wohl bis zu jenem Zeitpunkt aufgeschoben werden.

Von Herrn Oberst La Nicca ist gleichzeitig ein 5 Bogen star kes Schreiben nebst einer Copie des Wetli 'schen Curven-Planes über das Medelser-Thal, den Lukmanier und bis Campo und Olivone eingetroffen. In dem Schreiben giebt Herr La Nicca eine historische Notiz über alle seine vielen Lukmanier-Projekte, von denen er sein letztes als dasjenige bezeichnet, das den Verhandlungen mit der italienischen Regierung über eine von derselben in Aussicht gestellte Subsidie zulezt zu Grunde gelegt worden sei. Aus dem CurvenPlane wird es möglich sein, alle, bezüglich eines nach gleichen Grundsätzen wie beim Gotthard projektir ten Alpentunnels, erforderlichen Notizen zu erheben. Viel | leicht aber sind Sie, Herr Präsident, im Stande darüber etwas zuverlässiges in Erfahrung zu bringen, ob die Behauptung des Herrn Obersts, daß sein Projekt das offizielle sei, richtig ist. Da mir bekannt ist, daß die Verbindung des Reußthales mit dem Rheinthale ein Lieblings-Gedanke des Herrn Obersts ist, so habe ich deßelben in meinem Schreiben an ihn ebenfalls erwähnt, und zwar that ich dieß um so lieber, als ich denselben Gedanken auch faßte, kurz nachdem mein Gutachten über das Lukmanier-Projekt erstattet war. Die Idee des Herrn Obersts ist, scheint es, von etwas früherem Datum. Ich hatte damals die Meinung, daß bei der Verbindung der beiden Alpenthäler nicht allein ein zweiter Tunnel von der Ausdehnung des Alpentunnels nöthig würde, sondern auch eine lange Reihenfolge von Lavi nentunneln im Maderaner Thal, und habe daher nicht weiter an die Sache gedacht, als mir durch die Wetli'schen Projekte im vorigen Jahre klar geworden war, daß der Gotthard verhältnißmäßig leichter zu bauen sein wird, als früher den Anschein hatte. Herr La Nicca behauptet aber jetzt in seinem Schreiben, daß eine Verbindung zwischen Reuß- u. Rhein thal nicht theurer zu bauen sein dürfte, als die Linie von Amsteg bis Andermatt. Wenn dieß wahr wäre, würden Sie nicht glauben mit dem Unternehmen leichter zu reußiren, durch kräftigere Betheiligung Italiens und durch Mitbethei ligung Bayerns?

Verzeihen Sie, Herr Präsident, diese Abschweifung, und genehmigen Sie die wiederholte Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung.

A Beckh

P. S. Da Preßel nicht sogleich kommt, so werde ich unverweilt Herrn Gerwig zu einer vorläufigen Besichtigung meiner Arbeiten u. weiterer Verabredung einladen. |

Vor Abgang dieses Schreibens fällt mir noch bei, daß wir zur Berechnung der Betriebs-Kosten Notizen über den muthmaßlichen Verkehr über den Gotthard brauchen. An solchen wird es bei diesem Alpenpaß nicht fehlen. Ich bin daher so frei, Sie um gefällige Übermittlung solcher zu bitten.

Für Verzinsung des Aktien-Capitals und der Obligationen habe ich vorläufig 10% angesetzt. Villeicht könnte dieser Posten bei der Berechnung des Alpentunnels ganz gestrichen werden. Ich ersuche Sie um Ihre Meinung, wie es über haupt mit dieser Rubrik gehalten werden soll. Da ich meine Rechnung, vorläufig, von Station zu Station abge schloßen habe, so daß z. B. der Kosten FlüelenAltdorf, AltdorfErstfeld [ pp ?] je besonders erscheint, so kann nicht allein jede derartige Verfügung leicht ausgeführt werden, sondern ich erhalte auch die kilometrischen Kosten sehr verschiedenartiger Bohrstrecken, was zur Schätzung analoger Strecken künftig von Nutzen sein wird.