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Korrespondenz: Alfred Escher – August von Beckh

AES B7318 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB02_003

August von Beckh an Alfred Escher, Amsteg, Sonntag, 18. Oktober 1863

Schlagwörter: Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Personelle Angelegenheiten

Briefe

SCHWEIZERISCHE
NORDOSTBAHN

Amsteg 18 October 1863

Hochgeachteter Herr Präsident!

Ihr verehrliches Schreiben vom 16. d. M. traf ich gestern bei meiner Rückkehr von einer 5stündigen Tour in den Bergen um Amsteg, die ich zur Besichtigung der Terrain-Verhältniße unternommen hatte. Der verspätete Postwagen vom Gotthard her fuhr gerade vorbei und ich hatte nur noch Zeit ein kurzes Telegramm dem Condukteur zur Aufgabe in Altdorf mitzugeben, da kein Telegraphen-Bureau hier ist.

Über die vielerlei Wege, welche die Lawinen vom Bristenstock herab nehmen glaube ich durch Herrn Landammann Müller, Herrn Wetli u. die Wirthsleute zum Hirschen hier, genügend unterrichtet zu sein. Dieselben erfordern, daß die Linie auf die ganze Ausdehnung der [bedachten?] Strecke unterirdisch geführt wird. Ich zweifle nicht daß ich von zuverläßigen Leuten aus der betreffenden Gegend auch weiterhin, dießeits wie jenseits des Gotthard hinlängliche Aufschlüße über den Fall der Lawinen und Ribinen erhalten werde.

Da Herr Pressel erst auf Mitte Dezember sich zur Verfügung stellen kann, so wird es mir sehr lieb sein, wenn, der Besichtigung des Terrains wegen, ein weiterer anderer Experte so bald als möglich mir an die Seite gestellt wird, | damit in der so außerordentlich wichtigen Angelegenheit nichts versäumt wird. Wenn hiebei die Wahl auf Herrn Gerwig fällt, so glaube ich, daß sie das Richtige getroffen habe; wenigstens bin ich nicht im Stande, einen mehr theoretisch gebildeten und zugleich erfahrenen, ausführenden Eisenbahn-Techniker zu bezeichnen; derselbe hat auch in der Projektirung von Gebirgsbahnen über den Schwarzwald sich versucht, und durch die gelungene Ausführung der Eisenbahnbrücke über den Rhein bei CoblenzWaldshutsich auch in der Schweiz einen guten Namen gemacht. Sollte Herr Gerwig nicht bald genug einem an ihn ergehenden Rufe folgen können, so würde man villeicht an Herrn Oberbaurath v. Keller in Karlsruhe, Erbauer der schönen Ladenburger-Brücke über den Neckar pp gelangen können. Derselbe ist jedoch mehr Theoretiker, als Praktiker. Herr (Oberbaurath) Director v. Klein in Stuttgart, mehr Mechaniker als Ingenieur, würde sich wegen des ihm unterstehenden Bahn-Betriebes über die württembergische Alp mit 22‰ Steigung, und wegen seiner guten theoretischen Bildung eignen. Da daran gedacht wird, auch einen italienischen Techniker beizuziehen, so würde ich einen vorzüglichen Werth darauf legen, wenn einer der ausführenden Ober-Techniker am Mont-Cenis, Herr Grattoni oder Sommeiller gewonnen werden könnte, nicht allein über das Gotthard-Projekt in seiner ganzen Ausdehnung, sondern besonders auch über den Bau des Alpen-Tunnels und der dabei am Mont-Cenis in Anwendung gebrachten Bohr- und Lüftungs-Maschinen, deren Anlage- und Betriebskosten, und etwa deren anzubringender Verbeßerungen, so wie deren Nutz-Effekt im Ver| hältniß zur Handarbeit pp sich gutächtlich zu äußern. In diesen letzteren Angelegenheiten sind wir übrigen Techniker noch ganz unerfahren, das Gutachten so versuchter Ingenieure, wie die genannten Beiden, wäre daher gewiß für die Sache des Gotthard von unschätzbarem Werth. Im Übrigen würde ich es für zweckmäßig halten, Herrn Pressel seines Mandates nicht zu entheben, da seine am Hauenstein und am Brenner gemachten Studien gewiß ebenfalls sehr werthvoll sein werden.

Ihrem Wunsche gemäß habe ich mir erlaubt, mich über vorstehendes Thema ganz rückhaltlos auszusprechen. Da dies Schreiben Sie möglicherweise nicht mehr in Zürich antreffen würde, so laße ich daßelbe unter Ihrer Adreße auf den Bahnhof Olten abgehen.

Ich werde noch mehrere Tage hier zu verweilen haben, villeicht bis zu Ende der Woche, und nicht unterlaßen Ihnen jeweils von einem stattfindenden Ortswechsel rechtzeitig Nachricht zu geben. Mit ausgezeichneter Hochachtung verharre ich, Herr Präsident,

Ihr

ergebenster

A Beckh.