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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B7305 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB02_003

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Samstag, 7. September 1867

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Brennerbahn, Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Regierungsrat LU, Regierungsrat UR, Schweizerische Centralbahn (SCB), Schweizerische Nordostbahn (NOB)

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Ich schulde Ihnen noch meinen besten Dank für die geschätzten Mittheilungen, welche Sie mir mit ver ehrlicher Zuschrift vom 2 fl. Monats haben zukommen laßen. Wie Hr. B.B. Welti scheint mir auch Hr. Knüsel , mit dem ich in Bern nochmals ge sprochen habe, geneigt zu sein, in der Alpenbahn frage einmal vorwärts zu gehen & zwar in derjenigen Weise, die wir im Intereße der Sache als die geeignetste erachten. Hoffentlich werden nunmehr nach Beendigung der Linth–Escher–Feier, Alpenstraßeninspektion & thierärztlichen Conferenzen auch die übrigen Mitglieder Zeit finden, der Angelegenheit ihre Aufmerksamkeit zu widmen. –

In andern Kreisen scheint die eintretende Conkurrenz des Brenner & die damit verbundene Gefährdung materieller Intereßen die Leute aus der gewohnten Ruhe auch etwas aufweken zu wollen & eine daherige Kundgebung ist die Hauptveranlaßung | zu gegenwärtigem Schreiben. In einer Zuschrift an die hierseitige Regierung theilt nämlich die Regierung v. Uri mit, daß die Abnahme des Waarentransits über den Gotthardt schon in gegenwärtigen Momente in bedeutendem Maße zu Tage trete, daß sie es angesichts solcher Thatsachen als eine wichtige Auf gabe des am Gotthardtpaße betheiligten Kantone erachte, «sich ernstlich mit der Frage zu beschäftigen, was für Schritte in solch' kritischer Lage gethan werden sollten», & daß sie – wofern die Ausführung des Gotthardtbahnprojektes noch längere Zeit auf sich warten laße – dafür halte, es sollten dem Waarentransporte inzwischen alle Sorgfalt & Auf merksamkeit durch andere Maßregeln zugewendet & daher die bereits früher (1858/60) entworfenen Pläne & Anträge für Verbeßerungen auf der Gotthardt route zur Erzielung eines möglichst sichern & regel mäßigen Verkehrs in reifliche Berathung gezogen werden. –

Was das Gotthardtkomite seit Jahren auf das ein dringlichste vorgestellt hat, scheint endlich durch die | Logik der Thatsachen zur ernstern Würdigung gebracht zu werden & insofern scheint mir der Nothruf aus dem Kt. Uri beachtenswerth. –

Was die Anregung selbst anbetrifft, so geht meine Meinung dahin, daß der Gedanke der Wiederaufnahme des Straßenkorrektionsprojektes vom Jahre 1858/60 (worüber Sie das Nähere aus dem s. Z. v. mir entworfenen Memorials ersehen) nicht als ein glüklicher betrachtet werden könne, einerseits weil die fragliche Straßen korrektion gegenüber der Konkurrenz des Brenner & Mont–Cenis weder die Personen noch die Waaren frequenz (namentlich bei der bestehenden Transportein richtung) an sich zu feßeln vermögend sein wird, anderseits weil ich befürchte, daß bei dieser Sachlage auch das erforderliche Geld nicht zu erhalten wäre. Im Jahre 1860, wo die Correction im Hinblik auf die noch in ziemlicher Ferne liegende Verwirklichung einer Alpeneisenbahn jedenfalls noch zeitgemäßer erscheinen durfte als jetzt, hat die Bundesbehörde das bezügliche Gesuch der Konferenzkantone meines Wißens nicht einmal einläßlich behandelt & wurden für einige Zeit | selbst die Pläne vermißt. Würde das Palliativmittel jetzt mehr Aussicht auf Erfolg haben? Ich glaube, man werde ziemlich allseitig die Ansicht haben: nur eine Alpen bahn kann dem Gotthardt dauernd den Verkehr sichern & darum ist die ganze Anstrengung nach diesem Ziele zu richten. Ohne daß bis jetzt eine sachbezügliche Diskußion hierüber im Schooße der Regierung v. Luzern gewaltet hat, glaube ich doch annehmen zu dürfen, daß dieß im Allgemeinen auch die Ansicht meiner Hrn. Collegen sein werde. –

Dagegen dürften hierseits andere Anregungen, die ich gleich dem oberwähnten Punkte zum Voraus mit Ihnen berathen möchte – ernstlicher in Betracht kommen. Es wird die Frage wieder in Erörterung kommen, ob nicht auf eine Verbeßerung des Transportwesens am Gotthardt hingewirkt werden sollte & bejahenden Falls' wie? Die Antwort auf den ersten Theil der Frage wird mir schwer, da mir das nöthige Material zur Beurtheilung mangelt, ob neben der Conkurrenz des Brenner & der Marseiller , resp. Mont–Cenis–Route durch beßern Transport überhaupt | dem Gotthardt noch ein erkleklicher Waarenverkehr erhalten werden könnte. Auf den Fall der Bejahung dieser Frage kennen Sie meine Ansicht über das «Wie» wenigstens in soweit, daß ich von den gegenwärtigen Transportbesorgern nicht viel Beßeres erwarte, sondern dafür halte, daß andere Leute die Sache be sorgen müßten. Ich glaube, daß man darauf Bedacht nehmen müßte, unter Mitwirkung der Nordostbahn & Centralbahn & anderwertiger Intereßenten in Basel & Zürich eine neue Transportgesellschaft zu gründen, oder daß die Bahnen für den Dienst direkte durch Agenturen sorgen müßten. Ersteres habe ich früher einer Abordnung der luz. Handelskammer, sowie einzelnen Handelsleuten dringendst empfohlen, aber ohne Erfolg, so daß ich auch hier mich wieder überzeugte, daß man die Sache selber machen muß, wenn sie verwirklicht werden soll. –

Von einem Mitgliede der herwärtigen Regierung erwarte ich sodann die weitere Anregung, es sollten die Kantonsregierungen direkte bei der Bundes behörde das Verlangen stellen, daß sie einmal die Alpenbahnfrage an die Hand nehmen. Ohne den | Gedanken zu verwerfen, scheint mir dieß ein etwas heikler Punkt, der einer sehr sorgfältigen Erwägung bedarf. Es ist mir zweifelhaft, ob man damit der Sache mehr schaden als nützen würde. Es mag wohl zur Zeit nothwendig werden, den B.R. bei Behandlung der Angelegenheit zu unterstützen; aber welches ist der geeignetste Zeitpunkt & der paßendste Weg? –

Indem ich Ihnen, hochverehrtester Herr Präsident, alle diese Anregungen & Fragen zur gütigen Mit theilung Ihrer Ansichten vorlege, fühle ich mich freilich verpflichtet, Sie um freundliche Entschuldigung zu bitten, daß ich Ihre kurze Mußezeit in Inter laken mit einer so langen Erörterung störe. Sollten Sie es allfällig für wünschenswerth erachten, den einten oder andern Punkt mündlich unter uns oder im Schooße des Ausschußes zu be sprechen, so stehe ich natürlich zur Verfügung.

Inzwischen genehmigen Sie den erneuten Ausdruk ausgezeichnetster Hochachtung

v. Ihrem stets ergebenen

J. Zingg.

Luzern d. 7 September 1867.