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Korrespondenz: Alfred Escher – Ludwig August Parcus

AES B7261 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_061

Ludwig August Parcus an Alfred Escher, Darmstadt, Donnerstag, 14. Dezember 1871

Schlagwörter: Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Personelle Angelegenheiten, Presse (allgemein), Tunnelbau

Briefe

BANK FÜR HANDEL UND INDUSTRIE
DARMSTADT1

Darmstadt 14t December 1871.

Verehrtester Herr Präsident!

Ihre geschätzte Zuschrift vom 11t d. Mts habe ich erst heute – bei der Rückkehr von einer Reise nach Berlin – vorgefunden.

Ich beeile mich darauf zu erwidern, daß nach dem auf dem beiliegenden Circular abgedruckten § 29 der Statuten die Unterschrift zweier Directoren die Bank ganz unbedingt verpflichtet. Die Namen der gegenwärtigen Directoren enthält das Circular – ein Präsident der Direction existirt nicht. Wünschen Sie ein Circular mit den Unterschriften der Directoren, oder einen beglaubigten Abdruck der Statuten, so stehen solche zu Diensten.

Die Filiale Frankfurt wird ebenso unbedingt durch die Unterschrift zweier Mitglieder ihres Vorstandes verpflichtet – und dadurch die Bank selbst, da sie für die Engagements ihrer Filialen wie für ihre eigenen haftet. Auch hierüber lege ich Circular bei; ausser den auf dem Circular genannten beiden Mitgliedern hat der Vorstand der Filiale Frankfurt nunmehr ein Dossier: Herrn Jean Andreae. Weitere Filialen haben wir nicht. | Das Communiqué habe ich sofort an die Frankfurter Zeitung gesandt; dieselbe ist zwar dem Gotthard nicht ganz hold – lediglich weil sie Rothschild ingrimmig haßt und deßhalb auch Hansemann nicht liebt – aber sie ist doch weitaus das von ernsthaften Geschäftsleuten gelesenste Blatt.

Betreffs eines Oberingenieurs hat mir Herr Hansemann mitgetheilt, daß drei Personen in Frage seien: Weishaupt, Thommen, Menne. Ich nehme an, daß sich Ihre Anregung auf diese – die mir alle drei als bedeutende Kräfte bekannt sind – nicht bezieht. Ich werde nun gerne weitere Umschau halten, muß aber dazu einige Tage Frist erbitten. Der beste – oder ich will lieber sagen – der empfehlenswertheste Ingenieur, den ich in der Praxis habe kennen lernen ist der Baudirector Jul. Herz, zur Zeit in Wien, Erbauer vieler oesterreichischer Bahnen, früher an der Südbahn, in Holland usw. thätig. Ich glaube aber nicht, daß er zu haben wäre, weil er in Oesterreich eine höchst lucrative Stellung hat und weil das große Eisenbahngeschäft von 300 Meilen, | das die Ungarische Regierung jüngst mit der oesterr. Creditanstalt vereinbart hat, ganz auf seine Person berechnet ist. Auch weiß ich nicht, ob er im Tunnelbau weitgehende Erfahrung hat – obschon mir das für den Oberingenieur nicht ganz absolut nothwendig schiene. Herz ist ein Bayer – und zwar ein Jude.

Auch Herr Geheimerrath Schneider im Berliner Handelsministerium ist mir sehr – und zwar gerade für den Tunnelbau – gerühmt worden. Seine Persönlichkeit macht einen ganz vortrefflichen Eindruck.

Erlauben Sie mir, daß ich die Gelegenheit benutze eine vertrauliche Anfrage an Sie zu richten. Aus Äusserungen des Herrn Hansemann möchte ich schließen, daß Verabredungen zwischen der Gotthardgesellschaft und den Herren Hansemann und Rothschild über Geldanlagen – resp. Zinsvermachung der disponibeln Bestände – stattgefunden haben.

Ich bitte mir zu sagen – wenn Sie glauben das thun zu können – ob dem so ist; ich bitte mir ferner zu sagen, ob man für die Darmstädter Bank bei dem GotthardComite | durchaus dieselben Beziehungen, Geschäftsverbindungen, Anwartschaften – überhaupt eine gleiche Berücksichtigung für alle derige geschäftliche Nebenvortheile der Bankhäuser in Aussicht genommen hat, wie gegen die Herrn Hansemann und Rothschild. Wir würden darüber von den Genannten selbst Auskunft zu verlangen berechtigt sein und die vollkommen gleiche Stellung in allen Beziehungen als ein Recht in Anspruch nehmen können: aber ich richte die Frage lieber an Sie. Ich traue den beiden genannten Freunden vollkommen zu, namentlich Rothschild, daß man die Bank hinter ihrem Rücken zu [verdrängen?] und zu beeinträchtigen sucht und keine Rücksichtslosigkeit wird mich von dieser Seite überraschen. Man hat mich in das Syndicat – mit Hansemann u Rothschild – gewählt und eine Sitzung mit wichtigen Beschlüssen abgehalten, ohne mich von deren Stattfinden in irgend einer Weise zu benachrichtigen.

Ich darf also noch auf mehr gefaßt sein.

Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergbster

L Parcus

Herrn Präsidenten Alfred Escher
Zürich.

Kommentareinträge

Nachträglicher Stempel oben rechts auf Seite 1 mit von dritter Hand eingetragener Nummer: «Gotthardbahn | 26 DEC. 1871. | No 286.» – Nachträgliche Inhaltsangabe oben links auf Seite 1 von dritter Hand: «Besetzung der Oberingenieurstelle. Informationen über Baudirector Herz. | I. Dep. »

1Als Wasserzeichen im Papier.