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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B7177 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_061

Josef Zingg an Alfred Escher, Olten, Freitag, 8. März 1872

Schlagwörter: Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Brennerbahn, Gotthardbahnprojekt

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Die gestern erwähnte, vertrauliche Information aus Wien, betreffend Hrn. Th. lautet folgendermaßen:

«Die Motive, wleche mich, wenn ich im Rathe der GB. säße, bestimmen würden Th. nicht zu engagiren, sind folgende. Seit der Vollendung der Brennerbahn ist Th. dem eigentlichen praktischen Bahnbau ferngeblieben & in jene Clique von Technikern eingetreten, qui font flêche de tout bois. Th's Thätigkeit in Ungarn hat sich auf das Traciren zahlloser Eisenbahnen & auf das Verhandeln mit Conzeßionären aus aller Herrn Länder beschränkt; er ist nicht wenig Schuld an der Miko–holländischen Wirthschaft, welche die Wasnig & Strausberg poußirte & elendiglich Fiasko machte. Diese Mitwirkung hat ohne Zweifel dem Rufe Ths geschadet & Bedenken schlimmster Art hervorgerufen, welche um so gläubiger aufgenommen wurden, als Th. nach seinem Rüktritt aus dem ungarischen [Comm. ?] Ministerium zur Frankobank übertrat, die kurz vorher die CarlstadtFiumer bahn übernahm. Mittlerweile wurde er Verwaltungsrath bei einem zweiten Institut | dieser Bank, der Wienerberger Ziegelei & vor Kurzem noch bei der Nordöstreichn. Bahn. Diese Bahn wird durch die Bodenkreditgruppe poußirt & man muß füglich staunen, daß Th. zugleich technischer Consulent zweier Finazgruppen ist, welche verschiedene Intereßen vertreten & die sich öfter in ihren Bewerbungen kreuzen. Es ist dieß allerdings eine Erscheinung, die anderswo auch vorkommen soll, welche aber nichts destoweniger zur Zierde eines auf seinen Ruf bedachten Mannes kaum beitragen kann. Die ungarische Athmosphäre hat Th. verdorben & außerdem einen Autokraten aus ihm gemacht, mit welchem ein Verwaltungskörper comme il faut nicht lange bestehen könnte. Ich abstrahire v. Bestechlichkeit, denn die größten Widersacher Th's könnten materielle Beweise nicht beibringen & unsere moderne Anschauungsweise, besonders im Donaureiche, kennt diese Bezeichnung nicht. Die Gründungstheorie ist so ausgebildet, daß eine Bestechung gar nicht erwiesen werden kann. Ich meine aber, da ein Mann, der an allen Eken mitthut, welcher auf so leichte Weise & wie man hier zu sagen pflegt, anständig sein Geld zu verdienen weiß, der durch längere Gewohnheit & Herumspringen von einem Unternehmen zum Andern einer | seriösen & anhaltenden Arbeit entfremdet wird, nichts taugt. Der Mann hat sich vor der Zeit abgenutzt; Hans in allen Eken paßt er kaum für eine solch' koloßale Unternehmung wie die Gotthardtbahn. – Th. scheint mir auch gar nicht aufgelegt zu sein, in kurzem Termin den Antrag anzunehmen. Er dürfte wohl im Schilde führen, die Direktion in die Länge zu ziehen, aus dem Antrage Kapital zu schlagen, denn er hat noch allerlei Combinationen in petto. Nähme er doch an, so würde man ihn mehr in Wien als in der Schweiz sehen, es wäre denn ein Riegel im Kontrakt vorgeschoben. – Ich habe Ihnen unumwunden meine Ansicht über Th. mitgetheilt, in der Ueberzeugung, daß Sie hievon nur den diskretesten Gebrauch machen werden.» –

«Was Preßel betrifft, muß ich Ihnen ebenfalls abrathen, er selbst sagte mir, daß er 10 Jahre zu alt sei. Mit seiner Gesundheit geht es noch nicht befriedigend, obschon er sich herstellen wird. Auch wenn es damit beßer wäre, könnte ich keine Lanze für ihn brechen. Der Mann ist durch & durch Idealist & läßt sich in seiner angebornen Naivität um den Löffel barbiren. Es fehlt ihm Menschenkenntniß & er ist nur da am Platze, wo von oben her seinen Illusionen begegnet werden kann & die Sekundanten von andern als | von ihm selbst gewählt werden. Schade, denn Preßel ist ein tüchtiger Ingenieur & Ehrenmann in jeder Beziehung.» –

Verehrtester Herr Präsident: Gestern Abend erhielt ich noch folgenden nachträglichen Bericht, datirt aus Wien v. 4. März:

«Indem ich mich auf meinen Ausführlichen Bericht über Th. beziehe, trage ich heute noch nach, daß meine Vermuthung Th. werde nicht annehmen, in der Thatsache Bestätigung gefunden, daß er eine Stelle im Exekutivkomite einer Eisenbahngesellschaft, welche übrigens von sehr ehrenwerthen Persönlichkeiten gegründet wurde, angenommen hat. Zu Ihrer Orientirung diene Ihnen noch die Mittheilung eines einflußreichen Mitgliedes der Berliner Diskontobank, nach welcher die große Mehrheit der Direktion gar nicht mehr daran denke Hrn. Th. zu engagiren, daß eigentlich nur die Schweizer gerne einen Schweizer sähen, daß aber Berlin schon eine geeignete Persönlichkeit (Weishaupt wenn ich nicht irre) designirt hätte. Wie Sie sehen, spielen so ganz artige Intriguen in dieser Affaire & ich möchte fast glauben, daß Th. v. dieser Seite zu arg diskreditirt wurde. Th. ist, wie ich ihn geschildert habe. – Hr. Bantaux , an | den sich Ihre Direktion gewendet hatte um über Th. Auskunft zu erhalten, hat ein officielles Zeugniß ausgestellt, welches der Th. der Südbahn vor 5 Jahren theilweise verdient hätte – heute ist das Lob des Hrn. Bantaux nicht mehr zutreffend & um so verdächtiger, als beide an demselben Strange ziehen & an derselben Krippe naschen. – Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß die Schweizer keinen tüchtigen Ingenieur zur Durchführung der Gotthardtbahn im eigenen Lande finden sollten.» –

Genehmigen Sie, hochgeachteter Herr Präsident bei diesem Anlaße die Versicherung ausgezeichnetster Hochachtung

v. Ihrem freundsch. ergebenen

J. Zingg.

Olten d. 8. März 1872.