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Korrespondenz: Alfred Escher – Ludwig August Parcus

AES B7175 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_061

Ludwig August Parcus an Alfred Escher, Darmstadt, Dienstag, 27. Februar 1872

Schlagwörter: Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Personelle Angelegenheiten

Briefe

Darmstadt 27 Februar 1872.

Confidentiell

Geehrtester Herr Präsident!

Nach der mit Herrn Director Zingg getroffenen Abrede habe ich Ihnen heute Vormittags wegen der neu eingegangenen Informationen telegraphisch berichtet und zwar durch nachfolgendes Telegramm, das ich anmit bestätige:

«Ich habe die widersprechendsten Auskünfte erhalten. Verlässige Personen treten entschieden für die völlige Integrität ein. Andere bestätigen Gemeldetes ohne Angabe bestimmter Thatsachen. Werde heute schreiben, muß aber leider darauf zurückkommen daß völlige Aufklärung nur persönlich an Ort und Stelle zu holen ist.»

Ich gebe Ihnen nun nachstehend einen kurzen Auszug aus den mir weiter zugegangenen Informationen.

Herr Commerzienrath Kempf in Nürnberg, der stets mit allen oesterr. Eisenbahnleuten zu thun hat, schreibt mir, daß er über die Herrn Th. gemachten Vorwürfe im höchsten Grad frappirt sei und denselben, den er | persönlich kenne einer unehrenhaften Handlung nicht fähig halte. Dagegen bestätigt Herr Kempf das, was ich Ihnen wegen der Gen-Dir. Bontoux geschrieben habe, in noch viel stärkerem Maaße.

Herr Baurath Stüzel in München, der in Tyrol an der Südbahn gebaut hat, schreibt uns, daß von verlässigster Seite der Charakter Th's als unzweifelhaft ehrenwerth geschildert werde. Th. sei die eigentliche Seele des Brennerbaues gewesen, verehrt und geachtet vom Personale. Gegentheiliges rührt von Neidern her. Er empfehle Th. gewissenhaft.

Diesen sehr günstigen Auskünften stehen aber leider andere bedenkliche gegenüber.

Was Herr Dutschke, unser Vertrauensmann und Repräsentant in Wien mitgetheilt, was Herr Baudirector Herz geäussert habe ich Herrn Director Zingg bereits gesagt.

Beide sind mir als höchst gewissenhafte, peinlich exacte & verlässige Männer bekannt und genießen unser unbedingtes Vertrauen.

Herr v Hornbostel, Director der Creditanstalt | spricht sich abfällig aus, bestätigt daß die ungünstigen Gerüchte im Umlauf seien und daß Th. seine Stellung im Staatsdienst zu Privatvortheilen ausgenutzt habe.

Nordbahndirector [Fillmeyer ?] erklärt, Th. sei ein geschickter Fachmann, aber er würde ihm aus bewußten Gründen Nichts anvertrauen.

Das sind schwere Bedenken von gewichtiger Seite und es ist immerhin dabei beunruhigend, daß die günstigen Auskünfte aus Bayern – die ungünstigen aus Oesterreich selbst kommen.

Kommt mir etwas Weiteres, namentlich etwas ganz Positives zu, so werde ich es noch mittheilen, kann aber nur wiederholen, was ich telegraphirt habe, daß ein verlässiges Urtheil nur an Ort und Stelle zu bilden ist, und mir kommt es fast vor, als wäre man, angesichts der Äusserungen der Herren Kempf & Stüzel im Interesse der Gerechtigkeit dazu verpflichtet.

Hochachtungsvollst

L. Parcus

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz unten rechts auf Seite 1 von dritter Hand: «Prot. 7. III. 72. N. 209.»

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