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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B7171 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_061

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Sonntag, 25. Februar 1872

Schlagwörter: Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Brennerbahn, Gotthardbahnprojekt

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Im Einverständniße mit Hrn. Dr. Parcus, mit welchem ich gestern Abend eine mehrstündige Verhandlung gepflogen, habe ich die Reise nach Wien unterlaßen & bin ich daher heute von Darmstadt zurükgekehrt. Ich beeile mich, Ihnen in Kürze vorläufig Folgendes mitzutheilen. –

Die Quelle der jüngsten Mittheilungen des Hrn. Parcus – der beinebens bemerkt einen ganz vortrefflichen Eindruk auf mich machte – bildet die Aeußerung eines bairischen Ingenieurs, mit dem Hr. P. auf Hrn. Th. zu sprechen kam & der erkärte, daß die Befähigung Th's. nicht in Zweifel zu ziehen sei, daß dagegen in Ingenieurkreisen die Ansicht verbreitet sei, er habe bei dem Bau der Brennerbahn mit Unternehmern unter einer Deke gestekt; mit Nichts sei er zur Brennerbahn gekommen & als ein reicher (?) Mann davon weggegangen. Diese Mittheilung & unsere Anfrage veranlaßten Hrn. Parcus zu nähern Informationen in Wien & Pesth. Aus | Wien hat er nun gestern von einem Manne, den er als ganz zuverläßig bezeichnet, den Bericht erhalten, man sage allerdings, Th. sei zugänglich. Herr Herz, der Th. & seine Verhältniße kenne & welchen er durch den gleichen Vertrauensmann anfragen ließ, was er von der Sache halte, habe jede solchbezügliche Aeußerung mit dem Bemerken verweigert, er wolle nicht den Anschein haben, als beabsichtige er sich auf Unkosten Anderer hervorzudrängen. – Von Pesth ist eine Antwort noch nicht eingetroffen, indeßen täglich zu erwarten.

Nach längerer Erörterung der Verhältniße sind wir schließlich dazugekommen, eine Reise nach Wien zu unterlaßen & auf brieflichem Wege durch Vertrauenspersonen des Hrn. Parcus die Erkundigungen noch fortzusetzen. Es ist kaum anzunehmen, daß diese Hrn. P. nicht soviel vertraulich schreiben, als sie mir mündlich gesgt haben würden & Zeit wird damit, da Hr. Parcus gestern noch geschrieben hat, auch nicht mehr in Anspruch genommen | als bei einer Reise erforderlich gewesen wäre. Zu diesen Erwägungen kam noch der Umstand, daß diejenige Persönlichkeit, welche mir in Wien die besten Dienste hätte leisten können, in Folge plötzlichen Todfalles eines Verwandten zur Zeit von Wien abwesend ist. Nach der Ansicht des Hrn. Parcus dürfte sodann auch Hr. Hansemann, der wohl mehr wiße als er gesagt habe, noch um nähere Mittheilungen oder weitere Erkundigungen, wozu es ihm nicht an Beziehungen fehle, angegangen werden. –

Die Rükhaltung des Hrn. Th., sowie die Weigerung der Vereinsbank & des Hrn. v. Hopfen ihn zu entlaßen, glaubt Hr. P. damit erklären zu sollen, daß die Bank, nachdem sie in Folge des letzten Ministerwechsels in den Besitz der großen Ungarischen Eisenbahnunternehmung gelangt, die Mitwirkung des mit den ungarischen Verhältnißen ganz vertrauten Hrn. Th. zur Zeit allerdings nicht wohl entbehren könne & für Letztern hier auch mehr zu verdienen sei, als bei der Gotthardtbahn. – Für den Fall, daß v. Hr. Th. als Oberingenieur der G.B. Umgang genommen werde, | scheint mir Hr. P. zumeist Hrn. Herz zuzuneigen, v. dem er sagt, daß er seine unangenehmen, spitzigen Seiten habe, der sich durch seine Strenge & Härte gegen die Unternehmer viele Feinde zugezogen habe, aber deßen Integrität niemand anzutasten wage. –

Indem ich mich für den Augenblik auf diese Notizen beschränke, füge ich noch bei, daß ich mit Hrn. P. abgeredt habe, von weiter eingehenden Berichten Ihnen telegraphische Anzeige zukommen zu laßen, ob sie die frühern Mittheilungen bestätigen, oder entlastend lauten. Vielleicht wäre es zwekmäßig, die Direktionssitzung statt am Dienstag etwa am Donnerstag abzuhalten, damit die Berichte vorher möglichst vollständig einlangen. –

Genehmigen Sie, hochgeachgteter Hr Präsident, beinebens die Versicherung ausgezeichnetster Hochachtung

v. Ihrem ergebenen

J. Zingg.

Luzern d. 25. Feb. 1872.

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz unten rechts auf Seite 1 von dritter Hand: «Prot. 27. II. 72. N. 195.»