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Korrespondenz: Alfred Escher – Ludwig August Parcus

AES B7163 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_061

Ludwig August Parcus an Alfred Escher, Darmstadt, Montag, 19. Februar 1872

Schlagwörter: Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Brennerbahn, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Personelle Angelegenheiten

Briefe

BANK FÜR HANDEL UND INDUSTRIEDARMSTADT

Sehr vertraulich

Verehrtester Herr Präsident

Ihr geschätztes Schreiben vom 16t d. Mts habe ich heute erhalten und sehe mich veranlaßt, dasselbe sofort vorläufig zu beantworten, da ich zufällig Gele-genheit gehabt habe, mich vor einiger Zeit über Herrn T. zu [...iren?]. Meine Auskünfte sind so, daß ich Ihnen dieselben nicht vorenthalten darf, obschon dieselben nur den Anlaß zu meinen Erkundigungen abgeben können.

Ich habe keinen Zweifel daß Herr T. für die technische Leitung des Tunnelbaues vorzugsweise befähigt ist, wenn ich auch für die Gesammtleitung des ganzen Bau Complexes der administrativen Ge-wandheit und Erfahrung des Herrn Weishaupt, der constanten und unermüdlichen Antriebskraft des Herrn Herz den Vorzug geben würde. Mir ist aus guter Quelle mitgetheilt worden, daß mir die Vorwürfe die man Herr T. betreffs der Aus-führung der Brenner bauten in technischer Be-ziehung mache völlig unbegründet seien; er soll über die wichtigsten Puncte mit | Etzel in Differenz gewesen sein und disem heftig opponirt haben: wäre es nach seinen Ansichten gegangen, so würden der Brennerbahn die unangenehmsten Erfahrungen und Vorkomm-nisse erspart worden sein.

Soweit wäre demnach Alles gut.

Aber die Frage über die völlige Integrität des Charakters, die persönliche Zuverlässigkeit ist leider nicht klar. Ich muß Ihnen sagen, was ich darüber – aus nicht schlechter und nicht böswilliger Quelle – gehört habe, denn ich selbst kenne Herrn T. nicht und bin mit ihm nicht in geschäftliche Berührung gekommen.

Man bezichtigt in Ingenieurkreisen Herrn T. geradezu, daß er beim Brennerbau mit den Ac-cordanten unter Einer Decke gesteckt, daß er den Bau ohne Vermögen begonnen und mit ansehnlichem Vermögen beendet habe. Man wirft es an ihm ⌜vor⌝, was ⌜daß⌝ er später mit Herrn Generaldirector Bontoux (von dem ich in dieser Hinsicht allerdings die möglichst schlechte-ste Meinung habe) vielfach – wie wir es ausdrücken «gemauschelt» habe. Herr B. hat in seiner Stellung als Generaldirector der Süd- | bahn keine Abhaltung, gefunden, große [...?] [...?] [...?] in Ungarn für seine private Rechnung zu machen – und Herr T. war der über-wachende Regierungsbeamte.

Ich bin weit entfernt, diese Anklage ohne Weiteres für begründet halten oder sie gar selbst erheben zu wollen: aber ich darf sie Ihnen – Angesichts der Weise Ihrer Anfrage – nicht vorenthalten. Jedenfalls halte ich weitere Auskünfte nach dieser Richtung [nunmehr?] für gerathen; die Zustände in Oesterreich und in Ungarn in dieser Hinsicht lassen leider Alles besorgen.

Mehr Auskünfte schriftlich einzuziehen ist einem sehr schwer: indeß will ich es versuchen, viel-leicht können Sie aber auch eine vertraute Person nach Wien entsenden, die ich dann gerne mit allen Einführungen bei verlässigen Personen versehen würde. Bei einer so wichtigen Frage, werden Sie eine solche Mühe oder Aus-lage nicht sparen wollen.

Mit vollkommenster Hochachtung

Ihr ergster

L. Parcus

Darmstadt 19 Febr 1872

Ich schreibe heute noch nach Wien um mir ein Urtheil über eben erzählte Anklagen zu verschaffen.