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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B6828 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_010

Josef Zingg an Alfred Escher, Lugano, Freitag, 5. Februar 1869

Schlagwörter: Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnprojekt

Briefe

Lugano den 5. Februar 1869.

Hochgeachteter Herr Präsident!

Indem ich mich beehre, Ihnen hiemit im Anschluße den Vertrag über die Abtretung der Conzeßion für die Linie LuganoChiasso zu übermitteln, drükt mich einerseits das Gefühl, daß Sie wohl – wie ich selbst – Manches darin anders wünschen werden, anderseits beruhigt mich das Bewußtsein, immerhin mein Möglichstes zur Wahrung unsrer Intereßen gethan zu haben. Wenn Sie berüksichtigen, daß wir von dem Gedanken geleitet waren, unter allen Umständen durch Erwerbung der fraglichen Conceßion Herr der Situation zu werden, & daß hinwieder die Ungewißheit vor uns lag, durch starres Festhalten an eingenommenen Standpunkten möglicherweise den fühlbaren Gegenbestrebungen oder Intriguen den Sieg zu verschaffen & die ganze Ver handlung zum Scheitern zu bringen, so werden Sie begreifen, daß wir schließlich zu formellen Zuge ständnißen kamen, die wir allerdings lieber nicht gemacht hätten. –|

Zu meinem lebhaften Bedauern haben die Verhandlungen über den Erwerb der Luganer konzeßion uns auch bis gestern Mitternacht derart in Anspruch genommen, daß zu ein läßlichen, die Situation gehörig kennzeichnenden chiffrirten Depeschen in der That keine Zeit mehr blieb &, wo dieß noch der Fall gewesen wäre, über einzelne Punkte eine Entschließung gefaßt werden mußte, bevor eine Instruktion hätte eintreffen können. Ich mußte mich daher – so unangenehm mir dieß war – entschließen auf Ihren Rath zu verzichten & einige Verantwortlichkeit auf meine Schultern zu nehmen.

Indem ich den einläßlichen Bericht über den Verlauf der Verhandlungen auf meiner Rükkunft verspare, erlaube mir in Beziehung auf den Vertrag hervor zuheben, daß meines unmaßgeblichen Erachtens der Vertrag mehr nur in der Form, als im Wesen etwas Anderes enthält, denn eine einfache Abtretung der Conzeßion mit ihren Rechten & Verbindlichkeiten. Die Hrn. v. Lugano & vorab Hr. Bataglini haben, wohl mit Rüksicht auf die Stimmung der Bevölkerung & die da & dort auftauchenden Vorwürfe, das größte Gewicht darauf gelegt, daß neben den schon in der Conceßion| enthaltenen Verpflichtungen das Gotthardtkomite sich auch noch im Ceßionsakte für Ausführung der Linie obligire & an der Verweigerung eines daherigen Zugeständnißes drohte Alles sich zu zerschlagen. Bei einer Vergleichung des in meiner Depesche v. Mitwoch formulirten Begehrens mit der bezüglichen Bestimmung des Vertrages ersehen Sie, wie man diesem Begehren schließlich Rechnung zu tragen suchte. In meinen Augen ist es ein Pleonasmus. – Statt der zweiten Hauptforderung der Conceßionäre, daß wir uns verpflichten schon in April mit den Expropriationen zu beginnen, Rechnung zu tragen, kam man nach stundelangem Streite zu der Bestimmung, daß die Ar beiten 4 Monate nach dem Arrangement mit Italien über den Anschluß der Linie CamerlataChiasso zu beginnen haben, hinwieder aber auch von dem Zustande kommen dieser Anschlußlinie alle Verpflichtungen des G.Comite abhängig sein sollen, indem wir nach reiflicher Ueberlegung gefunden haben, daß Letzteres für das G.Comite sehr wesentlich & Ersteres wenig bedenklich sei, da die Verhandlungen mit Italien immerhin einige Monate in Anspruch nehmen werden. –|

Ich beschränke mich für heute darauf, diese zwei Haupt punkte des Vertrages hervorzuheben, das Ganze Ihrer nachsichtigen Beurtheilung unterbreitend. Unter der Voraus setzung des Zustandekommens des Gotthardtunternehmens selbst haben nach meinem Dafürhalten die Detailbestimmungen dieser Conzeßionsabtretung einen geringen, der Erwerb der Conzeßion selbst einen großen Werth.

Bezüglich Locarno hielten wir uns bis heute ganz innert den Grenzen des officiellen Auftrages. Heute ist Hr. Weber nach Locarno verreist, um durch Rüksprache mit einigen ihm bekannten Persönlichkeiten die Situation genau zu sondiren. Inzwischen hat Hr. Pioda , der mich diesen Augenblik besuchte, in dem von uns gewünschten Sinne zu wirken gesucht. Nach seinen Mittheilungen ist zu hoffen, daß man in Folge des hierseitigen Abschlußes, der jedenfalls großen Eindruk machen werde, zu einer einfachen Abtretung der Concession Hand bieten dürfte. Ich beabsichtige nur dann hinzugehen, wenn ein Abschluß wahrscheinlich ist –

Indem ich Sie schließlich bitte, behufs Ratifikation der Cession den Gotthardtausschuß auf nächsten Montag oder Dienstag einberufen zu wollen, zeichne mit dem Ausdruke ausge zeichnetster Hochachtung

Ihr freundschaftl. ergebener

J. Zingg.

Ps. Hr. Du Coster wird Ihnen Morgen wiederschreiben.