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Korrespondenz: Alfred Escher – Adolph von Hansemann

AES B6709 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_014

Adolph von Hansemann an Alfred Escher, s.l., [August 1871 ?]

Schlagwörter: Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Tunnelbau, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochverehrter Herr Präsident.

Indem ich Ihnen hierbei die zur Vorlage an Ihr Comité bestimmte Umarbeitung der Vorschläge des deutschen Comités unterbreite, bitte ich um recht baldige Erklärung, wie sich ihr Comité hierzu stellen wird, und ob es den italienischen oder Deutschen Weg gehen will.

Offen gesagt: wir würden es sehr bedauern, wenn der italienische Köder eine Wirkung hervorbringen sollte, und uns mit anderen Worten gesagt wird: Mohr, du hast deine Schuldigkeit gethan, du kannst gehen; eine Rolle, die wir übrigens nicht gewohnt sind, gleichgültig hinzunehmen.

Die Italiener sagen Ihrem Comite: fixirt das Anlage-Kapital auf 175 Millionen Frcs., | wir beschaffen dasselbe, jedoch unter der Bedingung, daß uns, was weniger für den Bau erforderlich ist, als Prämie herausgezahlt wird. Dagegen wollen wir uns verpflichten, ohne diese Prämie das Kapital, insoweit es erfordert wird, bis zur Maximalhöhe von 102 Millionen Frcs. unter Bedingungen zu beschaffen, welche der Gesellschaft, Actien und Obligationen zusammengenommen, wenigstens 100 Frcs. effectives Geld für das auf je 100 Frcs. Anlage-Kapital in Aussicht zu stellende oder zu versprechende der Subventions-Betheiligung vorangehende ProzentErträgniß erbringen. Wenn jener Prämie auch nur ein geringer Werth beigelegt wird, so kann kein Zweifel darüber bestehen, daß auf unserer Seite der Gotthard EisenbahnGesellschaft die vortheilhafteste Offerte gemacht wird, wenn aber durch neue Erfindungen die Kosten der Bewältigung von Fels und Tunnelarbeiten sich ganz bedeutend ermäßigen sollten, und der Werth jener | Prämie sehr hoch steigt, so frage ich, in welchem Lichte alsdann die Gesellschaft erscheint, welche eine solche Prämie fortgegeben hat. – Sie glaubten, daß es einen schlechten Eindruck in der Schweiz machen würde, Einzahlungen der Subventions-Betheiligten pro forma über das Conto der Actionaire laufen zu lassen und dann erst auf den Tunnelbau zu verwenden, welchen Eindruck wird es aber machen, wenn die Subventions-Gelder gar nicht der Gesellschaft verbleiben und in der Form einer Betheiligung am Bau den Gründern und Actionairen ausgezahlt werden. Nur die Subventions-Gelder eignen sich zu dieser Verwendung, denn nach allgmeinen Handelsbegriffen kann eine Gesellschaft dem Actionair nicht sein eigenes Geld aus antworten, ohne daß die Gläubiger der Gesellschaft befriedigt werden oder ihre Zustimmung geben, und noch weniger kann die Gesellschaft die Prämie aus dem Obligations-Kapital entnehmen, d. h. Schulden | machen, um dem Actionair das Actienkapital ganz oder theilweise zurückzuzahlen.

Wir halten an dem Grundsatz fest, daß die Beschaffung des Kapitals von der Ausführung des Bau's streng getrennt wird, und ich prophezeihe Ihnen, daß dies unsere Stärke sein wird, denn so lange die Möglichkeit vorhanden ist, auf dieser Grundlage und innerhalb der durch das Berner Schlußprotokoll vom 13. October 1869 gegebenen Bedingungen das erforderliche Baukapital zu beschaffen, muß sich das Interesse der Subventions-Betheiligten gegen jedes andere Princip erklären, welches den Schwerpunkt der Baurechnung, insoweit Vortheile hieraus erzielt werden können, außerhalb der Gesellschaft verlegt.

Wir sind nicht dépositaires des expériences du mont Cénis, aber selbst wenn wir diese Erfahrungen hätten, würden wir Anstand nehmen uns dem italienischen Projecte anzuschließen, Wir betrachten gleich Ihnen die Gotthard Eisenbahn als | ein internationales Unternehmen, und die Ausführung desselben in technischer Beziehung als ein Problem, zu dessen Lösung die wissenschaftlichen Kräfte allenthalben aufzurufen sind. Es ist möglich, daß die hieran geknüpften Ewartungen zu sanguinisch sind, und daher rathsam, von dem Rechte der Gesellschaft, ein Gesammt-Anlage-Kapital bis auf Höhe von 187 Millionen Frcs. vorzusehen, nichts aufzugeben; indeß eben so möglich ist auch, daß die Erfindung in der Durchbohrung der Gotthard-Alpen Erstaunliches leistet, und die Baurechnung sich erheblich niedriger stellt, als jetzt gedacht wird. Ich frage nochmals, wie steht alsdann die Gotthard Eisenbahn-Gesellschaft der Welt gegenüber, wenn das italienische Project durchdringt, und die Gesellschaft alle Errungenschaften der Wissenschaft Anderen herauszahlen muß, oder wenn unser Plan angenommen wird, und die Gesellschaft verkünden kann, daß | durch die Ersparung am Bau ein erheblicher Beitrag von Obligationen nicht ausgegeben wird.

Mit aller Hochachtung

A Hansemann

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Datierung gemäss Briefkontext.

Kontexte

  • [August 1871 ?]