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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Friedrich Peyer im Hof

AES B6477 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_010

Johann Friedrich Peyer im Hof an Alfred Escher, Lugano, Mittwoch, 8. November 1865

Schlagwörter: Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat TI, Lukmanierbahnprojekt, Regierungsrat TI, Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

HÔTEL DU PARC A. BEHA LUGANO

Mein lieber Freund!

Ich hoffe Du bist bei Erhalt dieser Zeilen von Deinen Magenschmerzen wieder befreit; von mir kann ich Dir dasselbe sagen, immerhin muß ich meine Augen noch schonen und beschränke mich daher in Beantwortung Deines lb. Briefes, der sich mit den Meinigen von Sonntag & Montag gekreuzt hat, auf das Wesentlichste. – Ich habe Dir heute Morgen mitgetheilt, daß sich die Großraths-Kommission bis zum nächsten Montag vertagt, dabei aber die Herrn Battaglini und Maghatti delegirt hat, um allfällige Eröffnungen in der Zwischenzeit entgegenzunehmen. Wenn nun Deine Rückäußerungen auf meine Bfe. von Sonntag & Montag so lauten, daß sie keine Verhandlungen mit der Gesammt-Kommission erheischen, so gedenke ich morgen Abend abzureisen. Die Mehrheit der Kommission ist gut, hier nützt weiteres Bleiben nichts; sie wird ihren Rapport machen, und auf den Großen Rath kann ich nicht einwirken, da müssen unsere Tessinerfreunde sich rühren, was ich ihnen auch bei jeder Gelegenheit vorhalte. – Ich gedenke zunächst nach Schaffhausen zu gehen, wo ich am Samstag eintreffen und Sonntag bleiben würde, um dann am Montag | nach Bern zu kommen. Bei meiner unerwarteten Abreise nach Tessin und in der Voraussetzung, nach etwa 6 Tagen wieder zurück zu sein, habe ich so Manches ungeordnet zurückgelassen, was ich unmöglich in Suspension lassen kann bis zum Schluß der Bundesversammlung.

Was nun die Frage der Nichtigkeits-Erklärung der Konzession Sillar betrifft, so sind es namentlich zwei Gründe, welche für eine solche Maßregel sprechen. Solange diese Konzession besteht, haben Alle, welche in geringerm oder höherm Grade aus derselben und Allem, was darum und daran hängt, Nutzen zu ziehen hoffen, ein Interesse es mit demjenigen zu halten, welcher die ganze Schmiere übernehmen will. – Wir haben diese Uebernahme, und mit Recht, abgelehnt, weshalb die ganze Bande dann sofort unseren Konkurrenten zugefallen ist. Man versichert in dieser Beziehung des Bestimmtesten, daß der edle Cattaneo die Vermittlung zwischen Gennazzini und Hentsch vermittelt habe. Wird nun aber die Konzession als dahingefallen erklärt, so glaube ich kaum, daß auch Hentsch mit 6 Millionen werde bezahlen wollen, was er dann, sofern er im Großen Rath siegen sollte, um höchstens zwei Millionen würde erwerben können, und damit fällt dann auch für die verschiedenen bei Camorra betheiligten das Interesse weg, für den Lukmanier zu stimmen. – Da – wie ich Dir | schon wiederholt bemerkt habe – die Stimmen auf der einen und der andern Seite sich zur Zeit ziemlich nahe stehen, so ist natürlich schon wieder viel gewonnen, wenn wir auf diesem Wege nur eine kleinere Anzahl von Stimmen gewinnen. Dazu kommt, daß nicht nur die Betheiligten, sondern auch ihre Freunde und Anhänger unter dem Einfluße der Commarra stimmen, solange diese aufrecht steht. Diese Freunde und Anhänger wenigstens werden wieder zu einer freieren Stimmgebung gelangen.

Das zweite Motiv betrifft die Stellung des Staatsraths. Dieser hat seinen Bericht wahrheitsgetreu gemacht, in der bestimmten Erwartung, der Bundesrath werde seinen Bericht in vollem Maße dadurch würdigen, daß derselbe mit einem Antrag auf Annullirung an die Bundesbehörden gelangen werde. Nun ist der Staatsrath vom Bundesrath desavouirt und es wird dieß hier im ganzen Kanton gegen den Staatsrath und nicht minder gegen uns ausgebeutet. Es wird dieß auch auf den Großen Rath zurückwirken und unsere Stellung auch dort schwächen, wenn nicht ein Beschluß der BundesVersammlung remendirt. Unsere Gegner sind in vollem Triumphe über die Bundesräthliche Schlußnahme und lassen es an Nichts fehlen, sie möglichst zu verwerthen. Ich glaube, die beiden Momente zusammen lassen allerdings die Annullirung der Konzession Sillar als sehr wünschbar erscheinen und meine bezüglichen Ansichten haben sich in Nichts verändert. Aber allerdings müßte man der Mehrheit in beiden Räthen sicher sein, und wie die Dispositionen jetzt sind, vermag | ich von hier aus selbstverständlich nicht zu ermessen. Ich gelange übrigens je länger je mehr zu der Ueberzeugung, daß es mit der Lukmanier-Konzession gar nicht Ernst ist, sondern daß man damit nur operirt, um das Fortschreiten des Gotthardts auf der wichtigsten Position, d. h. im Kanton Tessin, aufzuhalten. Allein dem sei wie ihm wolle, Ernst oder aus Machination, für uns bleiben die Folgen gleich fatal, wenn wir im hießigen Großen Rath unterliegen sollten. Dieß meine Antwort auf Deine mir in Betreff dieses Verhältnißes gestellte Frage.

Du theilst mir mit, daß Ihr wiederholt darüber berathen habt, was die Bundesversammlung zu Gunsten des Gotthardts thun könnte. Ich muß in dieser Beziehung auch dafür halten, daß wenn eine Mehrheit vorhanden wäre, bereit in dieser Richtung vorzugehen, so sollte sich diese gleiche Mehrheit auch dazu entschließen können, das jetzige Gesetz für die gleiche Sache in förderndem Sinne anzuwenden, und dann überdieß diejenigen Gelegenheiten zu benutzen, welche uns – wie jetzt die Nichtigkeits-Erklärung der Konzession Sillar – durch den Gang der Ereigniße und die Entwicklung der Verhältniße gebothen werden.

In Betreff der Urner Konzeßion habe ich von Deiner Mittheilung dem Herrn Pioda Kenntniß zu geben. Das | von Arnold angeführte Motiv mag richtig sein; aber immerhin bleibt es wünschbar, daß in Uri möglichst bald vorgegangen werde. Zwar wird dieß kaum möglich sein, um damit noch auf den hieß. Großen Rath damit reagiren zu können. – Es ist traurig, aber es ist nun einmal so, diese Tessiner sind der Mehrzahl nach entweder durch Privat-Interessen geleitet, oder aber sie sind wie die Kinder, und schauen nach allen Winden, immer in der Hoffnung, es werde ein Wunder vom Himmel geschehen, statt mit Festigkeit und Selbständigkeit nach dem Ziel zu streben. Wir wollen ihnen nicht zu harte Vorwürfe machen, unsere Vorfahren haben gesäet, was wir jetzt ernten. –

Wie sehr mich Diene weitern Mittheilungen interessirt haben, brauche ich Dir kaum zu sagen. Von Herrn Koller in Florenz habe ich heute auch einige Berichte erhalten, die ich aber nicht wiederholen will, da Du sicher direkte Briefe von ihm hast.

Der Begleiter von Planta wird wohl ein Anerer als Stoppani gewesen sein. Soiel ich weiß ist dieser gestern noch hier gewesen.

Pioda dankt Dir für Deinen Brief. Er und Battaglini lassen sich Dir aufs Beste empfehlen. |

Fornaro hat heute an die Regierung das Ansinnen gestellt, mit ihm über seinen eingereichten Konzeßions Entwurf in Verhandlung zu treten; wie mir Pioda vor der Sitzung mittheilte hatte die Regierung die Absicht, dieß in der früher berichteten Weise abzulehnen. Ich bin hierüber noch ohne Bericht; es wird aber wohl dabei geblieben sein.

Ich sehe nun heute Abend oder morgen Vormittag Deiner telegr. Antwort auf meine Mittheilungen von Montag entgegen und verbleibe wie immer

Der Deine

Peyer im Hof

Lugano, den 8 Octob1 1865.

Kommentareinträge

1Wort nachträglich von Eschers Hand mit Bleistift durchgestrichen mit Notiz: «Novr» .