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Korrespondenz: Alfred Escher – August von Gonzenbach

AES B6339 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_014 (Abzug)

Alfred Escher an August von Gonzenbach, Zürich, Montag, 19. April 1869

Schlagwörter: Bankinstitute, Bundesrat, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnprojekt, Schweizerische Kreditanstalt (SKA), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr!

Erst in später Abend-, um nicht zu sagen Nachtstunde finde ich Zeit, Ihnen auf Ihre beiden verehrl. Schreiben vom 12 & 16 dss. Mon. zu antworten.

Dem Schreiben vom 12. war eine Zuschrift von Hrn. Director Muralt beigelegt. Indem ich dieselbe Ihrem Wunsche gemäß in der Anlage wieder an Sie zurückgelangen lasse, spreche ich die Überzeugung aus, daß Hr. Director Stoll ganz die geeignete Person ist, um in einer Eisenbahnangelegenheit Unterhandlungen mit der Deutschen Finanz zu pflegen. Wegen der materiellen Konnexität zwischen den Unterhandlungen in Deutschland & in Italien wurde Hr. Feer-Herzog, der eigentlich für die Negotiationen in Italien | bestimmt ist, Hrn. Stoll beigegeben. Daß zunächst auf eine Betheiligung der Deutschen & der Italienischen Finanz hingearbeitet wird, hat seinen natürlichen Grund in dem Umstande, daß von Italien & Deutschland der größte Theil der Subventionen für den Gotthard erwartet wird. Ein Verfahren, wie Hr. Director Muralt es anräth, Frankfurt 5, Stuttgart 4, Carlsruhe 3 Millionen je für 24 Stunden anzustellen, würde wohl kaum zum Ziele führen: wenigstens läßt der Erfolg vorläufiger Anregungen, die wir in Frankfurt gemacht, nicht darauf schließen. Ich bin nun stündlich der Berichte von Hrn. Stoll & Feer über das Ergebniß ihrer heute begonnen Verhandlunggen mit der Disconto-Bank in Berlin gewärtig.

Sie schreiben mir in Ihrem Briefe vom | 12. dss. Mon., daß, «wenn die Basler nicht auf 4 Millionen gehen, Ihre Generalversammlung auch eine Reduction eintreten lassen dürfte.» Ich befreue mich, Ihnen mittheilen zu können, daß der sogenannte «jüngere Bankverein» in Basel nunmehr auch mit einer Million dem Consortium beigetreten ist, so daß nunmehr die Basler, wie Sie es wünschen, mit einer Betheiligung von 4 Millionen compariren. Noch kann ich beifügen, daß ich gestern & heute Anstrengungen gemacht habe, um die Basler Handelsbank zu veranlassen, ihre Zeichnung von 1½ auf 2 Millionen zu erhöhen. Mit wie viel Erfolg, muß der morgende Tag lehren, an welchem sich der Verwaltungsrath versammelt, um über diese Angelegenheit zu enscheiden.

Ich gehe nun zu Ihrem verehrl. Schreiben | vom 16 dss. Mon. über.

Die «Formel» für die Tractationen mit den subventionirenden fremden Staaten scheint mir einfach darin zu bestehen, daß die Schweiz mit diesen Staaten einen Vertrag abschließt & sich für die Verpflichtungen, die sie in demselben eingehen muß, durch das Consortium, bez.weise die Gesellschaft für Ausführung der Gotthardbahn den Rücken decken läßt. Das scheint mir dann doch die geeignete Handbietung zu sein, welche der Bund der Alpen bahnunternehmung zu Theil werden lassen kann, daß er zwischen die subventionirenden Staaten & die Gesellschaft tritt & in gleichem Maaße, in welchem er Verpflichtungen gegegenüber diesen Staaten eingeht, hinwieder Berechtigungen gegenüber der Gesellschaft erwirkt. Hr. Bundespräsident Welti, mit welchem ich wiederholt diese Materie durchgesprochen habe, theilt ganz die eben dar| gelegte Anschauungsweise.

Sie wünschen zu wissen, 1.) & 2.) wem die Conzessionen der Cantone Uri, Schwyz, Zug & Tessin für die Gotthard bahn gegenwärtig gehören & ob diese Conzessionen ohne weiters der sich bildenden Actiengesellschaft abgetreten werden sollen?

Die Conzessionen – es bedarf einer solchen auch von Seiten des Cantons Luzern – gehören, soweit sie bereits ausgewirkt sind der Gotthardvereinigung. Wenn die letztere das ihr von dem Consortium zu machende Anerbieten annimmt, so wird sie demselben zu Handen der zu bildenden Gesellschaft die Conzessionen abtreten gegen Ersatz [...?] [erl...?] Baarauslagen.

3.) ob die Gesellschaft den Betrieb der Gotthard bahn bleibend übernehmen solle.

Gewiß, es wäre denn, daß sie es in ihrem Interesse fände, diesen Betrieb ganz oder | theilweise an einen oder mehrere Dritte zu verpachten, worüber selbstverständlich einzig die Gesellschaft zu entscheiden haben soll.

4) & 5.) ob das erforderliche Betriebsmaterial & der nöthige Betriebsfond bei den im Programm enthaltenen Zahlen in Berücksichtigung genommen sei? Allerdings!

Was nun sodann noch eine quasi Schablone für ein Consortiumsreglement anlangt, so bedaure ich, Ihnen mittheilen zu müssen, daß unsere Creditanstalt eine solche nicht besitzt & auch der Natur der Sache nach nicht wohl besitzen kann. Die Verhältnisse bei unserm Consortium sind so eigenthümlicher Art, daß eine Schablone, wie Sie sie im Auge zu haben scheinen, auf dieselben kaum Anwendung finden könnte. Ich glaube übrigens, daß es sich nicht um eine große Zahl von Bestimmungen handeln kann. Es wird | wohl undefähr um diejenigen, die wir letzthin im Bahnzuge mit einander besprachen, zu thun sein. Kann ich Ihnen übrigens bei Ausarbeitung des Entwurfes Dienste leisten, so wollen Sie ohne weiters über mich verfügen.

Wenn Sie mich schließlich noch fragen, ob ich glaube, beim Bundesrathe die nöthige Unterstützung für die Privat- Bau- & Betriebsgegesellschaft zu finden, so stehe ich keinen Augenblick an, die Frage zu bejahen. Ich füge noch hinzu, daß die Antwort, welche die ständige Commission der Gotthardvereinigung künftitigen Donnerstag dem Bunderathe auf seine von der Mittheilung den bekannten Noten begleitete Anfrage zu ertheilen beschließen wird, ein Programm unserer Bestrebungen enthält, von welchem ich eine durchschlagende Wirkung auf die öffentliche Meinung erwarte. Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, Ihnen das Actenstück bald| möglichst mitzutheilen.

Ihr hochachtungsvoll ergebene

Dr A Escher

Zürich 19 April 1869.

Kommentareinträge

Nachträgliche Adresse oben links auf Seite 1 von Eschers Hand mit Bleistift: «Herrn Nat.rath v. Gonzenbach Bern» .