Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B6045 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Montag, 13. Mai 1867

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat LU

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Ich beehre mich Ihnen im Anschluße eine Zuschrift des Hrn. Bürgermeister Stehlin zu übermitteln, worin derselbe von der Unterredung Kenntniß gibt, welche Hr Prof. Gelzer mit Hrn. von Roggenbach über die Gotthardtbahnfrage gepflogen hat. Sie bestätigt die anderweitigen Mittheilungen, daß unsere Sache gegenwärtig nicht besonders günstig steht; indeßen enthält sie meines Erachtens doch auch nichts, das erneute, im geeigneten Momente anzuhebende Verhandlungen als erfolglos| erscheinen läßt. –

Darf ich Sie bitten, den direkten Verkehr mit Hrn. v. Roggenbach namens des Ausschußes wieder aufzunehmen, sofern Sie dieß nach der Anregung des Hrn. Stehlins für geeignet erachten.

Sollten die Verhandlungen mit Hrn. Wetli soweit gediehen sein, daß demnächst eine Besammlung des Ausschußes stattfinden kann, so ersuche ich Sie um gefälligen Bericht. Ich bin diese Woche jederzeit zur Verfügung; dagegen werde ich möglicherweise die folgende Woche wegen des Zusammentrittes unsres neuen Großen Rathes nicht so leicht| abkommen können.

Unsere politischen Verhältniße machen auf mich einen wenig erfreulichen Eindruk. Die Opposition ist sehr stark & wird ohne Zweifel mit äußerster Heftigkeit auftreten. Und Angesichts deßen ist eine Fraktion der freisinnigen Parthei, die ich Ihnen nicht näher zu bezeichnen brauche, kurzsichtig genug in den Reihen der eigenen Parthei zu wüthen & unfruchtbare geistliche Händel anzuheben, welche das Volk aufregen & bei unserm Volke stets eine so gefährliche Waffe der Opposition bilden. Es bedarf nach meiner Ansicht großer Festigkeit & Klugheit, um das Staatsschiff in der nächsten Zeit ohne zu stranden durch die Wogen zu führen. Wenn es ober| wähnter Fraktion gelingen sollte, die neue Regierung in extremem Sinne zu bestellen ( – in welchem Falle ich kaum mehr dabei sein würde oder möchte – ) so würde sie sich schwerlich lange halten können; aber auch im andern Falle wird die Situation schwierig & unangenehm genug werden. –

Genehmigen Sie bei diesem Anlaße die erneute Versicherung ausgezeichnetster Hochachtung von Ihrem

freundschaftlich ergebenen

J. Zingg.

Luzern d. 13 Mai 1867.