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Korrespondenz: Alfred Escher – Maximilian Heinrich von Roeder

AES B6041 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007 (Abzug)

Alfred Escher an Maximilian Heinrich von Roeder, Zürich, Dienstag, 11. Oktober 1870

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Presse (allgemein)

Briefe

Zürich 11 October 1870.

Ewr Excellenz

werden es ohne Zweifel kaum für möglich halten, daß ich bei den gegenwärtigen Zeitläufen in der Gotthardangelegenheit an Sie gelange, & doch bin ich durch ein Schreiben, das mir eben aus Italien zukommt, genöthigt, es zu thun. Es sei mir erlaubt, Ihnen mit gewohnter Offenheit den Sachverhalt darzulegen: Sie werden dann, hochverehrten Gönner & Freund! viel besser, als ich es im Stande wäre, beurtheilen können, ob etwas in Sachen geschehen soll & bejahendenfalls was.

Ingenieur Maraini, der Eigenthümer des einflußreichen Blattes Diritto & Intimus von Minister Correnti, meldet mir, daß die in der Gotthardangelegenheit niedergesetzte Kommission des Italienischen Parlamentes vollzählig in Florenz zusammengetreten sei & Mordini zu ihrem Berichterstatter ernannt habe. Es ist Ewr. Excellenz bekannt, daß Mordini als Minister | der öffentlichen Arbeiten in dem abgetretenen Ministerium den Gesetzesentwurf betreffend Ratification des Gotthardvertrages bei dem Parlamente eingebracht hat. Maraini schreibt mir nun weiter, daß es zwar « möglich » sein werde, die Gutheißung des Vertrages in der Kammer der Abgeordneten zu erwirken, daß dieß aber immerhin mit «großen Schwierigkeiten» verbunden sein werde. Er meldet, von den gegenwärtigen Ministern werde einzig Correnti mit Wärme für den Vertrag auftreten, während die übrigen Mitglieder des Cabinetes denselben zwar vertheidigen dürften, aber zweifelsohne nur mit Zurückhaltung & Kälte. Maraini glaubt nun – & hier spricht er offenbar im Namen von Minister Correnti –, daß, was der Gesandte des Norddeutschen Bundes in Florenz instruirt würde, auch nur den geringsten Schritt («la plus petite demarche») zu Gunsten des Gotthardprojectes gegenüber der Italienischen Regierung zu thun, die Angelegenheit mit viel mehr Schwung (entrain) von dem Ministerium betrieben würde.

Ich enthalte mich aller Betrachtungen darüber, daß Italien um seine Unterstützung des Gotthardprojectes noch besonders | angegangen sein will. Wir wissen ja, mit wem wir es zu thun haben. Ich werde mich auch wohl hüten, mich darüber zu äußern, ob es als thunlich erscheine, eine sachbezügliche Anregung bei Ihrer Regierung zu machen: es muß dieß selbstverständlich der alleinigen Erwägung von Ewr. Excellenz anheimgegeben bleiben. Da es aber nach den directen Mittheilungen Maraini's, welche als indirecte Eröffnungen Correnti's zu qualifiziren sind, in der That den Anschein hat, als ob ein Wort Ihres Gesandten in Florenz zu Gunsten des Gotthardprojectes bei dem dortigen Ministerium Wunder zu wirken im Stande wäre, so hielt ich es für angezeigt, Ewr. Excellenz von der Sachlage Kenntniß zu geben. Das warme Interesse, das Sie für die Verwirklichung der großen Unternehmung, die wir anstreben, zu bethätigen nie müde wurden, bürgt mir dafür daß Sie auch unter den gegenwärtigen Umständen für dieselbe thun werden, was Ihnen zulässig scheint.

Genehmigen Ewr. Excellenz mit diesen Mittheilungen die erneuerte Versicherung aufrichtiger Verehrung von

Ihrem freundschaftlich ergebenen

Dr A Escher

Kommentareinträge

Nachträgliche Adresse oben links auf Seite 1 von Eschers Hand mit Bleistift: «Sr Exc Herrn Gen.lieut. v. Röder | &c &c &c | Bern» .