Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B6016 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

Alexander von Sybel an Alfred Escher, Strassburg, Sonntag, 10. März 1872

Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB)

A S

Strasburg 10 Maerz 1872

Ich hatte die gute Hoffnung, mein verehrtester Herr, Sie in den letzten Wochen persönlich in Zürich oder Luzern begrüßen zu können u bei dieser Gelegenheit die finanzielle Angelegenheit, mit welcher mich Ihr gütiger Brief vom 8ten vMts befaßt hat näher zu ordnen. Leider ist diese Hoffnung im Drange der politischen Geschäfte nicht in Erfüllung gegangen und da ich heute weniger als früher zu bestimmen vermag, ob ich vor April | daran denken darf, in die Schweiz zu gehen, so will ich den heutigen Sonntag dazu benutzen, zunächst Ihnen aufs herzlichste die Hand zu drücken und Ihnen schriftlich meinem telegrafisch kurz angedeuteten Dank zu sagen für die Gesinnung von Ihnen zu mir, die ich in Ihrem Brief in und zwischen den Zeilen in so treuer unveränderter Art wiederfand. Sie haben sich für mich bemüht, sicher zuweilen mit eigener Aufopferung und Selbstverläugnung, und ist denn auch nicht das das Resultat Ihrer Sorgen u Mühen gewesen, was ich mir als das wünschenswerthe, als das selbstverständliche, weil selbsterrun| gene gedacht habe, nämlich eine fernere thätige Mitwirkung an dem größten Unternehmen unserer Zeit, so weiß ich mich Angesichts anderer Aufgaben, die mir hier zu Theil geworden, damit abzufinden, lasse manche Incorrektheit gewissen deutschen Landsleuten auf sich, wenigstens zunächst, beruhen, und nehme von Ihnen um Ihrer so eclatant bewiesenen Gesinnung willen mit herzlichster, unumwundenster Dankbarkeit das an, was mir Ihr Brief überbrachte. Ich bin und bleibe Ihnen verpflichtet und fühle mich Ihnen verbunden, durchdrungen von dem Wunsche daß irgendwo und wann das Leben mich in die Lage setzen möchte durch die That zu beweisen, daß ich das, was eine Sache – | um mich schlecht aber kurz auszudrücken, mir schuldet, zu unterscheiden weiß von dem, was ich einer Person – um mich kurz aber gut auszudrücken, – nämlich Ihnen schulde. Vielleicht ist die Gelegenheit dazu nicht gar so fern; und bleiben Sie deshalb immer eingedenk, daß Sie sich stets rückhaltlos meiner Dienste u Hülfe, soweit meine Kräfte reichen, bedienen können und sollen.

Ich habe nun auf eine geschäftliche Frage eine geschäftliche Antwort zu geben. Sie wissen nicht ob die Summe von 25000 frs mir genügend erscheint? Sie haben sie befürwortet und deshalb sage ich ja. Wäre die Sache verlaufen, wie es sich gehört hätte, so wäre vielleicht mehr | für mich herausgekommen, aber ich fühle mich absolut in der Unmöglichkeit Sie abermals mit finanziellen Wünschen meinerseits zu behelligen und Ihnen damit vielleicht unangenehme Augenblicke zu verursachen. Deßhalb kein Wort weiter darüber. Paßt es Ihnen, so bitte ich fünfzehntausend francs baldthunlichst dem Abr Schaaffhausenschen Bank Verein in Cöln für meine Rechnung zu überweisen über zehntausend Franks würde mir angenehm sein, hier in Strasburg disponiren zu können, quo modo gilt mir | gleich – vielleicht geht es durch die Darmstädter Bank, welche hier eine Agentur in dem Hause Hanser Grebner et Co hat; mit diesem stehe ich in Geschäftsverbindung. – Wünschen Sie von mir irgend welche Quittung oder förmliches Antwortschreiben, so bitte ich mir zu sagen, an welche Addresse das eine oder andere zu richten ist.

Beim Durchlesen Ihres Briefes muß ich doch nochmals hervorheben, daß trotzdem daß ich im Staatsdienste arbeite, ich meine Unabhängigkeit nicht aufzugeben habe; auch die Verleihung eines Titels als kaiserlicher RegierungsRaths ändert daran nichts; ich mache so gut | wie gar keinen Gebrauch davon. Daß ich keinen Urlaub bekommen könnte, wie die deutschen Banquiers angenommen haben ist eine Faselei. Wundern Sie sich deshalb nicht, wenn es über kurz oder lang einmal heißt, daß ich wieder irgend wo anders als in Elsaß Lothringen bin. Noch fesselt auch hier die Schwierigkeit der Situation, die mir ein so interessantes Studium in politischen, staatsrechtlichen wie ökonomischen Dingen bietet, wie ich es mir nie hätte träumen lassen. Die Art u Weise wie der jetzige Chef der OberPräsident von Moeller die Aufgabe erfaßt u durchführt, findet in mir den getreuesten | Partisan u aufrichtigen Verehrer. Lag ich doch aus denselben Motiven mit seinem Vorgänger [Kühlwetter?] zulezt im schneidendsten Konflikte. Es wäre ein Buch darüber zu schreiben, wenn die unendliche Arbeitslast es gestattete. Ich möchte sogar hier eine Zeitung in deutschem Sinne, aber in französischer Sprache hervorrufen. Wissen Sie mir vielleicht einen tüchtigen Redakteur aus der Schweiz namhaft zu machen. 5–6000 frs Gehalt würde ich in Aussicht stellen können. Doch – das ist unbescheiden gefragt. Nehmen Sie es nicht übel, oder besser revangiren Sie sich edelmüthig und sagen Sie mir gelegentlich, ob Sie mit dem Fortgange der Gotthardbahn zufrieden sind.

Leben Sie wohl für heute und seien Sie in unveränderter Herzlichkeit gegrüßt von Ihrem ergebensten

A v Sybel.

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz oben rechts auf Seite 5 von Eschers Hand: «10 März 1872» .