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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B6013 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

Alexander von Sybel an Alfred Escher, Strassburg, Samstag, 14. Oktober 1871

Schlagwörter: Deutscher Reichstag, Gotthardbahnprojekt, Personelle Angelegenheiten

Strasburg 14. October 1871 1

Mein hochverehrtester Herr!

Ich danke Ihnen herzlichst für Ihren Brief vom 1. October, der mir wegen einer Reise an den Niederrhein erst spät zu Handen gekommen ist, und spreche Ihnen zunächst meine große aufrichtige Freude darüber aus, daß Ihnen persönlich gegenüber meine Sorgen u Befürchtungen keinen Grund hatten. Es möge Ihnen daher mein Brief vom 27. vMts nur ein neuer Beweis meiner Anhänglichkeit an Sie sein, wie ich den Ihrigen als ein neues Zeugniß Ihrer unveränderten Gesinnungen gegen mich begrüße.

Sie haben nun die Güte mir die Andeutung der mir zukommenden Entschädigung zu überlassen. Erlauben Sie mir vorher einige wenige Bemerkungen. Ich komme von dem Gedanken nicht fort, daß es mir nicht ganz correkt gewesen zu sein scheint, daß man mich tacite einfach bei Seite gelassen hat, als man die Verhandlungen mit den deutschen Bankiers wieder aufnahm, mit deren Weiterführung ich im vorigen Jahre chargirt war. Ich hatte darauf hin – und dies habe ich früher nicht unerwähnt gelassen, selbst meine aktive Mitwirkung bei der Bildung der Aktiengesellschaft vorsehen müssen und wiederum andere bestimmt, sich in casu quo sic wiederum mit mir zu vereinigen. Auch bei der Bildung der Gesellschaftsvorstände sollte meine Person nicht umgangen werden, was Sie selbst als selbstverständlich zu bezeichnen die Freund| lichkeit hatten. Über alles dies, mein verehrtester Herr, giebt Ihr Brief keine Auskunft. Er liest sich, als ob ich mit der Entschädigung dem Unternehmen valet zu sagen hätte. Hier muß ich immer auch nach dem Grunde fragen, daß ich während des Krieges, wie tausend andere zu einer politischen Thätigkeit in das Elsaß berufen wurde kann doch so wenig als einen Grund gelten, als wenn ich als Landwehrmann einberufen worden wäre. Noch heute bin ich in der That ein solcher mit Dinte u Feder, anstatt mit Pulver u Blei: ich bin nur freiwilliger, nicht [...?]gestellter Beamter. Zwei Zeilen von Ihnen daß die Gotthardbahn nach dem Frieden wiederaufgenommen werden sollte, hätte meine Antwort, daß ich dazu bereit sei, zur Folge gehabt, wie ich dies Oberst Hammer auf seine Frage sofort telegrafirte. Oder habe ich in der Zwischenzeit, ohne daß ich es weiß, der Sache geschadet? Oder sind mir plötzlich die Kräfte versiegt, um ihr ferner dienen zu können? Glauben Sie nur, daß ich wahrlich von jeder Überschätzung meiner Leistungen sehr weit entfernt bin. Was ich für die Sache gethan habe, ist ein kleines gegen das, was Sie geleistet haben. Aber trotzdem beschleicht mich das Gefühl, als ob mir etwas unverdientes, etwas unbilliges zu theil würde, ohne weiteres und ohne irgend eine Veranlassung meinerseits der Sache fremd zu werden, der ich bis dahin meinen Namen, meine Zeit, und manchen Kraftaufwand anscheinend | nicht ohne einigen Erfolg gewidmet hatte, und was mehr ist, im herzlichsten Einverständnisse aller Betheiligten. Sie müssen mir zugeben, daß darin sogar etwas kränkendes gefunden werden könnte. GehRath Bleichröder theilte mir mit, daß auf der Wiesbadener Conferenz auf die Frage nach mir schweizerischer Seits geantwortet worden sei, ich sei aus der Sache. Wenn dies richtig ist, so war diese Antwort doch eine fast unbegreifliche. Herr v Oppenheim in Cöln war nicht minder verwundert glaubte indeß, es sei wohl so ernst nicht gemeint, wie auch H Bleichroeder sich ähnlich äußerte. Ich gebe mich natürlich derselben Hoffnung hin, bitte Sie aber mich darüber zu beruhigen, daß meine Mitwirkung am Unternehmen, welches jezt vor vier Jahren durch meine erste Interpellation im preußischen Landtage wieder unverhofftes Leben erhielt, nicht mit einer bittern Empfindung ohne Gleichen endige.

Sie werden mir ferner auch darin nur beipflichten können, daß die Klarheit über mein heutiges Verhältniß zur Sache auch von Einfluß auf den für meine Entschädigung zutreffenden Maaßstab ist. Die deutsche Gruppe des Finanzconsortiums hat, wenn ich recht unterrichtet bin, ein Drittel der Aktien- u Obligationencapitals übernommen also etwa 30 Mill. frs. Soll ich davon einen Procentsatz fordern? ½ oder ¼tel oder wie viel? Wie viel würde ich verdient haben, wenn ich etwa mit einer Million Thaler sicherer Zeichnungen Mitglied des Consortiums direkt oder indirekt geworden wäre? Wie viel | Provision u Kursdifferenz zwischen Übernahme- u. Emissionspreis verdient das Consortium? Wie viel hiervon hätte ich auf meinen Antheil vindiciren können? Oder soll ich eine runde Summe annehmen, etwa nach dem Muster englischer Parlamentsmitglieder, wenn sie eine große und heikliche Sache durchschleppen? Oder gilt die Erwägung dessen, was es für die Bahninteressenten werth gewesen ist, daß ich in Berlin die ersten moralischen Engagements der Regierung provocirt, daß ich bis zum letzten Augenblicke des votums des Reichstags in mühevollster fieberhaftester Weise gewühlt, daß nur dadurch Italien ect. ect. Bei alle dem werden Sie zugeben, daß ein einseitiges Lösen aller vorhandener Beziehungen erhebliche Verpflichtungen auf Seite des Lösenden erzeugt. Andererseits, sind meine Sorgen auch in dieser Beziehung sachlich grundlos oder übertrieben, wie sie es Gottlob in unsern persönlichen Beziehungen sich erwiesen haben, so würde ich es für richtig halten, daß meine Entschädigung sich einfach nach einer mäßigen Taxe meiner Bemühungen und Versäumnisse berechnen, welche sich auf einige tausend Thlr belaufen würden.

Haben Sie die Güte, darum bitte ich schließlich, mir Ihre Ansicht ebenso offen u vertraulich mitzutheilen, wie ich es hier mit der meinigen gethan habe.

In unverändert freundschaftlichen Gesinnungen Ihr
hochachtungsvoll ergebenster

v Sybel.

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1Nachträgliche Notiz von Eschers Hand: «empf. 15 " "» .