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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B6010 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

Alexander von Sybel an Alfred Escher, Strassburg, Mittwoch, 27. September 1871

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Personelle Angelegenheiten, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Strasburg den 27. Sept 1871.

Sehr geehrter Herr!

Ich hatte mir zuletzt im Juli vorigen Jahres unmittelbar vor dem Ausbruche des Krieges erlaubt, an Sie von Berlin aus zu schreiben. Seitdem habe ich nicht die Freude gehabt, von Ihnen irgend etwas zu erhalten, weder direkt, noch indirekt. Nur vor wenigen Wochen schrieb mir Oberst Hammer, daß man nicht wisse, ob ich noch geneigt sei, mich für die St Gotthard bahn zu interessiren und ob er zwischen Ihnen und mir dies vermitteln solle? Ich telegrafirte ihm nach Berlin eine bejahende Antwort, welche indeß bis jezt auch ohne Consequenzen geblieben ist. Zufällig erfuhr ich durch den GehRath Bleichroeder, daß inzwischen den von mir eingeleiteten und vermittelten Verhandlungen mit den deutschen Financiers weitern Fortgang gegeben worden ist. Ich scheine also von Ihnen als nicht mehr interessirt betrachtet zu werden.

Es wird wohl kaum einer Versicherung bedürfen, daß mir wünschenswerth sein muß, über diese Wendung der Beziehungen zwischen uns einige Aufklärung | zu erhalten. Ich weiß wohl daß sich das Mehr oder Minder in der Innigkeit solcher Beziehungen nicht erzwingen läßt. Wohl aber müssen Sie in Ihrer Ehrenhaftigkeit mir Recht geben, wenn ich ungeachtet der mangelnden Fortsetzung unserer Correspondenz nicht aufgehört habe, vom vollsten und aufrichtigsten Vertrauen zu Ihnen erfüllt zu sein. Sie wußten daß ich berufen wurde der Armee zu folgen und in die oberste Civilverwaltung von Elsaß Lothringen einzutreten. Ich fand es natürlich, daß der Gotthard ruhte und damit auch keine Veranlassung zu irgend welcher Mittheilung vorlag. Eine ganze Zeit war ich auch meinerseits nicht in der Lage, mich um irgend etwas anderes, als die politischen Geschäfte meiner Stellung zu bekümmern. Aber jezt, nachdem der Frieden zurückgekehrt, nachdem Sie Ihre Arbeiten wieder energisch aufgenommen haben, nachdem ich auch Oberst Hammer gegenüber bereit erklärt, ferner mitwirken zu wollen, da hat jene Wendung der | frühern Beziehungen zwischen uns für mich nicht bloß etwas unerklärliches, sondern auch etwas tiefschmerzliches.

Vergebens forschte ich in meiner Erinnerung nach irgend einem Grunde, irgend eine Veranlassung meinerseits. Habe ich etwa der Sache durch irgend einen Schritt geschadet? Ich weiß nur, daß ich hier wiederholt am geeigneten Orte darauf hingewirkt habe, daß das deutsche Reich als Besitzer der elsasslothringer Bahnen das Manco der 20 Millionen zu decken hätte. Habe ich Sie verletzt, unbewußt gekränkt? Ich konnte vor meinem Gewissen u mehr noch vor meiner Begeisterung für das große Werk mir nur sagen, daß dies eine Unmöglichkeit sei. Was ist dazwischen getreten? Ich bitte Sie, bei der Erinnerung an alle Momente, die wir gemeinsam durchlebt haben, sagen Sie mir offen und unverholen, warum bin ich Ihnen entfremdet? was hat Sie von mir ferngeführt?

Ich bitte Sie, schwanken Sie nicht mit der Antwort und – Sie wissen es, welche Gesinnung mich Ihnen gegenüber stets beseelt hat – ehren Sie diese durch eine Mit| theilung, die mich beruhigt, und die es meinem innigsten Wunsche gemäß mir ermöglicht, diese Gesinnung als liebgewordenes und so fest gewurzeltes Eigenthum ferner zu bewahren.

Hochachtungsvollst

Alexander von Sybel