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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B6009 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

Alexander von Sybel an Alfred Escher, Düsseldorf, Donnerstag, 7. Juli 1870

Schlagwörter: Bankinstitute, Bundesrat, Eisenbahnen Finanzierung, Familiäres und Persönliches, Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Düsseldorf den 7. Juli 1870

Mein hochverehrter Herr u Freund!

Gern hätte ich Ihnen erst geschrieben, wenn ich Ihnen wieder positive Resultate meiner Bemühungen zu melden gehabt hätte. Aber meine Correspondenz mit den Banquiers lahmt an den Badeaufthalten Oppenheim's, der Unschlüssigkeit Hansemann's der Unsicherheit Bleichroeder's seit Bismarks Abwesenheit und zu einem guten Theil auch an einem nervösen Unwohlsein, welches mich seit acht Tagen zum Arbeiten unfähig machte – Nachwehen der Berliner Anstrengungen und Aufregungen in den letzten Campagne Monaten, welche sich jezt um so fühlbarer machten, als ich statt der nöthigen Erholung seit meiner Rückkehr mit der Regulirung der weitschichtigen Nachlassenschaft meines Vaters und der Auseinandersetzung der hinterbliebenen Geschwister befaßt bin. Wirthschafts[...?] lösungen auf den Gütern, Verkäufe etc. etc. haben mich müde u matt gesetzt, so daß mir der Doktor absolute Ruhe und Müßiggang verschrieb. Das halte ich nun auch nicht lange aus. Ad rem.

In Darmstadt war ich mit Oberst H. zusammen. Seine Eindrücke, die er aus einer Unterredung mit Delbrück hatte, sind nicht günstig gewesen. Ich sehe nun die Sache etwas anders an. Es ist nur Zeit nöthig, um die etwas widerhaarigen Darmstädter für die Subventionen zu stimmen. Entschiedener Nein, als die Rheinischen Bahnen, kann man nicht sagen u doch haben sie das richtige eingesehen. Die Antworten, die ich erhielt, als ich mit Schleiermacher u Parkus verhandelte, waren lange nicht so gefährlich u. da es an Pressionsmitteln nicht fehlt, so hoffe ich trotz allen D'schen Vonderhandschiebungen das Beste. Ich gehe in einigen Tagen wieder hin u denke dann etwas gründlicher zu arbeiten, nachdem ich das Terrain genügend sondirt habe. Ich schicke diese Notiz voraus, weil in meinem Schriftwechsel mit den Bankhäusern immer die Frage nach den 85 Mill. Subsidien obenansteht. Bleichröder u Hansemann schreiben wörtlich, «daß sie die Mög| lichkeit kaum einzusehen vermöchten, mit praktischem Erfolge jezt schon die Vertheilung u Placirung des Aktiencapitals zu ventiliren u festzusetzen, solange das votum des italienischen Parlaments nicht vorliege, und nicht wenigstens einigermaaßen die Aussichten für die noch fehlenden deutschen sechs Mill. Subsidien sich geklärt hätten». Sie halten das Protocoll vom 8 Maerz, wie es von den Schweizer Interessenten acceptirt ist, auch heute noch in vollem Umfange aufrecht. Sie betrachten sich durchaus für gebunden und als Mitinteressenten. Sie beharren indeß darauf, daß auch bei der heutigen Sachlage wieder nur provisorisches u eventuelles besprochen werden könnte und sind daher der Meinung, daß die von Ihnen proponirte Conferenz zweckmäßiger in einem weiter vorgerücktem Stadium der Subventionsfrage stattfände. Ich habe mich bemüht, den Herren wiederholt auseinander zu setzen, daß die Märzverhandlungen in eine festere Form zu bringen seien, damit Sie dieselben vorlegen könnten, damit dieselben wieder als einen fernern unwiderruflichen Schritt zum Abschluße der Sache constatirt werden möchten, damit daraus wieder eine Förderung anderer nothwendiger Schritte resultire. Mit Herrn v Oppenheim bin ich schließlich dahin übereingekommen, eine neue gemeinsame Verhandlung der Bankhäuser zu formuliren, welche vorlegbar sei, die Verhandlungen von März kurz reproducire und die Bemerkungen zu den Statuten enthalte, endlich die Bereitwilligkeit wiederhole, auf diesen Grundlagen die Bildung der Aktien Gesellschaft mit den Schweizer interessenten sofort zu vollziehen, sobald über die Feststellung des Subventionscapitals kein Zweifel obwalte. Dieses Schriftstück ist von mir entworfen, seit x Tagen abgegangen, aber noch nicht an mich zurückgelangt. Dieses Protocoll signalisirte ich Ihnen telegraphisch, Sie antworteten, es sei Ihnen unverständlich. Ich muß um Verzeihung bitten, daß ich nicht nochmals telegraphirte, war aber der Hoffnung Ihnen die Sache selbst überschicken zu können; was leider bis heute noch nicht der Fall ist. So liegen in Kürze | die Dinge, die in mein Pensum fallen. Sie sehen, daß sie besser liegen könnten, wenn alle Menschen so viel Theilnahme u Interesse hätten, wie wir. Aber schlechter wie vorher liegen sie nicht. Ob die Klippen der hohen Politik welche plötzlich im internationalen Meere des Lebens auftauchen, den Lauf unseres Schiffes hemmen würden, wage ich freilich nicht zu entscheiden. Ich wünsche dringend daß derdurch den Gotthard gereizte und durch die hohenzollerische Kandidatur auf Spanien's Thron zu hellen Flammen entfachte französische Zorn sich vernünftiger Weise beruhigen möge. Die mir persönlich bekannten intimen Beziehungen zwischen dem hiesigen Fürsten (Vater des Kandidaten) u Napoleon waren zwar etwas lockrer geworden. Aber immerhin waren sie so, daß man die Berufung des Prinzen Leopold von Hohenzollern eher als eine Machtbefestigung der Napoleoniden, als der Preußen auffassen dürfte. Auf keinen Fall steckt Bismarksche Politik dahinter. Was in dieser Beziehung gesagt u gedruckt wird, ist Dichtung. Daß Sympathien für Norddeutschland bei [...?] mit unterlaufen, ist dagegen wohl sicher. Spanien hat von uns nicht das mindeste zu fürchten, wohl aber können wir es indirekt schützen, wenn ihm zu Nahe getreten werden sollte. Wir sind in Europa jezt die natürlichen Wächter aller friedfertigen, schwächern und neutralen Staaten, u wenn Thiers meint der alte Deutsche Bund sei eine Garantie des Friedens gewesen als mobs inert gewissermaaßen, so sind wir heute Garanten des Friedens, indem wir Überhebungen u Anmaaßungen gebührend zurückweisen und heimschlagen können. Das weiß jeder deutsche Mann, deshalb lächeln wir einstweilen zu den französischen Exclamationen wir nehmen aber, wenn es sein muß u Grammont es in seiner uns verdrießlichen Stimmung den Krieg will u provocirt, weil die Cortes sich einen Hohenzollern frei wählen, den Krieg an u auf. Dann aber kann Frankreich sicher sein, daß wir ihn bis zum Messer führen, u daß wenn das Kriegsglück auf unserer Seite sein sollte, Frankreich nicht mehr das bleibt, was es heute ist.

Heute ist hier das Gerücht verbreitet, daß der König von Pr. seine Genehmigung zur Annahme der Krone versagen wolle. Ich halte den König für großherzig genug zu einem solchen Entschlusse, um des ihm u uns allen theuern Friedens | willen. Vorläufig halte ich aber diese Nachricht noch für voreilig u. den Ausdruck eines Wunsches, nicht einer Thatsache.

Jedenfalls wird es eine Weile dauern, ehe sich die Wogen beruhigen und in dieser Periode mit Banquiers verhandeln – das scheint mir falsch zu sein. Ich bitte Sie, verehrtester Freund, also noch etwas Geduld zu haben. Von den 25 Mill frs Aktien bleiben mindestens 5 Mill in Deutschland 5 in Italien u 15 zeichnet die Schweiz; niemandem zum Schaden. Finanziell ist wirklich die Aufgabe, die zu lösen, nicht groß u bei gutem Willen in drei Tagen geordnet. Wir haben es ja nicht mit Neulingen zu thun.

Ehe ich schließe, will doch eben kurz erwähnen, daß man in den Statuten vermißt die Bestimmungen über die Befugnisse der Direktion nach Außen zur Vertretung der Gesellschaft; man kann sich mit dem Gedanken nicht befreunden, daß lediglich eine Vollmacht des VRaths diese Befugnisse circumscribiren solle. Sodann hält man, ebenfalls wie ich glaube mit Recht, für nicht richtig, daß die VerwaltungsRathsmitglieder keine Tantieme oder Remuneration erhalten sollen. Eine Aktiengesellschaft darf keine unentgeltlichen Mandate kennen. Unentgeltlichkeit der Dienste u dennoch volle Verantwortlichkeit ist nicht bloß unbillig, sondern ein Widerspruch in sich. Über beides finden Sie in dem Protocolle weiteres angegeben. – Die Botschaft des Bundesraths habe ich erhalten und mit großem Interesse gelesen. Sie ist vortrefflich redigirt. Die Finanzfrage hat sie noch nicht eingehender behandelt. Sie haben es wohl nicht für indicirt erachtet, den neuen Plan zu erwähnen? der Norddeutschen Banquiers wegen?

Leben Sie wohl für heute. Ich muß schließen; ich schreibe mich sonst in Schlaflosigkeit hinein. Entschuldigen Sie meine sehr schlechte Schrift und alles, was an dem Briefe nicht gut ist, mit nachsichtiger Freundschaft. Von Delbrück hatte ich einen sehr treuen festen Brief in unserer Sache. Es gehe Ihnen gut, Alle guten Geister seien in der Ständeversammlung mit Ihnen. Empfehlen Sie mich Hrn Welti u Roeder wenn Sie ihn sehen.

Immer
Ihr

A v Sybel