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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B5895 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

Alexander von Sybel an Alfred Escher, Berlin, Freitag, 27. Mai 1870

Schlagwörter: Bankinstitute, Deutscher Reichstag, Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Presse (allgemein), Splügenbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Berlin den 27 Mai 1870.

Ihr vortrefflicher Brief vom 25. nebst Statuten gelangte heute in meine Hände, mein hochverehrtester Herr u Freund und will ich sofort darauf antworten, daß die Verhandlungen mit Hessen Würtemberg u Baden bereits eingeleitet sind u für Hessen u Baden sich gar nicht ungünstig anlassen. Ich habe vorgeschlagen, die fehlenden 7 Mill. so zu vertheilen. CölnMinden 1 Mill.Hessische Ludwigsbahn 1½ 1 Mill. MainNeckarbahn ½ Mill, Würtemberg 2 Mill. und Baden noch 2 Mill. Dieser Repartitionsmodus schien sich der Zustimmung Delbrücks zu erfreuen, u erfreute sich der Weißhaupts. Morgen früh habe ich noch eine Conferenz mit Delbrück, morgen Abend eine mit Weißhaupt, um wegen der Unterhandlungen mit den Eisenbahnen das nähere | zu überlegen. Ich erkläre mich bereit, wenn Sie wünschen 2, nach Darmstadt u Stuttgart zu gehen u. von Comite wegen die officiellen Schritte zu unterstützen. An beiden Orten habe ich gute u nützliche Verbindungen. Wir wissen hir schon daß die badische Regierung die Kammern außerordentlich einberufen will, wenn es nöthig ist. 3 Sie sehen also, wie sehr recht ich mit meiner frühern Bitte hatte, die Lage in Deutschland trotz der 10 Mill. günstig aufzufassen. Die Verhandlungen im Reichstage giebt die Cölnische Zeitung ziemlich exact wieder, aus den Ihnen außerdem zugehenden stenographischen Berichten werden Sie es authentisch sehen; daß meine Auffassung correkt war. Also Muth, Muth, theuerster Freund und Lärmen in Italien! Drohen Sie dort mit bitterer Feindschaft Deutschlands, wenn man dort nur um eines Haares Breite, id est | nur um 1. Million von den in Aussicht gestellten 45 Mill.4 abgeht. Sagen Sie mir so genau wie möglich, durch welche Posten sich diese 45 Mill. zusammensetzen; 5 u. welche Bewandtniß es mit den Summen hat, welche Frankreich an Italien für den Mont CenisTunnell zu zahlen hat? Man colportirte hier, daß diese letztern Summen jezt nicht der Alpenbahn, sondern dem leeren Staatsseckel zugeführt werden sollen. Ist dies richtig? Daß Sie große Last mit den italienischen Gesellen haben, glaube ich Ihnen gern. Es wird sicher nicht an Bestechungen der Splügisten an unkeuschen Zumuthungen auch Ihnen gegenüber nicht 6 gefehlt haben. – Wollen Sie nicht unsere Reichstagsverhandlungen ins Italienische übersetzen u in Italien verbreiten lassen? Bismark sowohl wie Ihr ergebenster Correspondent haben sehr stark nach Italien herübergeschielt u zwar sehr absichtlich. Wir hofften, daß man in Florenz davon Notiz | nehmen u sich die Worte Berlins, sowohl des Parlaments, wie des Bundeskanzlers gehörig merken würde. Ich gebe Ihnen diese Idee natürlich unter der Voraussetzung, daß das Gesprochene Ihre Billigung gefunden hat.

Morgen um 2 Uhr habe ich Conferenz mit den hiesigen Bankiers. Ich werde proponiren 1. die Bereitwilligkeit zu erklären alsbald die Bildung der Aktiengesellschaft zu vollziehen, wenn auch die 85 Millionen noch nicht vollständig 7 gesichert sind, wenn vorläufig auch nur etwa 80 Mill. gesichert wären. Wir würden stipuliren, daß die 2. Einzahlung auf das Aktienkapitale nicht eher erfolgen darf, bevor nicht die 85 Mill ganz gedeckt seien.

2. Die Darmstädter Bank in das Consortium aufzunehmen (wegen der hessischen Bahn.) 3. In die Berathung der Statuten einzutreten 4. Vom den Schweizer Häusern die Erklärung 8 | zu extrahiren, mit welchen Zeichnungen sie sich beim Aktiencapital betheiligen wollen, 5. die von Ihnen angebotene Conferenz anzunehmen. Bleichröder geht nach Hamburg also, wäre Frankfurt ja sehr geeignet, wenn nicht Darmstadt vielleicht vorzuziehen wäre.

Die Stimmung der DiscontoGesellschaft u Bleichröders ist u bleibt gut. Von den Cölner Häusern hoffe ich dasselbe. Montag früh bin ich in Düsseldorf wieder zu Hause u werde sofort mich mit letztern in Verbindung setzen u deren Beitritt zu den hiesigen Verabredungen herbeiführen. Ihre Briefe bitte ich also nun 9 dorthin zu senden. – Hat Hr v Graffenried Ihnen von 1 Mill. frs Aktien gesprochen, für welche ich hier besonders wichtige Zeichner zu gewinnen hoffe? 10 Denken sie ja daran. Sodann erlaube ich mir meine persönlichen | Wünsche 11 vor Vergessenheit zu schützen. Und endlich will ich Ihnen sagen, daß ich morgen bei Hammer speisen werde, da wollen wir uns dessen Reconvalescenz zuerst, sodann unserer so mühsam hier gewonnenen Resultate – obschon sie nur Vorbereitungen neuer Arbeiten sind, erfreuen und schließlich ein Glas auf Ihr u Welti's Wohl trinken. Welti schrieb einen Brief, der an Hammer gerichtet war, von diesem aber in den spannenden Sorgen der Tage oder vielmehr in der sorgenvollen Spannung mir mitgetheilt wurde. Welti fing in verzweiflungsvollen Worten über die 10 Mill. an, u. schrieb sich dann wieder aus dieser traurigen Anschauung heraus. Der vortreffliche Mann soll seine Lebensaufgabe, welche die Durchführung der Gotthardbahn für ihn ist, wahrlich nicht durch deutsche u preußische Schuld scheitern | sehen. Wir hier verlassen Sie und ihn nicht, darauf können Sie sich verlassen. Bleiben Sie nur den Italienern gegenüber in der Schlachtreihe, wir decken Ihnen den Rücken und die Flanken. Pereant, qui contra nos et rem nostram!

Leben Sie wohl. Ich sehne mich danach, Ihnen die Hand zu drücken. Werde ich dazu kommen mit Ihnen in diesem Sommer Schweizer Bergluft zu athmen? Ich würde glücklich sein, wenn es möglich werden könnte.

Von Herzen
Ihr

Sybel

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