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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B5888 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007 (Abzug)

Alfred Escher an Alexander von Sybel, Zürich, Sonntag, 22. Mai 1870

Schlagwörter: Deutscher Reichstag, Gotthardbahnprojekt, Kommissionen (eidgenössische), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Zürich 22 Mai 1870.

Hochverehrter Herr!

Ihre beiden geschätzten Zuschriften/ vom 16 & 17 dss. Mon. bestens verdankend habe ich, wie sehr ich auch die – wir wollen hoffen – bloß einstweilige Reduction der Subvention des Norddeutschen Bundes auf 10 Millionen Frkn. um der Rückwirkung auf Italien willen beklagte, gleichwol bonne mine à mauvais jeu gemacht & beruhigende Telegramme nach Florenz Genua & Mailand fliegen lassen. Mit solchem ist es aber selbstredend nicht gethan & es verdient die Frage, was geschehen müsse, um die Bedingung der Beibringung von 20 Mill. deutschen Subventionen zur Erfüllung zu bringen & zwar möglichst bald zur Erfüllung zu bringen, | die ernsteste Erwägung. Um zu diesem Ziele zu gelangen, hat man, wie mir scheint, nur zwischen zwei Wegen zu wählen, der eine könnte darin bestehen, daß der Reichstag die beantragte Subvention erhöhte. Aber abgesehen davon, daß die Parlamente in den Geldbewilligungen selten weiter gehen, als die Regierungen es verlangen, würde wohl kaum ein auf 17 Millionen lautendes Votum in Aussicht genommen werden dürfen & so müßte doch noch der zweite Weg betreten werden der in einer möglichst [...ischen?] & raschen Einwirkung auf Baden-Württemberg, HessenDarmstadt, die MainNeckar Bahn, die hessische Ludwigsbahn & die Pfälzische Bahn, sowie auf Belgien & Holland zum Zwecke der Erhältlichmachung der Subvention von 20 Millionen bestehen. Eine solche Einwirkung kann aber mit | Aussicht auf Erfolg nur durch den Norddeutschen Bund geschehen & deshalb scheint es mir, daß, wie die Dinge heute liegen, alle Anstrengungen gemacht werden müssen, um die Regierung des Norddeutschen Bundes dazu zu vermögen, die Initiative zur Beibringung des noch fehlenden Theiles der deutschen Subvention von 20 Mill. Franken ohne Verzug & in kräftigster Weise zu ergreifen. Wenn dann gleichzeitig, wie Sie es zu beabsichtigen scheinen, im Reichstage ein Amendement gestellt & angenommen wird, welches durchblicken läßt, daß der Norddeutsche Bund hinsichtlich der Höhe der Subvention noch nicht das letzte Wort gesprochen habe &, wie er andere Staaten unter die Schraube nehme, dieselbe auch an sich [...?] zu lassen keinen Anstand nehme, [...?] damit geschehen sein, was sich unter den obwaltenden Umständen zum | Zwecke der Completirung der deutschen Subventionen thun läßt. So sehen wir die Dinge in der Schweiz an: in Berlin, wo man den Sachen & den Personen viel näher steht, kann man natürlich in Folge dessen ein um so sichereres Urtheil fällen.

Mein Statutenentwurf, den eine erste Berathung der bundesräthlichen Commission & das Votum des Ausschusses unsers Consortium's passirt hat, ist letzten Freitag von der bundesräthlichen Commission zum zweiten Male berathen worden. Es wurden verschiedene Abänderungen gewünscht, über die ich noch mit der Commission, bez.weise mit dem Ausschusse des Consortium's conferiren sollte. Halten Sie die Übermittlung des Entwurfes nach Berlin für dringlich, so ersuche ich Sie, mich nach Empfang dieses Briefes telegraphisch hievon benachrichtigen zu wollen. Ich würde Ihnen dann den | Entwurf sofort zusenden & mir vorbehalten, Sie nachträglich von den Verhandlungen in Kenntniß zu setzen, welche hinsichtlich der von dem Bundesrathe beanstandeten Puncte nunmehr noch zu pflegen sind. Im andern Falle würde ich diese Verhandlungen vor sich gehen lassen & Ihnen erst nachher den Entwurf übermitteln. Dieß würde dann aber kaum vor Ende der heute beginnenden Woche geschehen können.

In Paris wird mir gemeldet, daß dort sehr viel gethan werde, um den Glauben hervorzurufen, daß der Splügen Aussicht habe ausgeführt zu werden, & um dadurch die Verwirklichung des Gotthardprojectes zu hintertreiben. Die bei der Splügenbahn betheiligten Gegenden der Schweiz fangen jetzt auch an, Subventionen für diese Bahn zu votiren. So schlagen die von berathenden Behörden Graubündten's | eine Subvention von 5 Mill. Frkn. dem Volke vor. All dieß wirkt natürlich verwirrend auf die Stimmung in Italien & wenn dann noch eine restrictive Haltung Norddeutschland's hinzukommt, so muß man mit Besorgniß der weitern Entwicklung der Dinge entgegensehen.

Nach den Berichten, die ich heute aus Mailand erhalten habe, wäre anzunehmen, daß die ganz außerordentlichen Anstrengungen, die wir in dieser Schicksalsstadt für die Alpenbahnfrage gemacht haben, ein günstiges Votum des Provinzial- & des Municipalrathes in Aussicht zu nehmen gestatten würden.

Ich muß schließen, um die Post nicht zu verfehlen & verbleibe

von Herzen der Ihrige

Dr A Escher

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz oben links von Eschers Hand mit Bleistift: «Herrn von Sybel, | Abgeordneter [...?] | Berlin