Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B5885 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

Alexander von Sybel an Alfred Escher, Berlin, Dienstag, 17. Mai 1870

Schlagwörter: Deutscher Reichstag, Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Splügenbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Berlin 17 Mai 70.

Heute abermals einige Zeilen, mein verehrtester Herr u Freund, zugliech als Antwort auf Ihre so eben erhaltenen – von vorgestern. Zunächst bestätige ich Ihnen, daß D.'s Überlegung in der That die ist, 1. den Splügisten u Franzosen die Überzeugung beizubringen, daß Norddeutschland ernsthaft will.

2. Wenn Cöln, Minden seine Million votirt, woran Weisshaupt nicht zweifelt, alsdann statt 10, 11 Millionen bereit sind.

3. Auf Hessen u Baden wegen MainNeckar Ludwigs u badische Bahnen eine sehr starke Pression auszuüben u zugleich in Belgien u Holland den Versuch zu machen, 2 Millionen zu erhalten. |

4. Für Norddeutschland sofort nach dem Votum des Reichstags dem Vertrage beizutreten und dadurch dessen Existenz noch mehr zu sichern, so daß eine Verwerfung durch das italienische Parlament schwieriger und eine etwaige nochmalige Fristerstreckung leichter wird.

5. Die Bildung der Aktiengesellschaft soll darum nicht verzögert werden, über welchen Punkt ich heute noch mit Hansemann u Bleichroeder unterhandeln werde. (werde es wenigstens versuchen).

Sie sehen also, daß die Sachen nicht ganz so schlimm liegen, wie Sie u ich gefürchtet haben. Heute nehme | ich an, wir haben einen großen Schritt vorwärts gethan, den ich freilich gern noch größer u einfacher gewünscht hätte. Aber – seien wir zufrieden u arbeiten wir weiter.

Mit Hammer habe ich überlegt ein kleines Amendement zu machen durch welches angedeutet wird, daß 10 Mill noch nicht das letzte Wort in der Sache sein wird.

Ich bitte u beschwöre Sie, von der Schweiz aus zunächst hell in die Posaune zu stoßen. Die Cölner Zeitung giebt gestern in einer Berliner Depesche schon das Zeichen dazu. Unsere Gegner müssen | dadurch stutzig werden, daß Norddeutschland um seiner Ehre u seines préstige willen eine von ihm soweit geförderte Sache nicht sitzen lassen kann. Bismark ist noch nicht todt und Delbrücks Zugeknöpftheit nicht ganz niederdrückend.

Viel Zeit zum Schreiben habe ich heute nicht. Ihren Brief an mich werde ich mit Ihrer Erlaubniß umstylisiren und zur geeigneten Zeit vervielfältigen lassen. Er ist ein klein wenig zu schwarz geschrieben.

Immer Ihr

Sybel