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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B5884 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

Alexander von Sybel an Alfred Escher, Berlin, Montag, 16. Mai 1870

Schlagwörter: Deutscher Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Berlin den 16. Mai 1870

Sie haben, hochverehrtester Herr u Freund, meine Depesche von Samstag erhalten, u daraus entnommen, daß der preußische Ministerrath die Einbringung der Gotthardvorlage in den Bundes Rath beschloß. Diese ist denselben Tag (Freitag Abend) erfolgt. Durch einen Zufall bekam ich die Notiz erst Samstag früh. Ich erfuhr nicht, daß der Antrag Delbrücks 12 Mill. zu votiren, im Conseil nicht angenommen, sondern auf 10 Mill. herabgesetzt wurde. In wie weit dies vorbereitet war, vermag ich bei der Zugeknöpftheit D's nicht herauszubringen. Weisßhaupt war ebenso überrascht als ich, was Sie glauben werden, wenn Sie erwägen, daß die officiellen Blätter noch Mittwoch die Summen von 12 Mill in die Welt posaunt hatten. Ich konnte heute nur Camphausen sprechen dem ich meine großen Bedenken nicht verhehlte. | Wo sollen die andern 10 Mill. herkommen, um Deutschlands Betheiligung voll zu halten? War meine erste Frage. C. meinte, Baden müsse 6 Mill., Hessen Darmstadt wegen der Ludwigsbahn 2 Mill, Würtemberg noch zwei Mill., das wären die 10. «Richtig gerechnet. Aber welche neuen Schwierigkeiten, welche neuen Weitläufigkeiten! Es steht einfach alles in Frage, was bisher geschehen ist. Will man das?» C. meinte, «das sei nicht die Absicht, im Gegentheil, 10 Mill von Deutschland sei nichts weniger als ein feindseliger Akt es sei eine sehr positive Unterstützung, welche nicht den Sinn haben könne die Berner Basis des Unternehmens zu alteriren. Es müsse jezt auf die andern gewirkt werden.» Ich erlaubte mir die Frage, wie? | Das müsse man eben sehen. – Ich meinte ferner daß es absolut nothwendig sei, um nicht in Italien alles ins Wanken zu bringen und unsere Verhandlungen mit den Bankiers völlig in die Luft zu heben, daß die Beschränkung der Subsidie von 12 auf 10 Mill lediglich als PressionsAkt auf diejenigen Elemente aufzufassen sei, welche noch nicht sich definitiv über ihren Beitrag erklärt hätten und auf welche man billigerweise rechnen müsse, um die 12 Mill. zu erfüllen, es sei dies die hessische Ludwigsbahn u die MainNeckarbahn, die man um der Verbindung mit Norddeutschland willen, in die Subsidianten Norddeutschlands einzurechnen habe. C. meinte, daß er dagegen Nichts haben könne. So schieden wir. Mercier wollte heute | Delbrück sprechen; er sowohl wie Launay sind beide düpirt u überrascht. Ich bat Mercier, sofort zu Launay zu fahren u. ihm ebenfalls die Idee beizubringen, daß wenn der Norddeutsche Bund jezt 12 Mill. proponirt hätte, es unmöglich geworden sei, die rückständigen Contribuenten heranzuziehen. Man habe aber nicht länger zögern wollen, um den Beweis zu geben daß man ernsthaft in die Sache eintrete. Ich bat M. ferner in demselben Sinne sich officiell zu äußern, weil ich in der That kein anderes Mittel weiß, um den schlechten Eindruck des Antrags zu verwischen und die Hände frei zu behalten, zu weiterer Arbeit.

Morgen mehr. In größter Eile

Ihr

v Sybel.